Es hat keinen Sinn, Israel wegen seiner faschistischen Regierung unter Netanjahu zu charakterisieren. Moshe Zimmermann hat gestern bei Lanz sehr präzise die deutsche Unehrlichkeit kritisiert, unter Bezug auf die NS Geschichte die faschistoide Politik der israelischen Regierung umzukehren. Warum das so ist und warum die deutsche Selbstverdeckung so intensiv ist, so nachhaltig, und sich nicht nur gegen Juden richtet, sondern menschen- und ausländerfeindliche Politik durchaus mit einem selbst-wehleidigen Rückblick verbindet, ist eine wichtige Frage, die muss man ausführlich bearbeiten, wissenschaftlich UND populär. .
Mir ist zur Zeit etwas anderes wichtig: warum man die historisch-soziale Entwicklung und Geschichte der Palästinenser nicht ebenfalls kritisch – und von deren Seite so selbstkritisch analysiert, wie das in den letzten Jahren und seit dem 7. September in Israel bzw. bei den Juden geschieht.
Warum mir das wichtig ist? Ich habe in Israel weit mehr jüdische Freundschaften als palästinensische. Deren Geschichte (n) sind persönlich wichtig, nicht einfach zu verallgemeinern. Aber wissenschaftlich, als „Experte“, politisch ist das anders, Vereinfachungen sind nicht nur gefährlich, sie sind oft falsch oder irreführend, und allzu abstrakte Analysen fast beleidigend, wenn man die eigene jüdische Sozialität hier wie dort ansieht, und das auf die Palästinenser überträgt. Das gilt im übrigen auch für politisch wie moralisch gut gemeinte Praktiken und ihre Analyse. Ein Beispiel: lese und fördere ich das Grundrechte Komitee (damals noch unter Klaus Vack). Mehr als die Hälfte des Jahresberichts 2025 ist Israel und den Palästinensern gewidmet, und der aufwändig-ertragreichen Zusammenkünfte und Kooperation. Natürlich sind die Palästinenser keine Hamas-Gefolgschaften; aber gar nicht „natürlich“ ist, wie viele der jungen israelischen Kooperierenden auf ihre (ultra)orthodox-konservativen Familien verweisen. Man müsste die Texte des Jahresberichts weiter analysieren, was „dahinter“ steckt, und sicher ist, dass unparteiliche Textgestaltung nicht Meinungsfreiheit bedeutet. Im Bericht steht auch einiges über die traditionelle Auseinandersetzung mit VertreterInnen aus Serbien/Bosnien-Herzegowina. Und gar nicht paradox: die Analyse sollte auch hier eine weitere Ebene erreichen. Das waren Beispiele. Zurück zum Judentum und Israel.
Dass heute auch die Geschichte des Zionismus und seiner Kritiker und Gegner ausgebreitet wird, und die Geschichte Israels eben nicht 1948 beginnt, und die Zeit davor, vor allem ab Mitte der 1930er Jahre und die fatale Rolle der britischen Doppelstrategien, endlich jenseits der israelischen Historiographie verbreitet und diskutiert werden sollte, ist nicht einfach trivial, weil die Widerstände, auch in Israel selbst, gegen diese kritische ja durchaus erklärbar sind. Dass heute Netanjahu sich mit dem Diktator Trump verbindet, ist einfacher zu erklären, als die große nationalistische Mehrheit der Israelis gegen die Palästinenser, auch die mit israelischer Staatsbürgerschaft, was etwas fundamental anderes ist als die weiterhin notwendige Abwehr gegen die arabisch-islamische Vernichtungsdoktrin vieler umgebender Staaten und Gesellschaften (und vieler Muslime und Palästinenser bei uns. Siehe oben: deutsche Ambivalenz). Aber das ist eben kein Stammtischthema, so wenig wie der Antisemitismus.
Geschichte wirkt lange weiter, jenseits künstlich gesetzter Bruchstellen. Faschismus beginnt nicht in Deutschland nicht 1933, und die Vorgeschichte von 1938 in Israel sei der Ehrlichkeit und nicht nur dem Wissen, gerade wenn man für die Gründung und das Weiterbestehen Israels ist. Was nicht daran hindern darf, die Geschichte und Realität der Palästinenser mehr als nur zur Kenntnis zu nehmen. Jedenfalls darf dieser Diskurs nicht zögerlich sein, aber bitte: er sollte auf Wissen und Einsicht beruhen und nicht auf den Vorurteilen, die wir ohnehin schon geerbt haben…