Keine Herbstangst

Schaut euch den schönen Sonnenuntergang an. Hört euch die Ergebnisse der teuren und unsinnigen Treibstoffpreissenkungsideologie der Bundesregierung an. Bewundert die inhaltsarme Euphorie des Trump-Xi-Treffens in den USA. Blendet alles aus, was eure politischen oder kulturellen Missstimmungen erzeugt oder wo ihr meint, kritisieren zu müssen. Müsst ihr nicht. Be wegt euch auf Gebieten, die den deutschen Menschen keine Angst machen, dann wählen sie auch nicht rechts- oder linksradikal, also AfD oder BSW. Bald kommen ohnedies keine AusländerInnen mehr nach Deutschland, damit fallen die Krankenpflege, die Kulinarik, die Kinderversorgung und noch viel mehr den deutschen Ideen, man möchte sagen: Mythen, der Faschisten zum Opfer. Und da die Deutschen ohnedies noch weniger Nachwuchs bekommen, werden wir auch keine Kindergärten, Schulen, LehrerInnen etc. mehr brauchen, also regt euch über die Defizite nur nicht auf, in zehn Jahren wird alles besser, von selbst.

Was ich hier schreibe, ist sanfte Ironie, noch kein Sarkasmus. Die 0,7 Regierung bewegt sich nach unten, O,6…aber das erleben ohnedies nur diejenigen, die die sozialen und kulturellen Kürzungen überstehen. Ich sagte ja eingangs: freut euch des Herbstes, schiebt die sogenannte Politik beiseite, folgt der klugen Analyse deutscher Blätter, wonach die Mitte, also die „Mitte“, die Mitte der Mitte den Radikalen am Rand weichen muss, weil das Volk, also die „Wählerinnen und Wähler“, auch und vor allem die Jungen, die Jüngeren, eben die Randler den Zentren vorziehen. Manche wollen das spontan analysieren und erklären, einige sogar richtig, aber wenn wir das verstehen, heißt das noch lange nicht, dass der Rand es bedenken kann. Also: schaut euch den Sonnenuntergang an, schön, freut euch, dass es wieder manchmal regnet, sooo trocken bleibt es auch wieder nicht, und freut euch darüber, dass ihr deutsche Einfl+sse auch in Br+ssel durchsetzen könnt, damit die Umwelt schneller zu Ende geht – Ihr erlebt das Ende doch nicht, oder eher im Jenseits. Aber dazu nichts weiter, schaut auf die roten Wolken im Westen.

AUFWACHEN

Der Traum des Herbstes wäre, neben einer guten ertragreichen Traubenernte, neben Esskastanien und besserer Sozial- und Literaturpolitik, inmitten guter Klimapolitik, also: der Traum wäre eine andere Politik, global und lokal. Jetzt haben wir erst unpolitisch geträumt, jetzt träumen wir schon wieder.

Ich setze noch einmal an. AUFWACHEN: was das mit uns macht? Nicht darauf hoffen, dass irgendwer, irgendwas, uns vom Albtraum der Wirklichkeit rettet, erlöst. Wählen macht schon Sinn, aber es ist nicht alles, was wir tun sollten. Als erstes darüber nachdenken, was wir zu lange beiseite geschoben haben, weil es lange Zeit in der Vergangenheit uns ja auch nicht wirklich geschadet hatte, nur: zu lasten von wem ging das, bei uns und anderswo? Als zweites darüber nachdenken, dass wir so viel gar nicht erleben werden, Hunger, Dürre, Armut, Krieg, aber unsere Kinder, Enkel? die uns verfluchen werden, was wir nicht mehr bemerken können. Ist euch nicht aufgefallen, dass die extremen Faschisten immer nur Gegenwart predigen und keine Zukunft sehen? Sich nur auf Vergangenheit beziehen, die es so nie gegeben hatte?

Was Deutschland betrifft: Die Lobby aus Agrar-Chemie-PKW-Bürokratie ist stark, sie wird ausländerfeindlich vom Innenminister & Konsorten gestützt – und von den Marginal (=Rand) wählern mitgetragen. Das Ziel ist sozial klar: 20% der unteren Schichten werden abgedrängt, und 80% bleiben „oben“…wie lange, interessiert die Rechten nicht (die auch manchmal „links“ sind….Vorsicht), solange die Zukunft nicht real und vorbereitbar ist. Wenn wir („wir“) dagegen vorgehen, kann das nicht rhetorisch (allein) geschehen. Unser Leben aber muss eine Form von Selbstbewusstsein stärken, die in der Demokratie auch Widersprüche aufdeckt und bearbeitet. Wählen allein reicht nicht. Die demokratische Kultur sollte über die Bildung der oberen Schichten hinausgehen, ohne sie abzuschaffen.

P.S. Das Letztere kann man zur Zeit im Nahen Osten und teilweise in den USA u.a. in fast allen Gesellschaften beobachten, wohin es führt, wenn Bildung durch Ultraorthodoxie abgeschafft wird.

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