Der Riss geht durch die Kontakte

Der Riss zwischen Deutschland und Österreich, zum Beispiel. Wie im letzten Blog (Wien weint anders) beschrieben. Und es ist nicht so, dass das jeweils andere Land das bessere oder schlechtere ist, je nachdem, wo ich mich gerade aufhalte. Dazu sind die Unterschiede zu subtil und zu groß, gleichzeitig.

Ich kann nur andeuten, was mich seit drei Tagen beschäftigt, Arbeit und an ihrem Rand Kommunikation mit Freunden und Bekannten. Dabei wird, nicht zufällig, die zwar unterbrochene, vielleicht auch gebrochene, Kontinuität des Faschismus in Österreich aufgezeigt, bisweilen bis in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Das ist nicht banal, weil der Austrofaschismus des jetzt wieder exhumierten Dollfuss (+ 1934, von den Nazis ermordet) offenbar kaum entstaubt werden muss, um als solcher bekannt und erkannt zu sein. In vielen Diskussionen sehe ich mich bestätigt, dass a) Faschismus und Nationalsozialismus nicht deckungsgleich sind, und der erstere viel weitere Spielräume eingenommen hat, dass b) das Überwechseln von Austrofaschisten zu den Nazis und das Rückwechseln zu den Konservativen (nicht nur in der ÖVP) die Aufarbeitung und reale demokratische Umkehr geradezu blockiert hatte, weshalb c) meine subjektive gute Erfahrung mit 68, Kreisky, Firnberg usw. in vielen Fällen nur Milderungen und illusionäre Verallgemeinerungen waren, und ich mich heute freue, wenn es noch einige unangetastete Idole gibt. .

Natürlich sprechen viele Fakten und Erscheinungen der Politik, Nachkrieg, Nach-68, gegen diese Sicht. Nach-89 hingegen macht sie wieder diskursfähiger, schaut euch doch Kurz, Nehammer & Konsorten an. Aber das wäre zu personalisiert, zumal das faschistoide Rhizom auch bei den Sozialdemokraten durchaus seine Organe gefunden hatte und hat. Bei den Nazis von den Post-Nazis von der FPÖ ist es komplizierter, weil da noch die Spaltung in deutsche und österreichische Faschisten, in den retro- und den präsenten Faschismus eine Rolle spielt. Aber zurück zum Hauptstrang.

Warum, fragen meine klugen, traurigen, entmutigten Freunde, warum hat sich das so gehalten, wo doch eine nicht nur intellektuelle Opposition dagegen, vor allem in Wien, glaubwürdig dagegen aufgestanden ist und weiterhin die Stimme erhebt? Und warum ist es so, trotz der Belege für das andere, das demokratische, das nicht auf eine Ethnie geschrumpfte Österreich?

*

Ich würde gerne die Unterschiede zwischen Deutschland und Österreich weiter ausdifferenzieren: warum eigentlich? Naja, der doppelte Staatsbürger hat gestern im Erdgeschoss des herrlichen Schlosses Mirabell seine Personaldokumente unbürokratisch, schnell und kostspielig erneuert; das herrliche Schloss, natürlich für eine Freundin eines Bischofs etwas zu groß, war auch Schauplatz meiner Hochzeit vor zehn Jahren; bei früheren Hochzeiten war ich auch schon dagewesen, und es steht, was Lokalität und Ambiente betrifft, 1:0 für Österreich. Danach laufe, ich, Bekannte, Freunde, Nachtquartier aufzusuchen, und trotz aller Gewichte der Erinnerung (da war ich so oft, so lange, und die Sommer waren damals viel länger…., und die Wochenenden), trotz aller Regression nutze ich den langen Fußweg, in drei Etappen 8 km, zum Bedenken des anderen, gegenwärtigen Drucks auf mir. Wenn das Thema „rechtsradikales Erbe“ aufkommt, fallen zwar die negativen Vergleiche leicht, aber die Verdrängung dessen, wovon man weiß, dass es unter der dünnen kultivierten Oberfläche ganz wach ist, ist so unvollkommen, dass man auch von der Verdrängung weiß.

Da sage ich einmal, beiläufig, dass ich einige Gedichte von Weinheber gut gefunden habe, wurde zurechtgewiesen, ein Nazi. Unerträglich. Heute lese ich, dass das in einem neunen Buch (Einem kultivierten Wienführer: Ilsa Barea, Wien. Edition Atelier 2021. In den konservativen Salzburger Nachrichten wird eben dies gerügt, dass Weinheber hochgelobt wird, aber seine NS und antisemitische Vergangenheit abermals unterschlagen wird. Diese Routine, nicht nur anhand W., wird von meinen GesprächspartnerInnen am schärfsten gerügt, es hat sich so wenig geändert. Und ich könnte n+1 Beispiele bringen, sie sind übrigens bestens dokumentiert (da nehmen sich die beiden Länder nichts), aber etliches ist „anders“. Darum geht es mir auch und zuvörderst. Die Österreicher, bis auf einen kleinen Nazirest innerhalb der Rechten) wollen sich ja nicht „deutsch“ verstehen, während die Deutschen Rechten und nicht nur die, ganz deutsch sein wollen. Das Vielvölkergemisch  der alten Habsburgermonarchie hat einiges an nationalen und nationalistischen Identitäts- und Authentizitätspirouetten geschlagen, aber man wollte nicht sein, was man nicht sein konnte (kulturell, genealogisch) und durfte (Deutsch-Österreich nach 1919). Das hat erstaunlich Progressives hervorgebracht und fürchterlich Faschistisches. Aber das Eine hebt niemals das Andere auf, und es gibt auch keinen Durchschnitt. Da unterscheiden sich die beiden Länder erheblich.

Egal, könnte man sagen, wenn eine dritte Dimension, also weder D noch A, dazukommt: dass in allen Gesellschaften Residuen von Faschismus aufzufinden wären, dass sie wie Rassismus, Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit, religiöse Intoleranz etc. nicht auf die ethnische Zusammensetzung und kaum auf das gesellschaftspolitische Modell zutreffen bzw. aus ihm abzuleiten sind. Sozusagen eine Konstante, die überall auftreten kann, über all auftritt, nur unterschiedlich wirkungsvoll, intensiv und erkennbar.

Zu diesen Thesen habe ich mehrere Regalmeter zuhause, auch viele digitale Quellen und noch mehr Gespräche, und es ist alles, auch im besten Fall, unabgeschlossen. Der Faschismus ist langlebig und ubiquitär, wie ein Spötter in meiner Jugend sagte, wie der Fußpilz. Also, folgert der Berater, keine übergreifenden Theorien, in der Praxis und im Konkreten reagieren.

Ein schwerbehinderter Sterbender sagte seinem Sohn kurz vor dem Tod, dass er, wäre er kein Krüppel gewesen, auch Nazi hätte werden können – er war zeitlebens ein linker Widerstandsgeist, kein Held. Eine Tante sagte mir, dass jeder von uns auch ein Faschist hätte werden können, wenn wir nicht ohnedies jüdisch gewesen wären[1]. Davon gibt es  unzählige Varianten. Ich nähere mich dem Unbehagen dabei aus der Perspektive, dass ich das in immer neuen Varianten über die Vergangenheit so sagen kann, aber wenn es um die Zukunft geht, wird es heikler: können Sie sich vorstellen, in Zukunft Faschist zu sein? A so a Bledsinn, sagt ein österreichischer Freund. Ich kenne aber Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit, Konversion vom Faschismus zur demokratischen Praxis, auch in der anderen Richtung.

Und obwohl ich den größten Teil meines erwachsenen Lebens, also vor allem meines Berufslebens, in Deutschland und als Deutscher gelebt habe, erkläre ich mir dieses Phänomen in Österreich viel aufwändiger und mühseliger. Wie sind die mehr oder weniger offenen Faschismen der Naziparteien AfD oder FPÖ und der mit ihnen affinen Ränder demokratischer Parteien zu erklären, zusätzlich zur intellektuellen und moralischen „Rückständigkeit“, die ja auch der Deutung harrt. Bildung ist nicht alles.

Wie ich dazu komme, das jetzt, heute, in der coronaschwätzigen Vorweihnachtszeit, zwischen D und A reisend, hautnah zu bedenken? Eine kurzfristige Erklärung wäre, dass das Gleiche in den beiden Ländern doch sehr unterschiedlich in die Gesellschaft hineingetragen wird, Diskurse und Narrative prägt, mit einem Wort, derselbe Faschismus tritt gut verkleidet jeweils an die ihn umgebende Kulisse angepasst auf.

Eine Antwort ist so trivial, wie für die Differenz absolut bedeutsam. Dass Österreich zwei Faschismen hintereinander durchlebte, und dass der Austrofaschismus und die Nazis zwar kontrovers und konflikthaft, aber ideologisch nur teilweise antagonistisch waren, erklärt vieles, das man sonst nicht verstehen kann.

Dass der radikale Umschwung westlicher Lagermentalität vom glaubwürdigen Antinazismus zum ambigen Antikommunismus im Kalten Krieg das neutrale Österreich besonders erwischt hat, darf man ebenfalls nicht vergessen. (Im hervorragenden Sammelband zur Amerikanisierung/Verwestlichung Österreichs von Bischof und Pelinka 2004[2] wird dieser Aspekt so gut wie nicht bearbeitet, am ehesten noch kulturell, aber dann nicht explizit – für Außenstehende also rätselhaft.

Eine dritter Aspekt ist geradezu schmerzhaft präsent: die dünne Haut des Verdrängens und Vergessens wird andauernd und teilweise brutal aufgerissen, auch wenn wenig realer Anlass besteht: die Ursachen sitzen tief, ein unvollkommen eingehegtes Geflecht nicht absterbender Vergangenheit, Präterito-Präsens. Das kann man gut am neunen Innenminister Karner, einem Lokalpolitiker der dritten Reihe mit einem wenig erbaulichen Lebenslauf studieren: dass er aus dem Dorf des Dollfuss-Museums kommt, das er von seinem Vorgänger übernommen hat und sogar modifizieren wollte, zählt nicht. Dollfuss ist wieder da, obwohl er nie weg war[3]. Wie nun die Faschismen zusammenhängen, ist eine Frage; die andere ist, was die unbewältigte Vergangenheit bis heute transportiert, abgesehen von der föderalen Opposition gegen das „rote“ Wien allenthalben, v.a. aus Niederösterreich – ein Nebenstrang, eine Angina politica.

Die vierte Frage weckt nur bei den Älteren Aufmerksamkeit. Österreich war einmal ein sehr katholisches Land, anders als Polen – hier wären Vergleiche interessant, wieder eine Differenz. Die katholische Erbschafdt des Austrofaschismus wiegt wirkungsvoll schwerer als die des österreichischen Katholiken Adolf Hitler (Friedrich Heer), der darüber sich weniger definieren lässt als durch andere Attribute. Aber da habe ich selbst die Spaltung bis in die Schulen, Universitäten erlebt, vom Kardinal König bis zum abtrünnigen Adolf Holl, den ich noch ganz gut kannte, und bis zum Neuen Forum des Günther Nenning, wo ich eine Zeitlang arbeite und eine frühe Alice Schwarzer und Ivan Illich und die tschechischen Demokraten von 1968 kennenlernte… (hier hängt alles mit allem zusammen). Zwar hat sich die Mitgliedschaft der Kirche halbiert, vor allem wegen Missbrauchs, aber das katholische Substrat ist nach wie vor in dieser Gesellschaft wirksam, Mainstream und Widerstand. Wie es in meiner Jugend gewirkt hat, konnte mich zwar nicht langfristig prägen, aber es hatte mich beeinflusst – und damals den Faschismus ausgeklammert. Der kam später ins Bewusstsein, zugleich mit dem realen und nachgeholten Jüdischen. 

Diese Fragen beantworte ich nicht, schon gar nicht hier im Blog. Aber die Differenz zu Deutschland wird schon an der faschistischen Doppelgeschichte deutlich, im basso continuo der völlig anders gestrickten Sozialdemokratie, nach dem Ersten Weltkrieg, fast bis heute. Dass es diese Fragen gibt, wirkt aber in die Politik hinein, einschließlich meiner Erinnerung von früher Kindheit an, einschließlich Kardinal Innitzer, studentische Widerstandsrhetorik auf der Linken, unverschämte Offenheit der Rechtsradikalen, von den Burschenschaften bis hin zu den Freiräumen, die dem verhüllten Faschismus gewährt wurden, weil und obwohl wahrscheinlich die kulturelle Opposition in Österreich viel aussagestärker war als in Westdeutschland, und sich auch vom vereinten Deutschland unterscheidet – Thema für viele wissenschaftliche und kulturelle Arbeiten.

Aber im Kern quält mich die Beobachtung, dass sich auch ansonsten eher vorbildliche Sozialdemokraten lieber mit Ex-Nazis verbündeten um gegen die Ex-Austrofaschisten zu arbeiten. Und dass der Austrofaschismus natürlich von Seipel vorbereitet und von Dollfuss initiiert und von Schuschnigg exekutiert wurde, aber viel weiter zurück wurzelt in der Monarchie in all ihren kontroversen Stadien – das wissen wir alles, und doch folgt so wenig daraus. Obwohl, und das ist mir wichtig, ich kaum eine bessere und kritischere und genauere Aufarbeitung aus der Sicht demokratischer Politik und Kultur kenne als in Österreich (Befreundete Namen nenne ich hier nicht, um niemanden wichtigen auszulassen).

Obwohl, so müsste ich diese Überlegungen übertiteln.

Hier liegt das Unbehagen daran, dass und was ich an Österreich um so viel besser, nicht nur anders, als in Deutschland empfinde – und wenn ich es nenne, kommen die VertreterInnen des Obwohl zum Vorschein und sagen mir: der war doch auch…

Aber das war auch: nach 1933 und vor dem Anschluss (nicht sog. Anschluss, angeschlossen werden…1938) fanden viele jüdische Deutsche wenigstens zeitweilig eine Bleibe in Österreich, auch unter den Austrofaschisten. Also mitten in einem konkreten Antisemitismus, der bloß kein überwiegend naturwissenschaftlich gestützter war. Wie das? (Und vergessen wir nicht, in beiden Ländern diffamieren jüdische Extremisten jeden Kritiker der korrekten Position als Antisemiten, weil das alles in der Israelkritik und der Religionskritik und der Kritik als Vernunft ja so angelegt ist, als wäre die Wirklichkeit eine jüdische Erfindung…schön wär’s).

Dann die letzten Jahre, erst beherrscht von SPÖ Medien-Untergebenen wie Klima, Faymann, und dann der schreckliche ÖVP-türkise Sebastian Kurz, der solange es ging mit den Faschisten von der FPÖ zusammenregierte, und dann…türkis-grün ist schwer zu vermitteln, ich weiß, Obwohl. Jetzt ist wieder die Rückschwärzung im Gange. Vergleiche dazu die erste Bilanz des Kanzlers Nehammer, nach einer Woche: Karl, der Nächste[4].

*

Werte LeserInnen dieses Blogs: fragen Sie sich, was ich mit diesem Blog „eigentlich“ sagen wollte? Als Gegner der Eigentlichkeit wohl eher die spracharme Erkenntnis, dass die Rhizome des Antisemitismus, der faschistischen, also gegendemokratischen Weltanschauungen sich in Österreich ganz anders gehalten haben als in Deutschland (von der Differenz bin ich ja ausgegangen), und dass mich das seltsamerweise ermutigt, nicht resignieren lässt, weiter auch hier in Österreich in Projekten, Diskussionen und mit Freundschaften zu arbeiten, die dieses absurd nie-abschließbare, unabgeschlossene Kapitel eines Landes, das nie Staat, Nation oder Volk war noch sein wird, weiter einzuschreiben, auch in meine Biographie. *

Drei Tage zu früh für Festtagswünsche, und wer weiß, was dazwischen noch alles geschieht.


[1]  Ein Pendant sagte noch deutlicher, dass die Austrofaschisten schlimmer gewesen seien als die Nazis, wenn es die Shoah nicht gegeben hätte. Hier die Begründung zu suchen, nicht den unsinnigen Satz selbst zu dekonstruieren, ist wie ein klimatischer Wind, der durch Österreich weht.

[2]  Bischof, Günther und Pelinka, Anton (eds.): The Americanization/Westernization of Austria. Contemporary Austria Studies, Vol. 12, New Brunswick 2004

[3] https://www.derstandard.at/consent/tcf/story/2000131835189/rot-gruener-druck-auf-innenminister-karner-wegen-dollfuss ¸ https://zackzack.at/2021/12/19/die-oevp-und-der-austrofaschismus-karner-und-dollfuss/ (alle 20.12.2021 u.v.m.)

[4] Klenk, Florian und Toth, Barbara: Karl, der Nächste. Falter 49/21, 12

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