„N“, „I“, kann man darf man?

Wenn man historische oder soziale Fachliteratur liest – nicht Belletristik – dann ist die Wortwahl oft schwierig, natürlich kann man nicht von Negern sprechen, und auch nicht von anderen Volksgruppen in den Worten früherer kolonialer Ableitung. Aber damals, nicht so lange her, war die Wortwahl auf allen Seiten anders, nicht nur bei Negern, auch bei Eskimos, bei Indianern usw. Und die Auseinandersetzung damit kann politisch wichtig sein. Für mich jedenfalls auch im Rückblick auf meine Begriffe, längst über die Jugend hinaus.

Hier geht es um Neger und Indianer, und ich sage nur: lest das im Kontext der „Besichtigung einer Epoche“, wie Karl Schlögel den Untertitel seiner „American Matrix“ präzisiert (Hanser, München 2023). Man glaubt es nicht, dass dieses Buch erst drei Jahre, schon drei Jahre alt ist, und was sich in den USA und unter Trump getan hat und tut. Aber wer wenig von diesem Land weiß, sollte diese Sozial- und Kulturgeschichte von anfang an lesen. Weil selbst gute, kritische und umfassende amerikanische Revision der allgemein bekannten Geschichte nicht so virtuos mit einer Vielzahl von Vergleichen, zeitlich, inhaltlich, mit den USA umgeht, die ja nicht Schlögels lebensbearbeitender Schwerpunkt sind – Osteuropa! – und das macht dieses Buch so besonders lesenswert. Ja, und wieso N und I? Nachdem man schon fast alles und bestens erfahren hat, kommen zwei Kapitel, S. 671-736, und man erfährt, was man vielleicht allgemein weiß oder gar aus den USA kennt. Nicht nur die Geschichte, die Auswirkungen, die Widersprüche usw. der Schwarzen im Land der Weißen, und erst recht die der Indianer, nein, auch das Gewebe der USamerikanischen Gesellschaft jenseits aller rassenbezogenen Plattitüden. Ich lasse die Schwarzen mal außen vor, die Literatur ist sehr gut und man erföhrt manches, das man nicht so gern aufnimmt. Mich hat völlig verblüfft, wie genau das Kapitel „Archipel Amerika“ mit dem ersten Abschnitt „Indianerland: Die große Abwesenheit“ (S. 705) beginnt. Und dann eine Geschichte durchhält, in der es keine Variable gibt, die auch der weißen, von alten Männern vertretenen Welt genüge täte, damit es vielleicht doch erträglich und ausgewogen wirkt. Die minutiöse Darstellung der Vernichtung eines Volkes hat genaue Daten und Thesen, 713ff. im Kern, aber man muss zurückgehen, zum Präsidenten Jefferson und seinen Nachfolgern, zu den Siedlern, zur Dialektik der Vernichtung mit juristischen und gewalttätigen Mitteln, um zu wissen und zu verstehen, was wie wirklich geschehen ist – und die Reste davon heute im 2004 eröffneten Museum kritisch anschauen, – obwohl, das schreibe ich 2026, nicht 2023, Trump alles versucht, auch dies auszuwischen.

Alles gut und wichtig, kritisch mehr zu wissen und gegenüber den USA und global zu vernetzen. Aber ich selbst habe auch ganz spannende Erinnerungen, vom Indianerspiel im Fasching 1952, mit Federn im Haar, bis zu vielen Büchern von Karl May, nicht nur Cooper u.a., und daran anschließend die Filme, – aber zu keinem Zeitpunkt hat meine akademische Ausbildung das Thema auch nur gestreift…Trotzdem habe ich mich etwas daran gemacht, nach den ersten beiden Reisen in den Südwesten der USA, genaueres zu erfahren, und die tourismus-relevante Darstellung der tribalen Vergangenheit ist ein weiteres Kapitel des Halbwissens. Natürlich haben wir seit den 70ern die afroamerikanische Geschichte bis zu den Black Panthers und danach nicht nur erfahren, auch diskutiert. Bei den Indianern war das so nicht der Fall, die erste tiefer gehende Nachdenklichkeit begann mit der Einwanderung aus Asien auf den amerikanischen Kontinent (Die Literatur bei Schlögel ist mehr als reichlich, einiges hatte ich lange davor erfahren, als ich in äußersten Osten Russlands die ethnische Geschichte erstmals erfahren habe). Was ich spannend für mich finde, wieviel Literatur und Beschreibungen dieser Geschichte für die ganzen amerikanischen Kontinente jetzt einfach aufzuklicken ist, teilweise recht gut verständlich. Aus unserer jugendlichen Sozialisation konnten wir uns befreien. Wir – und da steckt in der amerikanischen Geschichte, der Geschichte einer Volksvernichtung über mehr als 200 Jahre, ein schwerer Brocken unterbewusster (oder auch ganz offener) Selbstverhärtung – nicht zuletzt in globalen US Kommentaren zu anderen ethnischen Kontroversen. Die Psychoanalyse des USamerikanischen Gesellschaftsbewusstseins hat hier ein großes Feld. Und auch wenn es nicht alles erklärt, vieles bleibt unentschuldigt.

Ich finde das wichtig, weil es in das Halb- und Unterbewusste schauen lässt, und es entschuldigt nichts an USA, aber natürlich sind die Analogien zu anderen, vor allem zu uns, um eine Facette reicher

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