Anderer Terror

Ich bin aus dem Urlaub zurück. Eine lange Liste von Themen – und plötzlich keine Eile, sie loszuwerden. Bevor ich die Netze füttere, muss ich mich selbst an die karge Kost des zerrissenen Arbeitsalltags wieder gewöhnen. Und da will ich mich nicht überrollen lassen von Aufruf/Anruf-Marathon: dazu musst du etwas sagen. Deshalb, ganz altmodisch, eine Reminiszenz und eine Überlegung, aus der noch nicht einmal ein Ratschlag als vielmehr eine politische Vorstellung von Praxis kommt.

Vor Jahren (1971) hat Carl Améry, nicht Jean, ein anderer Mayer, einen wichtigen kurzen Essay zum Terror der Aktualität geschrieben: „Während in steigendem Maße ein jeder Vorgang zu unserer Sache wird, desengagieren wir uns und lassen gleichsam den lieben Herrgott einen schlechten Mann und die Geschichte eine abgeschmackte Veranstaltung sein, über die man mit Phrasen der Gleichgültigkeit und Gesten der Resignation zur ganz intimen Tagesordnung übergeht.“ – Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/15646350 ©2017. Mit diesem Terror habe ich mich zunehmend auseinander gesetzt, wenn es um die Verzweiflung geht, die wirklichen Probleme nicht wahrnehmen zu wollen, und deshalb nicht wahrnehmen zu können (vgl. Blog: Meine Sorgen und das Geld von Rothschild… und die ersten Essays zu „Finis terrae“). Es ist ja zum Verzweifeln, wenn wir uns nicht der Frage stellen, wie weit wir in einer Nachkriegszeit (z.B. nach Afghanistan) oder Zwischenkriegszeit (z.B. im Übergang zum globalen Bürgerkrieg) oder schon im 3. und letzten Weltkrieg (Hans Ebeling)  unsere Vorstellungen von der Sinnhaftigkeit des Erhalts unserer Spezies gar nicht mehr stellen. Es reicht, jedem kurzfristigen Ereignis mit kurzer Halbwertszeit die Bedeutung einer globalen und dauerhaft aktuellen Entwicklung zu geben und zugleich die wirklich dauerhaften Folgen dieser Aufregung zu ignorieren, neue wichtige Trigger wahrzunehmen, sich in der Empörung neu zu positionieren.

Die Gleichwertigkeit alles Aktuellen führt zur Gleichgültigkeit gegenüber der Bedeutung, handeln zu müssen oder zu sollen. Geschlechterkampf um Toilettenaufschriften, Dieselfahrverbote, eine gekaufte grüne Abgeordnete, ein verschüttetes Alpental, eine Kriegsdrohung vom Wahnsinnigen, eine Gegendrohung vom Gegenherrscher, ein Erdbebeb. Alles heute. Und?

Hier folgt kein Plädoyer für die Gelassenheit. Aber eines dafür, sich vernünftig für den Widerstand gegen bestimmte Entwicklungen in Stellung zu bringen. Améry nimmt „Terror“ anstatt „Terrorismus“ und beschreibt also den normativen, „objektiven“ Gewaltakt, nur dass der diesmal nicht einfach vom Staat ausgeht, sondern von gesellschaftlichen Machtverhältnissen, die sich zu einer Herrschaftsform über das Bewusstsein aufgeschwungen haben. Wer von der Aktualität gejagt wird, weiß bald nicht mehr, warum was aktueller sein soll als das Vorangegangene, weil man – man – von ihm/ihr verlangt, dass er/sie sich jetzt dem zu widmen, hinzugeben habe, was aktuell ist.

Das ist nicht trivial. Unser soziales Reaktionssystem wird auf eine Oberfläche hin ausgedünnt, die in den Erscheinungen nicht mehr ihre Gründe und Herkunft erkennen lässt. Man erwartet eine Abfolge von Aktualitäten, je dichter sie sind, desto schwieriger wird die Kontextualisierung und schon gar die Aktion im Kontext, also Politik. Und man sinkt in die Untätigkeit, den Fatalismus gegenüber einer Welt, in der alles aktuell ist, zurück.

Die Rhetorik der Empörung zielt darauf ab, sich über alles und jedes, was aktuell daherkommt, so aufzuregen, als gelte es jedesmal dem Kapitalismus, dem System, der Politik.

Widerstand dagegen heißt zunächst akzeptieren, dass erst die Ordnung der Ereignisse Analyse und Kontextualisierung zulässt. Und wenn man nicht zu allem und jedem, worüber man sich – zu Recht, wohlgemerkt – aufregen könnte, gleich Stellung nimmt? Dann machen einem zwar einige ein schlechtes Gewissen, weil die sich an ihre Reproduktion durch aktuelle Ärgernisse schon gewöhnt haben, aber was solls? Täglich ärgern sich ungefähr 2 Millionen Menschen in deutschen Verkehrsstaus von kumuliert mindestens 250 km Länge, jeder Stau ist aktuell, jeder Ärger authentisch, und es geschieht – nichts. Täglich ertrinken hunderte Flüchtlinge im Mittelmeer, man protestiert, und es geschieht – nichts. Widerstand in diesen beiden nicht vergleichbaren Fällen hieße ja Handeln. Verkehrspolitik hat vor allem mit dem Klimawandel zu tun und dann mit den Mobilitätskonzepten, die selbst durch die Aktualität manipulierter Freiheiten und der Notwendigkeit von Sachzwängen einer Arbeitswelt gesetzt werden, die man – gar nicht so schwierig, ganz anders gestalten könnte. Da sei aber unsere Kultur vor, z.B. die Leitkultur keine Geschwindigkeitsobergrenze zu akzeptieren. Und weil schon diese paar kleinen Ornamente alles kompliziert machen und die wirkliche Komplexität unbewältigbar wird, kann nur solches Aktualität beanspruchen, was Komplexität schon so weit reduziert hat, dass man mit Fug und Recht feststellt, so schlimm der Sachverhalt ist, man kann gegen ihn – „als solchen“ – nichts ausrichten.

Diese didaktische Fingerübung schreibe ich, aus dem Urlaub zurückkehrend und vor mir die Aktualitäten des Juli sortierend: mein Thema ist es weiterhin nicht, aktuell zu sein – dazu musst du jetzt aber was sagen – sondern das nicht zu vergessen, was schon vor vierzehn Tagen nicht mehr neu war.  Meine Leser*innen wissen, dazu gehört Afghanistan. Heute (8.8.2017) machen der Deportationsminister und der Außenminister wieder ihre Aufwartung an den Populismus. Ja, im Prinzip kann man, Einzelfallprüfung vorausgesetzt, abschieben. Das wird groß geschrieben ist aktuell. Dass man es vor der Wahl nicht macht, ist der Duldungsstarre der Politik geschuldet, die keinen Aufreger braucht.

Was ist aus dem geworden, das aktuell war, als wir es durch anderes Aktuelleres ersetzten? Diese Erinnerungsübung steht auch am Anfang von Politik.

 

 

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