Klingt philosophisch, ist aber realistisch. Als jüdischer Mensch muss ich die Augen offenhalten, hinhören. Erstmal: Menschen SIND vor allem, nicht sie HABEN von allem. Das heißt, Menschen können beides sein: klug und verbrecherisch, gut und dumm, oder über Kreuz. Dann: Klugheit verbietet nicht Amoral, und ein dummer Mensch kann trotzdem gut und gütig sein. Also Vorsicht mit der Alltagsphilosophie…
Der Anlass dieser Überlegungen ist eine Rezension, deren Autor eine kausale und logische Beziehung zwischen Roy Cohn und Donald Trump vorstellt: Fintan OToole (Irish): Devils in America (NYRB #15 2026) über Kai Bird u.a.: American Scoundrel…Es geht um Roy Cohn 1927-1986 und seinen Übergang in Donald Trump (*1946). Cohn hat in den Fünziger Jahren eine Kriminelle Regierungsarbeit u.a. für den Senator McCarthy begonnen und war berühmt bis zum Lebensende. Schwerpunkt: Antikom-munismus und Schwulenhatz, obwohl er selbst schwul war. Cohn hatte absurd viele Freunde, die ihn bewunderten oder von ihm erpresst wurden, Kardinal Spellman, Kardinal Cooke, Rupert Murdoch, Bianca Jagger, Carmine Galante, Estee Lauder und Nancy Reagan…Andy Warhol, Chuck Schumer…von Mafiabossen ganz zu schweigen. Er hat auch die demokratische Partei unterwandert und war alles, was kluge Kriminalität zusammenfasst. Das weiß man, ebenso, dass er das Ehepaar Rosenberg unter Bestechung eines hohen Richters zu Tode brachte, der Richter machte Karriere bis ganz oben. Das alles hat man schon vorher gewusst, aber nicht so genau, und was man kaum wahrgenommen hat, war der Einfluss Cohns auf Trump. Das allein ist für mich nicht zentral. Cohn war jüdisch, das wird selten in den Vordergrund gerückt, ebenso wie man das bei Epstein und anderen nicht offen erwähnt. Das ist für mich schon wichtig, weil das Jüdische entweder verborgen oder ausgegrenzt wird, aus Antisemitismus oder um nicht deshalb in Verdacht zu geraten. Ironisch nach Auschwitz: die überlebenden Juden müssten doch die besseren Menschen sein, oder?
In den USA scheint die Geschichte der WASP seit 60 Jahren zu Ende zu sein, White Anglo-Saxon Protestants (Vgl. W.A.S.P. – Wikipedia). Katholiken haben den rechtsradikalen Rand der Politik erreicht (J.D.Vance) und sind tief gespalten. Das sind die Juden auch, schon lange, und Israel und der 7.10. sind nur Auslöser einer vertieften Spaltung. Aber mir ist schon lange aufgefallen, dass jüdische Kriminelle in den USA und in Deutschland (!) anders behandelt und veröffentlicht werden als andere. Das ist so kompliziert, dass man es nicht einfach definieren kann, mache ich hier auch nicht. Aber Cohn war in jeder negativen Hinsicht herausragend, auch in seinen sozialen Verbindungen, dass man das rekonstruieren sollte, auch um Trump zu „verstehen“. Das macht schon Sinn.
Meine Titelüberschrift mag manche irritieren. Mich haben viele Beschreibungen jüdischer Menschen schon lange irritiert, es geht hier um jüdische Deutsche und nicht um deutsche Juden. Und da ist eine seltsame Ambivalenz bei der Be- und Verurteilung oder Pardonnierung von Juden, die dem mythischen Ideal nicht entsprechen (mir ist das schon früer bei Beschreibung und Bewertung von Fehlhandlungen beim Zentralrat oder im Frankfurter Bahnhofsmilieu aufgefallen, früher, und lange Zeit bei der Kennzeichnung von Netanjahu und anderen … ).
Darüber kann man nachdenken, Urteile fällen. ABER Trump lebt ja noch, er regiert, er ist nicht jüdisch, aber die teilweise Herkunft seiner Ideologie ist interessant, wenn man seine Aussagen zu und mit Roy Cohn und seine Handlungsschemata genauer betrachtet. Das hat nichts mit Judentum zu tun, auch das ist wichtig.