jüdischer Einspruch XIX. Bitte keine Ultras

Um das zu verstehen, muss man ein wenig genauer lesen. Es geht hier nicht um den ewigen Disput zwischen mehr oder weniger Frommen, es geht schon mehr um den Konflikt zwischen Glauben und Religion und um die Verhaltensweisen, die politisch gemeint sind und sich hinter der Religion verstecken. Das gibt’s bei Christen, Muslimen und eigentlich in allen Religionen und ideologisch gestützten Parteien. Die jüdischen Ultras sind wie alle Ultras dieser Welt, nur gefährden sie gleich den ganzen jüdischen Staat und die israelische Identität.

Update am 1.2.2021.

Trauer im Lockdown: Obwohl in Israel so schnell geimpft wird wie nirgendwo sonst und ein strenger Lockdown galt, sind die Corona-Infektionszahlen hoch. Warum? Dieses Bild gibt eine Erklärung. Tausende ultraorthodoxe Juden erweisen einem Rabbiner die letzte Ehre. In der Koalition gibt es Streit darüber, ob die Polizei konsequent genug gegen Verstöße der Strengreligiösen vorgeht. (Süddeutscxhe Zeitung 1.2.2021)

„Süddeutsche Zeitung, Mittwoch, 27. Januar 2021

Israel An der Bruchlinie

Die Ultraorthodoxen genießen eine De-facto-Autonomie. Viele von ihnen halten sich nicht an Corona-Maßnahmen. Das empört säkulare Bürger. Für den jüdischen Staat kann der Konflikt bedrohlich werden.

Von Peter Münch

Korrespondent in Israel

Nach dem Abitur in Düsseldorf, einem Geschichtsstudium in Bonn und einer Promotion in München kam Peter Münch 1990 als Redakteur zur Süddeutschen Zeitung. Von den Landkreisausgaben führte sein Weg über die Nachrichtenredaktion in die Außenpolitik. Als Reporter war er für die SZ vor allem auf dem Balkan, in Afghanistan, Pakistan und im Irak im Einsatz. Vier Jahre leitete er das Ressort Seite Drei, bevor er als Nahost-Korrespondent nach Tel Aviv wechselte und von dort nach Wien, um über Österreich, Ungarn und den Balkan zu berichten. Er kehrte im Juli 2020 als Korrespondent nach Israel zurück.

Per Gesetz ist Jerusalem anno 198o zur ungeteilten Hauptstadt Israels erklärt worden. Vollzogen wurde damit die Annexion des arabischen Ostteils der Stadt. Doch wer in diesen Tagen durch Jerusalem streift, der findet eine zweigeteilte Stadt vor. Die Trennung jedoch verläuft nicht zwischen dem arabischen Osten und dem jüdischen Westen, sondern zwischen den Vierteln der ultraorthodoxen Juden und dem Rest Jerusalems. Die Corona-Pandemie hat hier eine Bruchlinie in grelles Licht getaucht, die für den jüdischen Staat und seine Identität genauso bedrohlich werden kann wie der althergebrachte israelisch-arabische Konflikt.

In dem einen Teil Jerusalems rund um die zentrale Jaffa-Straße sieht man verriegelte Läden und Passanten, die Masken tragen. Die Schulen sind hier seit Langem schon geschlossen. In dem anderen Teil Jerusalems wie im streng religiösen Mea Schearim dagegen herrscht ein Treiben, als ob es keinen Lockdown und kein Coronavirus gäbe: Fast alle Geschäfte sind geöffnet, kaum einer trägt Maske, und in vielen Jeschiwot, den Religionsschulen, wird scheinbar sorglos unterrichtet.

…Schließlich entfallen auf den religiösen Sektor, der zwölf Prozent der Bevölkerung ausmacht, aktuell rund 40 Prozent aller Corona-Infektionen. Vor allem aber sind sie gesellschaftspolitischer Sprengstoff: Denn sie werden vom säkularen Teil der Israelis als Provokation und als Warnzeichen dafür wahrgenommen, wohin die De-facto-Autonomie der Ultraorthodoxen führen kann.

Sie genießen viele Privilegien

… wie die Befreiung vom Militärdienst. Die Ignoranz gegenüber der Pandemie allerdings zählt nicht zu diesen Privilegien – und ist trotzdem über Monate hinweg weithin geduldet worden vom Staat. Nur 2,3 Prozent aller Strafzettel, die landesweit wegen Regelverstößen im jüngsten Lockdown verteilt wurden, betrafen die ultraorthodoxen Wohnviertel. Offenbar fällt es der Regierung leichter, den Tel Aviver Ben-Gurion-Flughafen für den gesamten Luftverkehr zu schließen als eine Schule in Mea Schearim.

Der Eindruck also, dass ein Teil der Gesellschaft über dem Gesetz steht, wird von der Politik befördert – und verantwortlich dafür ist in erster Linie Premierminister Benjamin Netanjahu. … Netanjahus Macht hängt von der Unterstützung zweier ultraorthodoxer Parteien in der Koalition ab, und das hat jenseits der nun gefeierten Impferfolge nicht nur dunkle Schatten auf die Corona-Bekämpfung in Israel geworfen, sondern auch die Gräben in der Gesellschaft vertieft.

Es herrscht Wahlkampf in Israel, und Netanjahu ..“. siehe oben.

Ich habe das so umfangreich abgedruckt, weil man sonst nicht versteht, welche Auswirkungen eine kleine, zeugungsfreudige Minderheit macht, die noch dazu von Zuwendungen lebt, die mit der israelischen Volkswirtschaft nichts zu tun haben. Die Ultras sind rechts, staatsfeindlich, wollen sich nur verteidigen lassen und helfen jeder noch so reaktionären Regierung in den Sattel, um weiter zu profitieren. Viele konservative oder rituell-orthodoxe jüdische Gläubige sehen das genauso – und der Vergleich mit den rechtsextremen politischen Gruppen in Europa ist oft angebracht, aber natürlich, zumal in der deutschen Öffentlichkeit gefährlich. Na gut, ich darf so etwas sagen.

Die orthodoxen jüdischen Religionsmitglieder bei uns, in Deutschland, weltweit, sind so strenggläubig wie in allen Glaubensgemeinschaften mit ihren Flügeln, von liberal über konservativ bis eben: orthodox. Die letzteren haben mit den Ultras bisweilen die etwas anachronistische Kleidung und einige rituelle Elemente gemein, aber sonst nichts, schlimmstenfalls fast nichts. (übrigens gibt es auch säkulare jüdische Menschen…). Umgekehrt sind die verschiedenen Sektionen der jüdischen Gemeinschaften bei uns zwar durch Rituale, aber selten durch dogmatische Mauern getrennt. (da gibt es einige Anachronismen, wenn Frauen nicht an die Thora dürfen z.B., auch nicht gut, aber nicht fundamental). Fundamental ist, dass die Ultras ein politisches Anliegen religiös ummänteln und als Lebensführung einen Habitus gewählt haben, der sie durch ideologische Absurdität auserwählt erscheinen lässt – zum Schaden der Kinder, der Frauen, der Gesellschaft. Sie erpressen das demokratische System. Damit  kann ich es bewenden lassen bis auf einen Punkt: die Ultras sind eben nicht privilegiert, die Grundrechte selbst in Anspruch zu nehmen und allen anderen jüdischen Richtungen abzusprechen. Diese Toleranz darf man  uns nicht abverlangen, weil wir gegenüber politischen Sekten immer auf dem Vorrang der Menschenwürde vor einer beliebigen Gotteskonstruktion bestehen müssen. 

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