W 1(-s)8N kommt, so oder so

Greane Felder greane Wiesn

Ebenseer Krippenlied. Jetzt ist es im Winter auch grün.

Grad frage ich mich ob ich einen virtuellen Weihnachtsmarkt erdenken und dann besuchen soll, da lese ich im ORF Pressespiegel:

Karmelitinnen übernehmen Steyler-Hostienbäckerei

Die Karmelitinnen in Maria Jeutendorf (Niederösterreich) werden laut der Kirchenzeitung „Kirche bunt“ die Agenden der Steyler Missionare in Mödling übernehmen, die ihre Hostienbäckerei mit Ende 2020 aus wirtschaftlichen Gründen einstellen. Die Ordensfrauen seien gegen Produkte „made in China“, hieß es heute in einem Bericht.

Mehr dazu in religion.ORF.at 4.12.2020

Na, Gott sei Dank. Endlich ins richtige Leben gegriffen; nur keine chinesischen Hostien,  die schmecken dann wie  Glückskekse und man kommt auf dumme Gedanken. Ich habe an der Uni Osnabrück einmal Schwierigkeiten mit Kollegen der katholischen Theologie bekommen, weil ich für die Einrichtung einer päpstlichen Hostienbäckerei und eine Weihwasser-versuchsanstalt anstatt für wissenschaftliche Lehrämter in der Uni-Exklave Vechta eingetreten bin.

Die Kirchen sind hoffnungsfroh: Menschen, die sonst nichts zu tun haben, suchen plötzlich Trost und Gemeinschaft in (ihren) Gemeinden oder bei Seelsorgern, und manche Kirche hofft, den Schwund an Gläubigen coronabedingt bremsen zu können, auch wenn man nicht beim Singen ins Gebetbuch des Nachbarn husten darf und auch von der Hostie nicht abbeißen lassen soll.

Es ist erstaunlich, was jetzt, Anfang Dezember, die Menschen umtreibt. Wie denn Weihnachten wird, wie es werden soll, wie man mit dem leichten Lockdown umgeht,  ob man ihn verschärfen soll oder einfach ignorieren, Hauptsache, alle sind zusammen.

Damit ihr lieben BlogleserInnen euch nicht täuscht:  wie alle andern bedenke auch ich das alles und viele in meiner Umgebung tun das.  Aber was mich auf die Palme treibt, ist die Thematisierung des Weihnachtsverhaltens in diesem Jahr, seine Ver-Öffentlichung (dazu hatte am Weihnachtsmarkt und Glühweinstand weniger Gelegenheit). Und der Satz einer geistlichen Person, dass es ja im nächsten Jahr wieder so wird wie es vor einem Jahr und früher war. Dahinter steht die nackte Angst und die Ahnung, dass es im nächsten Jahr und danach nie mehr so sein wird wie früher.

Eine kleine These: die meisten wollen es gar nicht so genau wissen, wie die Schlingfallen des Heiligen Abends, der Zeit davor und der Feiertage danach wirklich gelegt und sich um uns zusammengezogen haben. Im Lügendetektor wird die Frage, worum es am 24. Dezember wirklich geht, zu einer gezackten Linie.

Trotzdem  kann es in vielen Fällen einfach schön, würdig, lustig, familiär, vertraut oder festlich gewesen sein. (Oder es war schrecklich, langweilig, streitvoll, unbehaglich…egal?). Und man muss nicht alles analysieren…richtig. Warum dann aber auf allen Kanälen und in vielen Druckwerken immer die Fragen, wie sich der lockere Lockdown nach dem 22.12. auswirken wird, auf die Familienfeiern, auf die Komposition der Geschenke, auf Gespräche und Lieder und Spiele und das Essen.

Eine weitere kleine These: weil Weihnachten, Chanukka, Jul (auch Muslime feiern Weihnachten…) eben kein religiös übermäßig ausgestaltetes Fest ist, sondern eher Anlass zur kulturellen Identifikation, also eine Art „Vergesellschaftung einer höchst privaten Angelegenheit“, gewinnt es in Krisenzeiten eine solche Bedeutung (Kriegsweihnacht, Hungerweihnacht, …); das bedeutet nämlich, dass man von der schönen Weihnachtsgeschichte, der Geburt des Kindes, den Legenden drumherum  nicht wirklich auf seinen Glauben und die Folgen für das irdische, gar jenseitige Leben getestet wird.

Blasphemisch ist allenfalls das kommerzielle Hypermodell Weihnachten (ab September eingestielt, und jetzt zur Blüte auflaufend); aber da zahlt ja die Regierung tüchtig in die Umsatzreduktionen hinein.

Was ich aber durchaus nachvollziehen kann: anhand von Weihnachten sich aus dieser Form gesellschaftlicher Gleichschaltung, an der die Kirchen auch einen Anteil haben, herauszuhalten, herauszuziehen.

Ein Einschub: Habt ihr einmal die Weihnachtsgeschichte von Saramago: Das Evangelium nach Jesus Christus (1991) gelesen? Keine Kirchengeschichte, aber eine, die zeigt, was aus der Geburtslegende alles werden kann.

Also: In diesem Jahr wird die angeblich familienfreundliche Lockerung der Corona-Restriktionen zu einem Anstieg der Erkrankungen und wahrscheinlich der Todesfälle führen (wenn ich mich irre, dann wunderbar!). Warum nicht vor dem 22.12. anfangen, sich um die Einsamkeit anderer zu kümmern, Kommunikation  ohne Anfassen auszuüben, auch mit Familienmitgliedern und Freunden….Warum nicht für die etwas mehr spenden,  die jetzt alles verlieren (also mehr als ihren Glauben und die Hoffnung auf ein Wunder)….Warum nicht die erste These ernst nehmen und einmal darüber nachzudenken, was Weihnachten uns als Kindern bedeutet hatte, bevor wir es unseren Kindern antun…

?

Wenn man daran denkt, merkt man, wie viel oder wie wenig sich in den letzten Jahrzehnten geändert hat. Ist das nun gut oder schlecht?

Ein zweiter Einschub: aus mehreren persönlichen Gründen hat mich Bodo Kirchhoffs „Weihnachtsfrau“ (1997) sehr eingenommen, immer wieder beschäftigt. Egal, wie erfahrungshaltig sie ist, egal, wieviel nachgetragene Vorstellungskraft in ihr ist: ohne den Rahmen von Weihnachten wären die Berichte von Sex und sozialer Ungleichheit und Moral nicht weiter interessant: wir wissen es ja…

Als ich den Titel „Weihnachtsfrau“ im Internet aufrief, schauten mich seitenweise Angebote zur weihnachtlichen Prostitution an. Das war eine Überraschung.

Nicht überraschend ist freilich, dass das Problem gespalten bleibt: Man, ich, möchte niemanden seine oder ihre Vorstellung von Weihnachten nehmen, hier „endet“ sozusagen die Gesellschaft; diese aber schiebt sich unerbittlich zwischen die einzelnen Menschen, in die Familien, in die Diskurse um Weihnacht, Ochs und Esel, um Bethlehem und den etwas vernachlässigten Papa Josef. Religion mischt sich hier meines Erachtens oft ungebührlich ein. Damit meine ich nicht die Messen und Gebete und Lieder der Gläubigen, sondern die Vorstellung, mit dem Weihnachtsaufruf könne man Krieg und Katastrophen für ein paar Stunden bannen.

                                                                       !

Weihnachten wird nach Corona für viele Jahre nicht mehr sein, was es davor war, und viel, viel später erst recht nicht. Vielleicht behält man die Krippe bei, und diskutiert die Bedeutung, die sie dann haben wird. Oder freut sich an Hirtenliedern,  die auch dann Freude auslösen, wenn man die Zukunft Jesu einmal nicht mitbedenkt.

2 Gedanken zu “W 1(-s)8N kommt, so oder so

  1. Lieber Dax,
    Ich habe „nachgearbeitet“ — all deine Dezemberschreibe!
    Weiß jetzt, was du mit T+C meinst und möchte gerne ein „B“ für Bildung hinzufügen. T-B-C?! Im Zusammenspiel tödlich! Ich finde die derzeitige „teutsche Dummheit“ ziemlich unerträglich!
    Beim Lesen der Blocbeiträge finde ich zu hauf aufregend Fremdes, Hinweise auf Quellen und Materialien, die mich noch weiter in unbekannte und nicht immer leicht verdauliche Welten führen. Letztendlich nach den Ausflügen in die Hintergründe, in die du deine LeserInnen verführst, bin ich „fragezeichenvoll“ und fühle mich gleichzeitig angesprochen und inspiriert, deine Inhalte in meine Lebenswelt zu übersetzen.
    Warum gibt’s keine „Omas gegen Rechts“ bei uns, wo ich mich doch als „Alte gegen Rechts“ fühle? Ein Problem des ländlichen Raums zudem im fascho-affinen Dithmarschen?
    Haben wir doch einst unsere Eltern gelöchert, befragt, was sie mit dem NS zu tun, respektive dagegen unternommen hätten… — und ich heute? Reicht ein klarer Kopf ohne Taten? C lenkt ab!?
    Begeistert bin ich von deinem Weihnachts-Lügendetektor-Bild!
    Gratulation! Mit einem Satz ist von dir alles gesagt.
    Da ich lebenslang schon „gottlos“, weitgehend — zumindest bis 2003 — „familienlos“ und dazuhin auch kinderlos bin, blieb ich lebenslang fern vom X-mas-Gewühl. Habe die ganzen Jahre die Ruhe der Tage mit Eigenem — Lesen, Schreiben, Zeichnen — genossen. In sofern für mich keine subversive Turnübung in diesem Covid-19-Jahr…
    Wie jedes Jahr eine Spende für Christoffel/Graustar-Ops in Afrika, dazuhin zwei Brunnen im Togo und NEU: Genießen und Fördern von alternativen Kulturpräsentationen im Internet.
    Sehr gerne habe ich z. B. die „Wohnzimmerlesung“ von Sasa Stanisic auf YouTube angesehen und unterstützt.
    Den 24.ff. lebe ich wie immer als „Alltag“, was sich angesichts der Turbulenzen im Umfeld und medialen Überfrachtung jährlich nicht ganz konfliktfrei gestaltet. Aber o.k.! Gerne schreibe ich dann in der Ruhe von außen Briefe, lese oder schlafe. Kann ich mir ohne Außendruck leisten! Prima!
    So, jetzt habe ich noch eine Frage:
    Schreibst du deine Blocs immer nachts oder überschläfst du sie jeweils? Du setzt sie stets um +/-7 Uhr rein?
    Ich lese prinzipiell meine Schreibe vor dem Abschicken nicht mehr durch, das verwässert! Deshalb verzeih bitte orthographische und andere Unebenheiten. Danke.
    Mit einer historischen und geistigen Umärmelung von der Nordsee
    Gux

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  2. Liebe Gux, das ist so erfrischend und lieb, wie du kommentierst und öffnest und ausblickst, -blinzelst wäre, besser. ich schreib demnächst mehr, heute ist die hektische Viertelstunde eher von außen gesteuert und hat nichts mit meiner saisonalen Irritation zu tun. Wenn sich alle um Lesbos kümmerten oder um Erdögangs Gefangene oder …n+1, würden sie weniger in Krippendepri verfallen. Nu, ich trink einen großen Schluck auf dich und du lässt es dir gut gehn. Michael

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