Global am Ende der Welt?

Langsam hat sich die Globalisierung als umfassende, fast alles bestimmende Dimension in unsere Diskurse zur Zukunft der Welt eingefunden. Sie wurde nicht eingesetzt oder konstruiert, zusammengesetzt aus Einzelteilen, sie war erst allmählich, und dann immer da.

Schnell fanden sich Propagatoren ihrer Vorzüge und ihrer Nachteile.

Globalisierung löst die obsolet gewordenen Nationalstaaten ab, ohne Nationalismen keine Ethno-nationalismen, keine lokale Demokratie ohne die aller anderen, keine Information, die nicht allen zugutekommt, „He’s got the whole world in his hands“, wie es im Gospelsong heißt.  Die ganze Welt, das ist doch was. Keine Grenzen der Digitalisierung, keine Reisebeschränkungen, keine Ware, die nicht überall produziert werden kann, überall hin transportiert wird, und überall konsumiert werden kann. Dass das möglich sein wird, dafür sorgt der global notwendige soziale Ausgleich.

Da sehen andere das ganz im Gegenteil: wenn irgendwo eine Lieferkette unterbrochen wird, wenn ein Sender abgeschaltet wird, wenn ein Land ein anderes überfällt, wenn die Menschen einer Region die einer anderen schon gar nicht verstehen, wenn sich die Religionen nicht vertragen, obwohl alles gleich sein muss, um gleich und gerecht zu sein…nein, das geht gar nicht.

Die Antiglobalisten haben in diesen Tagen anscheinend mit fast allen Argumenten Recht, die Globalisierer können nur darauf verweisen, dass sie die Zukunft im Prinzip global oder gar nicht gestalten können. Klimawandel als Paradigma.

DAZU, liebe Leserin, lieber Leser, gibt es sehr viel und ziemlich eindeutige Literatur.

Ich will einen anderen Aspekt herausholen. Globalisierung ist ein überwiegend vom Westen geprägter Begriff, und bekanntlich ist der Westen bislang von klugen Leuten leichter zu definieren und differenzieren gewesen als der „Osten“ oder der „globale Süden“, die „“ zeigen ja, noch steht der Begriff für uns nicht fest. Das ist in diesen Tagen doppelt wichtig: wir können zB. über die Fehler des Westens uns ausbreiten, die schließlich den Angriffskrieg der Russen gegen die Ukraine provoziert haben, aber wir wissen, trotz so genannter Geheimdienste, nicht wirklich, was im Osten vor sich geht. Wirklich nicht? Das andere Beispiel ist mir heute wichtiger: Unter Global verstehen wir einigermaßen richtig, dass es um die ganze Erde geht. Was ist die Gegenseite, nicht unbedingt das Gegenteil, von Globalisierung?

Die Entdeckung der Lokalität ist nicht wirklich neue, frühe und präzise Globalisierung-Kritik hatte auch ihre Stärke und wirkt bis heute: Zygmunt Bauman ist dabei ein ganz Großer, ein Anreger (Bauman 2001)(Bauman 2005) u.a. Der schöne Begriff der Glokalisierung stammt m.W. auch von ihm.

Der etwas zu platte Slogan „Global denken, lokal handeln“ weist auf ein wichtiges Problem: was bedeutet es für Inter-Nationalität, wenn es nationale und regionale Verdichtungen von Produktion und Auslieferung gibt, wenn Transaktionskosten gesenkt werden, wenn transnationale Verträge gekappt werden?

Auch hier quellen die Dokumentationen und Analysen über, aber es gibt einen ins Unbewusste abgedrängten Aspekt. Bedeutet am Ende die Renationalisierung, die Lokalisierung, die Verdichtung der Kommunikation nicht einen neuen Nationalismus? Bede3utet sie nicht die Stärkung von Autokratien und lokaler Personalisierung, das Ende des Kosmopolitismus – der sich dann auf die boomenden Urlaubsreisen in die unpolitischen Enklaven der Hotelstrände beschränkt?

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Und vor allem: was bedeutet diese Entwicklung für das Klima? Will man sich lokal sanieren, muss man oft naturgeschützte Landschaften kleinteilig angreifen? Und der globale Süden kommt als Rohstofflieferant so unter die Räder wie Zulieferungen aus den schlimmsten Diktaturen, wenn nur die nationale Wirtschaft nicht stockt? Ich mache die Fragezeichen, weil es hier um Fragen geht, um Fragen, die die Diskurse längst stellen und oft ethnonational beantworten. Man kann das auch globalen Rückschritt nennen, zu dem auch schon Corona eingeleitet hat.

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Das sind Fragen, zu denen es keine Antworten gibt, an den Stammtischen oder in der dünnen Luft der Regierungsspitzen in Floskeln darum herumgeredet. Der Krieg der Ukraine ist auch einer, der unsere Humanität leicht abschwächt, gerade weil sie ein noch von fast allen geteiltes Objekt hat (die aus der Ukraine Geretteten): win-win, sagt nicht nur die Wirtschaft. Sie sagt das zur Rettung, sowie sie ihre Laufbänder laufen sieht, ohne den täglich 300 Covid-Toten die gebührende Achtung und Hilfe (im Gesundheitswesen) zu gewähren.

Die „alte“ Globalisierung ist so oder so zu Ende. Die neue kann nicht mehr stabil sein, wenn Staaten sie ohne Rücksicht auf ihre Gesellschaften aushandeln. Kosmopolit ist, wer die Welt in seine oder ihre Gesellschaft hereinholt und sie an Ort und Stelle wiederfindet und dann wiederum hinausführt. Fridays for Future also nicht nur klimabezogen, sondern auch Lebensqualität und Kommunikation im Fokus; das geht nur mit Menschenrechten, und streng traditional, ohne die Abspaltung der Ökonomie von der Politik, wie jetzt, zur Zeit, üblich und manchmal notwendig.

Dazu kommen weitere Fragen: warum werden der Osten und der Süden meist von denen in Gedanken mitgetragen, die den Westen eher kritisch sehen? Das ist nicht nur eine Frage der Prioritäten in der Forschungspolitik, sondern gehört zum Alltag sich politisch verstehender Alltagsmenschen? Die Diktaturen aller Ecken betrachten solche Gedanken als Gefahr, sie zensieren, verbieten, strafen…das zeigt, dass etwas Wahres dran sein muss. Umgekehrt, sie lügen selbst nicht, darum steckt auch in ihren Aussagen kein Stückchen Wahrheit, wie Hannah Arendt sagen würde, nein, sie lügen nicht, sie sind nackt wie der Kaiser oder Zar. Oder, im Falle Putins, wie Hitler oder Stalin. Und viele haben verlernt, ihren ausweichenden und besänftigenden Zweifeln zu misstrauen, die das berühmte „Hinterheristmanklüger“ schon als Entschuldigung gelten zulassen. Wiedergutmachung ist das keine.

Nachsatz: ich zitiere hier nicht die umfangreichen Belegstellen. wer schnell lesen will und kann: Bernd Ulrich: Sieben auf einen Streich, ZEIT24.3.2022, S. 4. Über die Verzahnung der Krisen, deretwegen es kein Zurück gibt, weder zur Normalität (sagt Ulrich) noch zur Globalisierung (sage ich)

Ohne Antworten zu leben, macht schlaflos.

Bauman, Z. (2001). „Identity in the globalising world.“ Social Anthropology 9(2): 121-129.

Bauman, Z. (2005). Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne. Hamburg, Hamburger Edition.

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