Jüdischer Einspruch: Nicht forschen, handeln

SO GEHT ES NICHT.

Da wird ein guter Wille simuliert, der ein Thema zum Problem macht, anstatt ein Problem – den Antisemitismus – wirklich zu thematisieren, also gesellschaftswirksam zu politisieren.

Bundesregierung will Antisemitismus-Forschung stärker fördern: Der Bund will 35 Millionen Euro in Projekte investieren, die zu Antisemitismus, Rechtsextremismus und Rassismus forschen. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen helfen, solche Ideologien besser zu bekämpfen. Von dieser Summe seien zwölf Millionen Euro für Projekte vorgesehen, die sich mit Antisemitismus beschäftigen. 23 Millionen Euro gehen an Forschungsvorhaben, die sich dem Rechtsextremismus und Rassismus widmen, um mehr Erkenntnisse über die Ursachen und Überschneidungen mit dem Antisemitismus zu gewinnen. Verantwortlich für die Projekte sind unter anderem Universitäten und Evangelische Akademien. Bildungssministerin Anja Karliczek sagte in Berlin, jüdisches Leben sei in Deutschland so bedroht wie schon lange nicht mehr. Antisemitismus und Rassismus hätten in Deutschland keinen Platz. Das Gift des Antisemitismus für den gesellschaftlichen Zusammenhang müsse mit aller Entschlossenheit bekämpft werden.
tagesschau.de, rnd.de, faz.net  5.8.2021

Jahrzehntelang haben Tabakkonzerne forschen lassen, um den Zusammenhang von Lungenkrebs und Rauchen zu vernebeln und die Ergebnisse hinauszuzögern. Ähnliches geschieht bei allen Partikularinteressen von Klimaleugnern oder last-minute-Produzenten von CO2 und anderen Umweltgiften.

In der Gesellschaft ist das nicht viel anders als bei Natur- und Technikwissenschaften.

Warum wird blauäugig und gutwillig – das gestehe ich vielen zu – der Antisemitismus immer wieder und immer wieder und immer wieder beforscht. Es kommt immer das heraus, WAS WIR WISSEN. Und zwar seit langem. Anstatt das RICHTIGE ZU TUN, wird immer detaillierter und feinfaseriger geforscht. „geforscht“. Also etwas Neues, Unbekanntes gesucht, einen Fakt, eine Erklärung…

Aus den vielen Thesen zum Antisemitismus, die auf solider Basis bestehen, greife ich einige heraus:

  1. Die bereits vorjüdische Differenz zwischen den „fertigen“ ideologischen Gesellschaftsbildern und dem stets unfertigen, prinzipiell unabgeschlossenen Judentum (Horvilleur 2020)
  2. Die These, dass das Bild „DES“ Juden bereits ein Produkt des Antisemitismus ist (Daxner 2007)
  3. Die bewusste, ideologische Vermengung von Ethnorassismus und Nationalismus in der antisemitischen Israelkritik
  4. Die philosemitische Über- und Unterordnung jüdischer Menschen unter andere ethnokulturelle und ethnosoziale Gruppen… Es gibt da noch viel mehr haltbare Thesen, auch unfertige Überlegungen.Und natürlich ist der Antisemitismus nicht die einzige Beschwer in der Endzeitstimmung der globalen Gesellschaften. Aber sie betrifft jüdische Menschen geradezu stellvertretend für jeden Menschen, der auf der hauchdünnen Schneide zwischen Integration und Ausgrenzung sich bewegt, und für die jüdische Gruppe ist das besonders gravierend, weil sie schon besonders lang und besonders massiv ausgegrenzt wird.(Was mich persönlich betrifft – ägert und betrübt – dass so wenig gewusst, gerlernt wurde. Ich habe das Gefühl, dass jeder antjüdische Ausfall, jede Gewalttat, wie ein homöopathisches Heilmittel auf eine weitere deutsche Schuldbefreiungsrhetorik angewendet, ein seht wir sind auf der Seite der Juden, so gut sind wir geworden – und doch die Gleichen geblieben? Wenn wir jüdische Deutsche in Deutschland sind, jüdische Österreicher in Österreich, jüdische Juden in Israel, oder jüdische KosmopolitInnen, dann muss niemand auf unserer Seite stehen. Man steht auf der Seite der Armen, der Ausgegrenzten, der Unterdrückten, der von Diktatur Gepeinigten, aber nicht auf der Seite, die man im Namen der Meinungsfreiheit und Grundrechte ebenso beleidigen lässt wie man sie aus den falschen Gründen hochleben lässtDarum widersetze ich mich dem Forschungsaufruf (obwohl es für die Wissenschaft viel zu forschen gibt, ohne Zweifel). Mir geht es um Kommunikation und Praxis, um das verfluchte UND zwischen Juden und Deutschen zum Verschwinden zu bringen. Lacht nicht: die lächerlichen 1700 Jahre, die jetzt gefeiert werden, weil es jüdische Gemeinden in Europa gab, lange bevor Deutsche noch sich als Deutsche denken konnten, sind so ein Beispiel. Nur, wenn ich mein Judentum NICHT herausstellen muss, kann ich es praktisch leben so wie es mir richtig erscheint, verantwortungsvoll, hart oder floexibel an seinen Grenzen, in jedem Fall unfertig gegenüber all denen, die immer eine so genannte Ganzheitlichkeit anstreben, in die wir dann natürlich nicht passen.

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