Aller Seelen Feiertag

Was zu Allerheiligen wirklich gefeiert wird

Zu Allerheiligen am 1. November gedenken Katholikinnen und Katholiken traditionell ihrer Verstorbenen. Seinem ursprünglichen Sinn nach ist der Tag für das Totengedenken allerdings das Allerseelen-Fest am 2. November. Dass sich das Totengedenken mehr und mehr auf den Allerheiligentag verschoben hat, hat vor allem pragmatische Gründe, schließlich ist Allerheiligen ein gesetzlicher Feiertag. (ORF Online 1.11.21)

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Feierliches Gedenken, ist doch schön. Gesetz schlägt Glaubenstradition, noch besser. Richtig auch, dass es um die Verstorbenen geht, und nicht um die Toten.

Stefan George sieht im „Tod der Armen“

Es ist der Tod der tröstet und belebt ·

In dem wir einzig ziel und hoffen sehn ·

Das thor zum unbekannten paradies.

Der ganze Todeszyklus ist weniger erhellend. In diesen Tagen reden viele vom Tod, sie gehen auf die Friedhöfe und kerzeln dort nach Kerzelslust oder räumen das Laub von den welken Blumen. Das alles gilt dem Tod, der ein Speditionsunternehmen für Erinnerungen ist; denn an das Sterben auch der nächsten Menschen kann man sich nur vermittelt erinnern, man sehen dass jemand, leidet, Schmerz empfindet, sich in grausamen Träumen oder schönen Gedanken bewegt, aber man ist nicht dran, noch nicht. Der Tod ist konstruiert wie die Liebe; und deshalb auch eine nicht nur männlich notierte Singularität – vgl meinen Blog zu Marlene Streeruwitz vor ein paar Tagen).  (Wenn er einmal weiblich und nicht so beherrschend ist, wie bei Saramago, da ist die Tod eine wichtige Metapher, uns von der Überhöhung abzubringen. (Saramago 2007).

Mexiko feiert Tag der Toten wieder mit Parade

Mit einem farbenfrohen Umzug in der Hauptstadt haben gestern in Mexiko die Feierlichkeiten zum Tag der Toten begonnen. Hunderte Verkleidete tanzten und musizierten durch das Zentrum von Mexiko-Stadt, teils auf karnevalesk geschmückten Wagen. Tausende Zuschauer und Zuschauerinnen standen am Straßenrand. (ORF ebenda).

Mit dem Tod kann man so was machen, mit dem Sterben nicht. Eine Konstruktion wie Liebe oder Tod kann nur subjektiv glücklich machen, sie hat nur die Bedeutung, die wir geben. Wenn du stirbst, hat das nur eine Bedeutung: es wird dich absehbar nicht mehr geben, es kann dir egal sein, was danach geschieht.

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In diesen Tagen strotzt alles vom Begriff der Erinnerungskultur, und die Totenkulte, die der Verstorbenen gedenkt, der Helden, der Gefallenen, bemüht sich, den Sinn darin zu schaffen, dass sie ausführt für wen oder wofür gestorben wurde. Also für welche Lebenden und Überlebenden, für welche Regierung, für welches Land, bei manchen auch für welchen Gott. Wer mich gerettet hat und dabei gestorben ist, sich geopfert hat, verdient eine andere Erinnerung als jemand, der fürs Vaterland oder dauernden Ruhm geopfert wurde.

Das Sterben wird ausgeblendet, der Tod steht als desinfiziertes Monument auf dem Paradeplatz des Verdrängens (Diskussionen über Covid zeigen das meistens). Hingegen: welche deutsche Politik kümmert sich um das Sterben der afghanischen Flüchtlinge im polnischen Stacheldraht, die von dortigen Klerikofaschisten geopfert werden, nur weil Belarus noch schlimmer ist? Der Tod als Spielzeug der Tyrannen. (Nicht vergessen: die deutsche Politik steht in diesem Punkt an der Seite Polens!).

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Aller Seelen. Weil die Christen Angst hatten, im toten Körper keine Seele zu finden oder davor, dass diese Seele gerade bei dem ersten Sezierschnitt entfleucht, haben sie die Leichenöffnung lange verboten. Jüdische und muslimische Ärzte waren damals besser…Die Auferstehung hat noch wenige Comedians gefunden. Denn wer will eigentlich, dass das ganze Gesindel, das so viele Menschen zum Sterben gebracht hat und auf den Lebenden herumgetrampelt ist, auch noch ewig lebt, neben denen, die sich gerne im Jenseits erholen würden, bevor ihnen das auch langweilig wird?

Bleibt die Erinnerungskultur. Die trennt im besten Fall zwischen der Erinnerung an das Sterben eines geliebten oder sonst wie wichtigen Menschen, an das erzählte Leiden der namenlosen Flüchtlinge, der Katastrophenopfer – und der Erinnerung an den Tod: mit jedem Tod rekonstruieren und verändern wir unsere eigene Biographie, die Erinnerung an uns selbst.  

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Rappelle-toi Barbara
Il pleuvait sans cesse sur Brest ce jour-là
Et tu marchais souriante, épanouie, ravie, ruisselante sous la pluie

…Des chiens qui disparaissent au fil de l’eau sur Brest
Et vont pourrir au loin
Au loin, très loin de Brest
Dont il ne reste rien

(Jacques Prévert)

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Die Erinnerung erweckt das Leben dort, wo es nicht, niemals, zu wiederholen ist (das wäre Philosophie). Weniger lyrisch lässt sie uns nicht los, es sei denn, wir verdrängten, was erinnert werden kann. Darum, auch zu Allerseelen, macht der Tod niemals traurig, denn

Es gibt keinen Tod. Es gibt nur mich, der stirbt (André Malraux).

Saramago, J. (2007). Eine Zeit ohne Tod  Reinbek, Rowohlt.

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