Jüdischer Einspruch: Soviel jüdisch…was bleibt da noch?

Es kann gar nicht genug sein? Das ist der Unterschied zwischen Gourmet und Gourmand in der Antwort.

Was wäre, wenn….

Die Jüdischen Tage sind dicht und sehr heterogen, und was wäre, wenn…das Jüdische Filmfest Berlin Brandenburg nur Filmfest hieße und die gleichen Filme im Wettbewerb zeigte? Was wäre, wenn sich der Skandal um einen akademischen Problemfall nicht im Feld der Jüdischen Studienereignete? Was wäre, wenn es sich bei einer gestern erfolgten Erweiterung meiner Familiengeschichte nicht um eine jüdische Mischpoche handeln würde? Was wäre, wenn der Leo Trepp Preis nicht um die jüdische -deutsche, besser jüdische Geschichte in und mit Deutschland, sich thematisch handelte? Wenn ich nicht StipendiatIInnen eines jüdischen Studienwerks betreute, sondern solche ohne ethnische oder religiöse Attribute…?

Ist aber nicht.

Das jüdische Prädikat oder Attribut häuft sich manchmal, und dann fragt man sich, welche besondere Bedeutung es in Deutschland, „bei uns“ also, wirklich hat.

Die häufigsten Assoziationen sind

  • Die Shoah, hier fast immer als Holocaust bezeichnet
  • Der Antisemitismus

Beides kann ich erklären, aber das ist nicht einfach. Wenn wohlmeinende Menschen freundlichen sagen, das Judentum gehöre zu Deutschland, zu den Deutschen, dann wird hier eine Trennung implizit beschrieben, eine, die überwunden werden soll zwar, aber eben keine Integration. Wenn man fragt, wie viele jüdische Menschen denn hier leben, wird die Zahl meist zu hoch geschätzt – tatsächlich sind es maximal 250.000, also weniger als andere kleine Minderheiten vorweisen. Und wenn man dann differenziert…Kontingent-Immigranten der 90er Jahre, Angehörige aus Familien, die nach der Shoah zurückgekehrt sind oder gar hier überlebt haben, Israelis, die aus religionskritischen oder säkularen Gründen hier sind und solche, die hier religiöse Verwirklichung suchen, Scheinjuden und Anscheinjuden…nein, ich mache keine Witze, aber ich kann auch nicht ernste Miene machen zu einer Situation, die viel komplizierter ist, als sie den Anschein hat. Ignaz Bubis hat mir einmal gesagt, dass wir so wenige sind, und also über das Judentum hinaus besondere Werte, humanitäre vor allem, für die Gesellschaft vertreten müssten. Nun gut, wir sind wenige, aber….wir fallen auf, und das kann nur bedingt allen gefallen, weil sie ja differenziert und oft uneinheitlich sind, der Einheitsgemeinde zum Trotz.

Beides, Shoah und Antisemitismus, schwingen in den Diskursen dieser Woche dauernd mit, und einiges will ich hier ein Stück genauer abarbeiten, durchaus in pädagogisch-kurzschlüssiger Absicht.

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Das Jüdische Filmfestival 14.-19.6.22 ist schon etwas besonderes. Ich sehe einmal von den Eröffnungsreden ab, die so routiniert wie unnötig waren, ich habe mich über die Moderation von Shelly Kupferberg gefreut, und dass mein Freund und früherer Student Max Czollek in der Dokumentarfilm Jury ist, hat mich auch gefreut. Aber darum geht es nicht: was ist jüdisch an Filmen, die Jüdisches zum Thema haben? (Klassische Frage an Musik, Malerei, Literatur). Bleiben wir bei den Themen. Diesmal steht Biographisches im Zentrum, auch bei der Eröffnung „Eine Frau“, die Dokumentation von Janine Meerapfels Muttergeschichte, deutsch-argentinisch. Solche Geschichten sind hundertfach, tausendfach erzählt, das besondere ist, welche Fragen wie gestellt und wie beantwortet werden: Warum die Chronologie der Ereignisse an wichtigen Schnittpunkten nicht das analytische Messer ansetzt. Diese Form der Chronologie ist nicht notwendig mit der biographischen und dokumentarischen Professionalität verbunden, auch die Rückwärtserschließung muss sich rechtfertigen. Dass die Akademiepräsidentin dann doch auch den Preis im Wettbewerb bekommen hat, war zu erwarten gewesen, und eine Auseinandersetzung hat es nicht gegeben, was diese Form der biographica judaica eigentlich bewirken soll… Diese Kritik gilt noch viel mehr für den als „orthodox“ vorangekündigten Film „Shattered“ (2022) von Dina Perlstein. Die Nacherzählung eines angeeigneten Kindes, das den Opfern der argentinischen Diktatur entrissen wird und doch zu seinen familiären Wurzeln zurückfindet, wäre eine spannende Metapher, ist aber als chronologische Geschichte so glaubwürdig wie irreal. (Abgesehen von der weltfremden Einspielung der wichtigen Botschaftssituationen, die für den Schluss der Handlung, die Cousinen finden sich wieder, ja wichtig ist. Man weiß nicht, was an dem Film orthodox sein soll, außer dass manchmal Baruch haShem gesagt wird und einiges Aufrufcharakter hat. Eine gute Idee wurde verspielt, aber das Verhältnis der argentinischen Diktatur nicht zu ihren Gegnern, das kennen wir, sondern zum Judentum, wäre hier ein spannender Nebenton gewesen.

Positives Gegenteil: der Dokumentarspielfilm „Back in Berlin“, (2021) der im Wortsinn die Stolpersteine der komplizierten zweiten Generation geretteter jüdischer Menschen und zur Erinnerung gebrachter Deutscher an einer sehenswerten und ambigen Konstellation zweier Freunde darstellt. John Lax, Hauptdarsteller, Regisseur, Motivator war auch anwesend und glaubwürdig.

Also: was ist ein jüdischer Film? Immerhin haben jüdische Menschen ihn angeschaut. Und wenn jüdische Personen im Film vorkommen, werden sie von jüdischen Menschen für jüdisches oder gerade für antisemitisches Publikum gespielt.

Es gibt unendlich viele Diskussionen, Schriften, Meinungen zu diesen Fragen, aber sie scheinen eine breite Öffentlichkeit nicht zu erreichen. Oder merken wir nicht, WIE sie diese Schichten erreichen und beeinflussen? Es würde mich nicht bedrücken, wären meine eigenen Kommentare, Antworten und Meinungen dazu unbeachtet oder irrelevant. Aber die plötzliche Welle ist doch be (un) ruhigend. Als ob die jüdischen Menschen in diesem Land so etwas wie ein Katalysator für etwas ganz anderes, für viele andere Aggregatzustände gesellschaftlichen Bewusstseins und Handelns wären.

Zum Beispiel, dass die relativ wenigen jüdischen FunktionärInnen – mehr Männer als Frauen – in relativ vielen jüdischen Organisationen und Institutionen relativ wichtige Positionen haben und deshalb Netzwerke und Inkompatibilitäten erfahren oder bewirken. Der Problemfall um die namentlich nicht genannte Hauptperson des Universitäts- und Rabbiner- und Kolleg-Person führt natürlich dazu, dass man sagt: ach, nicht nur die christlichen Kirchen…und in diesem Fall die Liberalen (das freut die Orthodoxen) und schon denken viele an die unvermeidlichen Schnittflächen mit der großen Anzahl von Institutionen und Positionen…

Zum Beispiel, dass und wie nichtjüdische Schülerinnen und Schüler für den Leo-Trepp-Preis Judentum und jüdische Geschichte bedacht, rekonstruiert oder in der Gegenwart lebendig gemacht haben, ohne dauernd Shoah und Antisemitismus als zentrale Brennpunkte zu haben, war beeindruckend.

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Der Preis für die zentrierte Aufmerksamkeit, von der einige sogar profitieren, viele aber sehr ambige Zustände bekommen, wird in der Soziologie als „Privileging the marginalized“ genannt. Um besonders beachtet, geachtet, geschützt oder befördert zu werden, bedarfs es eines coming out, man muss also als jüdisch erkennbar sein. Vor Jahren bezog es sich stark auf LGBTQY, auch oft nur auf Frauen, bevor es wissenschaftlich erweitert und verallgemeinert wurde. Willst du gefördert werden, weil du etwas besonderes oder anderes (?) bist, musst du dich zu erkennen geben.

Müssen wir? Für viele eher die Antwort auf die Frage: sollen wir. Damit macht man bisweilen Karriere, bisweilen Eindruck, manchmal Irritationen, – und in fast allen Fällen befestigt man die Vorurteilsstruktur gegenüber der ausgewählten Gruppe. Das hat mit Judentum wenig zu tun, schaut auf die unterschiedliche Behandlung von Migrantengruppen – ob sie marginalisiert oder im Scheinwerferlicht sind, schaut auf die Erfolge von LGBTQY – oder Teilgruppen. Das ist auch Teil der gestrigen Plenardebatte des Leo-Trepp-Preises, wo häufig angesprochen wurde, woher die Mittel zur Normalisierung des jüdischen Lebens im Deutschland von heute kommen könnten, wenn die Shoah „nicht mehr zieht“ und es keine überlebenden Zeitzeugen mehr gibt. Erinnerung ist „an sich“ nicht zu dogmatisieren, sie muss einen aktuellen Kontext haben. Schmerzlich für das, was spöttisch oft die Holocaust-Industry genannt wurde, weshalb Erinnerungskultur auch Anlässe und Verbindungen zu unserer Gegenwart braucht, worauf viele leider zu wenig achten.

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Mit der Be- und Verarbeitung der Shoah kommt unsere Gesellschaft langsam und unter Schmerzen voran. Schmerzhaft, weil man sich in einer Generationen-Kaskade immer den gleichen Schmerzen Bildern des Schreckens hingeben kann oder sich von der Survivors‘ guilt auffressen lässt – dagegen halte ich es mit Jean Améry: Recht haben die Überlebenden. Und wenn es keine Zeitzeugen gibt, dann wird die Erinnerungskultur eine sein müssen, die andere neue Elemente für die Zukunft herstellt, am Besten (das ist meine Deutung) die Erinnerung selbst, und nicht die Shoah, für die Zukunft aufbereiten, und das heißt Wandel, auch der jüdischen, jedenfalls der gesellschaftlichen Kultur und der zugehörigen Diskurse. Umstritten, aber fruchtbar.

Anders das Problem des Antisemitismus. Selbst meine persönliche Bibliothek hat dazu meterweise Material, und selbst ich habe dazu geschrieben und gesprochen. Aber der AS ist nicht einfach etwas gegen die Juden zu haben.  Dann wäre das „Philo-„ bei den Philosemiten nicht nötig, wenn die Förderer des Judentums bei uns angesprochen werden. Ich bleibe bei meiner These, dass der Antisemitismus „Juden macht“ (Daxner 2007), weshalb ich selten von Juden, sondern immer von jüdisch spreche, um das Nomen oder Verb zuordnen zu können.

Putin dreht im Augenblick den Spieß um, wenn er den jüdischen Selenskyj und die Juden insgesamt für den faschistischen Angriff auf sein Reich verantwortlich macht. Das Muster kennen wir, und subkutan hat es beträchtliche Wirkung. Natürlich nicht nur Putin….

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Wenn da nicht noch etwas wäre, das ich am Anfang dieses Blogs nur angedeutet hatte. Man entkommt dem allen nicht, „dem“, das ist die jüdische Teilidentität – man ist kein Jude, aber jüdisch so wie männlich so wie kulturell, sozial, ökonomisch und kommunikativ in mehrere weitere IdentitätEN zusammengefügt, und selbst wollte man sich von der einen oder andern befreien oder lösen, der Habitus bleibt. Genetisch-kulturell hat das der Film „Shattered“ im Subtext zu beweisen versucht, viel subtiler als jede „Rassenlehre“; sozio-kulturell bleibt von der jüdischen Geschichte selbst dann etwas hängen, wenn lächerliche Gemeinden auf der jüdischen Mutter bestehen und den jüdischen Vater nur widerwillig überhaupt wahrnehmen; religiös sind die meisten jüdischen Gemeinden längst nicht so zerfallen wie die christlichen (von Sekten abgesehen), das kommt daher, dass sie nicht missionieren und deshalb die Unterschiede nur reflektiert attraktiv sind, aber nicht intuitiv…das ist schwierig, ich gebe es zu, aber es hat mich viele Jahrzehnte lang beschäftigt.

Bleiben wir lieber bei der notwendigen Aufgabe, die Erinnerungskultur selbst kritisch zu hinterfragen, wo ihr spezifisch Jüdisches ist, und wo es um Menschlichkeit geht. Ich könnte mit der Rabbinerin Horvilleur sagen, das Spezifische ist, dass wir nie mit uns fertig sind (Horvilleur 2020)…im Gegensatz zu all denen, die durch Ausgrenzung anderer mit sich fertig sein wollen. Ich kann das säkular drehen und dann wird etwas Praktisches draus: du bist jüdisch, na und…? Soweit sind wir lang nicht, außer dass es uns nicht verlässt. Der vor-monotheistische Ahnenkult schlägt, so haben unsere Vorfahren begonnen, jüdisch zu sein und nicht bloß hebräisch? Aber das führt zu weit. Näher liegt, die Erinnerung strikt auf das Diesseits zu konzentrieren, sie hier, bei uns zu behalten, und dann wundert man sich nicht, wie wenige Juden so viel gemacht haben, es waren ja doch ziemlich viele?

Daxner, M. (2007). Der Antisemitismus macht Juden. Hamburg, merus.

Horvilleur, D. (2020). Überlegungen zur Frage des Antisemitismus. Berlin, Hanser.

                Ich wiederhole hier eine kleine Rezension: Delphine Horvilleur Überlegungen zur Frage des Antisemitismus. Der bescheidene Titel verdeckt ein gutes Buch. Sie baut ein wenig  auf Sartre, Lacan, Derrida auf….ist aber sehr eigenständig, manchmal nahe an Bodenheimer. Im ersten Teil eine blendende Thora und Talmud Exegese,  die den AS bis auf Abraham, Isaak, dann vor allem Jakob vs. Esau begründet. Thesen hier und später: die Zweiten sind weiter als die Ersten (hab ich schon  früher gesagt), weil sie nicht vollendet, immer im Werden sind, die Ersten beanspruchen Macht und vor allem Ganzheit. Schön entwickelt anhand von Ester, Haman versus Mordechai, das kann man auch genealogisch hinbiegen. Aber schon hier: AS ist übermäßig männlich, Jakob und die Juden mit hoher Weiblichkeit.  Juden gegen Römer, das Gleiche. Der Rabbi und der Kaiser (Antoninus Pius spielt da eine namentliche Rolle). Juden werden gehasst,  weil sie etwas haben, das ihre mächtigeren Gegner gerne hätten, und weil sie nicht haben, was diese Gegner aber integrieren müss(t)en um ganz zu werden. Sie geht auch das nachfolgende stereotype Gewirk des AS durch, wenig Politökonomie, viel Freud. Gut der Abschnitt über Weininger. Spannend und brisant die gegenwärtigen Varianten – das kann man fortsetzen, etwa den AS, der auch in black lives matter enthalten ist, und vor allem identitären Ideologien. allen Israelkritik ist dann und nur dann richtig  und legitim, wenn sie sich der Identitätsdebatte entzieht. Der wirft sie vor, sich dem aufgeklärten Anspruch der Person (fände ich besser als Individualität) zu verweigern, man kann hier von  einer Opferkonkurrenz sprechen, in dem die Juden negativ, alle andern Opfer positiv konnotiert sind. Horvilleur lässt sich auch (zu) kurz mit der gegenwärtigen aus den USA herüberkommenden Bewegung der kulturellen Aneignung ein. ich stimme mit ihr überein, dass wir nicht die Shoah zum Brennpunkt und Maßstab alle jüdischen Geschichtemachen sollen, können.  Da steht uns noch ein gewaltiger Kampf um. Gerechtigkeit bevor. In ihrer Kritik am linken AS und an einem AS Feminismus kann ich ihr zustimmen, die Brücke allerdings von der schon hebräischen Weiblichkeit des später jüdischen Mannes als eines unfertigen, weil der Zukunft noch offenen Menschen, gegen die Ganzheitlichkeit, müsste noch viel weiter ausgebaut werden. Hinweise auf die Quellen bei Mo Urban, und der will ich neue Quellen in diesem Buch mitteilen. Schöner Satz „Das wahre Judentum ist in Israel nicht präsenter als in der Diaspora. Letztlich ist es nur dort wahr, wo es nicht alles über sich selbst gesagt zu haben glaubt“ (128). Darum schreiben wir weiter.

Gerade in den letzten Tagen habe ich viel Frankl, Sarid, dann Primo Levi und Fred Wander gelesen. „Der Jude“ im KZ. Immer mehr wird mir gerade an der Leidensgeschichte auch klar, dass Kertesz recht hat: ich – ein anderer. Dann kann ich über das Überleben berichten. Dieses Überleben, die Hartnäckigkeit der Nichtintegration hat diese Position der Juden von Anfang an geprägt, seit Amalek, und wenn Max Czollek mit seiner Desintegration das meint, kann ich mich eher mit dem Aufruf versöhnen.  

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