Herrgott noch mal

Welcher Teufel reitet mich, Gottseibeiuns zu rufen und diesen Teufel gleich zu bitten, die folgenden Gedanken zum Herrn Gott nicht in seine Spitzfindigkeiten aufzunehmen.

Mich nervt das Bemühen v.a. der christlichen Kirchen, auch vieler Muslime und jüdischer Stimmen, Gott in Beziehung zum Covid-Chaos zu setzen. Zwischen den Zeilen kommen wieder diese alten Ideen von der Kollektivstrafe für liederlichen Lebenswandel und der letztmaligen Mahnung zur Umkehr zum Vorschein (gebt euch nicht die Hand, ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt…ist noch eine harmlose Variante des Berührungsverbots, das ja auch seine religiösen Wurzeln hat).

Am meisten nervt mich, dass es sich noch um den Herrgott handelt, den Herrn, der sich allem entzieht: #meToo, der Missbrauchsdebatte, der Coronaheuchelei (womit ich die Grundrechte für die Impfverweigerer und Verschwörungsfuzzis meine), den Feldkuraten der Bundeswehr und den normalen Menschen.

Ich bin da nicht allein und verfolge, wie der Chor der KritikerInnen anschwillt, aber aus Angst, in der Blasphemie-Ecke isoliert oder gar ausgegrenzt zu werden, den Klartext vermeidet.

Ich mache einen Umweg: Der bekannte Gottesbiograph Jack Miles unterscheidet zwischen Gott und Gott, dem Herrn, um einen bestimmten Gott historisch zu fassen, im Gegensatz zu einem volatilen, wandelbaren Gottesbegriff. Die theologische und geschichtliche Struktur des Buches ist mir an dieser Stille nicht so wichtig wie die Festlegung auf den Herrn. (Jack Miles: God. A Biography. Knopf (NY)1995; deutsch: WBG Hanser 1996). Das Buch ist so stark oder fehlerhaft wie viele Gottesbiographien, aber die Festlegung auf den Herrn wirkt irgendwie anachronistisch? Dass sie theologisch und anthropologisch inkorrekt ist, tut ja leider im Alltag nichts zur Sache. Aber in einer aufgeregten, fast hysterischen Diskussion um Korrektheit und widerstreitende Identitäten – was schon zeigt, wie prekär die Diskurse sind – wirkt der Herr so provokativ wie nur.

Nicht, dass ich mich jetzt an LGBTY heranwanze. Mich nervt im oben beschriebenen Sinn, dass eine obere Instanz „Herr“ uns sozusagen noch mehr belastet und ärgert als wir es uns selber antun.

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Das kommt nicht von ungefähr. Viele erhoffen sich vom Herrn auch Linderung ihrer Ängste oder Pandemie-Verstörungen, weil es in der Tat nicht einfach ist, für sich selbst und andere verantwortungsvoll sich auf neue Umstände einzustellen (und das nutzen der Rundfunkprediger in ihren Morgenandachten hingebungsvoll aus). Diese neuen Umstände haben mit Covid wenig zu tun, das Virus wirkt höchstens als ein Brandbeschleuniger. Die neuen Umstände haben einen Namen: wir müssen uns alle auf diverse Konsumverzichte einstellen, und damit ist die soziale Gerechtigkeit, d.h. also konkret die Unterstützung der ärmeren Schichten in unserer Bevölkerung – wir müssen Steuern erhöhen, wir müssen Konsumgüter und Infrastrukturen nachhaltiger gestalten, und zwar – Brücke zur Herrschaft des „Herrn“ Herrn – alternativlos, wenn wir das Leben auf dieser Erde überhaupt noch längerfristig erhalten wollen. Wir, nicht der Herr. Das alles würde nicht besser, wenn wir bloß ergänzten: Herr & Frau Gott/Göttin, das Neutrum des göttlichen Wesens ist zu wenig anthropomorph und leider gibt es keinen Weg zurück zu den Nymphen und Satyrn und höheren Göttlichkeiten.

Die vielfältigen Lektüren sind durchaus geeignet, das „höhere Wesen, das wir verehren“ (Heinrich Böll) wieder ins Gespräch zu bringen. Ich habe damit in meinem Alltag wenig zu tun, finde aber zu wenig Welt- und Realitätsnähe der Argumente jenseits der faktischen 1,5° und der CO2 Reduktion. Das klingt so abstrakt, nicht wahr? Das hebelt die so genannte Schöpfung aus, die der Herr ja angeblich nach unserem Ebenbild geformt hat. Das Elend des Konstruktivismus….

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Die Unterwerfung unter den Herrn bedeutet auch eine Abwehr und Unwilligkeit gegen Politik (nämlich politisch zu handeln, nicht darüber zu reden). Wenn jetzt jemand dies als eine abermalige Kritik an der Religion liest, mag er oder sie bedenken: Religion als soziale Organisation braucht man gar nicht zu kritisieren, solche Organisationen befinden sich in der ständigen Konkurrenz mit anderen sozialen Gruppen und Institutionen. Mich ärgert die Bevorzugung der Religion vor anderen Institutionen, als hätte der Herr das angeordnet. Da wünscht man sich eine Aphrodite oder Pallas Athene oder die Nymphe Echo als Alternative. Herrgott noch einmal…

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