Semitismus II. Die Wiedergänger

Es gab einen Krieg der USA gegen den Irak. Hans Magnus Enzensberger, einer unserer großen, wenig älteren Politpoeten, schrieb: Hitlers Wiedergänger (Spiegel 6/1991)( http://www.spiegel.de /spiegel/print/d-13487378.html).Ein Artikel, den HME später wenn nicht widerrief, so doch bereute, obwohl er ganz lesenswerte und bedenkenswerte Passagen enthält, deren Mischung schlicht ungenießbar und folgenlos unsinnig ist, gleichwohl.

Ich nehme einen der bedenkenswerten Sätze heraus:

 „An den Deutschen hat es nicht gelegen, dass Hitler sein Programm nicht zu Ende führen konnte. Die Energie von Führer und Geführten hat zu unvorstellbaren Verbrechen gereicht und dazu, Europa in ein Trümmerfeld zu verwandeln. Doch trotz ihrer Entschlossenheit, auch noch den letzten Pimpf ins Feuer zu schicken, sind nicht nur die alliierten Sieger, sondern auch die Deutschen übriggeblieben. Die Nachwelt war jahrzehntelang damit beschäftigt, sich das Verhalten der Deutschen zu erklären.“.

Nazis wie Höcke von der AfD versuchen das gar nicht zu erklären. Sie sind ganz mit der Schuld der Opfer beschäftigt, um sich zu entsühnen, was den eigenen Todestrieb im Übrigen nicht ungesehen macht.  Wichtig erscheint mir, dass nicht Hitler die Deutschen (in ihrer Mehrheit) so zugerichtet hat, sondern die haben ihn geformt. Er ist das Zuchtprodukt einer Selektion von Eigenschaften, so wie ja Trump ohne seine Bevölkerung, so wie ja Orban nicht ohne seine Ungarn, so wie ja Kaczinsky ohne seine Polen nicht denkbar ist. Das ist so trivial wie es keineswegs banal ist.

*

Immerhin wissen die deutschen und arabischen Antisemiten, dass, wer eine „Kippa“ trägt, „Jude“ ist. Sie wissen nicht, was jüdisch ist. Das ist eines meiner Hauptargumente aus „Der Antisemitismus macht Juden“ (2006), erwähnt im Blog vom 20.4. Als jüdischer Deutscher/Österreicher geht es mir so, wie wohl Adorno schon 1951 gemeint hatte „Der Antisemitismus ist das Gerücht über Juden“. Gerücht – immer wieder neu aufgelegte fake-news.

Nicht anders geht der Faschist Victor Orban mit dem jüdischen Ungarn George Soros um.

Soros ist Shoah-Überlebender und früher Ungar, heute Amerikaner. Soros ist nicht in erster Linie Milliardär, sowenig wie auch Dissident, Revolutionär oder Spießer Berufsbezeichnun-gen sind.

Würde man im öffentlichen Raum Menschen danach klassifizieren, was sie tun, was sie getan haben oder zu tun beabsichtigen, dann kämen ihre ethnischen und genealogischen Merkmal erst weit hinten vor.

Wenn sie aber durch das Politik gewordene Ressentiment zum Juden, also zum Volksfeind, definiert und abgestempelt werden, um das eigene Wir, die so genannten Ungarn, vor ihnen und den Folgen ihres Tuns zu retten, dann ist das der erste Schritt zur Ausrottung, zur Vernichtung.

(So genannte Ungarn: die Ungarn gibt es so wenig wie die Deutschen oder Algerier oder Chinesen…aber dazu ein anderes Mal. Die Konstruktion der Ethnischen Essenzialität scheitert andauernd und in verschiedenen Formen, ist aber durch die Verschleifungen der vielfachen Charakteristika zu einer generischen Bezeichnung „Deutscher“, „Ungar“ etc. im Alltag oft unvermeidbar.

Und jetzt Klartext hier in Deutschland: so einem – Orban – gratuliert sein Gastgeber Seehofer herzlich, in einer Liga mit Le Pen. Seehofer trennt vom Faschismus nur wenig, und seine Spießgesellen an der Spitze der Partei dto. Sicher eines nicht: sein Christentum, das ja wie Orban benutzt wird, um gegen die Juden, Zigeuner, Flüchtlinge und andere Menschen Politik zu machen. Diese verlogene antisemitische Variante der Religion – die wir auch in Polen, in Kroatien, in Griechenland, und partiell auch in Deutschland erleben, gründet sich auf die Gewissheit, dass man dafür schon ein Volk finden wird, das dann einen Führer (Orban) oder eine Herrschaftsgruppe (CSU) oder eine Bewegung hochspülen wird (dann, erst dann, kann sie sich befestigen, deshalb ist die Abwiegelei, „noch sei das ja alles nicht so schlimm“, zweifelhaft). In den Argumenten sind sich das Parteichristentum der Seehofers.und der Salafisten bzw. deren Spielarten sehr ähnlich,  ja verwandt.

*

Das wird ja nicht nur von mir so gesehen, es verbreitet sich im politischen Raum die Erkenntnis, dass die Periode vor der Herrschaftsübernahme der Diktaturen – im konkreten Fall die Zwischenkriegszeit – ja noch die politischen Handlungsspielräume erlaubte, die dann schnell ausgeschaltet werden. Wie schnell, beweisen Erdögan und seine Bataillone, oder eben Orban und Kaczinsky und Fico und.. natürlich auch Strache und sein Anteil an der österreichischen Regierung, und viele andere. Nur, weil es im Zug der Zeit ist, muss man diese Bewegung zur staatlich gerahmten Unmenschlichkeit nicht „normalisieren“ [1].

Am Fall Orban gegen Soros und am Überfall auf die Kippaträger kann man mehrere Signifikanten dieser Unmenschlichkeit erkennen:

  1. Die EU billigt das Verhalten von Orban keineswegs, sie agiert aber so gut wie nicht und lässt den Faschisten gewähren. Erstens, weil sie Politik, Ökonomie und sie so genannten werte, die ihr, der EU, und dem westlich orientierten Nachkriegseuropa zugrunde lagen/liegen, nicht mehr sicher bei allen EU Mitgliedern vertreten und durchsetzen kann.
  2. Die Bundesregierung, nicht nur faulig am rechten Rand durch die CSU, agiert im Rahmen einer Appeasementpolitik, sodass man meinen könnte, sie wäre gar nicht gefragt (worden).
  3. Das Establishment – jetzt verwende ich diesen Begriff, streng soziologisch, und bedauernd – fürchtet nichts so sehr wie den Antisemitismusvorwurf, der schlimmer ist als der faktische Antisemitismus. (Vgl. dazu: Annette Großbongardt: Worte als Waffe, Spiegel 17/2018, 8). „Establishment“ meint hier die Verwalter des mehrheitlichen sozialen und kulturellen Kapitals, in der Überzeugung, dass man alles und jedes liberal bis libertär nach Innen kritisieren kann, solange nur die Strukturen nicht geändert werden. Der Wahlspruch nicht nur der GroKo in diesem Bereich ist der von Lampedusas Leoparden: „Man muss die Dinge ändern, damit sie die gleichen bleiben“.
  4. Berlin wird Hauptsitz der aus Ungarn vertriebenen Soros-Stiftung. Merkt denn niemand: das sind Flüchtlinge! Ach ja, der reiche Jude Soros, kann man es den armen Ungarn verdenken, dass sie ein Vorurteil gegen ihn haben? Dazu drei giftige Bemerkungen: 1 – Orban wünschte zu Imre Kertesz‘ Nobelpreis, dass endlich ein „Ungar“ diesen Preis bekomme, 2 – Der Commodore-Computer-Gründer, selbst KZ-Überlebender, sagte, auf seine Geschäftspolitik angesprochen, ihn dürfe niemand belehren, wie er sich moralisch zu verhalten habe, 3 – ohne Soros wäre das kluge und dynamische Ungarn nach 1989 noch wehr viel weiter zurückgefallen; und das vom Kommunismus befreite  Osteuropa, incl. Russlands genauso[2]. Aber „Anerkennung“ ist für staatliche Akteure auch des Westens keine starke Kategorie.
  5. Manche Deutsche, nicht allzu öffentlich, haben erleichtert aufgeseufzt, dass der Angreifer auf die Kippaträger arabisch und nicht deutsch war. Dass dies gleichermaßen ist, wird schon kaum mehr thematisiert.

*

Ich schnüre das Päckchen enger, Deutschland und Österreich im Blick. Zwei Wege, Österreich ist auf dem Weg zur undemokratischen Republik schon weiter, mit seiner Nähe zu Putin und seiner Flüchtlingsberaubungspolitik: wer überlebt muss zahlen. Wäre er doch besser gestorben…meint hier der Nazipartner in der Wiener Politik (beileibe nicht alle Österreicher, aber viele…). Österreich geht einen Weg, den die Zwischenkriegszeit mit ihrem autoritären Staat im Vorfeld des teils bejubelten Einmarschs von Hitler 1938, recht genau vorgezeichnet hatte. Nicht durchgehend autoritär, nicht offen antisemitisch, meist offen klerikofaschistisch, aber mit „pockets“, in denen nicht nur nach Außen das Äußerste gerade nicht eingetreten ist, u.a. in der Kultur in Teilen des Sozialwesens. Abgesehen vom Kampf der dumpferen Provinz gegen Wien…aber wie haltbar der war, wissen wir auch.

Deutschland hingegen, hier schreibe ich,  scheint sich von dem langsam zu verabschieden, was eigentlich gegen Trump und Putin und die vielen Mezzanin-Faschisten im politischen zu verteidigen wäre. Ich nenne es sehr verkürzt den Westen.

Ich erweitere den Begriff der Wertegemeinschaft sogleich um eine Tugendgemeinschaft. Und nehme einen Umweg. In einer Basisorganisation meiner grünen Partei tun sich etliche Gesinnungsfanatiker hervor, indem sie den Westen kritisieren und die viel stabilere Völkerrechtsposition von Putin und Assad hervorheben (Nein, die Partei selbst wird von diesen Kleingeistern nicht affiziert, gottseidank). Wenn ich darauf aufmerksam mache, dass sie ihre Meinungs- und Kritikfreiheit genau diesem Westen zu verdanken haben, weichen sie aus. Zurück auf der Hauptstraße: Der Antisemitismus, der jetzt wieder sichtbar und agil scheint, war ja nie weg, aber lange Jahre hindurch auf dem Rückzug. Früher war gar nichts besser, könnte man den SPIEGEL persiflieren, wenigstens dieses Feld. Man könnte wagen, einiges zu erklären:

  • Zeitzeugen gibt es immer weniger, fast keine mehr, und deshalb taugt die Shoah als Großnarrativ gegen Judenhass immer weniger. Wäre der Antisemitismus ohne Auschwitz entschuldbarer?
  • Die Umschreibung der Jüdischen Geschichte wird komplizierter: Israelkritik als Schutzmantel für Antisemitismus (vor allem auch auf der Linken) und Kritik an der israelischen Politik haben eine hochpathologische Berührungsfläche, die wiederum
  • Den arabischen und den islamischen Antijudaismus im Diskurs geradezu petrifizierend stärkt. Ultra-orthodoxe jüdische und muslimische Stimmen wirken hier als Brandverstärker in einem komplexen Umfeld, das nicht aufzulösen ist. Die „christlich-jüdische“ Selbstverortung unserer Politik lässt sich nach der Shoa leicht behaupten, aber sie stimmt so nicht. Den drei Religionen hier die Stimme zu entziehen dürfte mehr Frieden den Boden bereiten als in so genannten Dialogen zu versuchen sie einzubinden. (Die Beweisführung für diese These ist fast ein Lebenswerk. Darum habe ich so überaus empfindlich reagiert, als die Garnisonkirchen Blasphemiker in Potsdam „Versöhnung“ posaunen; und deshalb mische ich mich in den Konflikt zwischen Glauben und Religion so humorlos und bitter ein: wir könnten schon weiter sein mit der Aufklärung….).
  • Der Antisemitismus und der antisemitische Diskurs sind intervenierende Variable in der großen Auseinandersetzung um den Fortbestand unserer Zivilisation. Sie sind weder Ursprung noch Ergebnis der derzeitigen überlagernden Konflikte. Aber sie sind Erscheinungen, die ein Höchstmaß an Empirie und Analyse bedeutsam machen, um Kritik wirklich folgenreich anbringen zu können.

Hier, bei uns, wird die Heimat verwaltet durch Seehofer & seine Genossen. Hier, bei denen, kann der Kampf gegen Orban beginnen. Und Unterstützung für Soros kann es auch geben. Er ist nicht der typische Jude. Den gibt es ohnedies nicht. Aber da er als Prototyp für das Ressentiment gegen die jüdischen Menschen missbraucht wird, sollte man die Vergewaltiger bestrafen und nicht die Opfer.

Die Wiedergänger sind, bis auf weniger Ausnahmen, noch nicht an der Herrschaft. Viele aber haben schon Anteil an der Macht, oft an der legitimen. –> Time of useful consciousness.

 

[1] In der Wissenschaft wäre der Zusammenhang wischen Normalismus und Normen, aber vor allem dem Normativen der Quantität hier einen eigenen Essay wert. Statt dessen die Empfehlung: lest die Zeitschrift „KultuRRevolution“ und Jürgen Link. v.a.Link, J. (2009). Versuch über den Normalismus. Wie Normalität erzeugt wird. Göttingen, Vandenhoek & Ruprecht.

[2] Ich kenne aus meiner Arbeit in der späten Sowjetunion, dem Kosovo, Westbalkan und Ungarn, v.a. im Bildungsbereich, die Soros-Aktivitäten aus Augenschein und Analyse. Kritik inbegriffen, macht ihm diese Philanthropie so schnell keiner nach.

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