Komm, süßer Tod, und stirb nicht.

So ein trauriger Titel…? Nein, gar nicht traurig. Wenn jemand stirbt, ist es für diesen Menschen fast immer nicht besonders schön, nur selten eine Erleichterung oder eine Erlösung, und für die anderen meist etwas, das man so genau nicht wissen will. Deshalb hat man ja den Tod. Den gibt es zwar nicht, aber füllt die Gedichtsammlungen, Romane, Religions- und Gesetzestafeln, die Bildergalerien und vieles im Alltag, bis hin zur Todesstrafe (obwohl man gerade den Tod nicht bestrafen kann).

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In diesen Tagen der reifen Covidpolitik geht es den meisten Politikern, aber auch den Impfgegnern und Verschwörern, und schon gar dem protestierenden Pöbel nicht ums Sterben, also nicht um das Leid konkreter Menschen, das sie mitverursachen (ob sie das so wollen oder nicht, hat wenig zu sagen). Längst hat der Diskurs abgehoben und lungert über uns herum wie eine große, graue Wolke. Eines macht mir, wenn ich das schreibe, Sorge: was immer man dazu sagt, knallt wie eine Schleuder zurück, und sagt man nichts, gilt es als Einverständnis mit sehr viel dummen Sprüchen. Die ich längst nicht mehr sammle…

Nun wird von einem weiteren Tod gesprochen, der auch näher an ein massenhaftes Sterben heranrückt, hinter einem Vorhang, auf dem Kriegsgefahr grell aufgemalt ist. Man soll nicht so tun, als wäre der Aufenthaltsort von hunderttausenden Soldaten der Russen und zehntausenden des Westens weit ab von jeder Gefahr, solange sie jeweils dort bleiben, wo sie sind. Denn in fast jedem denkenden Menschen gibt es hier Assoziationen, aus den Geschichtsbüchern oder aus der Erinnerung, und wenn es bei den Zeitzeugen, den wenigen, dann noch Erleben war…1914, 1939, 1968, oder ganz einfach bestimmte „Ereignisse“, die wahlweise als Krieg, Gegenwehr oder Ordnung bezeichnet werden. Auch eine Assoziation kann Gewalt vorbereiten oder zurückdrängen, es kommt also darauf an, in welchem Kontext man sie durchdenkt.

In manchen Diskursen erkenne ich die moderne Fassung des gordischen Knotens: Lieber Krieg und die Entscheidung über Leben und Tod anstatt unentwegt vor sich hinzu dümpeln, zu atmen, aber ausweglos unlebendig nicht zu tun, was zur Entscheidung ansteht. Das war vor dem ersten Weltkrieg ganz häufig angesagt und später immer wieder…meistens, aber nicht immer ganz rechts oder ganz philosophisch verbrämt.

Es ist der Tod der tröstet und belebt · In dem wir einzig ziel und hoffen sehn …“ übersetzt Stefan George Baudelaire, 1901…Viele haben sich von der Todesattraktion abgewandt, als sie mit dem Sterben, und davor mit Hunger, Not und Unterdrückung konfrontiert waren.

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Im Tod eine Hoffnung zu sehen, weil man nicht tut, was man weiß, dass es notwendig ist, oder weil man sich nicht entscheiden kann, das zu tun, was am nächsten oder am Übernächsten liegt. So einfach machen es einem nur die Philosophen nicht, aber in der Politik wäre das schlimm genug; ist es.

Um den Tod zu umzirkeln, solange er nicht massenhaft da ist, Seuche oder Krieg, redet man sich die Kehle von Freiheit(en) heiß, die man nicht mehr begründen kann (lächerlich, sie mit Masken in Verbindung zu bringen oder mit der Entscheidungen des Einzeln, ob er andere anstecken, also töten, will oder nicht; oder auch, ob man den Krieg heranzieht, weil er ein freies Vorfeld für neue, frische Entscheidungen schafft – so oder so: lächerlich, Nordstream 2 noch im Gefangenenlager behalten zu wollen).

Das Sterben wird verdrängt, abgeschoben, auch, weil man weiß, es ist ein Weg ohne Umkehr, während der Tod ja als Murmeltier immer wieder aufgerufen werden kann, von den Jenseitsschwurblern und den Heldengedenksteinsetzern … nur die Toten können sich nicht wehren, die Sterbenden schreien wenigstens noch oder seufzen…

Oder einfach einmal das pathetische Gebrabbel der vernünftigen Praxisverweigerung abschalten; am besten beides.

Es ist den geneigten LeserInnen nicht entgangen, dass es in diesem Blog einen thematischen Bruch gibt. Mir geht es nicht um Covid oder die Ukraine, d.h. es geht mir schon um beides, aber dazu reicht ein momentaner Blog nicht. Mir geht es darum, dass mir bestimmte brandgefährliche Diskurse und Diskussionen auf die Nerven gehen, weil sie reale Gefahren schon als Farce abbilden, bevor die Wirklichkeit uns keine Wahl lässt.

Dazu gehört auch das Geschwätz von Freiheit, das den Begriff und seine Bedeutung auf das Ebene von Discountern und Pöbel herunterstuft. Da kann man gut nachhören, wie dem zu begegnen ist, – Lindner und der AfD zum Trotz.

Schale Freiheit – Nachdenken über einen zerfledderten Sachverhalt von Jean Pierre Wils, DLF 13.2.2022 9.30

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