wer von uns Biden hat recht?

Freude, Erleichterung, gar Hoffnung – wie anders wurde vorgestern die Vereidigung von Joe Biden wahrgenommen als vor vier Jahren. Ich sags gleich: mir haben diese zwei Stunden auch gefallen, ich war nicht enthusiastisch und ich kanns nicht lassen. Die Predigt des Kardinals Biden war herzwärmend eher als politisch dynamisch, sie hat kein wichtiges Thema ausgelassen, sie war ohne Zweifel eine im Ton angemessene Antwort an den Unsäglichen, den man gerade ins Abseits hat fliegen sehen. Warum sie mich verfolgt, die Predigt?

Ich sehe zwei Probleme in dieser sanften Vorschau. MAINSTREAM: Zum einen wird das Gute, das Richtige immer leicht enttäuscht, weil jede einzelne Abweichung vom Programm das Ganze und seine Glaubwürdigkeit in Frage stellt. Das wird sich in Deutschland bald zeigen, an Nordstream, am 2%-Ziel der NATO usw. und  an den unterschiedlichen Interessen an der Chinapolitik. Umgekehrt, kann das verabscheuungswürdige Böse und Schlechte nicht durch eine einzige gute, erfreuliche Aktion nicht umgekehrt werden. GEFAHR: zum andern kommt mit jeder Enttäuschung die Erwartung wieder, dass schon nach zwei Jahren, bei den Wahlen, die parlamentarischen Mehrheiten kippen und den Präsidenten lähmen.

Musst du denn dauernd mäkeln, fragen mich meine imaginären Gesprächspartner. Und ich muss mich rechtfertigen. Über zwanzig Jahre hatte ich, als Hochschullehrer, Grüner, Konfliktforscher…immer die USA gegen die anmaßende Kulturkritik an der amerikanischen Zivilisation verteidigt. Das änderte sich allmählich, der Bruch im Westen hatte mit dieser eher altmodischen Spaltung wenig zu tun, umso mehr mit der Genügsamkeit, sich gleichweit zu so unterschiedlichen Mächten aufzuführen, als könnte man drunter wegtauchen. Gegenüber den Diktaturen von Gewicht, Russland, China – und oft auch gegenüber Türkei, Brasilien, Indien, werden die Menschenrechte dauernd durch wirtschaftliche Interessen überbaut, gegenüber den USA und oft innerhalb der EU ist es geradezu umgekehrt. Ich rede nicht von unseren intellektuellen, kritischen Zirkeln, die eine solche einfache Darstellung gar nicht auf- und ankommen lässt. Ich behaupte, dass diese altmodische und durchaus nach rechts schwankende Ablehnung der amerikanischen Gesellschaft noch längst nicht erledigt ist, und dass das Aufbrechen dieser Irrwelt in der Studentenbewegung zu kurz und unvollständig war. Man kann auch sagen, dass man hier von den USA nicht mehr weiß als die Menschen dort von uns wissen. Und dass das nicht ein Gleichgewicht von Wissen und Durchblick ist, und zwei unvereinbar unterschiedliche Gesellschaften kann man nicht durch ein einigendes Band übergeordneter, abstrakter Begriffe dauernd versöhnen. Zum Beispiel, weil wir der WESTEN sind. Was immer wir sind, der Westen ist und war nie eine Einheit. Trotzdem verbindet uns ETWAS, das darin auch eingeschlossen ist, aber das wird ja gar zu selten herausgearbeitet.

Europa hat gerade wieder begonnen, sich seiner kolonialistischen und imperialistischen Vergangenheit stärker zuzuwenden, das ist gut so. wie sehr analoge Bewegungen in den USA immer wieder hochkommen, kann für uns lehrreich sein, nicht nur bei Black lives matter, sondern auch bei den Analogien unseres Rassismus und unserer Geschichtsverzerrungen.

SCHLUSS MIT DER VORLESUNG. Man kann das ganz gut für die USA bei Jill Lepore[1] nachlesen, und für uns bei Slavoj Zizek, und umfassender für beide auch bei Hannah Arendt. Auf die komme ich nicht zufällig: der beste Abschnitt von Bidens Rede gilt der Wahrheit und der Lüge. Diese Lüge war und ist keineswegs nur Trump, den muss man nicht nennen. Lüge setzt sich durch, sagt Arendt[2], aber dazu braucht sie Gewalt und führt zu Gewalt. Und in vielfachem Umgang mit nachtotalitären Regimen birgt der Kompromiss mit der unbedingten Forderung nach Durchsetzung der Wahrheit den Keim neuer Lügen und Gewalt. Die Herrschaft beseitigt ihr Image-Problem…

„Image-Produktion aber beruhe auf dem Prinzip der Lüge; das Image gebe nicht die Wirklichkeit wieder, sondern verbreite Wunschbilder. Dies sei  letztlich demokratiegefährdend, weil es die Bürgerinnen und Bürger ihrer Fähigkeit beraube, über die politische Lage selbst zu urteilen. Letztlich seien die politischen Strategen in den Büros des Weißen Hauses zu Feinden der amerikanischen Demokratie geworden, denen die Täuschung der Öffentlichkeit mehr am Herzen liege als deren Information. Sie seien lebendiger Beweis für das Eindringen der Kriminalität in den politischen Raum…Der einzige Unterschied zu totalitären Regimen bestehe darin. Dass die amerikanische Regierung die öffentliche Meinung täusche, statt die Bürgerinnen und Bürger direkt zu terrorisieren.“ (Antonia Grunenberg: Verlust des Anfangs, was Hannah Arendt in den Vereinigten Staaten sah, in. (Blume, Boll et al. 2020), 130f.) Stimmt damals wie heute.

Da hat Biden natürlich einen Punkt, und seine junge Dichterin Amanda Gorman https://www.youtube.com/watch?v=Jp9pyMqnBzk auch.

Aber warum ich etwas weniger enthusiastisch bin, ist ein Paradox: bei UNS wäre eine Feier mit Jenifer Lopez, Lady Gaga unwahrscheinlich, und wenn die Stelle mit der Lüge in des neuen Kanzlers Rede kommt, würden wir an die Waffenlieferungen denken und die ertrunkenen Flüchtlinge und die Kotaus vor unseren wirtschaftsfreundlichen Diktaturen? Aber die amerikanische Feier finden wir kitschig, weil die auch nicht anders ticken als wir, nur haben sie mehr Macht.

Und manche bei uns haben sich mit Trump ganz komfortabel gefühlt, denn auf den DEN durfte man schimpfen und ihn verachten, ohne dass ein Finger auf uns selbst zeigte. Jetzt wird es wieder schwierig.

Arendt, H. (1970). On Violence, Harcourt, Brace & World, Inc.

Blume, D., M. Boll and R. Gross, Eds. (2020). Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert. München, Piper.

Lepore, J. (2018). These Truths: A History of the United States. New York, Norton.


[1] Lepore, J. (2018). These Truths: A History of the United States. New York, Norton.

[2] Arendt, H. (1970). On Violence, Harcourt, Brace & World, Inc. U.v.m.

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