Atome für den Frieden…äh, Friedhof

Am 26. April 1986 ereignete sich die Katastrophe von Chernobyl. Ich war an diesem Tag auf dem Fußballplatz, habe ich Nachricht in den Abendmeldungen erfahren und wie alle mir Gedanken gemacht.

Kurz danach habe ich mich um die Präsidentschaft der Universität Oldenburg beworben, und ich denke, hoffe nachträglich, dass meine Haltung zur ziemlich einmaligen Radioaktivitätsmessstelle der Uni zu meinem knappen Wahlsieg und zu zwölf Jahren dort verholfen hatte.

Mit der Radioaktivität sozialisiert – Rückwärtserschließung.

In den 50er Jahren hatte meine Großmutter zu Besuch immer Reader’s Digest dabei, also las ich konservative US Mittelschicht von den kurzen Buchauszügen. Ich war vielleicht acht oder neun. Der Arzt hatte einen Fehler gemacht, ein Kind wurde durch eine Strontium-90 Quelle verstrahlt, bald darauf sollte es sterben. Nicht die Entschuldigung des Arztes, sondern die Leidenserfahrung des Kinders und die sorge der Eltern sind mir im Gedächtnis geblieben.

Ein paar Jahre später bekam ich Angst nach einer anderen Lektüre, typisch für einen jungen Hypochonder: Rudolf Brunngraber (1901-1960)[1]: Radium. Roman eines Elements (1936). Ich weiß nur noch, dass die Furcht vor der Strahlung sich Waage mit der Attraktion der Rahmenhandlung hielt.

Diese Balance ist in der kulturellen Behandlung des Themas nicht unüblich. Filme sollten bald kommen: Hiroshima mon amour (Alain Resnais 1959)[2], das letzte Ufer (Stanley Kramer, E.M. Remarque 1959)[3].

Es sollte Jahre dauern, bis ich die Abwehr des Nuklearkriegs ausdehnte und mich von der Idee der Atome für den Frieden löste[4]. Hier lohnt es sich, den Kalten Krieg noch einmal aufleben zu lassen. Der Gedenktag hilft dabei. Die Politisierung der Isotope kannte keine irrationale Grenze, die Strahlung war im Kommunismus gut (beherrschbar) und im Westen schlecht (aggressive) und umgekehrt.

Deutschland hatte seine Anti-Atom-BewegungEN, aber erst mit den Grünen wurde die Politik wirkungsvoller, wenn auch nicht abgeschlossen.

Heute werden die amerikanischen Atombomben aufgerufen. Aber kaum jemand weiß wer Major Tibbets war und sein Flugzeug, die Enola Gay. Das hatte sich damals eingegraben, wie heute Fukushima, Three Miles Island, aber auch Brokdorf, Gorleben – und das früh abgesagte AKW meiner alten Heimat Österreich, Zwentendorf.

Bis heute wirken die Strahlungsbilder meiner Sozialisation nach, beim Schwimmen im kaum strahlenden Schwimmbad von Bad Gastein oder beim Radiologen…ich bin erstaunt, dass sich fast 1 Meter einschlägiger Literatur im Lauf der Jahre angesammelt hat und wie streng ich Robert Jungk in den 90er Jahren an der Uni Oldenburg verteidigen musste, weiß ich noch, warum gegen die, die ausgerechnet auf dem Uniturm die Taube gegen die Bombe gemalt hatten.

Wenn heute wieder eine angebliche Klimalobby für AKW auftritt – weil sie nicht an regenerative Energien glaubt und meint den Staat erpressen zu können – Investitionen aus Steuergeldern, Gewinne an die Betreiber – dann denkt an die Messstelle in Oldenburg, die noch jahrelang strahlende Waldpilze der besorgten Bevölkerung ausgemessen und ausgeredet hatte. Endlich erfolgreicher Widerstand.

*

Wie dekorativ der Atompilz ist, zeigt eine Galerie von sehr vielen unwahrscheinlichen Pilzen, deren die Länge der IT Adresse durchaus würdig ist.


[1] https://en.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Brunngraber

[2] https://en.wikipedia.org/wiki/Hiroshima_mon_amour

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Das_letzte_Ufer

[4] https://www.atomenergie.ch/de/aktuell/e-bulletin/atome-fuer-den-frieden-praesident-eisenhowers-vision ; heute im DLF: https://www.deutschlandfunk.de/atome-fuer-den-frieden.724.de.html?dram:article_id=98343

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