Es regent…ebent

Sagen die Kinder. In diesen düsteren Tagen, mit Krieg, verantwortungsloser Covidhampelei und wohlständiger Selbstverteidigung, gerät der Alltag aus dem Blick. Alltag…das ist die rasante Vernachlässigung der Klimakatastrophe, die die Enkelinnen und Enkel der Kriegstreiber und der Kriegsopfer gleichermaßen noch früher ersticken lassen werden als das ohnedies zu befürchten ist.

Das ist Grund zur Sorge, zur Opposition in der Politik, zu Selbstbewusstsein und Selbstdisziplin. Aber keinen Grund sich triste der selbst auferlegten Depression hinzugeben und seine Untätigkeit zu rechtfertigen. Das gute Leben im Schlechten gibt es nicht nur in der Philosophie.

Heute regnet es.

Rappelle-toi Barbara
Il pleuvait sans cesse sur Brest ce jour-là
Et tu marchais souriante –> sagen wir, sie lächelt im Regen
Epanouie ravie ruisselante –> sagen wir: es fühlt sich gut an
Sous la pluie….

(Jacques Prévert)

Das Gedicht hat mich lange begleitet, und man stellt sich eingangs triefende Freude vor. Aber natürlich ging es darum nicht, sondern um den Regen der Geschoße, der die Freude der Liebenden zerstört. Lest das Ganze (https://www.bing.com/search?q=jacques+pr%c3%a9vert+barbara+po%c3%a8me& FORM=QSRE3). Daran dachte ich auch – auch – als es endlich, nach einem Monat der Trockenheit, in Potsdam zu regnen begann. Eine Stunde später war ich mit dem Hund im Park. Sonst mag sie den Regen nicht, heute war er willkommen und erfrischend, er prasselte nicht, sondern fiel auf die gerade erblühten Blumen und Sträucher, wenn er noch anhält, rettet er vielleicht die Bäume, die schon arg angegriffen sind vom Wassermangel. Wie ein Regenvorhang schob sich das Wetter vor die Wirklichkeit, die einen nicht auslässt, die einen immer wieder zurückkommen lässt. Es ist egal, ob es in Butscha geregnet hat oder regnet, oder welches Licht die Ermordeten zeigt (https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Butscha). Aber hier regnet es, und für einen Augenblich wölbt sich die Frage nach dem Fortbestand unserer Zivilisation, unseres Weiterlebens, unserer Zeit im Frieden über dem tagesaktuellen Grauen. Genaugenommen die Zeit im Frieden, nach dem „Frieden“, wie in Slavoj Zizek (siehe meinen letzten Blog) denunziert als das Stillhalten im Voranschreiten des längst begonnen Kriegs. Der Regen als befreite die Gedanken und Sinne für eine gute Stunde, nass werden kann auch ganz andere Assoziationen hervorrufen, friedliche. Wenn es aufhört zu regnen und man ist noch durchnässt, und die Sonne lässt das Wasser von den durchweichten Jacken und Hosen abdampfen. Der Schritt von klamm zu befreit, beim Bergsteigen ganz schön, außer man war so nass, dass auch die Sonne nichts mehr bewirkte, und man tagelang feucht und blasenfreudig gelitten hat (als Kind konnte ich noch nicht mal fluchen). Daran denke ich und ans Klima, da höre ich, dass im Süden schon wieder Hochwasser durch zu viel Regen droht….

Was hat das mit dem Krieg zu tun, 2 Stunden von Deutschland entfernt, wie Botschafter Melnik sagt. An sich hat es gar keinen Bezug, wenn wir nur ans Jetzt, an heute, denken. Aber so wie bei entfernteren Kriegen, die auch mit uns zu tun haben, bleibt die Frage, wie das gleichzeitig auszuhalten ist: die tödliche Wirklichkeit um uns und einen Augenblick des guten Lebens. Man kann das nicht wie einen Schalter 0/1 einmal so, einmal anders leben, erst die Arbeit, dann das Spiel, erst die Pflicht des solidarischen Denkens, dann die Freizeit der eignen Wünsche. Der wirkliche Schrecken liegt in der Gleichzeitigkeit. Der Regen stützt mich, sozusagen. In Butscha wäre das anders, aber da bin ich nicht, sind wir nicht. Dort gibt es andere Gleichzeitigkeiten, wie die täglichen Bilder und Nachrichten zeigen, aber auch dort gibt es sie. Es hat sie immer gegeben, und überall. Diese Differenz, zwischen der soft cloud, in der wir geschützt die Welt kommentieren, und dem Überleben und Sterben von Menschen, bestimmt uns heute. Wird der Schalter umgelegt, kommen keine Frühlingsgefühle auf.

Aber wir sollen, wir müssen uns vorstellen, was dort geschieht, um unsere gleichzeitige Lebensspaltung hier zu ertragen und nicht vor uns selbst lächerlich oder sinnlos zu machen. Das schließt Politik, Kritik an und in ihr, Kultur, Abgrenzung und Integration mit ein. Sonst machen wir uns, wie manche Wirtschafts- und Konsumapostel, klein oder mitschuldig an dem, was dort geschieht. Es geht um mehr als Meinungen.

Es hat geregnet. Hier ist das gut. Es blüht unter dem grauen Himmel. Man darf, ich darf, hoffen – aber das ist Zukunft.

Wir woll’n es nicht verschweigen
In dieser Schweigezeit
Das Grün bricht aus den Zweigen
Wir wolln das allen zeigen
Dann wissen sie Bescheid
Dann wissen sie Bescheid

(Letzte Strophe von Wolf Biermann „Ermutigung“, 1968. Und dazu sollt ihr nicht nur das ganze Gedicht lesen, sondern die vielen, bis heute entsetzlichen Kommentare im Netz, die nicht nur die Diktatur preisen, sondern sich in die Diktatur einer Vergangenheit flüchten, in der sie jetzt auch nicht mehr leben können – es sei denn, sie flüchten zu Putin).

*

Wieder die Nachrichten. Wieder die Bilder. Recht haben die Überlebenden, sagt Jean Améry, und gerade jetzt ist das wichtig: nicht alle Lebenden sind Überlebende, manche behindern das Überleben. Für die Dürre und das Hochwasser tragen wir Verantwortung, für das Überleben von anderen auch und noch viel mehr. Gleichzeitig.

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