Weiss, aufgeklärt, satt – reicht nicht

Die schrecklichen Tage in den USA brechen viele Gedankenfestungen auf. Schrecklich nicht nur, weil sich der Verbrecher Trump nicht vom Acker macht und machen wird, auch wenn er aus dem Weißen Haus rausgeht, schrecklich auch, weil sich die Wirklichkeit ohne die Ablenkung durch Trump unter Biden deutlicher zeigen wird; sowie erst Merkels Abgang die europäische Wirklichkeit deutlicher machen wird und man sagt:  o bliebe sie doch, bis wir eine neue Brille haben. Schrecklich…das ist das, was ich mit der RÜCKKEHR ZUR NORMALITÄT im letzten Blog beschrieben habe. Das bedeutet natürlich nur, dass die Normalität früher auch keine war. Und wir uns nur dann nach einer Rückkehr  sehnen, wenn wir die frühere Normalität verkennen.

Ich halte es mir nicht zu Gute, dass ich schon lange daran zweifle und es auch gesagt habe, dass die Dekolonisierung, selbst das Ende des Kalten Kriegs nur einen Sektor der Wirklichkeit betreffen und keineswegs das Ende der Geschichte bedeuten, dass die neue Normalität so abnorm ist, wenn nicht ärger als die alte. (Ich belobige mich schon deshalb nicht, weil ich natürlich mit dieser Sicht nie allein war, aber es ist kein schlechtes Gefühl, sich nicht getäuscht zu haben). Vor allem darin:

Wir haben heute – nach den scheinbar positiven Marksteinen der weltweiten liberalen Demokratie – mehr Diktatoren in wichtigen und großen Staaten, neben Russland und China, die nie Demokratien waren: Indien hat einen Nationalisten zum Chef, der sich die deutschen Faschisten zum Vorbild nimmt, Brasilien hat einen rechtsradikalen Diktator, die Türkei hat einen solchen, und so kann man eine absteigende Linie über viele Staaten bis hin zu EU-Rändern (Ungarn, Polen, Malta etc.) und direkten Nachbarn ziehen.

Warum ist die liberale Demokratie im Kapitalismus nicht die alternative Endstufe einer Entwicklung nach dem Kalten Krieg und 1989? Pankaj Mishra[1] erklärt das zutreffend u.a. damit, dass wir schwerklären können, warum China sich zum gegnerischen Schwergewicht entwickeln konnte, warum die größte Demokratie der Welt, Indien, heute ein rechtsnationales Regime erfährt – ich ergänze die Liste: für Bolsonaro, Duterte, Orban und viele andere gibt es wenig andere Erklärungen als für Trumps Resilienz. Eine Erklärung gibt Mishra mit Tony Judt (der war ein persönlicher Freund von mir, von dem hab ich da einiges früh gelernt): die Nachkriegs-Ökonomie verführte die weiße Mittelschicht, den großen Diktaturen eine ähnliche liberale Demokratie vorauszusagen, in der sie sich wohlständig wälzen konnten, von der Entkolonisierung eben nicht so betroffenen wie die, die sie ausgefochten hatten. Verkürzt geht das Argument dahin, dass die Dekolonisierung im Kalten Krieg keine Freiheit, sondern neue ökonomische Abhängigkeit und eben keine liberale Demokratie gebracht hatte, und noch dazu nicht-weiß war, was wir, auch in der 68er Linken, als weniger wichtig empfanden als die anti-imperialistische Klassentheorie (das sage ich, nicht Mishra). Nun zählt aber der Mishra die Stimmen von vielen Intellektuellen namentlich auf, die das nicht erlangte Stadium der Befreiung erklären, sozusagen eine Afro-Asiatische globale Herrschaftstheorie, die diesen Zustand der Entrechtlichung und Erfolglosigkeit erklärt, ohne ins chinesische Fahrwasser zu geraten (Russland  ist dahingehend eher der weiße Westen). Mishra denkt nicht nur an sich selbst, wenn er verlangt, dass wir nicht nur in der Endlosschleife unsere Leitbilder, zB. Marx, Gramsci, Adorno, Benjamin, Arendt (die zählt er auch wirklich auf!) zur Erklärung heranziehen, sondern die intellektuellen Stimmen der nichtweißen Welt – die nicht schon deshalb Recht haben – ernstnehmen, um die reale Inferiorität von der deren Gesellschaften überhaupt als REAL wahrzunehmen (tun wir das nicht?, ja, vielfach, aber eher ästhetisch, moralisch, kulturell, nicht aber, was Macht und Überleben und den nicht weißen Anteil der Gewalt betrifft…). Trivial, was? Warum aber hat BLACK LIVES MATTER etwas, das da war, wie eine verkrustete Narbe wieder aufgerissen?

Diktaturen, und dazu zählen die USA auch bald, verarbeiten die Praxis der Zivilgesellschaft in die „Lesbarkeit“ durch den Staat, wie Mattingly (siehe unten) Chinas politische Praktiken erklärt, sich dabei auf James Scott beziehend (gut, dass ich den auch einmal gekannt habe, ein starker Kämpfer gegen die Staatsidolatrie). Die Lesbarkeit beherrscht Trump wie wenige. und er regiert keine Minderheit.

Ich weiß nicht, wie an diesem Strang weiterdiskutieren, wenn wir nicht auch unsere ZU RECHT verankerten Intellektuellen Leitbilder, u.a. die obigen, einmal aus dem Blickwinkel betrachten, dass sie NUR FÜR UNS das Richtige gesagt haben….

Jedenfalls ist mir das näher als die post-koloniale Selbstbezogenheit der unmöglichen Buße für vergangenes Unrecht, meist symbolisch, und nicht politisch.

Das ist eine offene Flanke des rationalen, liberalen, westlichen Kapitalismus. Aber noch ist nicht erklärt, warum China und Russland, Indien und Brasilien und die anderen „Großen“ nicht den gleichen Weg in den selbstzufriedenen ungerechten, aber sozial erträglichen Spätkapitalismus gegangen sind…die andern Großen sind jedenfalls alle nicht in unserer Tradition.

Die Argumentation ist gefährlich, weil und wenn sie dazu führt, dass der Aufklärung – bitte: unserer Aufklärung – der Universalismus abgesprochen wird und wir im Ethnopluralismus landen. Der wiederum unmöglich global ausgedeutet werden kann. Bleiben wir bei Black lives amtter…von dort kann man ganz schön weit kommen.

P.S. Es kommt noch einmal ausführlich dran: China. Die obige Frage war ja nicht banal, wie man den Aufstieg Chinas nach 1949 a) erklärte und b) interpretierte. Aber ein Voregschmack unserer Diskussion ist schon hier: Ian Johnson „How Did China Beat Ist Covid Crisis“[2]. In dieser Rezensionwird versucht zu erklären, wie die politische Kontrolle tatsächlich funktioniert (Daniel Mattingly: The Art of Political Contriol in China“ und Fang Fang „Wuhan Diary“). Die Prognose ist, dass die existierende unterdrückten Stimmen bzw. Politiken aus den kommenden Krisen auftauchen – kein Wort davon, dass sie westlich sein werden.


[1] Pankaj Mishra: Grand Illusions, NYRB 19.11.2020, 31f.

[2] NYRB 5.11.2020, S.47ff.

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