Vorsilben Festival

VERgleiche taumeln durch die Feuilletons, VERbote von VERgleichen. Hitler mit Putin, Stalin mit Hitler, So gehts nicht, VERrenn dich nicht, sagen die einen, die andern nennen die einen VERgesslich.

Vergleiche sind notwendig, weil die erst die Unterschiede deutlich machen. Was ist der Unterschied zwischen Krieg und der militärischen Aktion Russlands gegen die Ukraine? Ich äußere mich weiterhin dazu nicht im Blog, es gibt andere VERgebliche VERgleichsVERfahren, die uns sprachlich aufmerksam machen, und es muss nicht VER sein.

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Worauf ich hinaus will, ist die Politik, die durch Vergleiche ihre Gefolgschaft gefügig machen will. Das setzt voraus, dass den Menschen klar ist, was womit verglichen wird. Banal? Naja, schon banal, aber wirkungsvoll. Warum vergleichen mehr Medien Hitler mit Putin als Stalin mit Putin? Das ist keine banale Frage. Die Medien sind voll davon, heute im DLF und den Tageszeitungen….und längst konstant hoher Vergleichs- und Erregungsgrad. Im Privaten sind die meisten Sätze, die beginnen „du bist WIE…“ schräg. In der Politik aber wichtig. Wenn Putin wie Hitler ist, dann folgt eine andere Prognose als wäre der Vergleich hirnrissig….

Wenn einige bessere politische Freunde mir vorwerfen, ich wertete die Fehler und Verbrechen der USA zu gering, VERglichen mit denen Russlands oder Chinas, muss ich ausholen, um aufrichtig zu antworten.  weil ich zur zeit den Eindruck habe, dass die Diskurse sich wie Nebel über den Krieg und seine Ordnungen legen. Wir können und müssen ihn nicht abwarten, er ist da. Und beeinflusst unser Denken, unser Handeln und unsere Sprache. Nicht überall gleich, nicht überall in direkter gewalttätiger Konfrontation. es ist kein Krieg der „Systeme“. Es ist einer von mehr oder weniger demokratischen Gesellschaften gegeneinander und dort, wo wir MEHR erfahren oder anstreben, muss dann die Grundlage für Handeln, für Praxis sein. Gegen den Faschismus braucht es nicht so viel Theorie wie innerhalb der Demokratie. Aber es braucht Wissen um die Wirklichkeit. Das übersteigt die Meinungsfreiheit. Die Amerikakritik ist ein gutes VERGLEICHSMOMENT, weil es ja wirklich viele Elemente einer politischen Realität gibt, die uns an diesem Verbündeten, als einem Partner im Westen zweifeln lassen – und dennoch: wer würde tauschen?

Der Vergleich zwingt zur Aufrichtigkeit, und die Wahrheit ist, dass die amerikanische Wirklichkeit anders zu bewältigen ist, lebenserhaltender, als die russische. Dahinter steht keineswegs eine Theorie des Westens, wie sie manche Historiker pflegen, v.a. weil es keine Theorie des Ostens gibt, nach dem Sozialismus ist bei Putin vor dem neuen Zarenreich. Das kann schon einen Unterschied machen, und dazu sind Vergleiche gut. Ähnlich wie bei den Meinungen: um Praxis zu machen, muss es übergeordnete Instanzen des Bewusstseins und der Moral geben. Politik oder – wenn es genauer beschrieben wird – Gesellschaftlichkeit. Wichtig ist: der Vergleich entschuldigt nichts. Nur macht er klar, wo wir mit welcher Schuld auskommen können und wo nicht. Aber dazu kann man nicht die eine Schuld verdrängen, um die andere umso größer und absoluter erscheinen zu lassen. Sonst ist der Vergleich unsinnig, und die Sprache, darüber zu reden, Verrat.

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Im Kassel wird anlässlich der documenta 15 erbittert um Antisemitismus gestritten und um Rassismus. Das gegenseitige Aufrechnen der Fehlerhaftigkeit ist kein Vergleich von unterschiedlicher Schuld. Es zeigt vielmehr die Interessen und Meinungen derer, die mitreden und kommentieren. Mir wäre es z.B. als jüdischem Beobachter des Geschehens lieber, der Zentralrat oder Herr Klein hätten einmal den Kontext studiert, bevor sie überhaupt etwas dazu sagen. Mir wäre auch lieber, wenn die Organisatoren nicht einfach ihr anti- als Vorsilbe mit Politik verwechseln. Anti-Anti-Semitismus…ach ja.

Auf den Kontext kommt es an, in der Sprache, in der Politik. Nebbich, das haben wir ja gewusst und das ist banal.

In allen Kontroversen bricht die nicht-bewältigte Vergangenheit ein, ausnahmslos. meistens umso schlimmer, je später, oder je verlogener sie sich der als sicher geglaubten Grundüberzeugungen udn Meinungen bedient. Das ewige Murmeltier des des zugeschriebenen Faschismus bedeutet nicht, dass das Murmeltier plötzlich ein Reh ist. Sondern dass man die Meinungen zum Faschismus abschleift bis zur Beliebigkeit. Das Entfernen der Schutzverbände ist schmerzhaft.

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