Frauen an Ende der Welt

Viele wenden sich ab vom Weltkrieg, unter anderem, weil sie noch nicht direkt betroffen sind, außer vielleicht durch die Gaskrise. Viele wenden sich ab von der verheerenden Trockenheit, da der Sommer für ihre Freizeit erträglicher scheint, und die Natur sich schon erholen wird. Viele überfordern sich im hektischen Bemühen, sich nicht überfordern lassen zu wollen. Die nerven besonders, verhelfen den Medien und Hobbyberatern aber zu Extraprofiten.

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Nehmen wir an, eine überirdische Droge, irgendetwas von Oben, lässt den Menschen einen Moment lang den klaren Blick auf das Ende der Menschen in absehbarer Zeit zu. Was tun, fragen sie dann, was tun in den Monaten und Jahren, die wir noch haben? Und mancher sinken in die österreichische Lethargie des „Da kannst eh nix machen“, auch wenn schon „etwas geschehen muss“, aber das Etwas ist nebulös.

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Wie es kommen kann, wird immer wieder beschrieben, und nicht zufällig von Frauen. Das Ende der Welt ist auch das Ende der Männerherrschaft, gemessen am Weltuntergang geradezu nebenbei.

Vor kurzem habe ich schon einmal Jacqueline Harpmans Buch erwähnt, wo die letzten 30 Frauen auf dieser Erde einige Jahre und Jahrzehnte nach ihrer Befreiung aus einem Gefängnis ihre Befreiung in Freiheit umwandeln, und die letzte Überlebende aufzeichnet, was bis zu ihrem Tod geschehen ist und wie selbst ihr Sterben bestimmt, wo nach ihr kein Leben mehr denkbar ist (Harpman 1998). Und, nicht zufällig, lese ich das großartige Buch von Marlen Haushofer „Die Wand“ wieder, 50 Jahre vorher geschrieben, hier schreibt nur eine Frau im lebendigen Gefängnis das nieder, was sie in den Tagen diesseits der unsichtbaren, undurchdringlichen Wand gelebt und erlebt hat, während jenseits, „Draußen“ alles erstarrt und unbewegt verharrt (Haushofer 2004). Die Motive sind parallel, natürlich ist 1963 vieles im Detail anders als 1996, aber eines ist gleich: hier schreibt eine Frau, wovon sie ziemlich sicher ist, dass nach ihr niemand diese Aufzeichnungen wird lesen, aber die Übertragung in den Text der Autorin bewirkt, dass die noch Lebenden ziemlich genau wissen, was auch noch kommen kann und wird, zu unseren (?) Lebzeiten. Es geht um ein ewiges Jetzt, nicht um eine gestaltbare Zukunft.

Haushofer, 1970 gestorben, war schon zu ihren Lebzeiten bekannt, aber im Schatten. Jetzt wird ihr wichtigstes Buch wiederentdeckt, aufmerksam verbreitet, natürlich durch die Frauenpolitik, aber nicht nur durch diese, genau wie bei Harpman. Wir können beide Bücher mehrschichtig lesen, existenzialistisch, psychoanalytisch, anthropologisch, aber immer unter dem Aspekt, dass die „letzte“ Frau auch eine, ihre Lebenswelt entwirft, in der die Männer keine andere als die erinnerte Rolle spielen können. Wenn, dann ist es eine anthropologische, weltzeitliche Schuldzuweisung an das männliche Geschlecht, – so nie explizit – es geht nicht um die konkreten Umstände der Gefangenschaft und Befreiung für eine Gruppe und um das zwangsweise neue Leben in der nicht idyllischen alpinen Welt für die andere Frau (ich habe den Begriff der eingesperrten, endgültigen Freiheit für sie erfunden, sie würde außerhalb der Wand die nicht mehr lebendig finden, die ihr die Befreiung verwehrt hatten).

(Es geschieht einiges mehr in diesen beiden Texten, aber das wichtigste ist mir doch: wenn der Lebenszyklus endet, bleiben die Frauen übrig, so wie sie zu Anbeginn alles hätten zum besseren wenden können. Was nicht geschehen ist, hat wohl damit auch zu tun, dass sich die Männer auf die Wahrheit gesetzt haben und die Frauen in der Wirklichkeit bleiben mussten).

Haushofer und Harpman seien in diesem Kontext ebenso empfohlen wie Ingeborg Bachmanns Gedicht „Alle Tage“ und ganz neu Marlene Streeruwitz‘ „Geschlecht. Zahl. Fall“ (Streeruwitz 2021).

Keiner dieser Texte ist deprimierend oder verbreitet Endzeitstimmung. Man liest was es braucht, um frei zu sein, frei zu leben, und dass das nicht unbedingt auch heißt glücklich zu sein.

Harpman, J. (1998). Die Frau, die die Männer nicht kannte. Hamburg, Hoffmann und Campe.

Haushofer, M. (2004). Die Wand. Hamburg, Claassen.

Streeruwitz, M. (2021). Geschlecht. Zahl.Fall. Frankfurt, Fischer.

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