Was tun?

Um diese Frage kann und darf man sich ruhig beunruhigen. Sie an sich heranlassen.

Am 10. Mai 2018, 2018!, habe ich einen Blog geschrieben, „Krieg, wieder“. Ausführlich. Darin zitiere ich auch Zeilen von Georg Kreisler: „und wer zäh ist, wird mit jedem Tag noch zäher / und die Tränenlieferanten rücken näher / dreh das Fernsehn ab, Mutter /es zieht“ . Das lässt einen nicht so leicht los, von Krieg zu Krieg, und vom Weltkrieg unterscheidet ihn nur, dass nicht alle gleichzeitig dasselbe tun, unter demselben leiden, sterben, ob sie nun getötet haben oder – meistens – gerade nicht.

Dass man den Tag noch negativ erinnert, nach einem dreiviertel Jahrhundert, ist Ergebnis der Bildungsgeschichte des Nachkriegs. Ich weiß noch von der allgemeinen Erwähnungsmanie, von Führers Geburtstag zu sprechen und zu bedauern oder sich zu verwundern, dass auch der österreichische Bundespräsident Adolf Schärf an diesem Tag geboren wurde. Heute ist das Datum kein Engramm mehr der öffentlichen Erinnerung, das ist gut so. Wenige andere Lebensdaten von Menschen mit extremen Biographien haben sich eingeprägt, man hat sich an die digitalen Nachschlagwerke gewöhnt, wo man immer alle Geburtstage öffentlicher Menschen einsehen kann.

Mich stört diese Erinnerung an meine Bildungsgeschichte, das ist nicht hysterisch und nicht pusselig, sondern angesichts meiner altersbedingten fortgeschrittenen Vergesslichkeit ein Ärgernis: so ein Datum wird man nicht los.

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Nachkrieg haben wir erlebt, und unsere Kinder. Diese Kinder und unsere EnkelInnen werden Nachkrieg erwarten müssen, jetzt ist er nicht. Das ist natürlich Teil einer Erzählung, die so eine europäische, westeuropäische Inselgeschichte in ein Narrativ einbaut, das meint, man würde „davonkommen“, nach so viel Unglück, Schuld und Katastrophen. Zur Wahrheit gehören die unzähligen großen und kleinen Kriege, die nur an uns vorbeigegangen sind, aber an vielen waren wir indirekt doch beteiligt. Und zur Wahrheit gehört die Hoffnung, die zu 1989 geführt hat und deren abnehmende Strahlkraft von manchen schön gefärbt, von andern gleich in Zweifel gezogen wurde.

In diesen Zeiten will man den Rest nicht aus den Augenverlieren, der Blickwinkel wäre zu eng, nur auf Mariupol zu starren, um den Erhalt von Lemberg zu bangen, um die große Konfrontation abzudrängen im Bewusstsein der eigenen Ohnmacht. Viele Diskussionen werden den heute und morgen Überlebenden noch auf den Kopf fallen, wenn, ja wenn, wieder wirklicher Frieden eingekehrt ist und das russische Morden ein Ende gefunden haben wird.

Eine tschechische Autorin fasst zusammen: Süddeutsche Zeitung 20.4.2022 „Es gibt einen Krieg in den Köpfen“, das Interview kann man aufrufen.

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Wir können damit nicht gut umgehen. Die Kriegsdiskurse und die Friedensdiskurse haben uns gleichermaßen eingenebelt, dass wir vor lauter Wahrheiten die Wirklichkeit gar nicht wahrhaben können. Gibt es einen Ausweg? Außer, dass wir ertragen müssen, dass auch in der Nähe viele Menschen sterben müssen, nicht nur im Jemen, in Afghanistan, im Kongo….und und und. Nein, gleich drüben im Osten, nur die Angriffslust der Russen nicht noch mehr steigern, dieses Bild geht um in den Medien. Beim Sterben helfen, kann man auch sagen, und das ist nicht die schlechteste, aber keine gute Lösung. Es gibt keine gute Lösung, weil Krieg nicht vernünftig zu beurteilen ist, wenn er einmal da ist.

Helfen, helfen kann man immer, sollen wir auch tun, unterhalb und jenseits der Politik. Aber aus dem Krieg in den Köpfen folgt auch die Pflicht, sich der Politik zu stellen, mitzumachen. Es nicht bei Meinungen zu belassen, sondern Handlungsalternativen möglich zu machen. Welche das sind? Jedenfalls nicht die Analysen, die alle Schuld, Verantwortung, Haftung und die Folgen aus dem was, getan wird, auflösen in eine Welt, eine bunte Welt.

Den Krieg in den Köpfen zu Friedensverhandlungen führen, spenden, wenn man kann auch direkt helfen hier und die unterstützen, die noch oder immer wieder dort helfen können. Das scheint abstrakt, aber seid mal ehrlich: jeder und jede kann das sofort mit wirklichen Inhalten füllen, dazu, was alles getan werden kann. Dreh das Fernsehn ab, Mutter, es zieht.

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