Erinnerung ist nicht Gedächtnis

Aber sie hängt davon ab, wer sich woran wie erinnert. Das Gedächtnis ist kein Begräbnisort der Vergangenheit, den man aufsucht wie ein Museum oder eine Gedenkstätte.

So komplex die bio-psycho-physiologische Erklärung von Gedächtnis ist, Erinnern und Vergessen werden dauernd gebraucht und aufgerufen. Das Jahrwort ist ja nicht Sondierung, sondern Erinnerungskultur. Jetzt gerade ist Babin Yar an der Reihe, zu Recht, und das Gastarbeiterabkommen mit der Türkei, und die dauernd aufgerufene Erinnerung an die Shoah, die ein Anrennen gegen die Mauer des Vergessens ist. Niemand erinnert sich an die Shoah. Das heißt, fast niemand: der hundertjährige Lageraufseher von Sachsenhausen vor Gericht erinnert sich vielleicht, er sagt nichts, aber er erinnert uns, mich, an das Versagen der deutschen Justiz, fast 80 Jahre nichts gegen die Nazis im eigenen Nachkriegsland getan zu haben, gerade weil sie nichts vergessen haben, von den Globkes bis heute. Die Shoah wird oft aufgerufen, ja herbeizitiert, um das Vergessen zu bemänteln. Sie wird zur taktischen Konstruktion. Das muss beunruhigen, dann damit wird der Holocaust aus der Geschichte in eine randlose unbestimmte, manipulierbare Sphäre gerückt. Die ersten beiden Generationen voll „Survivor’s Guilt“ traten auch ab, die dritte hat es da schon schwerer. Was aber alles vergessen wurde, damit die Erinnerungen an die Shoah einen Platz in der eigenen Kultur (national, lokal, persönlich etc.) bekommen können, wird zu selten und oft ungenau aufgerufen, obwohl anscheinend immer mehr AkteurInnen mit der Erinnerungskultur beschäftigt sind.

Ich habe Aron Bodenheimers Satz schon mehrfach hier zitiert: Nur wer vergessen will, darf sich erinnern. Das bedeutet, dass man wissen muss, was man vergessen will, und dann kann man auch das erinnern, was sich sonst dem Unbewussten wie dem Bewusstsein sperrt und verweigert.

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Die Auswahl dessen, was vergessen wird – das ist ja ein Prozess – ist nicht zufällig. Was geschehen ist dringt auf vielen Wegen ins Subjektive, ins Gedächtnis ein, und der Löschvorgang bzw. das Wegsperren der Wahrheit haben sehr viele kulturelle und soziale Wurzeln. Mich interessiert dieser Vorgang weniger als die Probleme, die entstehen, wenn man dem Vergessen Wahrheiten entreißt, die noch gar nicht erinnert werden, wenigstens nicht vollständig und wahrhaftig.

Anlass zu dieser Überlegung ist unter anderem der Umgang mit dem Krieg in Afghanistan. Da setzt eine unbedarfte und unwissende Ministerin eine Konferenz an und umgibt sich doch nur mit Diskutanten, deren Interpretation mit am Vergessen beteiligt sind (teilweise von Anfang an. Das kann man in der Literatur gut verfolgen: z.B. ganz neu (O’Toole 2021) oder bei AAN; aber auch im eigenen Erleben. Was hat meine Arbeit über 20 Jahre mit Afghanistan gemacht, und was hat Afghanistan seit 2003 mit mir gemacht? Zwei ungleichgewichtige Fragen, die sich doch einige, viele? stellen können. Das Gedächtnis aktivieren, um erinnern und werten zu können. Erinnerungspolitik ist immer Legitimationspolitik, auch die Rechtfertigung, das kollektive Gedächtnis nur in bestimmten Bruchstücken der Wirklichkeit zu rechtfertigen – als ob sich vergessen ließe, was wir vergessen wollen.

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Hier liegt die Analogie, und auch die Begründung dafür, was ich heute schreibe. Beides, Erinnern und Vergessen, gehört zu jeder Kultur. Und was wir vergessen wollen, damit es sich nicht wieder ereigne, muss erst einmal erinnert werden, darf nicht verdrängt werden. Der inflationäre Umgang mit dem Erinnern (E-Kultur) ist so fatal wie das Zudecken des Erinnerbaren durch politisch motiviertes Vergessen (siehe oben: deutsche Justiz, siehe später: Afghanistan – über der „Aufarbeitung“ werden die todbringenden Ortskräftepolitiken der deutschen Regierung einfach verdrängt).

O’Toole, F. (2021). „The Lie of Nation Building.“ NYRB: 16-19.

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