Darf ich, bitte? Zu spät

Gerade habe ich darum gebeten, sich mit Kommentaren zur unangegriffenen Befindlichkeit im Krieg zurückzuhalten. Man kann über alles reden, aber man muss nicht seine Meinung zum archimedischen Punkt der Aufmerksamkeit machen. Allerdings: verstummen in Not und Gefahr sagt viel, bereitet aber die eigene Auslöschung auf dieser Welt vor. Man kann es also nicht wirklich richtig machen; obwohl: wir sind ja nicht wirklich in Not und Gefahr, wir gehören nur ihr, die andere trifft und bedrängt. Wir haben damit „zu tun“, aber wir tun oft zu wenig, oder nichts. Manchmal auch das Richtige. Wir werden auch Stellung nehmen müssen, uns zuordnen, ich hoffe, wir haben längst Partei ergriffen…aber über die Umstände muss man ja nicht dauernd reden.

Das ist mir heute durch den Kopf gegangen, als ich mehr als fünf Stunden meines Lebens vergeudet habe, privilegiert die meiste Zeit in der Sonne vor dem Bahnhof, auf dem Bahnsteig, im Umsteigebahnhof, vor den Informationstafeln zugebracht habe. Über die Bahn zu schimpfen, hat keinen Sinn, obwohl fünf Stunden…So sind sie halt, die Mehdorns,. Pofallas, die Deutschen. Witzig? Ich hätte auch etwas schreiben können, etwas lesen, über etwas nachdenken. Nein, ich starrte meist auf die unergründlichen Fahrpläne und hörte dass Knacken im Handy, wenn die DB Reisebegleitung mir zum 6., 7. mal mitteilt, ich würde nicht weiterkommen. In Marburg und Kassel, wo ich den Zeitverlust unterbrechen musste, wurde alle Naslang angesagt, warum das alles so ist, es wurde sich entschuldigt. Is ja gut. Da kam mir der Gedanke, aus den Ursachen der ungefahrenen Züge ein Lehrgedicht zu machen, Plutarch oder Klopstock. Nicht über Tod und Vernichtung grübeln, die Wirklichkeit in Verse fassen, sich lösen vom Grauen und Aufschwingen zur Welt, der wir mit einer Spielzeugeisenbahn auf die Pelle rücken.

Die Verspätung oder Zugausfall kommen

… weil das Personal zu spät eingetroffen war, weil eine Weiche repariert werden musste, weil der Zug aus voriger Fahrt schon verspätet war, weil der Zug zu spät bereit gestellt wurde, weil eine Strecke gesperrt war, weil Menschen im Gleis waren, … und

zwei Tage später:

tschulgung, bitte. Abends, im natürlich verspäteten Zug nach Berlin, Weichenreparatur, eine Minute vor dem geplanten Zug wir kommen nie an, Umleitung. Der Zugführer hat keinen Fahrplan für die Umleitung. In Spandau offenbar reichen 4 Gleise nicht für einen Personenschaden. Lächerlich, so wie mein Heißhunger in Hannover. Nachdem ich gefüttert wurde.

zwei weitere Tage später: wieder sind die Zugführer zu spät eingetroffen. Minutenweise tropfen die Verspätungsmeldungen. Und vier Tage später: Es sind zu viele Kunden, die sich um Karten bemühen, versuchen Sie es später…der Zug ist abgefahren.

Wenn all das geschieht bei der Mobilmachung, kommen alle zu spät an die Front.

Wenn all das bei unserer Hilfeleistung geschieht, kommen Lebensmittel und Medizin nie zu denen, die sie bitter nötig haben.

An und für sich können Verspätungen Leben retten oder gefährden (nicht die eigenen) oder verkürzen – heute meines. Ja, Herr Lehrer, auf den Kontext kommt es an.

*

Im Fronttheater wäre das Stoff für einen Comedian oder eine Diseuse. Aber wir sind nicht Front, sondern Etappe, wie ein Kollege gerade treffend gesagt hat. Auch die Etappe gehört zum Krieg, so, wie die Medien, die Fourage, die Angst und die Betäubung dazu gehören. Im Krieg geht viel Ironie verloren, wird durch Pathos ersetzt (als wäre man in den Feuerlinien, unangreifbar zwar…in Wien sagt man: rede nicht so, am Ende erlebst du es wirklich…umgangssprachlich rückt es dir näher).

Zum Pathos des Schützengrabens hat seit jeher gehört, die kleinen Bemerkungen über die kleinen Dinge auszutauschen, weil die großen Dinge, das Leben der Kinder, der Eltern, der Partner längst dem entrückt sind, was man selbst tun könnte, auch was man versäumt hatte und was man hätte anders machen wollen, bekäme man die Chance. Ich habe diese Pathétique nie gerne gelesen, weil ich a) nie im Schützengraben war und auch jetzt nicht bin, und b) einem die Konfrontation mit dem Sterben nicht so wirklich die Wahl lässt, wie man es anders machen könnte, jetzt sofort. Mit dem Sterben, nicht mit dem Tod. Darum werben ja die Patrioten immer mit dem Heldentod, dem Tod fürs Vaterland, auf einem Denkmal stand: Unser Tod für euer Leben. Nur: wie bedankt man sich bei den Gestorbenen?

Diese Gedanken kamen mir bei den zwei Optionen des verspäteten Zuges. Zu tief haben sich die Zugmetaphern in meine Bildung eingegraben, Nicht nur Kriegsgeschichte, aber viel davon. Und welche Rolle die Züge von und nach der Ukraine spielen, können wir sehen, wissen.

*

Einmal kam ein Zug zu früh an, fuhr auch vor der Zeit ab, und ich bekam mein Geld wirklich zurück. Aber meist, und hier bei uns besonders, kommen die Züge zu spät und rauben uns Lebenszeit und Nerven, es sei denn man genösse den Zwischenraum zwischen Plan und Fahrt als unerwartetes Stück Freiheit. Gerade jetzt, also nach 5 Stunden Verspätung hält der Zug in Wolfsburg, weil noch immer Menschen im Gleis sind. Auf unbestimmte Zeit, bis die Polizei ihre Arbeit getan hat. Da hat sich einer umgebracht, das wird nett umschrieben und niemand sagt tschulgung. In meinem frühen Lieblingslied sang die Knef „und kommst du mal aus dem Gleis, dann war es Erfahrung und nicht Offenbarung, was macht das schon?“ J, aber. Der Zug, der nie sein Ziel erreicht oder in der Hölle landet oder unverrichteter Dinge rückwärts in die Heimat rollt.

*

Man muss im Leben zusammenbringen, was nicht zusammenpasst und zusammengehört. Das ist so trivial wie wichtig. sonst hält man das eine nicht aus, während sich das andere ereignet, und umgekehrt.

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