Kein Osterfeuer

Aber

Die beste oder schlechteste Ausrede ist immer, wenn jemand sagt „ich habe verstanden“ und die Zuhörer glauben es. Das gilt im Privaten und es gilt für historische Vergleiche, die man anwenden darf oder nicht, wer sagt’s denn?

Die Liturgien des Verstehens fallen in diesem Jahr zusammen, Pessach, Auferstehung, Ramadan…und alle verstehen, was sie glauben, aber sie glauben nur, was sie meinen zu verstehen. Das Gleiche gilt für Politik, für Krieg und Vernichtung; die Hoffnungen auf Erlösung und auf Konfliktregelung und auf Problemlösung kommen in diesem Jahr sehr viel dünnsohliger, unglaubwürdiger daher als sonst.

Aber wir wissen, nicht nur von Hannah Arendt, die Lüge gehört dazu, zur Wahrheit und zu unserem Drängen nach Wahrheit.

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Ein makelloser Himmel, frisch gewässertes Grün lässt die vergangene und die angekündigte Trockenheit vergessen. Es muss doch besser werden…nichts muss, das sehen selbst die Theologen und die Fraktionsführer ein. Der Schrecken ist bei uns (noch) gar nicht angekommen, da wird er schon besprochen, bedichtet, vertont. Dort wo er ist, klingen auch Lieder, sagen auch Menschen Gedichte und Gebete, aber die kommen bei uns an Frontberichte, nicht wie Botschaften. „Dort“, das ist das Losungswort dieser Tage. Nicht da, nicht hier, nein: dort.

Die Fähigkeiten sich auszuklinken sind beachtlich, überlebensnotwendig. Um wieviel mehr bei Menschen unter Lebensgefahr, in Angst, im Wegducken vor der Gefahr, im Nichtdenkenkönnen, was den Kindern, den Nächsten geschieht. Aber vom Ausklinken gibt es immer den Rückweg in die Wirklichkeit. Die Wahrheit kann ich verdrängen, die Wirklichkeit nicht. Oder, wenn doch, mit massiven Beschädigungen.

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Man schaut hinaus, man geht in den Park, man läuft am Wasser entlang, und die Welt schaut aus, als hätten die Feiertage die Alpträume vertrieben. Versuchs mit dem Gegenteil: viele reden, wie sich zum Tode Verurteilte aufführen, wenn das letzte Gnadengesuch abgelehnt wurde. Kostenloses Beruhigungsmittel sozusagen…Und dagegen anzugehen, macht mehr Sinn als noch so feinfühlige Kritik der kritischen Kritik, sonst platzt man. Und dann kann man auch nicht mehr den Möglichkeitssinn einschalten und darauf vertrauen, dass man einiges verbessert, wenn man selbst überlebt.

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Das schreibe ich am Ostermontag. Morgen wird hier bei uns wieder gearbeitet, und dort geht es wiederum um den Abgrund. Aber um den herum arbeiten sie auch, als ob sie nicht getroffen werden könnten. Das macht uns vielleicht so viel Mut wie die dort haben. Und brauchen.

Wenn es ab morgen wieder in Lehrveranstaltungen, Einkäufe, Textproduktionen, Hundeausgang, Freizeit, Diskussionen, geht, spielt es eine böse Melodie als basso continuo dazu. Wer den überhört, dem ist nicht zu helfen, und er und sie können nicht helfen. Hört man es aber, so kann es verändern, auch Politik, auch Meinungen, auch Handlungen.

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Die Blogleserinnen und -leser mögen sich fragen, warum sie mein Gemähre lesen sollen; er kann sich doch einfach zurückziehen, wenn ihn das Kommentieren der Kommentare zum Krieg so nervt. Das hieße aber, dass man souverän über das Unbewusste herrschen kann. Geht nicht, sagt die Wirklichkeit. Es gibt keinen Tod, keinen fürs Vaterland, keinen für die Heimat, keinen für die Religion und schon gar nicht, weil der Tod „tröstet und belebt“, wie der seltsame deutsche Dichter sagt. Es wird gemordet, vergewaltigt, gesprengt und dann gestorben. Danach kann man wieder über den Tod reden…aber es nervt schon.

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