Hinschauen – Wegdenken – Herschauen

Ruhiger ist es, die guten Blätter zu lesen: Eine lange Fahrt, maskiert, im ICE. Ein Stapel Zeitungen neben mir. Ich muss mich zwingen, wirklich zu lesen, die feinen Unterschiede zwischen den Artikeln wahrzunehmen, nicht nur zu wissen. “ Dabei reicht der politische Teil nicht, die wichtigen Diskurse sind oft abgedrängt in Wirtschaft, Kultur, Soziales, darin liegt, genau soviel Wahrnehmung und Beschreibung. Corona ist verschwunden, man stirbt mit Hilfe der Liberalen und der Leugner, das ist gut für die Rentenkasse und das Gewissen der Populisten; im Ernst, ich bin froh, diesen zu erwartenden Dauerzustand nicht kommentiert zu haben. Bleibt, „bleibt?“, die Ukraine. Auch zu diesem Krieg keine direkte Meinungsäußerung, was ich dazu denke, ist oft nicht straflos sagbar, und was ich tun würde, ist Unsinn, machtlos bedenkt man, was ist. Hinschauen ist gut, aber die Bilder sind gefährlich. Ja, wir müssen den Diktator Putin mit Hitler, Stalin und anderen seinesgleichen, auch Trump, vergleichen, wir dürfen, wir sollen, wir müssen. Aber hinter der Personalisierung stehen viele Menschen mit partikularen Interessen, und noch mehr, deren Interessen schon längst verzerrt, zerstört oder ersetzt wurden. Dass aber auch eine alte, wichtige Kultur zerstört wird, eine Zivilisation, ein europäisches Gedächtnis, wird hinter den Bildern oft mit-verdrängt. Ohne die Bilder geht seit My Lai gar nichts mehr, aber sie sind trügerisch und wahr in einem. Hinter den Bildern sind nicht nur Opfer, Sterben und Zerstörung wissbar, sondern auch die Vernichtung des Anderen, um deretwillen die Diktatoren alles Recht außer Kraft setzen, in ihrem „Exceptionalism“,m worin sich alle gleichen, auch kleine, wie Erdögan, Kaczinsky oder Orban.

Über die drohende Vernichtung des Gedächtnisses einer Kultur schreibt Wladimir Sorokin unermüdlich.

Indem ich das alles immer wieder nach-lese, schaue ich anders hin als beim spontanen Hinschauen. Die Gedanken schweifen ab in das, man schon kennt oder selbst erinnert. Auch hier Vorsicht: 1968, im August, in am Vor-Tag des russischen Einmarschs raus, eine Woche später Demo am Heldenplatz in Wie. Vorladung zur Polizei, man darf nicht auf Englisch gegen die Russen aufrufen…sonst nichts. Nichts? 1956 war ich ein Kind, aber ich weiß noch, wie man Pakete für die Ungarn macht, und wer Imre Nagy war. Die Tschechen habe ich jahrelang in Wien beim Neuen Forum getroffen, und das war eben nicht anti-russisch, sondern gegen die Kremldiktatur. Die sich immer wieder neu aufbaut, wie die lernäische Hydra. Es hilft eben nur bedingt, wenn man die Köpfe abschlägt, solange Millionen hinter dem Führer stehen, und heute auch noch hinter dem Gott des Uhrendiebs Kyrill. Die unkultivierte undemokratische Gewalt(bereitschaft) wächst nach, und hat die kurze Zeit der Hoffnung nach 1989 nicht mit einer Rekonvaleszenz bereichert, wenigstens teilweise.

Die Verteiodiger von Putin argumentieren, dass der Führer nur beantzwortet, was ihm ide USA und die NATO eingebrockt haben, und das Stück Wahrheit, das in jeder Lüge steckt, wird umgedreht bis zurm demagogischen Glaubensbekenntnis, hier treffen sich die linken und rechten Extreme, – bitte nicht die Radikalen, die sind eher sprech- und sprachlos im Formulieren der wirklichen Friedensziele (Lest Slavoj Zizek).

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Hinschauen, wenn Menschen ermordet und vergewaltigt werden, bedeutet auch, die Täter und Taten wegdenken, sonst verliert man die Empathie. Sonst wird es ein Schlachtengemälde. Sieht man doch gerne? im Museum. Hinschauen, das kann und soll nicht nur, das muss wehtun.

Keiner wird mehr lebendig, kein Vergewaltigungskind wird ohne Trauma aufwachsen, keine Mutter dazu. ABER. Zum einen wird die Ukraine letztlich siegen, aber letztlich ist wie der Sieg der Sowjetunion und der Westallierten im 2. Weltkrieg. Atomkrieg? kommt er, dann verkürzt er die Zeit bis zum Klimatod unserer Erde, vielleicht sind wir verstrahlt, das bedeutet noch früher Sterben. Dann macht er die Politik noch mehr schwarz-weiß. Kommt er nicht, auch gut. Gestorben wird trotzdem.

Die lächerlichen Ängste um den Wohlstand verkürzen die Furcht vor der globalen Verelendung. Die ist grausam, wird noch schlimmer, sie hat nur ein Gutes: es gibt wenige Handlungsalternativen. Das Jenseits ist erstmal keine Hoffnung, länger Überleben wird nur geringfügig zur Klassenfrage und schon gar nicht zur Identitätsoption. Wenn die Überlebenden Recht haben (Jean Améry), dann muss sich jeder denkende und solidarische Menschen das Recht zu überleben erarbeiten, verdienen. Das kann einfach sein, karitativ, mitfühlend, kommunikativ, oder herausfordernd, kämpfen, verwundet werden, sterben, allein lassen und allein gelassen werden.

Und die Kultur bis zum letzten Neuron im Gedächtnis bewahren (Fahrenheit 451 von Bradbury empfiehlt sich). Dann sind wir wieder bei den wichtigen Kommentatoren, bei Sorokin. (Und bitte nicht bei Scholz, der sich hinter dem Wegschauen duckt, ohne etwas zu sagen.).

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Herschauen, sich selbst erblicken, warnend fragen, und was machst du? et tu Brutus? Das wir zahlt für Gas in den Krieg ein und mildert mit Krediten die Folgen ab. Hauptsache, die Wirtschaft warnt und die Aktien bleiben konstant. Wer sagt denn, dass unser ethischer Pelz nicht nass werden darf, wer bitte? das ist nicht die NATO, nicht die weit entfernten USA und nicht die Opposition. Das sind wir selbst. Solange das nicht wirklich wird, tut es nicht weh, diese Wahrheit hinzuschreiben. Aber wenn sie da ist, wer wird sie dem Pöbel opfern und auf dem Heldenplatz, pardon: auf dem Roten Platz, jubeln und wer wird das nicht tun? Gegen die Exceptionalists, die Ausnahmestaaten, sich auflehnen, heißt auch es muss nicht gleich unser Leben sein. Wir müssen und werden etwas riskieren. Zwischen uns und der Zelle sind sie, die Assanges, Nawalnys, Cavallas, Etwas riskieren, heißt: darüber, darüber müssen wir uns schon verständigen.

Und daran denken, dass hier, bei uns, auch wir mitbeteiligt waren und sind, unseren Kindern eine weniger friedvolle Zukunft zu überlassen wie wir sie erlebt haben.

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