ZwischenKitsch und Pathos die Befreiung

Am 23.1. ist Arik Brauer gestorben.

„Seine letzten Worte waren laut seiner Familie: „Ich war so glücklich mit meiner Frau, mit meiner Familie, mit meiner Kunst und meinem Wienerwald. Aber es gibt eine Zeit, da lebt man, und es gibt zwei Ewigkeiten, da existiert man nicht.“

Brauer wurde am 4. Jänner 1929 in Wien als Erich Brauer in eine russisch-jüdische Handwerkerfamilie geboren. Der Nationalsozialismus beendete seine Kindheit im Wien der 30er Jahre, über die er in seinem auch vom Fernsehen ausgestrahlten Soloprogramm „A Gaude war’s in Ottakring“ berichtet hat. Brauers Vater starb in einem Konzentrationslager, er selbst überlebte in einem Versteck.“ (https://orf.at/stories/3198782/)

Aber es gibt eine Zeit, da lebt man, und es gibt zwei Ewigkeiten, da existiert man nicht. Was für ein Satz. Die Wahrheit ist einfach und schlägt das ganze Jenseitsgerede in den Wind. Vieles von dieser Wahrheit war auch in den vielen Erscheinungen, die Arik Brauer produziert hatte: Bilder im phantastischen Realismus, Lieder, Bücher, Judaica – und immer war er wichtig,  vor allem in den 60er und 70er Jahren, wo wir aufnahmefähig waren für diese Art von universeller, nicht eindimensionaler Kunst.

Wer die Lieder ausführlich und genau anhört, der wird einen Sinn von Wahrheit in der Ironie und im Komischen auch des traurigsten Zusammenhangs entdecken.

Wir hab’n in der Schul‘ ein‘ g’habt, den hab’n wir terrorisiert!
Der hat rote Haar‘ g’habt und Brill’n mit dicke, dicke Augenglas’ln
Und ich war der Allerärgste von allen. Und heut‘ tut mir das ja so leid…

Rostiger, die Feuerwehr kommt,
Schieb die Haar‘ in‘ Arsch.

https://www.songtexte.com/songtext/arik-brauer/rostiger-die-feuerwehr-kommt-5bc26b80.html

Oder hört sie euch selbst an, ein Lied so gut wie das andere. https://www.songtexte.com/artist/arik-brauer-3bd60898.html:besser auf wienerisch, aber auch in deutscher Übersetzung.

Und Bilder seht ihr in Fülle[1] . Viele sagten damals, so ein Kitsch, zu den Bildern und zu den Liedern. Schon früh habe ich begonnen, den schmalen Grat zwischen Kitsch und dem Pathos der großen Kunst als einen Weg des Widerstands gegen den auferlegten Geschmack zu betrachten. Dass Brauer nicht mehr lebt, macht nachdenklich und traurig.  Zugleich eine Brücke zur Politik heute.

Die Gratwanderung ist dauernd aktuell, man kann sich nicht in ein geschmackliches Wochenende flüchten, um dann wieder sicher durch die ästhetische und politische Woche zu wandern. Wahrheit hat keinen Kalender. Das konnte man vor einer Woche erleben, beim Amtsantritt von Joe Biden.Für einen Augenblick war die Ära Trump vergessen, der Sturm der Verschwörer aufs Kapitol. Schön, nicht wahr?

Da hat auch eine sehr junge Lyrikerin ein Gedicht vorgetragen.

Amanda Gorman „The Hill We Climb“: Das Gedicht im Wortlaut https://www.sueddeutsche.de/kultur/joe-biden-gedicht-amanda-gorman-the-hill-we-climb-1.5181310

Dazu schreibt die Süddeutsche zu Recht, dass so etwas bei uns nicht möglich wäre, nicht nur, weil es als zu kitschig angesehen würde.

„Sprich, Zukunft

In Deutschland hätte Amanda Gorman mit ihrem Gedicht an keiner Schreibschule eine Chance. Im amerikanischen Kontext aber ist es alles andere als trivial. Über die Kraft von Lyrik.“

Von Felix Stephan (https://zeitung.sueddeutsche.de/webapp/issue/sz/2021-01-25/page_2.450465/article_1.5184505/article.html).

Ich drucke absichtlich weder Gedicht noch Artikel. Als ich das Ganze im Fernsehen verfolgte, einschließlich Lady Gaga und Jenifer Lopez, war mir klar, dass die Gratwanderung längst nicht mehr eine Frage des Geschmacks ist (Fortsetzung meines Blogs: wer von uns Biden hat recht?

Arik Brauer war ein junger Überlebender, Jahrgang 1930. Wie wird man nach 1945 „Universalkünstler“, wie man ihn in den Nachrichten nennt? Man kann das studieren, nachvollziehen, aber nicht nach-erleben, natürlich nicht. Aber dann schaut man sich die Bilder an, liest die Songtexte, liest die Bücher, und es gibt die Möglichkeit, viel von dem sich vorzustellen, als erlebte man Teile davon selbst. (das geht uns bei wenigen Künstlern so, aber entscheidend ist, dass man nicht in den Irrweg der „schuldigen Überlebenden“ abdriftet, wenn man sich fragt, woher die ihre Zukunft und Ironie haben).

Was man bei Biden auch erlebt hat, ist nicht das Überleben eines tödlichen Regimes, sondern das Überstehen einer entwürdigenden Zeit, die viele zivilisatorische und kulturelle Errungenschaften vier lange Jahre in Fragegestellt hat. Diese Entwürdigung ist eine Gefahr, die in allen Demokratien und immer besteht, und bisweilen besser, oft schlecht, bekämpft wird. Auch die USA haben Reagan, Bush jr. Als jüngere Vorbereitung auf den Unsäglichen hinter sich gebracht, mit Obama als Wegweiser aus der Krise – da kann man jetzt politische Geschichte und Kulturkritik  anschließen. Mir geht es aber darum aufzuzeigen, wie das Überstehen, das Überstanden-Haben sich ausdrückt, in der Feier der Befreiung. (die kann auch fürAußenstehende kitschig daherkommen, Befreiung ist ja immer nur der Erste Schritt, und Freiheit ist keine Frage des Geschmacks…

Warum dann Arik Brauer damit verbinden? Warum nicht zwei Blogs, einen für ihn und einen zu den Amerikanern? Erstens, weil bei mir beides zusammengekommen ist, mich sein Tod und sein letzter Satz nicht nur beschäftigen, sondern meinen Widerstand, meine Lebensfreude stärken. Zweitens, weil der Auftritt von Lady Gaga, Jenifer Lopez und Amanda Gorman deutlich gemacht haben, dass es nicht auf den Geschmack der Beobachter von oben ankommt, wenn ein Schritt ins Freie gemacht wird… Die Freiheit wird noch schwer genug. 

In seinen Bildern und Liedern übt der überlebende Brauer das Überstehen, die Umkehr ein, die in die Zukunft zeigt – und in die Dimensionen, die nicht schon der Normalität unterworfen sind. Mit ihrem Gedicht übt Amanda Gorman den Widerstand gegen eine Stimmung im Volk ein, von der Trump und sein Pöbel behaupten, sie sei normal.

Jedediah Purdy, junger Rechtsprofessor in New york, beschreibt aus dem gleichen Anlass, warum die hochgepriesene Verfassung der USA heute auch nicht mehr die Freiheit verspricht, die sie damals geschaffen hat: „We the People“ (SZ 21.1.2021, 57f.). Damals waren Sklaven noch keine Menschen, darum konnte man Gleichheit fordern.

Singt „sein Köpferl im Sand“, auch erhältlich in deutscher Übersetzung. https://www.songtexte.com/songtext/arik-brauer/sein-kopferl-im-sand-5bc26b8c.html


[1] https://www.google.com/search?q=arik+brauer+bilder&client=firefox-b-d&tbm=isch&source=iu&ictx=1&fir=rmWtS0eAe0k-5M%252CfSZ08u0kDtDrIM%252C_&vet=1&usg=AI4_-kQ9Wv0r87UnM0hvVMak8w5H0dzUww&sa=X&ved=2ahUKEwiKtpOimLruAhVJwKQKHQOjA1kQ9QF6BAgREAE&biw=1280&bih=606#imgrc=rmWtS0eAe0k-5M

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