Nicht Anti-Deutsch, nur Nicht-Deutsch

Manche erinnern sich noch an die „Anti-Deutsch“- Bewegung, grausige, dumm und ohne Boden. Die gibt es noch in verstümmelten Resten; die aber meine ich nicht.

Nicht-Deutsch heißt für mich, dass mir die Überheblichkeit deutscher Selbstbetrachtung und des missionarischen Eifers auf die Nerven geht, so ähnlich muss es den America first! Deppen gehen und allen, die „ihrer“ Nation einen „exzeptionalistischen“ Anstrich geben wollen. Der ist dann wahlweise antisemitisch, rassistisch, kolonial, bisweilen auch sexistisch, christlich, muslimisch oder anderswie herausgehoben, besonders.

Erst das Maul aufreißen, die Leute einwickeln. Wir haben das besser gemacht als die anderen, typisch deutsch, und später Fehler oder Unvermögen eingestehen oder auch nicht, und aus den Fehlern lernen und für die Zukunft vorsorgen.

So, wie die Pläne zur Seuchenprävention von 2012 einfach zu den Akten gelegt wurden, es gab ja keine Seuche.

So, wie 2019/20 erst einmal Masken bei CoVid abgelehnt wurden (weil es keine gab), ebensowenig Tests (weil es keine gab), und dann vorgeschrieben wurden, weil wir Deutschen ja umsichtiger sind als andere.

So, wie Werbung für G5 gemacht wird, Deutschland aber um Jahrzehnte bei der Digitalisierung nachhinkt, auch im Vergleich zu ärmeren oder weniger entwickelten Ländern.

So, wie beim Hochwasser eigentlich alles vorher bedacht war und keine Defizite vorhersehbar waren, die aber jetzt säuberlich aufgelistet werden, damit sich alle darauf einstellen können, wie teuer und wie kompliziert die nächste Katastrophenvorsorge wird, nachdem man jahrelang diese vernachlässigt hat.

So, wie das deutsche Rentensystem ungerechter ist als das ärmerer oder weniger entwickelter Länder, aber die soziale Marktwirtschaft als unsere Domäne gepriesen wird.

So, wie unsere humanitäre Nachkriegsblähung weiterhin AfghanInnen in den Tod abschiebt, was andere NATO-Länder längst unterlassen, und den Ortskräften der Bundeswehr nur zögerlich und sehr spät Hilfe gewähren.

So, wie wir hämisch auf korrupte und rechtsstaatlich defekte Länder herabschauen, aber in Justiz und Verwaltung immer mehr Rechtsradikale, Mafiosi und Korrupte selbst unter Hinweis auf die Grundrechte schützen.

Die Liste geht weiter, arbeitet selbst daran. Ich kann auch Dinge aufzählen, die gut laufen hier…aber die laufen anderswo auch gut. Nur so deppert wie Nordstream 2, so korrupt wie Dobrindt-Scheuers Maut, so lobby-abhängig wie Klöckners Agrarismus, so untätig wie Maas‘ Nichtaußenpolitik muss man erstmal sein, um auf sein Land stolz zu sein.

Na und? Es gibt auch Gutes zu vermelden. Immer nur Nörgeln, das geht gar nicht. Geht doch.

Es geht, wenn man sich hinter einer nationalen Kultur verschanzt, die zunehmend die Spielräume für die radikale Rechte (und manche Linken im Schulterschluss) erweitert; einer Kultur, in der das Konstrukt „Nation“ wieder die ganze Preußenmisere bis weit ins 19. Jahrhundert aufleben lässt; einer Kultur, die sich auf Kulissen zurückzieht, wo ihr sonst nichts einfällt: Humboldtforum, Garnisonkirche, großer Zapfenstreich mit Fackeln vor dem Parlament).

Regt euch ab. Ich schimpf ja gar nicht, ich nörgle nicht einmal. Ich stelle nur fest, dass Deutschland in vieler Hinsicht weniger gut ist, als es sich darstellt und von uns dargestellt zu werden wünscht. So, als würde man nicht bei der Ersten Sparkasse, beim Ersten FC, in der Ersten Kirche … sich verdingen, sondern in der vierten, fünften oder neunten. Was mich aufregt?

Dass hinter der Maske Deutschland ein besseres, humaneres, toleranteres…Land vorgespielt wird als die Wirklichkeit aufweist. Dass die Grundrechte durch ihre Entfernung und Entkernung aus dem Zentrum in Richtung auf die rechte Peripherie gerückt werden, dass das „Man“ der öffentlichen Diskurse aus dem demokratischen Lot gerät.

*

Ein Test. Lest den neuen Spiegel, die scheinbar wütende Abrechnung mit Versäumnissen, diesmal zum Katastrophenschutz. Versäumnisse kann man nur hinterher feststellen, in Echtzeit wäre es Politik gewesen, Kultur, massenhafte Teilhabe der Bevölkerung.

Jetzt will man Einfamilienhäuser, wenn überhaupt, hochwasserfest neu bauen oder renovieren. Jahrelang hat man es versäumt, sie für Ältere und Behinderte barrierefrei zu machen, jetzt muss man beides.

Was hat das mit den großen Defiziten zu tun? Wenn ihr so wollt – alles. Wenn sich die Nazis auf Kosten der Flutopfer einen guten Tag machen, wenn die Gerichte Nazibanden mit Bewährungsstrafen belohnen, in Erfurt zB. für einen „Racheakt“, wenn sich alles auf dem Rücken der BürgerInnen dieses Staates abspielt, dann muss man ihm weder dienen noch Loyalität über das minimale Maß des Gesetzesgehorsams hinaus erweisen.

Und was ist mit denen, für die das alles nicht zutrifft? Die brauchen es nicht, dass Deutschland „vorne“ ist, wenn es schon „hinten“ ist. Darf man nicht normal sein, damit nicht mehr, sondern weniger Menschen bedroht und belastet sind?

*

Ich vergleiche unser Land gerne mit anderen Ländern. Manches ist hier besser, anderes ist schlechter. Der Vergleich ist niemals ganz wissenschaftlich und niemals nur politisch. Aber das Ergebnis muss immer Folgen haben. Man kann nicht die Vergleiche durch das Grundgesetz schützen lassen, aber die Folgen daraus einfach liegen lassen und für die Zukunft Besserung versprechen. In der Zukunft: Da wird es keine Seehofers, Maase, Scheuers und Klöckners in der Politik geben. Und damit das klar ist: leider keine Merkel. Aber wen dann?

*

Aus schnellen Rückmeldungen lerne ich: das ist doch zu nahe an der Ablehnung des Systems, sagen sie. damit würde ich doch nur die erreichen, die die Demokratie eh nicht wollen, die sich in keiner res publica, in keiner Republik einbringen wollen. und dann habe ich überlegt: lösch doch den Blog, die andern sind gut genug. ABER auch wird mir klar, dass die eigentliche Loyalität darin bestünde, die Kritik dort nicht verstummen zu lassen, wo man anscheinend ohnedies nichts „machen“ kann. Um dieser Differenz willen begibt sich das Bewusstsein noch nicht in den Ruhestand, dass im Prinzip bei uns noch alles besser sei als anderswo. Ist es. Und wie schnell kann das zerstört werden, das seht ihr anderswo, auch in Europa, auch in der EU.

Der andere Einwand, dass sich „Die Deutschen“ doch dauernd entschuldigen und, im Vergleich zu vielen anderen, sich doch recht gesittet verhalten, ist zweischneidig. Was Verhalten und Umgang mit anderen betrifft, mag sein; was die dauernde Entschuldigung betrifft, ist es aber leider doch eine Überhöhung dessen, wofür man sich – vor allem in Regierungskreisen, in der öffentlich wirksamen Elite – eigentlich entschuldigt. Selbst im Bösen sind wir Nummer 1?

Deshalb wiederhole, vorsichtshalber: Und was ist mit denen, für die das alles nicht zutrifft? Die brauchen es nicht, dass Deutschland „vorne“ ist, wenn es schon „hinten“ ist. Darf man nicht normal sein, damit nicht mehr, sondern weniger Menschen bedroht und belastet sind? Wenn Kritik auf jemanden nicht zutrifft, soll der oder die weitermachen, das gehört auch dazu. Konkret: Deutsch bleibt dann und nur dann nicht, was es war, sondern kann vielleicht, wird vielleicht sein, was es noch nicht ist.

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