Impfen statt Schimpfen. Ich bin so frei

Ganze Bibliotheken, Studienpläne, Predigten und Kommentare nutzen den Begriff der Freiheit ab wie eine matt glänzende Türklinke. Ich bin so frei…wenn jemand ungebeten ein Zimmer oder einen Körper betritt.

Die Impfverweigerer berufen sich auf ihre Freiheit, und die politischen Schmalhirne nehmen das hin, weil sie zwei Irrtümer dogmatisieren: erstens sei es das Grundrecht eines Menschen, über sich selbst zu entscheiden – das ist ja schon beim Rauchen problematisch, aber dort ist die direkte Ansteckung wohl geringer als bei Covid. Zweitens würden die Einschränkungen, die Ungeimpften angedroht und selten verwirklicht werden, das Risiko der Infektion weit übersteigen.

Reflektierte Liberale würden hier auf die die Verantwortungsfähigkeit von Skeptikern und Verweigerern hinweisen: die werden sich schon impfen lassen, wenn sie überzeugt sind. Dass mittlerweile mehr Menschen sterben als notwendig, nehmen wir im Namen der Freiheit in Kauf.

Die Medien sind voll von allen Varianten des Freiheitsgemurmels, nur weil die Regierungen nicht konsequent handeln und jede Partikulargruppe mit ihren partikularen Interessen sich relative Standortvorteile sichern möchte, – nicht selten im Namen von Freiheiten und Grundrechten.

„Irgendwas muss getan werden, das wird in diesen Tagen immer deutlicher. Aber was? Während der Bund vor einem Jahr noch ohne große Proteste einen Lockdown durchsetzen konnte, ist die Situation mit Geimpften und Ungeimpften heute sehr viel vielschichtiger. Ratlosigkeit und Angst vor neuen Zumutungen mischen sich unter die vielen Stimmen, die sich jetzt melden.“ (tagesspiegel, Morgenlage 3.11.2021)

Das schreibe ich nicht, um eine philosophische Debatte aufzumachen: kann ich gar nicht, bin auch zu müde, – und zu beschäftigt z.B. mit afghanischen Flüchtlingen, meiner Lehrveranstaltung und anderen naheliegenden Problemen. Ich ärgere mich, dass mir dieses Freiheitsgebrabbel die Chance nimmt, meine Argumente für eine unbedingte Impfpflicht zu überprüfen.

In der Tat würde das vielen Personen einiges abverlangen, Widerstand hervorrufen, und echte sowie angebliche FreiheitEN (Plural ist hier ganz wichtig) einschränken. Das kann man nicht „einfach“ damit begründen, dass das Leben, Überleben, noch wichtiger sei als die Freiheiten, weil man diese ja nicht ausleben kann, wenn man gestorben ist. Trivial…? Sagen Sie das einmal Frau Wagenknecht. Würde ich eine Impfpflicht per Gesetz (nicht per Dekret) anordnen, müsste ich Sanktionen benennen, und diese durchsetzen wollen…gar nicht so einfach: wie bestraft man einen maskenlosen grinsenden Trottel, der alle andern Fahrgäste im Regionalexpress provoziert und vor dem die Schaffner kuschen? Zunächst: Sanktionen sind nicht immer Strafen. Aber dann…was tun?

Ich bedaure, dass es keinen breiteren Diskurs zur Ordnung der Freiheiten gibt. Die Brennpunkte der politischen Ellipse – marktliberale Freiheit des Einzelnen oder staatlich verordnete Einschränkung der Freiheit als Ausdruck von ?legitimer? Macht – sind nicht interessant. Im gesellschaftlichen Feld konkurrieren die Freiheiten unablässig und oft nicht koalitions- und kompromissfähig. Und hier liegt eine Schwäche des aktuellen Systems. Die wäre vielleicht geringer, wenns nicht Covid wäre, sondern die Pest. Dann würden die einen ins Decameron flüchten und die andern eben massenhaft verrecken, die Begründungen sind selbst dann egal, wenn sie nicht oberflächlich sind. Aber so erträgt man das Chaos um Covid, weil es ja zunehmend die trifft, die es nicht besser verdienen. Und die auf unser aller Kosten behandelt werden, wie alle Kranken, die ja an der gesellschaftlichen Lebensform im staatlichen Rahmen als krank anerkannt sind.

Die Freiheiten, die anderen das Leben erleichtern oder verlängern…das klingt so karitativ, aber ich meines ganz trocken, fast autoritär, ich nehme mir Freiheiten, die mir zustehen nicht, aber keineswegs als Verzicht, sondern als Politik (wie steht es mit der Reflektion des Rauchverbots? Oder mit den Restriktionen im Namen der Gleichheit zugunsten von Menschen mit Einschränkungen? Aber gerade an Covid toben sich die marktliberalen oder autoritären Wortfetzen aus).

Ja, gut: wie begründe ich den Aufruf zur (gesetzlich) angeordneten Impfpflicht denn nun wirklich? Einfach. Weiter leben, auch leben lassen, ist die Bedingung zwischen Freiheiten auszuwählen, und zwar begründbar – und leider, aber zu Recht, begründungspflichtig. Im Falle der Impfung stößt eine Freiheit an ihre Grenze. Dennis Yücel fordert die Meinungsfreiheit auch für unerträglich dumme Meinungen – implizit: solange sie nicht real schaden, und dann keine Meinung sind, sondern Tat, Gewalt, … Es geht aber nicht um Meinungen zum Impfen. Das gefühlsmäßige Misstrauen oder die Unfähigkeit, eine Statistik zu lesen, erlaubt noch keine populistische Politik zu betreiben oder zu unterstützen. Die nicht mehr überraschende Antwort ist, dass die Aufklärung noch nicht an ihr Ende gekommen ist. Das gefährdet Freundschaften, Positionen, Beziehungen, Selbstverständnis…aber wer sich einer Pflicht unterzieht, muss ja vielleicht mit seinem oder ihrem Leben etwas anfangen wollen und können.

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