Politisches Glücksgift

Wer freut sich nicht, dass Assad aus Syrien abgehauen ist, dass die Russen dort zurückgedrängt werden, dass die Gefängnisse geöffnet wurden, dass…?

Wer hat in den letzten Tagen nicht Assad als das kleinere Übel gegenüber den erobernden Terrorbrigaden bezeichnet?

Wer hat nicht die Faust in der Tasche geballt, als der Präsident im Wartestand neben dem französischen Präsidenten die Kathedrale mit eröffnete?

Auch die politischen Korrekturen, Kurs oder Moment, können kurzfristig nachdenklich stimmen, die Meinungen sind nur bis zu einem bestimmten Moment stabil, dann schwurbeln sie im Kopf herum, bis sich wieder eine Überzeugung herausbildet, für eine Weile.

*

Im Marxismus gibt es Haupt- und Nebenwidersprüche. Im christlichen Glauben gibt es Todsünden und lässliche Sünden. Im Strafrecht gibt es Sicherungsverwahrung nach lebenslänglichem Urteil und Strafen auf Bewährung…so ist nicht nur die Politik und Gesellschaft, die Differenzen gehören dazu. ABER nicht so ohne weiteres, nirgends.

Anderswo ist es immer schlimmer als dort, wo man gerade nachdenkt oder handelt. Oder es ist weniger schlimm. Das ist nicht dialektisch, sondern bloß wirklich, fordert zum nachdenklichen Abstand vor jeder Reaktion auf, ist also ethisch oder moralisch eingebunden.

Was sagt es zu Österreich, da komme ich her, wenn der Islamismus dort besonders gedeiht? „Die deutsch-türkische Imamin und Aktivistin Seyran Ates sieht im politischen Islam das größte Problem für Europa. Besonders Österreich sei ein „Hotspot für Islamisten“, die sich in Parallelgesellschaften ungestört organisieren würden.

Die Parallelgesellschaften, über die nicht gesprochen werden sollte – weil man es als Fremdenfeindlichkeit und Stigmatisierung bezeichnet –, sind inzwischen Gegengesellschaften geworden“, sagte Ates gestern in einem APA-Interview beim Mediengipfel in Lech„.

Das bedeutet nicht, dass es in Deutschland oder anderswo solche Hotspots nicht gibt, Aber in Österreich fällt es besonders auf, da sollte ein besonderer Anlass oder eine Reaktion auf Untaten die Nachricht bewegt haben.

Weil nichts schwarz-weiß ist, ist noch lange nicht alles relativ. Darum meine Eingangsbemerkungen, die könnte ich täglich machen und zu viel mehr Themen. Aber auch das ist wichtig, was einem „Ins Auge springt“. Ihr erinnert euch meiner Kommentare zum Terror der Aktualität. Über diese Wichtigkeit und ihre Anordnung in unserem Bewusstsein denke ich heute besonders nach, etwa über die Reihenfolge der Nachrichten: erst Assad, dann Notre Dame. Erst Notre Dame, dann die Besucher von Macron. Anderes wird nach hinten geschoben, oft erleichtert, dass man nicht über Sudan, oder afghanische Frauen, oder Gewalt in Haiti erfahren muss…Die Medienwissenschaften wissen dazu viel und genaues. Die Alltagswahrnehmung kann nicht auf die Theorie ihrer andauernden Praxis warten, auch das ist klar. Aber dazwischen sind so seltsame Erfahrungen mit der „Reaktion“. Plötzlich ist in Syrien, im Mittleren Osten, in der Türkei, in Israel … alles anders. Plötzlich und anders. Der Gegensatz zu beständig und gleichbleibend. Schon nach wenigen Stunden hat die Umdeutung der siegreichen „Milizen“ begonnen, in allen seriösen Medien. Kurz davor wurde Haiat Tahrir al-Scham (HTS) analysiert, die wichtigste von mehreren Rebellengruppen. Vgl. https://www.msn.com/de-de/nachrichten/welt/sturz-von-assad-das-ist-der-anf%C3%BChrer-der-islamistischen-k%C3%A4mpfer/vi-AA1vtqym?ocid=msedgntp&pc=U531&cvid=f8d9462bedef4e4bb8e560b9cc77d88a&ei=21 (AFP)

Man kann sich freuen und dennoch wissen, wo mögliches oder wirkliches Gift wartet oder schon wirkt. Das muss politisch und empathisch und rational bedacht werden, nicht intuitiv oder gar im Rahmen der eigenen festgefügten Überzeugungen. Die Wirklichkeit hat wieder einmal die Wahrheiten übertroffen, Notre Dame übersteht die Einweihung und ihr Erstbesucher, und vielleicht kommen in Syrien auch die Menschen zum Wort. Besserwissen werden für einen Augenblick von Besserdenkern ausgebremst.

Abwerten. Nicht zu lange.

Israel, jüdisch und anders. Deutsch?

Diesen seltsamen Titel habe ich gewählt, weil mir im derzeitigen Konflikt der Diskurse keine geradlinige Ansprache einfällt. Der Konflikt der Diskurse ist nicht der wirkliche Konflikt, und dieser ist eine Summe von Konflikten. Ich wiederhole: Pro-Israel, Anti-Israel, Pro-Palästina, Anti-Palästina sind moralisch und intellektuell verbotene Vereinfachungen. Wenn man für die Einen ist, ist man nicht automatisch gegen die Anderen bzw. für Beide und gegen Beide geht so auch nicht.

Da ich in Deutschland lebe, als Jude, Deutscher und Österreicher, sage ich einigermaßen bitter: Deutsche, wenn ihr nicht jüdisch seid, haltet euch zurück und aus manchen Diskursen raus. Eure Geschichte mit den jüdischen Menschen, vor 1933, nach 1933, nach 1945, nach 1989 bis heute wird durch zu viele teils arrogante, teils wehleidige Selbstpositionierungen verzerrt. Wir sind wieder in der Situation, dass viele hier sagen Deutsche und Juden, dass man jüdischen Menschen rät, mal ohne Kippa in einem Berliner Bezirk zu gehen oder dass man bei „pro-palästinensischen“ Demonstrationen nicht weiß, wer oder was Palästinenser, Araber, Muslime, sind wer woher kommt und wer wofür steht. Deutschland (und teilweise Österreich) haben hier eine besondere historische, moralische, kulturelle Selbstbezogenheit, die nur teilweise etwas mit dem Holocaust, teilweise mit der Nachkriegszeit, teilweise mit der Zweistaatenrealität vor 1989, teilweise mit dem vereinigten Deutschland zu tun hat, teilweise auch mit einer Kulturgeschichte im Verhältnis zu jüdischen Menschen, die ans Paradoxe grenzt: Deutsche und Juden seit 1700 Jahren…sagt man, aber seit wann gibt es „Deutsche“?

Ich verweise hier nicht auf meine Forschungen, auf meine Schriften und Reden. Nicht auf meine jüdischen und nicht-jüdischen Freunde und Bekannten hierzulande oder in Israel oder in Palästina oder in den USA. Ich verweise auf niemanden, mit dem ich nicht direkte Kommunikation pflege. Was ich aber nicht ertragen will, dass es eine Art von deutscher Besserwisserei gegenüber „den Juden“ gibt, die in der Tat zu Spaltung und menschlicher Differenz führt.

Um es klar zu sagen. An der Politik der Regierung Netanjahu und seinen Faschisten habe ich seit langem offen Kritik geübt. An dem Recht des Israelischen Volkes an seinem Staat habe ich nie gezweifelt, das sind mehrheitlich Juden und andere Menschen. An der Zweistaatenlösung oder einer Föderation halte ich fest, auch wenn vielleicht eine Einstaatenlösung besser gewesen wäre.

Um es auch klar zu sagen: Schuldzuweisungen darf und soll es weiterhin geben, wobei die Schuldigen nicht notwendig zu einander positiv stehen. Schuldvermengungen wie durch den Europäischen Gerichtshof, die einen Staat und Terroristen gleichsetzen, darf es natürlich so wenig geben, wie die Einen den Anderen menschlich vorziehen.

Was sich in den letzten Monaten an sekundärer und tertiärer Kommentierung der Probleme hier abspielt, lässt einen oft an der Evolution von Vernunft (ver)zweifeln. Dass sich Politik vieler Staaten jeweils in die Politik von Israel und der weiteren Region einmischt, darf und muss genauso kritisiert werden wie die Haltung extremer religiöser Akteure.

Nur, bitte denkt daran, wenn der Antisemitismus jüdische Menschen wieder und wieder vertreibt, dann sollte doch Israel die sichere, demokratische Zuflucht als letztes Ziel sein können. Daran können alle arbeiten.

English version: commentary. From 9/11 to 10/7

Dear family and friends, who do not speak German. It is no real pleasure to condense my views and commentaries on Israel and the Gaza and the region and global actions and reactions. And and and…But it does not help closing the eyes and ears, reality is penetrating all senses and thoughts, day and night.

October 7, 2023, was a terrible day. Its reality was bad enough, but the events created also an aura of almost unreal comparisons (e.g. 9/11/38) and made almost all actions in the context double bond. Germany reacted, as always, differently from almost all other societies, because of the permanent restructuring the post-1945 development and successful learning and … despite the fact that anti-semitism has grown immensely, and that right-wing and fascist movements are developing even faster than in many other European countries. Within the Jewish communities and organizations in Germany, and also between the Germans and the Jews there are increasing rifts and conflicts. This is not new, and it can be explained. But communication on the socials and private levels is deficient. The parliament, as an example, has produced an anti-anti-semitic resolution that was supported on the one side by one right wing party and still is being heavily critized by Jewish and other organizations and intellectuals for being the opposite of the intended pro-Jewish unfication of democrats (cf. Vera Weidenbach, Ha’aretz Nov. 7). Over most of the last year there is a hefty antagonism between those who support the Jewish people of Israel and the intention to create a two-state solution in order to regain peace, and the increasing conflict between supporters and critics of Netanjahu and his partially fascist government. A famous politician of the 1968 period, Daniel Cohn-Bendit, has uttered just recently how much it does hurt him, when Jews are fascists (in Israel).(FAZ Nov. 8). The situation of Israel is more than one among many points of conflict, because Israel as a possible last aim of rescue for Jews is in danger. For many reasons, both externally (complete annihilation) and internally (becoming a fascist state no longer open to Jewish immigration and refugees).

Israeli Hostage’s Father: ‚We’re Second-class Citizens in a Fascist Country‘
 
Liza Rozovsky  Ha’aretz 14/11/2024

This situation makes it difficult and urgent at once to reflect the „real reality“ in Israel and the whole region and its political outposts and open and hidden actors. On the other side, without learning (again) the history of what has happened and why during the last 100, 50, 30, 5 years…makes it difficult to understand anything of the conflicts within the Jewish and the Palestinian people, and between them.

The situation in the USA, as one main actor, does not make things easier since the crazy victory of Donald Trump, which does also the split the Jewish and the Muslim people in the US. We really have no idea how Trump will act on behalf of Israel, of Jews, of peace. (Or do we, and are afraid of what we foresee?).

The events after October 7 have indeed changed the structure of Jewish people, everywhere, and in Germany. Now its too late to regret all the ignorance and superficiality with which the questions of peace in the region, the critique and support of Israel and the Palestinians etc. have been pushed into the corner. But there are only a few signs that politics become awake. And I am afraid that the danger of Israel simply disappearing from the world map has become bigger than ever. That is no good perspectives for those who find Israel as their last resort and for those who do not want to settle in a country dominated by fascists and outlaw settlers on the one side, while the attacks and hostility by Hamas, Hizbollah and other neighbors is growing and will not be diminished by military perpetuation.

*

Since I have many Jewish members of my family and many friends in Israel, I was also emotionally engaged, of course, before October 7, and in a very different way afterwards. But in this complex ideological battleground, I thought the best solution for me would be to stay in touch with my friends in Israel and to create an aura of rationality around me: I held a seminar at the University, about the history of Israel and region between 1896 and October 6, 2023 – not many students, but interested and not aggressive ones. I have been adding some posts to my permanent communication michaeldaxner.com and I am giving some public lectures or preparing them. The real difficulty is not to stumble into one of the many ideological traps. And if you love Israel, like me, and if you prefer two democratic nations or states in a confederation or two-states-unit, neither religion nor ethnic prejudice should be allowed to produce future politics – the present policies are sad enough

*

Of course, this is just a superficial commentary on the view on Israel and region. I am reading Ha’aretz and listening to BBC and get information by my friends in Israel, and read and re-read books on the history of Israel. YOU do probably the same, and I am sure that many of the texts are the same. I am writing this short commentary on the present reaction to the events in Israel and Palestine, because I have the impression that many people – also many politicians – do lack empathy and insight into the human feelings and reactions after October 7, and concentrate too much on what happened since. I want to follow Omri Boehm (2023) who claims that we should not fight for the „really“ right truth among controversial truths, but insist on a higher instance, that is justice in the sense of righteousness. This is complicated and not easy to understand that there will be no shared truth between Israeli Jews and Palestiniens…but we must go ahead.

7. Oktober III

Martenstein rezensiert Ron Leshems Buch Feuer. Um dieses Buch geht es mir jetzt nicht. Es geht Martenstein aber in erster Linie um eine Wahrheit, die man den Relativierern des Kriegs in Nahost nicht oft genug sagen kann. Martenstein schließt seine Rubrik mit den Worten: „Der erste Krieg aber, den Israel verliert, bedeutet sein Ende. Keine Waffen mehr? Bilder, die man am 7. Oktober tausendfach gesehen hat, wird die Welt dann millionenfach sehen. Haben alle Juden den Tod verdient, zur Strafe für Netanjahu? Das kann nicht euer Ernst sein?“ Für sich ist dieser Absatz schon schwer gewichtig. Aber er kommt dazu mit einer Beschreibung, die noch schwerer wiegt und nicht hintergehbar ist, dazu später mehr. „Ich glaube, es ist unmöglich, sich zu diesem Krieg eine Meinung zu bilden, ohne ein paar Details zu kennen, auch wenn sie schwer auszuhalten sind. In Israel kennt sie jeder. Man kann sehen, dass die Mörder Frauen vor den Augen ihrer Kinder wieder und wieder vergewaltigen, bevor alle erschossen wurden, man weiß, dass Opfern bei lebendigem Leib die Brüste abgeschnitten wurden. Sie zwangen Familien, dabei zuzusehen, wie dem gefesselten Vater die Augen ausgestochen wurden oder das Genital abgeschnitten wurde…Es ging darum…dass niemand, der damit zu tun hatte, je in der Lage sein würde, zu vergessen und zu vergeben. Das Kriegsziel hieß: unendlicher Hass. Es wurde erreicht“. Das ist keine wilde Phantasie, keine Übersteigerung der Wirklichkeit, es ist zunächst eine Beschreibung dieser Wirklichkeit, die als Reaktion meines Erachtens Empathie vor Politik setzt, Mitleiden vor Analyse und Reaktion. Empathie in dem Sinn, dass wir den Opfern, Geiseln, Mitbetroffenen dieser Wirklichkeit mehr als nur Mitleid oder Parteinahme zuwenden, sondern wenigstens am Rande unserer Vorstellungskraft nachvollziehen, was dort tatsächlich geschehen ist.

Man kann, in Grenzen, unterschiedlicher Meinung sein, wie „es“ dazu gekommen ist. Man kann das, was am 7. Oktober 2023 geschehen ist, nicht an diesen Grenzen relativieren.

Ich wiederhole meine Frage von letzthin: wenn es nicht Netanjahu und seine rechte Regierung gewesen wäre, sondern eine demokratische, humanitäre Regierung: wie hätte sie auf den 7. Oktober reagieren können und sollen? Das widerspricht nicht meiner Auffassung, dass Kriegsführung und Diplomatie anders hätten sein können und heute sein sollen. Hier geht es um die Reaktion auf das, was wirklich vor aller Wahrnehmung geschehen ist.

Ein seltsamer Gedanke schleicht sich ein: wenn wir dieses Geschehen auch in die Herkunft und Geschichte der Wirklichkeit des 7. Oktober „einpacken“, dann wird es dadurch bereits relativiert, aber noch lange nicht behandelbar und verhandelbar? Andererseits ist die Geschichte nicht abzustreifen wie eine un-denkbare, un-bedenkbare Vergangenheit, aber was sie bestenfalls erklärt, hat mit dem 7. Oktober wenig zu tun, und mit seiner Verkleinerung durch Israelgegner und Antisemiten schon gar nicht. Hier setzt zu Recht die Kritik an den anti-israelischen, pro-palästinensischen Demonstrationen an: Was wird da demonstriert, gezeigt, hochgehalten?

*

Mich lässt das Geschehen nicht in Ruhe. Der 7. Oktober hätte Freunde treffen können, er hat tausende Menschen und ihre Angehörigen wirklich getroffen, und die Wellen breiten sich so aus wie der Stein, ins Wasser geworfen, sie ausbreitet. Lest die Rezension: Buchkritik: „Feuer. Israel und der 7. Oktober“ von Ron Leshem (7.6.2024 Hueck, DLF) und dann das Buch. Man kann auch viel mehr und anderes dazu erfahren, Nichts wissen gilt nicht.

Ich arbeite zur Zeit an der Geschichte Israels bis zum 6. Oktober 2023. Diese Geschichte wird von vielen, den Meisten, nur bruchstückhaft wahrgenommen, gewusst oder (un)bewusst verdrängt. Es geht um jüdische Menschen, aber nicht nur um sie. Das ist nur scheinbar trivial, aber es hilft erklären, warum es keinen Judenstaat, sondern einen jüdischen geben sollte. Ich habe bewusst die Ereignisse des 7.10.2023 so gut wie nicht kommentiert, werde es auch nur in ganz engen Maßen tun. Das hat auch etwas mit dem Vorrang von Mitgefühl vor der Politik zu tun.

*

Der Nachsatz klingt banal: ausgerechnet eine Kolumne in der ZEIT ist hier der Anlass zu diesem Post. Martenstein hat eine Tür geöffnet, die ohnedies nicht verschlossen ist.  Ich habe also doch zum 7. Oktober geschrieben.

7. Oktober II = Jom Kippur heute und morgen = immer wieder

7. Oktober II = Jom Kippur heute und morgen = immer wieder

Schaut erstmal nach, mit religiösen oder ganz säkularen Gefühlen, immerhin: DER Feiertag. Nachdenktag.

Jom Kippur – Wikipedia; Jüdisches Lexikon Bd. III, Frankfurt/M. 1987, S. 310ff: Jom kippur;

Entscheidend in der Geschichte dieses Tages ist, dass ein Schulderlass durch Gott erst auf die Versöhnung der Menschen miteinander folgen kann und darf. In vielen Variationen.

Der Jom kippur-Krieg (6.-25.10.1973) begann am Feiertag. Auch hier kann man anfangen nachzudenken, was dieser Tag auf sich hat. Wer an diesem >Tag angreift, kämpft, sich verweigert.

Der 7. Oktober 2023 hat eine tiefe Kerbe gegraben. Zum Jom kippur bewegen sich auch andere mit aufklärenden Ideen, z.B. (New Israel Fund: Zu Yom Kippur: Rückblick auf den Jahrestag des 7.10. & Einladung zu zwei Veranstaltungen)  und viele andere.

Aber das muss ich euch und Ihnen ja nicht erklären. Nur: heute kann man nicht darüber hinwegsehen, ohne an diesen Tag zu denken, wenn man schon an ihn gedacht hat.

*

Zu den wichtigsten Rahmenbedingungen des konkreten Feiertags gehört, ordentlich und kritisch zu unterscheiden: Judentum, Staat Israel, israelische Gesellschaft, Regierung, Zionismus, Palästina…Begriffe sind nicht einfach wegweisende Aufschriften. Wenn man hier nicht genau ist, versteht man den 7. Oktober nicht. Das Verbrechen der Hamas wird durch Einsicht in die Wirklichkeit nicht geringer. Auch die Vorgeschichte, die mehrere Schuldige kennt, entschuldigt nichts. Aber sie lässt uns verstehen, wie und warum es zu diesem Verbrechen gekommen ist, und Verstehen ist immer an Kritik und Selbstkritik gebunden.

(Hier gibt es eine Linie zu Jom kippur: wenn ich mich in der Familie, meinem persönlichen und sozialen Umfeld ent-schuldigen soll, dann fragt sich schon, wofür).

*

Netanjahu, die Geschichte des Likud, die Zusammensetzung der israelischen antizionistischen Politik seit 1978, die faschistischen und ultrareligiösen Politiken der Siedler und Ultraorthodoxen gehören zusammen und sind nicht als weißer Elefant im Laden zu verkleinern. Sie sind teilweise, aber eben nicht kausal und dominant für die Verbrechen und Aktionen der Israelfeinde mit verantwortlich. Das ist auch Politik, und solange man es nicht weiß, kann man es nicht verstehen. Man muss es aber verstehen, um die Politik Netanjahus zu begreifen, der ja als kleiner Rechtsbrecher nicht einfach Weltpolitik machen konnte, auch wenn er das wollte.

Die Vorgeschichte und Erklärung des Handelns der Hamas, der Muslime in Israel und im Westjordanland, in den umgebenden Staaten, vor allem in Syrien, im Iran, auch das Handeln der Hisbollah wird, fatal und zu Unrecht, der Israelkritik eingeschrieben, weltweit, oft bei den UN, oft aus Halbwissen. Schon die Verlegung des Staates Israel und der Terrororganisation Hamas auf eine diskursive Ebene ist grauenvoll und teilweise wirklich ein Schutzschild für den Antisemitismus.

(Jom kippur: schau genau, wer woran wirklich schuld ist, und dort verhandle, bevor du die Überzeugungen verfestigst, wenn du dich in Schuldfrage plötzlich selbst siehst, als Einzelner, als Staatsbürger, Religionsmitglied, Überzeugungstäter usw. Das ist schmerzhaft).

*

Ich schreibe das heute. Mit der aktuellen Geschichte und Politik Israels setze ich mich seit Jahrzehnten auseinander, seit einem Jahr ist das noch schwieriger geworden als es immer war, und jetzt geht es um noch mehr als je zuvor: nämlich die Existenz Israels und die jüdische Unversehrtheit. Warum es mich interessiert und betrifft, ist heute nebensächlich, aber ich arbeite schon länger daran. Das ist der eine Fokus, der andere ist die Empathie für alle betroffenen Menschen, da tritt das Jude/Jüdin-Sein hinter die Menschlichkeit. Die und Empathie müssen eine Waffe gegen den Antisemitismus sein.

(Jom kippur: Buße und Versöhnung. Beides hat wenig mit Glauben zu tun und wird von der Religion nur so gefasst, wie eben die Gemeinschaftsbildung es möglich macht, mit Grenzen zu sektiererischen Extremen. Entscheidend ist die Praxis und nicht die Hoffnung auf eigene Rettung durch den richtigen Glauben).

*

Heute wie an kaum einem anderen Tag wiederhole ich: Das teuflisch falsche Quadrat pro-Israel, anti-Israel, pro-Palästinenser, anti-Palästinenser kann sich nicht einen Moment lang begründen.  Allein die intervenierenden Akteure (=Variable!) verzerren jeden Blickpunkt von einem Standpunkt aus. Aber auch für uns ist das alles nicht eindimensional: wenn Israel das letzte Rückzugsland auf Erden bleiben soll, dann darf es nicht vernichtet werden. In meinen Augen sollte das weniger eine nicht mehr realisierbare Zweistaatenlösung ergeben, sondern eine Föderation (wie das z.Zt. Omri Boehm vorschlägt, oder wie sich das Tony Judt vor Jahrzehnten gedacht hatte). Dafür kann darf soll man sich einsetzen, öffentlich und laut und vor allem präzise. Und wenn Israel erhalten bleibt, dann muss es eine Demokratie und eine friedliche Nation (wieder) werden, sonst vernichtet es sich selbst.

*

לשנה טובה תכתבו ותחתמו das kann man so UND so wünschen für ein gutes Leben, über das Jahr hinaus.

7. Oktober

Der 7. Oktober ist niemals vorbei. Er hat schon früh begonnen und er wird immer wiederkehren.

Am 7.10.1571 hat die Heilige Liga die Osmanen in der Schlacht von Lepanto besiegt. Schon der Begriff, und dann seine mehrfache Wiederholung, ist seltsam – und 1571 von Bedeutung (Heilige Liga (1571) – Wikipedia). Die Vorherrschaft der Osmanen ist erstmals beschädigt und wird sich weiter reduzieren, über die Jahrhunderte hinweg. Aber diese Schlacht hat nicht nur für die europäischen Reiche, Fürstentümer, Ökonomen eine große Bedeutung, auch für das Judentum – die Inquisition ist noch auf der Höhe ihrer Wirksamkeit – auch für einzelne jüdische Familien. Hier einmal das Beispiel einer reichen Familie, die von Beatriz de Luna (1510-1569) und ihrem Mann Francisco Mendes (1485-1535) und ihren Nachkommen handelt, „Kryptojuden“ oder Marranen. Ihre Lebensstationen sind Spanien, Portugal, die Niederlande, Venedig, Ferrara, Saloniki, Istanbul. Sie kaufen ihr Überleben den Herrschenden ab, sind von den Päpsten, der Inquisition und geldgierigen Fürsten abhängig, und reich genug, um dennoch Menschen zu retten und sozial Gutes zu tun. Mir geht es um die Fluchtpunkte der Juden. In der Globalgeschichte der frühen Neuzeit spielt diese jüdische Geschichte eine besondere Rolle (Behringer 2023). Immerhin von S. 336 bis 349 wird die Geschichte dieser jüdischen Familie genau beschrieben. Religion, Politik, Geld.

Warum ich das mit dem 7. Oktober verbinde: viele jüdische Menschen, in Israel und weltweit, müssen in diesen Tagen befürchten, dass Israel doch nicht der entscheidende Fluchtpunkt, das Ziel, eine letzte Heimat zu finden bleiben kann – wenn seine Feinde den Mehrfrontenkrieg gewinnen; oder dass es ein Land wird, das nicht als jüdische Heimstatt ohne weiteres erstrebenswert bleibt, unter Netanjahu und seinen faschistischen Koalitionspartnern. Aber natürlich: Israel kann und soll erhalten bleiben und seine Demokratie absichern, auch mit der nötigen Distanz zur religiösen Herrschaftsideologie. Dass das möglich ist, zeigen nicht nur die Demonstrationen.

Wenn normale religiöse Jüdinnen und Juden ihre Identität in Deutschland verbergen, zB. wenn Männer keine Kippa tragen, weil sie angegriffen werden, so ist das schlimm – moralisch, politisch, alltäglich. Wenn einzelne Gruppen – es gibt ja nicht viele Jüdinnen und Juden im Land, gerade einmal 0,2% – versuchen, entweder eine Einheitslinie, man möchte fast sagen: Einheitsgemeinde, zu schaffen, so wie die antisemitischen und antiisraelischen Gruppen sind homogenisieren wollen, dann spricht das gegen die Entwicklung der Demokratie in unserem demokratischen Land. Dass die antisemitischen Gruppen zahlenmäßig die Anzahl der Jüdinnen und Juden bei weitem übertreffen, sei schon angemerkt – es wird in den Nachrichten oft übergangen.

Man darf nicht zurückweichen von den Forderungen, die alle mit einem Waffenstillstand beginnen müssen, der aber in weiter Ferne scheint: die Geiseln müssen befreit werden, die Zweistaatenlösung oder die Alternative einer Einstaatenunion müssen politisch gewollt und vom Ausland unterstützt und beschützt werden (Interview mit Rula Hardal und Omri Boehm: „Die Zwei-Staaten-Lösung wäre ein Desaster“ – Kultur – SZ.de (sueddeutsche.de) 7.10.2024; schon früher: Binationale Föderation – Ein alter, neuer Lösungsansatz für den Nahost-Konflikt (deutschlandfunk.de) 28.1.2021; und noch früher die Gedanken meines Freundes Tony Judt (Tony Judt – Wikipedia), ab 2003 und stark umstritten.

*

Ich komme immer wieder auf Omri Boehm zurück. Der ist ein politisch versierter Philosoph, kein Politiker. Seine schon schwierige Ableitung, dass es jenseits der Wahrheiten etwas Wichtigeres, Gerechtigkeit, geben müsse, kann man umsetzen in Praxis, man muss es nicht diskutierend zerfasern (Boehm 2023). Boehm fasst zusammen: „Das Problem…besteht nicht darin, dass Israel nur eine unvollkommene westliche liberale Demokratie ist, sondern darin, dass es so ist, wie westliche liberale Demokratien nun einmal sind: Sie sind für immer auf der gewaltsamen Unterdrückung anderer gegründet“ (152). Und darauf folgt unmittelbar die Kritik des Identitätsdogmas, die dem Stärkeren immer auch Macht über die Schwächeren gibt.

Ich habe seit langem schon meine Kritik an der einen Identitätskonstruktion oder an einer vertikalen Hierarchie von Identitäten entwickelt. Das ist keine philosophische Spielerei, sondern heute wirklicher Ernst, wenn man die entsetzlichen Aussagen der Kontrahenten in den Nahostkriegen zur Kenntnis nimmt. Aber um gegen die Identitätspolitik zu kämpfen, reicht es nicht sie zu kritisieren. Man muss die Schwächen der „westlichen liberalen Demokratien“ aufgreifen, um sie zu stärken, z.B. indem man die scheinbar liberale, de facto aber neoliberale ökonomische Machstruktur ebenso angreift wie die Vorstellung, dass autoritäre Bindungen an Religion und andere Ideologien den Weg zur Stabilisierung abkürzen.

*

Uns stehen Wanderungen, Fluchten, Abschiebungen ebenso bevor wie Ankommen, Lagerungen und starres Ausharren dort, wo wir sind. Nicht nur uns jüdischen Menschen, uns Menschen.

Behringer, W. (2023). Der grosse Aufbruch. München, Beck.

Boehm, O. (2023). Radikaler Universalismus. Berlin, Ullstein.

Der jüdische Wald

Gerade zurück aus den Alpen: erneuert schon durch Anblicke und Perspektiven. Im Urgestein zieht sich der Wald hoch hinauf, bevor die Felsenbeginnen, auch die Almen sind hoch und es scheint fast zu schön um wahr zu sein. Es ist nicht wahr. Schaut man genauer auf die großen Wälder, sieht man größere Flächen abgestorbener, entnadelter Fichten; man sieht, wie sich die steilen Hänge nach den wilden Stürmen vor 8 Jahren wieder bepflanzen, das werden aber keinen Nadelwälder, und irgendwie ändert sich vieles mehr, Erdrutsche, Trockenheit, Überschwemmungen, das Detail verändert das Ganze, aber die Perspektive bleibt.

*

Schaut man aufs Judentum, so ist da etwas ähnliches: der Blick auf die jüdische Geschichte ist wie ein Panorama, das man sich sattsehen kann…wie? fragt der Skeptiker: Jüdische Geschichte, das ist Verfolgung, Demütigung, Shoah…da kann man nur sagen: das auch, leider und immer wieder, ABER eben nicht die ganze jüdische Geschichte. Die darf auch heute weder mit der Shoah noch mit dem 7. Oktober 2023 noch mit der Regierung Netanjahus noch mit dem Auftritt unsäglicher jüdischer Aktivisten religiöser oder auch faschistischer Struktur festgeschrieben werden. Die jüdische Geschichte wird aus den Situationen, in denen sie jetzt scheinbar stecken geblieben ist, wieder ausbrechen, in eine Zukunft, von der wir nicht alles wissen oder genau vorhersagen können – z.B. wie entwickelt sich die Geiselopposition in Israel, oder wie formieren sich die kleinen Minderheiten wie in Deutschland zu größeren humanistischen Koalitionen, oder wie emanzipieren sich jüdischen US WählerInnen vom Trumpismus etc. Wenn es nicht um „Juden“ ginge, wären solche Fragen bei jeder anderen Ethnie politisch, kulturell, „ethnologisch“ ganz alltäglich, normal?!

Aber die Juden. Was sich zur Zeit im Nahen Osten abspielt, nicht nur in Israel, ist ohne die Geschichte des Staates Israel, seine Vorgeschichte, seine Etablierung, seine Verteidigung, seine Diplomatie, seine Wirtschaft, seine widerspruchsvolle Einwanderung etc. nicht verständlich. Wir können da vor langer Zeit zB. religionsgeschichtlich anfangen, um die ultrareligiösen Politiker richtig kritisieren zu können; wir können aber auch ins 20. Jahrhundert gehen und sehen, wie der Zionismus der Staatsgründung umgeschlagen hat in eine ethnisch und politisch ganz andere politische Richtung, die nicht nur die Siedler und die Landnahme, sondern auch das Verhältnis zu den Palästinensern stark beeinflusst, und diese Menschengruppe müssen wir, was Israel betrifft, natürlich auch verstehen, historisch, politisch, religionskritisch, was ist denn der Unt5erschied von PLO und Hamas etc.?

Glauben denn die arroganten Israelkritiker wirklich, einen Staat, dessen Gründung in einem Krieg begann, nach 75 Jahren bewerten zu können? Schaut euch die Deutschen an: seit 1871 angeblich EIN Staat, aber die Leute bezeichnen sich weitgehend heute noch als Bayern, Sachsen und Hamburger. Jaja, ich weiß schon, der Vergleich hat dünne Stellen, aber gerade die muss man füllen, mit der wirklichen Geschichte Israel und nicht den vielfältigen Narrativen der politischen und kulturellen Akteursgruppen.

Eine Konsequenz ist, dass es geradezu moralisch und ethisch verboten ist, ein dogmatisches Quadrat zu praktizieren: Pro-Israel, Pro-Palästinensisch, Kontra-Israel, Kontra-Palästinenser. Das geht nicht, und wird es trotzdem gemacht, ist es ein Anlass zu weiteren Kämpfen. Auch die Zuordnung des Antisemitismus zu den Positionen ist meist fatal, weil Israelkritik und Antisemitismus so wenig deckungsgleich sind wie das komplizierte Gegenbild auf muslimischer oder palästinensischer Seite (Vorsicht, das ist nicht analog, und noch komplizierter…).

UND WAS HAT DAS MIT DEM WALD ZU TUN?

Die Analogie ist einfach: die Perspektive, das Panorama der jüdischen (Welt?)geschichte ist schon beachtlich. Aber es ist auch wichtig, genau hinzusehen, die Verwerfungen, die durch Religion und ethnisch Antagonismen hervorgerufen wurden, nicht zu ignorieren, und – in der Gegenwart – nicht ideologisch Politik und Ethnie unrecht zu vermischen. Darum übrigens schreibe ich gerade an einem Buch, in dem ich „die Juden“ (Ethnie( und „jüdisch“ strengt unterscheide.

Umgekehrt, wenn man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, kann man keine Politik der Erhaltung und Zukunft machen.

Dazu kommt noch einiges, aber keine Analyse des gegenwärtigen Kriegs. Erstmals, ganz aktuell: Meron Mendel https://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/meron-mendel-wir-juden-brauchen-nicht-den-holocaust-um-in-deutschland-solidarit%C3%A4t-zu-fordern/ar-AA1rLF5N?ocid=msedgdhp&pc=U531&cvid=d218c936e58147499a1c691932366098&ei=28