Berge und Glück

Wenn man drei Tage lang auf bekannten und neuen Wegen stundenlang die Berge hinauf und hinuntersteigt, wenn ungetrübter Himmel den seltenen Fön vom Alpenhauptkamm bläst, wenn Unterkunft und Nahrung optimal sind, wenn also die Freizeit den Ablauf der Lebensuhr dominiert, was sollte man dann von sich geben, das andere interessiert. Man kann sie ablenken wollen oder einen optimistischen Blick jenseits der Realität suggerieren oder heimlich dazu führen, dass man doch über die politische Unwetterfront kommentiert…Aber das muss nicht sein, Diagnose und Kommentar brauchen Zeit, und also steige ich weiter auf die Almen und Berge. Ich könnte das Bild auch im 2. Satz anders komponieren.

Zum achten Mal im Ahrntal in Südtirol, einem wirklich schönen Ort direkt am Alpenhauptkamm und mit einer beachtlichen postfaschistischen Geschichte. Davon hatte ich schon viel geschrieben, also zum jüngsten Detail der Orte: die meisten leiden untern einer seltenen Trockenheit, das kann man beim Wandern hautnah erfahren, man steigt auf andere Böden. Einige der Wildwasser sind völlig trocken, andere führen wieder, aber wenig Wasser. Die Frage nach den Wasserleitungen aus dem Tal, früher schon gestellt, ist aktuell. Das Thema wird weiter aktuell bleiben, die meisten Gletscher, die ich hier kenne, sind nur mehr Erinnerung oder kleine weiße Flecken. Die Berge sind auch eisfrei schön, aber das Wasser…und manche der ja talbedeutenden Wälder sind schon wirklich krank, mit großen grauen Wunden…die Pros und Contras eines überbordenden Tourismus konnte man hier früh diskutieren, es ist ruhiger geworden, ob die beiden Skigebiete es noch eine Saison oder mehr ertragen, kann ich nicht vorhersagen, Unwetter haben viele Ernten zerstört, und wiese Wirklichkeit ist auch ein Thema bei den Wirtsleuten, die ich schon sehr schätze. Das Tal wurde vor längerem zu sehr bebaut, das ruht jetzt etwas, immerhin.

Und man könnte über Südtirol und Italien und Tirol und Österreich politisch reflektieren, wie überwiegend gut ein politisch einmaliges Vorgehen ansonsten typische Kriegsfolgen umgekehrt hat. Die beiden Präsidenten von Italien und Österreich wurden historisch geehrt. Das ist gut so, sie sind in beiden Ländern eher Leuchttürme der Demokratie in mitten einer abweisenden Politikentwicklung. Dazu kann man lesen, sollte man…

Heute geht es wieder auf eine hochgelegene Alm, und vielleicht bleibt das Wetter, ich kenne die Berge auch schon von tagelangem Regen in besseren klimatischen Zeiten, das kann auch gut sein. Werte Leserinnen und Leser, ich lasse mich nicht zu politischen Kommentaren animieren, nicht zu Deutschland jedenfalls, und zur Welt, die ja fasziniert auf das Bundesland und seine Wahlergebnisse schaut. Ich muss das gar nicht begründen, will es aber deutlich sagen: schon vorher wusste ich, dass ich jetzt über die Erklärungen nachdenken muss, die vorher eine Handvoll Optionen waren und jetzt sehr eng aneinander das Land weiter treiben. Wie auch immer es sich entwickelt, die Frage ist doch auch, wie wir Demokraten mit der Situation umgehen, wie auch immer ihre Form sein wird. Wir Demokratinnen und Demokraten sind gefragt, von der Wirklichkeit, und nicht von den Stimmungen der Faschisten.

Dazu kann man auch in Italien einiges lernen, nicht nur gutes, aber schon der Schritt aus der deutschen Enge ist etwas gutes. Auf gehts!

P.S. Das ist wirklich ein Tal des besten Graukäses, den man sich vorstellen kann. Graukäse ist gar nicht immer grau.

Faschismus wird in Deutschland wieder normal

Seit Monaten schreibe ich gegen den um sich greifenden Faschismus in Deutschland, Europa, weltweit an. Ich bin alt genug und auf diesem Gebiet auch hinreichend erfahren, dass ich den Begriff nicht leichtfertig auf alle undemokratischen Bewegungen anwende. Aber ich gebe auch nicht begrifflich nach, wenn es um faschistische Bewegungen bei uns geht – in Deutschland AfD und BSW, in Österreich FPÖ, in beiden Ländern mit Randerscheinungen auch bei anderen Parteien und Organisationen.

Noch sind in drei Bundesländern keine endgültigen Entscheidungen gefallen, ob demokratische Parteien mit der linksfaschistischen Partei BSW Koalitionen bilden. Ich befürchte es, und in Brandenburg hat der selbstbezogene Ministerpräsident Woidke es ja selbst geradezu herbeigeführt.

Bestimmte Themengebiete, vor allem Asyl, haben in demokratischen Parteien bereits gefährliche Auflösungserscheinungen der praktischen Vernunft ausgelöst. Da kann und soll man dagegen arbeiten, und nicht nur in den Hinterzimmern, auch öffentlich.

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Viel gefährlicher ist zur Zeit das Appeasement mit den regierenden Faschisten vor allem in Italien. Außenpolitisch kommt uns die Unterstützung der Ukraine durch Meloni zugute – aber das ist eine wohlfeile Rahmung einer Innenpolitik, die sich nicht einfach symbolisch, sondern konkret, rechtlich, medial gegen die Freiheit der Gedanken, der Kunst und der Kommunikation wendet. Nicht so blöde und offensichtlich wie in Russland, aber nicht minder wirksam.

Wirksam u.a. bei der Frankfurter Buchmesse dieser Woche: schaut einmal bei Google „Frankfurter Buchmesse Italien“, wie viele regierungsnahe Eintragungen auf den ersten beiden Seiten da sind – und nur zwei wichtige kritische Eintragungen:

Hauptsache, Italien: Deutschland ist dabei, sich an Rechtsextremismus zu gewöhnen (SZ, Felix Stephan 14.10.2024). Am Ende verweist er mit Recht auf die Behinderung von Saviano. Wichtig aber ist, wie er die faschistische Taktik aufblättert: konziliant nach außen, rigide nach innen.

Wie sich Italiens Schriftsteller gegen Meloni auflehnen: FAZ, Karen Krüger, 13.10.2024): Auch hier Saviano, und wichtige Hinweise auf die oppositionellen Gegenveranstaltungen bei PEN und guten deutschen Verlagen.

Aber das reicht natürlich nicht. Denn die politische wie kulturelle Anmutung zum Faschismus hat die SZ schon gut formuliert: Hauptsache, Italien. Warum das so ist, wie das sich festgesetzt hat, erfordert etwas Geduld, man muss weit zurückgehen, in die Zeit zwischen den Kriegen, in das langsame Gewöhnen an eine recht stark erscheinende Alternative zur komplizierten und nicht-starken Demokratie. Und überhaupt: sie waren doch fast alle Faschisten (damals, in den 30er Jahren…heute greift der Faschismus auch in der EU und anderswo um sich). Gerade, wenn man nicht dauernd die NS-Begrifflichkeit mit Blick auf 1933-45 als Fokus nimmt, kann man von einer gefährlichen Verharmlosung der Faschismen in der europäischen Geschichte sprechen, man soll darüber sprechen. Auch, was BSW betrifft, die ja „harmloser“ als die AfD angesehen wird, auch was Meloni angeht, die harmloser und pragmatischer erscheint als zähnefletschende Schwarzhemden.

Schon etwas abgegriffen: Erwache! aber seid wachsam, ihr werdet ganz schön eingewickelt, und das F-Wort wird ja in der Politik gemieden.

Ein politischer Hinweis: Nicht jeder Pöbel, der die Demokratie angreift, ist faschistisch. Und Faschisten bemächtigen sich nicht nur des Pöbels. Damals nicht, heute nicht. Aber sie brauchen um zu wachsen diesen Pöbel. Sie müssen wachsen. (Lest dazu Elias Canetti: Masse und Macht (1960)). Wie man im Faschismus, wie man mit den Faschisten lebt, wird immer wieder neu eingeübt, wie man gegen sie lebt, auch, aber das ist komplizierter. In Italien sollte man die Biographien von Antonio Gramsci, von Cesare Pavese, Primo Levi und vielen anderen lesen, auch um die Uneinheitlichkeit zu studieren. Und ganz neu für Deutschland und Österreich relevant: Thomas Poeschel: Boheme, Revolte und Exil, Wallstein 2024), wo auch das Verhältnis des wachsenden Faschismus zum Exil dargestellt wird.

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Es gibt eine Fülle von Unterstützungen für den aufkommenden Faschismus, auch bei uns. Analysiert nur die Wahlergebnisse in den drei deutschen Ländern und in Vorarlberg: da wählen die jungen Menschen plötzlich – plötzlich? – rechts, vor allem auf dem Land. Und die Wahlforschung sagt: Wer jung X wählt, bleibt lange dabei. Warum wählen die rechts? auch, weil sich die Demokraten nicht sehr um die gesellschaftliche Lebenswirklichkeit außerhalb ihrer Grundmilieus kümmern, und die Faschisten da hineinstoßen, mit der attraktiven Gegenwartsgestaltung, wo schon längst niemand anderer mehr sich darum kümmert.

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Das, werte LeserInnen, ist kein Alarmismus, es ist eine Beobachtung, von der ich hoffe, dass meine Lebenszeit nicht überdauert. Aber es reicht nicht, gegen die vermehrten Faschisten zu „sein“, man muss etwas gegen sie tun, in Bildung, Erziehung usw. Mit dem Sparbudget der Wirtschaftsrechten kommt man da nicht weiter, aber auch nicht mit dem Umgarnen der Rentner und Pensionisten. Kümmert euch um die Jungen und fragt euch nicht dauernd, warum sie den Faschisten nachlaufen.