Winter in Wien oder noch nicht

Anders als in den Bundesländern gibt es in Wien strenge Maskenpflicht, nicht nur im Verkehr. Und: die Leute halten sich dran. Beobachtung nach vielen Fahrten: alle halten sich dran, BIS AUF: Junge Männer nicht-österreichischer Abstammung, wohl aber mit der Staatsbürgerschaft; japanische und chinesische Touristen; alte Wiener Männer, die mit den Jungen die Lust an der Provokation teilen. Das zeigt die schlechte Kommunikation gegenüber bestimmten Randgruppen, keine ethnische Ausgrenzung. Die jungen Frauen aller Herkünfte tragen ausnahmslos Masken. Das Verhalten ist so stark verordnungskonform, dass nicht kontrolliert wird, die Verweigerer allerdings werden wie St Sebastian durch Blicke durchbohrt und fangen an zu husten. In der Straßenbahn der Linie 1, deren Strecke ich weitgehend von Favoriten aus fahre, erlebe ich so viele unterschiedliche Abstammungen, dass mir das Wien ohne Wiener vom Lied ins Bewusstsein springt. Favoriten übrigens, der 10. Bezirk, wäre mit 220.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Österreichs. Mittlerweile kenne ich diesen früheren Arbeiter-Bezirk ganz gut, und die hybriden Verbindungen lassen immer neue Verklumpungen künftiger Ethnoforschung zu, etwas fürs Weltmuseum. Das Handy eint alle.

Am Tag nach den Lesungen habe ich erst Birgit zum Zug gebracht, davor waren wir im 21er Haus.  <INFO>. Informativ über die letzten 80 Jahre und besonders die Ankäufe der letzten 10 interessieren mich. Natürlich sind viel mehr Frauen dabei. Wenige Bezüge zu dem, was „zu meiner Zeit“ 60e/70er en vogue war, der blutbeschmierte Mantel von Hermann Nitsch und ein wenig phantastischer Realismus, Fuchs, Hutter. Der junge Arnulf Rainer (lebt heute noch, berühmt für seine Übermalungen damals) hat eine besondere Fotostrecke bekommen – und ist heute, nach dem Olymp seiner Wirkung, Objekt von lüsternen Vermutungen, was er mit seinen zwei Modellen im retreat angestellt hat (>Ressler<). Die Einrichtung des Museumcafés  erinnerte mich stark an die Vorhangdesigns der 60er Jahre bei uns zu Haus, witzig. Und als Birgit abgefahren war, ging ich gestärkt an meine Projektarbeit.

Eine andere Wienreflexion am übernächsten Tag, ich treffe Kollegen in einem Gasthaus, ganz nahe der Innenstadt, das aussieht, innen wie außen, wie vor 50  Jahren, mit einem Menu zu 7.50, weil mein liebes Café Rathaus wegen Renovierung geschlossen ist –  keine gute Vorahnung. Aber dass sich der Blauensteiner hält, ist wunderbar bei zugelassener Nostalgie.

Der Szenenwechsel kann gefilmt werden. Im ehemaligen Allgemeinen Krankenhaus, 1780…, ist nicht nur ein heftiger Weihnachtsmarkt im größten Hof, und sind nicht nur viele Univeranstaltungen, Seminare und Sozialeinrichtungen bestens untergebracht, es gibt auch die Möglichkeit, ziemlich lange herumzuirren, bis ich mein Ziel gefunden habe. In der ehemaligen Spitalskapelle ist ein großer Hörsaal, wo die letzte Projektpublikation anknüpft zu Maßnahmen gegen den Klimawandel und ich als Zuhörer eingeladen war. Thematisch ganzinteressant und stärker als anderswo auf praktische Politik ausgerichtet. Aber ich schildere lieber das Publikum: Zur Hälfte, oder mehr, so alt wie ich und älter, zur anderen Hälfte unter 30. Fast nichts dazwischen. In der Diskussion prallten aufeinander die Sicht der Alten auf den nicht einholbaren Rückstand der Österreicher durch seine Politik und die Wahrnehmung beachtlichen Fortschritts durch eben diese Politik. Erwartbar, aber angereichert durch die Beschreibung eines Podiumsvertreters, wie die ÖBB Klimapolitik und Innovation, d.h. vor allem Investition, betreiben. Ich habe dier Veranstaltung genutzt, um eine Darstellung unseres Projekts zum intergenerationellem Wohnen mit der Klimapolitik als intervenierender Variable zu initiieren. Ich  hatte den Eindruck, dass viele, fast alle, sich entweder kannten oder ähnlich Absichten verfolgten, eine Veranstaltung im Meta. Am Weg zur Tram durch die Riesenbaustelle für die Erweiterung der U Bahn. Dabei fiel mir auf, dass die Renovierung der Votivkirche nie fertig wird und ich dem Uniquartier keine weitere Nostalgie zuwenden kann, es ist irgendwie real geblieben und gibt keinen Anlass, sich an bestimmte Momente und Ereignisse zu erinnern, für die man vor Ort die eigene Erinnerung korrigieren müsste. Gerade weil sich hier an jeder Ecke und in jedem Gebäude etwas abgespielt hatte, ist seine irgendwie gefrorene Anlage nicht geeignet, mehr als Fakten aufzurufen, die man auch erinnert, wenn man nicht hier ist. Das ist an anderen Ecken und Enden der Stadt nicht so. Ein großer Teil meines akademischen und beruflichen Lebens spielte sich im Umkreis von 500 Metern ab, das „wirkliche“ Leben war aber teilweise weit von hier entfernt, und wenn ich jetzt ab und an den Stellen dieser Wirklichkeit vorbeikomme, dann erfasse ich, wie anders diese Stadt wirklich ist im Vergleich zu den Orten, die ich kenne. Man könnte auch einen Katalog der Hässlichkeiten oder einen der absurden Schönheiten anlegen. Aber ich hatte ja in diesen Tagen kaum Zeit, solche Gedanken kamen mir auch im Dazwischen, was mich herumtrieb, lag hauptsächlich an der Achse der Tramlinie 1. (1 klingt wie an einer Strecke in einer Kleinstadt, wo es drei oder fünf Linien gibt. Es ist wert nachforschen woher die Wiener Tramnummern kommen, die Buchstaben, und leider ist es ein praktischer Fortschritt, dass seit ein paar Jahren die vielen Buslinien hinter den Ziffern ein A, manchmal ein B haben…vorher haben sich selbst Einheimische an der Haltestelle oft nicht ausgekannt). Und ich gehe also täglich zur 1, die hat noch drei oder vier Stationen ganz hinauf auf den Wienerberg, wo sich Wohnsiedlungen aus den Dreißiger Jahren und dem Nachkrieg, Naturschutzgebiete, Hundeauslauf und eine Hochhausklumpung neuerer Zeit verbinden. Meine Wehrdienstkaserne ist da auch um die Ecke. Bald wird die verlängerte neue Ubahnlinie noch näher am Haus meines Freundes vorbeiführen. Leider ist der ganze Wohnkomplex unter der schwarzen Regierung einem deutschen Konzern verkauft worden…naja, andere Sorgen habe ich nicht. Übrigens führt die 1 in den Prater. Der liegt auf der Insel zwischen Donau und Donaukanal, und der 2. Bezirk war eines der Zentren des Wiener Judentums und vermeidlich, wenn man dieses studieren will…aber in Wien ist das Verhältnis der jüdischen Lebenspunkte anders als zwischen Grunewald und Scheunenviertel in Berlin, aber ich schweife schon wieder ab. Ist aber wichtig für mich, auch die fortdauernde Dialektik von jüdischem Leben und Antisemitismus, auch dies wie ein eingefrorener Zustand mit geringen Variationen, je nach Erlebtem und je nach der Genauigkeit der Interessen. Für mich ist das nicht erledigt.

Aber neben dem 2. Bezirk liegt noch der 22. Auf der Insel, die Brigittenau, ein seltsamer Mischbezirk, nur woraus gemischt? Es gibt da unter anderem einen sehr großstädtischen Platz, benannt nach Gauß, durchquert von der Tram, der in seiner Anlage an Pariser Plätze erinnert. An einem Randstück ist ein Lokal, ein Club, ein was? Aktionsradius, gibt es schon lange, die laden wirklich wichtige und gute Leute ein, ich war am Mittwoch dort, um Marlene Streeruwitz zu hören und zu sehen. Das Publikum wieder geteilt: über 60 und unter 30. Mit geschlossenen Augen hätte ich sofort den Odeur der 68er und des nächsten Jahrzehnts eingeatmet, und dass die harten Diskussionen erst nach dem Podium stattfanden, als sich alles aufgelöst hatte, ist fast schon klar. Klasse, was sie sagte, mäßig, wie die Wirkung war, die ich leider ablenkend beobachtet hatte. Man muss die Frau wirklich genau lesen, und genau produziert erst das Dazwischen. Am gleichen Platz ein italienisches Restaurant der kulinarischen Oberklasse und auch nicht billig, so ausgestattet, als hätte Fellini einen Film hier drehen wollen. Und natürlich Stoffservietten, wie bei allen besseren Lokalen in Wien. Um die Ecke ein großes Grundstück, unzugänglich, große Ankündigung: die erste europäische Holzhaussiedlung, ich sage nur: Klimaschutz, s.o. Man geht zur Tram 1 etwa 20 Minuten und ist wieder in einer anderen Welt, am Ring, aber auch nicht weit von der Synagoge in der Seitenstettengasse, der Judengasse, dem Judenplatz. Das wäre die dritte Welt von Wien.

Warum ich das erzähle? Wenn man genügend Abstand und Zeit zwischen den arbeitsbedingten Aktivitäten und Anfahrten, Abfahrten, Zustiegen lässt, kann dieser Abstand klein sein, aber man erfährt die Umgebung der Landschaft, in der man tätig ist, und zwar meist so, dass man keine Zeit zum Flanieren hat. Ich schreibe „man“, wie les nicht nur für mich gilt, und mein neues Buch wird im Titel haben Flanieren im Labyrinth, und dabei wird es um den Mythos gehen, und erscheinen wird das Buch in einem Verlag ganz um die Ecke der dritten Welt von Wien, bei edition splitter. Jedesmal, wenn ich nach Wien komme, meist in Verbindung von Arbeit und Erinnerung, entdecke ich in meiner Stadt, etwas das ich weiß, das sich dennoch seit letztem Mal verändert hat, und deshalb auch meine Erinnerung verändert. Darum geht’s auch diesmal.

Nun interessiert euch ja nicht meine Erinnerung, sondern die Hinweise auf die sich ständig verändernde Großstadt, auch ein Motto: Man muss die Dinge ändern, damit sie die gleichen bleiben (Lampedusa). Und das ist eine Essenz der immer wiederkehrenden Wienberichte: ich ändere mich in Wien vom Augenblick der Ankunft. Darum bleibe ich derselbe.

P.S. Eigenwerbung, weil ich oben die Edition splitter in Wien erwähnt habe. Dort ist gerade ein Buch meiner Frau Birgit Seemann erschienen: Der traurige Mörder von Sanssouci, ISBN 3-9504404-9-6, großartig; und im Januar erscheint dort mein neues Buch: Flanieren im Mythos – Sexualität und Gewalt, ISBN 978-3-9504404-8-5, kann man jetzt schon bei der edition splitter oder bei mir bestellen. Danke für die Aufmerksamkeit im digitalen Lesehinweis.

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