Ohne Vorsatz?

Endlich keine Liste guter Vorsätze. Das neue Jahr nicht anders beginnen, als man das alte beenden musste. Wir sind ja nicht die Herrn über den Kalender. Wer Vorsätze ausplaudert, riskiert schon das schäbige Grinsen derer, die ohnedies nicht an das Durchhalten der Pläne glaubt. Und wer nichts sagt, sondern sich nur im Durchhalten der eigenen Verbesserungen übt, hat noch den Nachteil, dass ihm niemand anders als er oder sie selbst Mut zu dieser Aktion macht…nicht rauchen, nicht trinken, keine Süssigkeiten, jeden Tag laufen, ….abstrakter: jeden Tag eine gute Tat. Da stockt der Plan, was ist denn eine gute Tat.

Seltsame Schatten meiner Kindheit und Jugend tauchen auf, die gute Tat, mit den Pfadfindern und ohne sie. (Damals wussten wir noch nicht, dass man das Problem mit der Kant*schen Ethik beleuchten könnte…). Kein Witz, wenn es diskutiert wurde, ob zwei gute Taten an einem Tag einem erlaubte, am nächsten Tag keine gute Tat zu tun.

Das alles hat mit meiner Sozialisation zu tun und wird meistens an diesem ersten Jänner, im Norden Januar, aus dem Halbbewussten hochgefahren, um dann wieder zu versacken. Aber zurück: was ist denn wirklich eine gute Tat? Das wissen wir natürlich alle, aber das Besondere ist, dass eine herausgehoben wird, und eine besondere Aufgabe hat, uns besser zu machen als wir mit allen andern guten Taten (ohnedies) wären. Ich erinnere mich daran, diese Frage tatsächlich gestellt zu haben und Unverständnis geerntet zu haben. Es geht doch um eine gute Tat, die du eigentlich nicht tun wolltest, die dir zuwider ist, die anstrengend usw. sein kann, oder dir fern liegt. Und wie ist das mit allen anderen guten Taten? Na, es gilt ja für alle, und die eine, die du heraussuchst, wird in das System der einen täglichen guten Tat eingebaut. Nach einiger Zeit, einem Monat, einem Jahr, schaut dich diese Liste an. Was? Das sollen gute Taten gewesen sein? oder: toll, nein, ich hätte das nicht so gut machen können. So werden Helden und Versager gemacht.

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Werte Leserinnen und Leser meines Blogs. Mit besten Neujahrsgrüßen zeige ich ihnen, wie fragil die Sicherungen der eigenen Geschichtsbewertung sind, gerade an Tagen, wo man sich, mit gutem Grund, der Litanei guter Vorsätze verweigert. Oi, sagt ihr, wie langweilig. Stimmt, das ist ja eben – schon die Erinnerung an die hinterhältige Vorsatzrhetorik hat einen grindigen Geschmack. Und ich habe das Thema gewählt, weil es mich heute wieder einmal nervt. Zum mehr als siebzigsten Mal.

Statt dessen sind wir bei hellblauem Himmel, noch bevor der starke Wind kam, durch die Fluren gelaufen, die Hunde freier als sonst, auch weil vor Mittag so gut wie keine anderen Menschen da herumgingen, später wurden es ein paar mehr. Ein Falke begleitet uns. Auf einer Wiese stehen drei Hochstände, als wollten die Jäger entweder miteinander reden, wenn es keine Rehe gab, oder konkurrieren, aus welchem Winkel man vielleicht am besten trifft. Das geht natürlich an den Wochenenden genauso, aber am Neujahrstag, wird zusätzlich geboten, was man gerne macht. Und, glaubt mir, Neujahr und das gestrige Silvester waren kein Thema während der Wanderung.

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Der heutige Tag lässt Glückwünsche und Hoffnungen für 2025 durchaus zu, aber keine neuen Erwartungen. Der Kalender ändert nichts, Musk war gestern genauso schräg wie heute, und die Kommentare dazu natürlich auch. Aber es hilft sich vorzustellen, dass manches, was man schon als gesichert erwartet, dann doch nicht eintrifft, und sich anderes ereignet, womit man eigentlich nicht rechnen sollte. Die private und persönliche Wahrsagerei feiert zum Jahreswechsel laienhaften Glanz, die Horoskoptiere schaffen es professionell in seriöse Journale. Mir gibt schon zu denken, warum sich plötzlich Dinge ereignen sollten, die wir nicht erwarten oder die wir nicht auf dem Schirm haben. Die Fesseln des Unbewussten sind gelockert, und ans Licht tritt, was man unbewusst, heimlich, schon vorbereitet haben. Und das ist kein triviales Denken, wenn man, gut verkleidet, rauslässt, was man politisch, kulturell sich erhofft, nicht nur aber auch persönlich, aber vor allem dort weltweit, wo man nicht gefragt wurde und gefragt wird, wo man als Laie ohnedies nur am Cafétisch zu Haus drüber redet, weil es niemand von einem wissen will, während es viele wissen wollen, nur nicht von mir, von uns. Und dann kann man sich natürlich vornehmen, die eigene Meinung zu politisieren, rauszulassen, aktiv zu werden, wo man bislang nur nachgedacht hatte. Also doch ein Vorsatz?

Mit diesen Gedanken lese ich die Pläne meiner grünen Partei und überlege, wo ich was vor- und einbringen kann. Sage ich hier im Blog nicht. Mal schauen, was davon wie ankommt.

Durchdrehen im alten Jahr

Der Wahlkampf steht an der Schwelle zum Neuen Jahr. Fast alle Parteien, die rechtsradikalen sowieso, aber auch die Demokraten, überbieten sich mit fremdenfeindlichen, abschiebesüchtigen Forderungen, die populär und meist unsinnig bis gefährlich sind. Es geht NICHT UM DIE KRIMINELLEN, das sind ganz wenige, und deren Rückführung hat mit ABSCHIEBUNGEN nichts zu tun.

Deutschland hat keine Außengrenzen der EU. Die meisten umgebenden Länder haben ähnliche Probleme. Erst nimmt man Geflüchtete auf – aus empathischen, karitativen, asylrecht-bezogenen Normen, dann versorgt man sie, danach beginnen die Randgruppen der deutschen Kernbevölkerung auf die Nerven zu gehen, und von da ab versucht man sie loszuwerden und keine neuen AsylantInnen dazuzubekommen.

Was am internationalen Asylrecht zu verbessern wäre, ist eine Sache. Was am Prinzip, der humanitären Politik gegenüber den Geflüchteten und Schutzsuchenden, weiterhin zu gelten hat, muss auf die eigene Sozio-Ökonomie nicht so verrechnet werden, dass wir bei den humanitären Akten nicht unseren Wohlstand usw. teilweise verringern müssen und – können.

Die Syrer zurückschicken – das möchte den sogenannten Christen von CDU und CSU so gefallen. Die, die es können und wollen, die gehen ohnedies, keine Sorge.

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Mir geht es um etwas anderes. Wer erinnert sich an die Schutzbegehren der vor den Nazis geflohenen Menschen, nicht nur jüdischen. Kaum jemand, aber die Quellen sind überreichlich und traurig, dokumentiert und in der Literatur.

Wer erinnert sich um die Aufnahme von afghanischen Geflüchteten. Schaut nach:

Weltweit: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/942830/umfrage/anzahl-der-fluechtlinge-aus-afghanistan-weltweit/ , aber ganz anders in Deutschland: https://mediendienst-integration.de/migration/flucht-asyl/afghanische-fluechtlinge . Wie und warum sie in Deutschland seit langem leben wollen, seit wenigen Jahren leben müssen, und seit kurzem bleiben müssen – das sind Fragen an die Ethik und an die Politik. Wir können sie innerhalb kurzer Zeit beantworten und längerfristige Strategien dazu vorschlagen – was wir aber nicht können ist, das Vergessen von Afghanistan und den afghanischen Geflüchteten umzukehren.

Nach Afghanistan Syrien, nach Syrien die Ukraine, nach der Ukraine Gaza, nach Gaza wieder Syrien, dazu Kongo, Sudan etc.

Die Aufmerksamkeit und das persönliche wie das kollektive Engagement nimmt entlang einer linearen Zeitentwicklung erst zu, dann stagniert es, kehrt sich um, und wird vom nächsten Zyklus überlagert.

Zugleich wissen wir, wie stark wir von eingewanderten und VON UNS ausgebildeten und beschützten Immigrantinnen und Immigranten – Asyl und nichtasyliert – abhängig sind, dass unsere älteren und hungrigen 7und pflegebedürftigen Menschen versorgt werden. Wir wissen das, aber die faschistischen Parteien AfD und BSW und viele andere Gruppen können sich gar nicht vorstellen, nur von Inländern humanitär und gesundheitsorientiert und überlebensklug unterstützt zu werden – trotzdem gewinnt der Pöbel mit ausländerfeindlichen Parolen die Wahlen. Warum wohl?

Solange die Herkunft und nicht die auf die Zukunft gerichtete Lebenspraxis ideologisch im Vordergrund einer „Heimat“-Ideologie bleibt, wird die Kluft in der Bevölkerung immer größer. (Wo kommen denn die her, die sich jetzt so „deutsch“ gerieren?). Und wie geht es weiter?

Bildung, Ausbildung, Fürsorge – wissen wir, wird aber wahltaktisch und auch aus deutsch-identitärer Überzeugung (von vielen, NICHT allen) nicht richtig gefördert. Aber alle diese Reformen, die viel weniger kosten als Bundeswehr, Sozialhilfe und IT, all diese Reformen verfehlen ihr Ziel ohne empathische Politik für Ankommende, wie auch immer Ankommende, die bleiben. Wollen und Sollen, oft Müssen.

Gehen wir 120 Jahre zurück. Georg Simmel, wohl der beste deutsche Soziologe dieser Zeit, schreibt in seiner Soziologie (1908, hier Frankfurt 1992, Suhrkamp) einen Exkurs über den Fremden (S. 764-771). Dieser Exkurs, neben zwei weiteren über die soziale Begrenzung und die Soziologie der Sinne, kommt spät, im 9. Kapitel über den Raum und die räumlichen Ordnungen der Gesellschaft. Manches darin könnte heute aktuell sein, so die Objektivität des Fremden (766f.), und eine nicht banale Feststellung: „Der Fremde ist uns nah, insoferne wir die Gleichheiten nationaler und sozialer, berufsmäßiger oder allgemein menschlicher Art zwischen ihm und uns fühlen; er ist uns fern, insofern diese Gleichheiten über ihn und uns hinausreichen und uns beide nur verbinden, weil sie überhaupt sehr Viele verbinden. In diesem Sinne kommt leicht auch in die engsten Verhältnisse ein Zug von Fremdheit“ (769).

Liest man den ganzen Exkurs, dann sieht man auch was man hätte über Jahrzehnte und aus vielen Erfahrungen hätte besser lernen können, bzw. was manche wirklich gelernt haben. Es gibt ja die vielen NGOs und Einzelpersonen und -gruppen, die mit den Fremden (konkret hier: den Asylsuchenden) menschlich umgehen und nicht die Andersartigkeit, „Fremdheit“ konstruieren, um sie auf Abstand zu halten oder zu entfernen. Implizit bedeutet das übrigens auch eine Entsprechung im Bewusstsein und der Wahrnehmung der Fremden, was „uns“ betrifft. Wo stoßen die Fremden auf eine Gesellschaft und nicht auf lauter Einzelpersonen?

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Ich mache hier keinen Übergang in eine Soziologie-Seminar. Aber wenn man liest, wie früh sich Vergesellschaftung als Zielpunkt gesellschaftlicher Analyse herausgestellt hat, dann fragt man sich schon, wie es zu den unterkritischen Diskursen um Ausländer und Geflüchtete kommen konnte und kann, gerade bei denen, die menschliche Hilfe jetzt schon brauchen und brauchen werden, und von sog. „Deutschen“ gar nicht bekommen können.

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Habt einen guten letzten Tag im Jahr. Jede(r) ist für andere fremd oder nicht.

Antisemitismus nachgelegt

Ihr wisst, dass ich seit Jahren den Antisemitismus, den offenen und den verdeckten, angreife, bloßlege, kritisiere. Und dass das gerade nicht entlang der offiziellen und wahrnehmbaren Konfrontationslinien erfolgt, weil die verschiedenen Positionen sich zu sehr verabsolutieren.

Dass die Auseinandersetzung zwischen Israel und Hamas zu den absurdesten, teilweise den Konflikt antreibenden Realitäten zählt, habe ich schon beschrieben. Und dass es bei der Kritik an Netanjahu (Regierung) nicht um eine Kritik an der Existenz des Staates Israel (Nation) geht, ist ein Teil meiner Überzeugung und der intensiven Forschung zur Geschichte des Staates Israel. Zu der zählt auch das Hereinholen der wichtigsten Verbündeten gegen die einseitige Verteidigung Netanjahus, zB. Grossmann, Oz, Leshem und deren Hintergrund (Vgl. den Blog „Israel, Palästina.“ 27.12.2024 mit ausführlichen Literaturangaben). Auch verweise ich immer häufiger auf die neuesten Untersuchungen und Kommentare von Delphine Horvilleur und, im Kontext, von Eva Illouz. Besonders deren 2023 geschriebenes und erschienenes Buch „Undemokratische Emotionen“, mit Avital Sieron (Suhrkamp). Und jetzt, zum Jahreswechsel den kurzen Essay „Völkermord? Im Ernst?„, SZ 29.12.2024. Hier werden mit atemberaubender Genauigkeit der Unsinn des Völkermord-Vorwurfs durch Südafrika und andere, sowie die teilweise langfristigen Vorgehensweisen der UN und des internationalen Gerichtshofs beschrieben, die es durchaus erschweren, Kritik an Kriegsverbrechen Israels und an der teilweise kritikwürdigen Reaktion auf den Angriff der Hamas vom 7.10.2023 zu üben und auszuführen.

Wenn ich sage, der kurze Essay wirkt befreiend auf mich, soll das kein Missverständnis hervorrufen. Aber in einer zutiefst zerfurchten, mehr als gespaltenen jüdischen Diskussion, hier (Deutschland) wie dort (Israel, USA vor allem) und der oft schwer erträglichen Metadiskussion aus der nicht-jüdischen Politik und Reflexion, ist der kurze, klare Essay von Illouz eine echte Stütze. Man liest, was man weiß, in der vielleicht klarsten Variation.

Dass und wie man Israel aus der Wirklichkeit vieler Völkermorde zu Unrecht herausisoliert, ist bekannt und belegt. Es führt aber doch auch dazu, dass wir die UN, die internationale Justiz und das komplexe Gebilde der globalen Diskurserneuerung des Völkermords ebenso kritisch und mit Priorität behandeln sollten wie unsere Kommentierung der Vorgeschichte, des Faktums und der Wirkung des 7. Oktober 2023.

Falscher Singular: Identität

Warum soll ein Krimineller kein genialer Erfinder sein?

Warum soll ein Jude kein Faschist sein?

Warum soll großartiger Musiker kein schlechter Lebenspartner sein?

Ihr könnt auch die Sätze umdrehen, warum soll ein Erfinder kein Krimineller sein usw.

Solche Fragten hängen wohl mehr mit dem Unsinn des Singulars Identität zusammen als man auf den ersten Blick meint. Und wenn Identität gar an der Spitze einer nationalistischen Politik steht, umso problematischer.

(Der Einwand, dass Identität in verschiedenen Wissenschaften unterschiedliche Bedeutungen hat, ist nicht absurd: Gerade dann kann man überprüfen, wieweit die Zuordnung des Singulars, Identität statt mehrerer definierter Identitäten, durch die einzelnen Wissenschaften mehr oder weniger sinnvoll ist).

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Ich habe den Begriff und das Thema nicht vorrangig in meinem Repertoire, aber das Wüten der Identitären und die oft zu kurz greifende Kritik an ihnen sind politisch brisant, ja prekär. Das kann man gut nachweisen mit dem Gestammel über die Identität des Täters von Magdeburg, der ja AfD nah, oft auffällig und vielleicht psychisch defekt ist…je stärker letzteres nach vorne geschoben wird, desto eher wird er von Anklage und Strafe verschont, andererseits, wenn er schon lange als tentativer Täter bekannt war, wohin will man ihn abschieben? Jedenfalls sind seine Identitäten und unterliegen nicht dem taktischen Normalismus der Politik, die die Freiheiten aller gerne durch Strafrechtsverschärfungen einengt, aber damit seit Jahren keinen Rückgang an Kriminalität erreicht hat.

Abgesehen von diesem Fall. Identität ist ein fataler Singular, und die Fähigkeit, zwischen den eigenen Identitäten – es sind ja nicht unzählig viele, aber doch einige – zu vermitteln, manche voran und andere hintan zu stellen, ist eine zivile, humane Eigenschaft von aufgeklärten Menschen.

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Nach dem II. Weltkrieg, ich war vielleicht 5, hatten viele Menschen in Österreich I-Karten. Bis heute gut aufgearbeitet, zB. https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Identit%c3%a4tskarte. Wie sie an der Zonengrenze an der Enns geprüft wurde, von den Russen, erinnere ich noch heute, weil unsere Hausangestellte Kopitschek einen slawischen Namen hatte und deshalb die Sowjets fürchtete. Dass so etwas im Gedächtnis haften bleibt, ist erklärlich, aber nicht selbstverständlich. Die Ablösung der viersprachigen I-Karte galt nach 1955 als „Befreiung“, aber Personalausweis und Reisepass sind ja nicht viel anders – nur die Ausgabestelle hat sich geändert, jetzt ist es der autonome Staat…besser heute in der EU, was die Nationalisten bekämpfen, und die Identären zur Heimatverkürzung missbrauchen.

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Der Kampf gegen den Singular ist Politik, nicht Meinung. „Die“ Identität ist immer falsch.

Geht’s noch?

Natürlich haben die Meisten immer gegen die pessimistischen Zukunftsforscher argumentiert, und diese haben ja ihre Prognosen nur gut verkauft, wenn Erwartungen an eine bessere Zukunft genährt wurden, bis heute. Die Ausblicke der Apokalypse werden symbolisch umgedeutet oder abgewertet. So schlimm kann es nicht werden.

„Schlechte Unendlichkeit“ herrscht bei den meisten Politikern, Wirtschaftsweisen, Neoliberalen und Konformisten mit der herrschenden Macht. Hegel hat das genau gesehen. Die Operation zur Überwindung der Endlichkeit wiederholt sich immer gleichbleibend und kommt so nie ans Ziel: Ökologie wird durch Wirtschaftswachstum verdrängt, Arbeitszeit wird verkürzt und damit die Rente unbezahlbar etc. Natürlich profitiert eine teils kriminelle, teils verblendete Minderheit davon, aber auch sie ist endlich und stirbt. Oft leider zu spät, aber was solls, angesichts des global vorherrschenden Irrtums.

Wenn man aber sagt, dass es doch geht, kann man das nur, wenn man nicht gegenwärtig, sondern zukünftig denkt. Und wenn man sich frei macht vom Hölderlin-Satz „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, weil der Satz gerade nicht das meint, was unsere Gefahr der schlechten Unendlichkeit betrifft. Ganz schön philosophisch, was? Aber dafür einleuchtend, politisch. Zukünftig denken, an die eigenen Kinder und Enkel und über sie hinaus, und auch die Eigenen zugunsten aller anderen verlassen – da erhebt sich die Frage, ob man so denken kann? Ohne zu schwurbeln.

Das wird auch klug diskutiert.

„Aus Sicht des Präsentismus gibt es nichts Zukünftiges und Vergangenes, sondern nur den gegenwärtigen Moment, der sich ändert, und in diesem Moment gibt es Erinnerungen und Erwartungen; es gibt Vergangenes und Zukünftiges nur für die Gegenwart, aus präsentistischer Sicht. Wenn nur das, was gegenwärtig ist, existiert, kommt es auf die Ausdehnung und Intensivierung der Gegenwart an. Der Präsentismus ist die zeittheoretische Spielart der Egozentrik.“

Ludger Schwarte: Qualitäten der Freiheit. Demokratie für übermorgen. (https://topos.orf.at/hirn-und-amir-zeit100) ein wichtiger Artikel. 28.12.2024

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Die neoliberalen Markttrottel wollen den Staat aus der Planung verdrängen, die Staatstrottel wollen den Markt lenken. Beide verwalten die Zerstörung von Freiheit und Zukunft. Das ist wahr und trivial und selten in Reinkultur, außer in Diktaturen und in den heute wirksamen Angriffen des Faschismus auf die Demokratie, weil sie sich zu wenig dynamisch entwickelt und sozusagen petrifiziert demokratisch zurückbleibt. Da fragen sich dann die Menschen, wie man eine demokratische Dynamik in der Demokratie herstellt…das kann man ja nicht bloß wollen, da müssen ja die Menschen mitmachen, und zur Zeit strömt der Pöbel in eine andere Richtung.

Die Umerziehung der Menschheit kann kein Staat, kein Schulwesen, keine mit Millionen geförderte Kultur bewirken – die schaffen alle nur kleine Segmente, sozusagen Tortenstückchen. Menschheit, kein Singular „Der Mensch“, bedeutet aber schon noch, die Evolution zuzulassen und nicht gewaltsam, zB. ökonomisch abzubremsen. Der Staat oder die Wirtschaft können die Evolution ausbremsen, aber nicht antreiben und beschleunigen. Zu abstrakt? Ich mache ein einfaches Beispiel: wenn der destruktive Depp Lindner zwar den künftigen Generationen nicht noch mehr Staatsschulden hinterlassen will, aber nichts dagegen tut, dass diese Generationen mit 3° bis 5° Temperaturanstieg leben und verderben müssen, dann ist das nicht einfach falsch, es ist Gegenwarts-dumm. Ein komplizierteres Beispiel ist die schlechte Unendlichkeit der Dreier-Konfrontation USA, Russland, China. Da gehet es nicht um die relativen internen Unterschiede, sondern um die schlechte Unendlichkeit der wechselseitigen Bedrohung innerhalb der Dreier-Reihenfolge, mit vielen Anhängseln und Sekundärkonflikten.

Noch sind die bereits zunehmenden Katastrophen – Tsunamis, Dürren, Fluchttode – nicht so stark wie die Konfrontation in Haupt- und Nebenkriegen. Die nennt man nicht so, wie man auch die Faschisten nicht so nennt, weil die religiösen Relikte im Hirn vieler Politiker glauben, mit milderen Begriffen kann man bessere Politik treiben. Faschisten und Kriege herrschen. Das genau tut die Demokratie nicht, aber es braucht jeweils der Gesellschaft, die sich beherrscht. Ob und wie die Evolution durch eine dynamische Demokratie befreit wird, weiß ich nicht, es geht da ja um Zeiträume, die durch den Klimawandel und die jetzige Kriegs- und Wirtschaftspolitik abgeschnitten werden. Zurück zum Anfang. Liebe Leserinnen und Leser, sagt euch und uns doch selbst, was man braucht und was man nicht braucht, damit unsere Kinder und Enkel menschenwürdig überleben. Sagt es und umschreibt es nicht.

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Keine Angst, ich verfalle nicht in die Trostlosigkeit, das Ende schon zu verspüren, bevor ich es noch sehe. Lange genug haben wir über Resilienz, über den Widerstand der Demokratie gegen die neoliberalen und faschistischen Ausbreitlinge geschrieben und nachgedacht. Aber es reicht nicht zu wissen was falsch ist (schlechte Unendlichkeit auch noch bedichten…). Was tun? mündet schon auch in unser Wie leben? Und das ist – wen wundert es – politisch, es zieht den Musks, Bezos, Putins, Xis den Teppich weg, unter dem die echten Menschen zertrampelt werden. (Kalauer: ich hätte auch zertrumpelt sagen können, aber Musk ist typischer für die neue Kriegsfront). Also: ich muss ja nicht mit allen meinen Gedanken recht haben, aber dekonhstruiert einmal die Behauptung, wir seien schon im Weltkrieg, und sollten deshalb nicht Ausschau danach halten, wann er wie woher kommt. Und das muss doch auch Gedanken und Ziele und Lebenspraxis ändern…weil „zu spät“ nur Gegenwartsschwurbler sagen, um gar nichts tun zu müssen.

Halbzeit

Es ist immer Halbzeit. Das ist das Gute an Konstruktionen, dass man immer Halbzeit festlegen kann, und noch eine Minute vor dem Ende soviel Leben vor sich hat wie hinter sich…in der jeweils zweiten Hälfte kann man zum Beispiel gut machen, was man in der ersten versäumt oder versaut hat; oder man hat die Erlösung von dem Schlamassel vor sich, in das man in der ersten Halbzeit hineingeschlittert ist. Im Fußball sowieso, aber auch anderswo.

In den Medien am 24. und 25.12. wird plötzlich die andere Seite aufgeschlagen, als wäre sie leer und also hoffnungsvoll zu beschriften – oder wir können endlich das lesen, was unsere Erwartung trifft. In der Philosophie ist das schwieriger, Hoffnung und Erwartung zusammenzubringen, aber im Leben der Kommentare und Ausblicke….nichts leichter als das.

Wenn man da gegenschießt, wäre man ja ein Miesmacher; wann, wenn nicht in den Raunächten, soll man denn die Erwartungen über die Wirklichkeit setzen? Also, bis zum Neuen Jahr nehmen wir uns vor, was dann mit Abstrichen vom ersten Augenblick an verwirklicht werden sollte. Die Millionäre zahlen Steuern, Elon Musk spendet für die Demokraten und geht in ein Kloster, Scholz beginnt zu kooperieren und Putin hat die Schnauze voll und die Bahn fährt pünktlich. Alles das und noch mehr dergleichen lese ich in den heutigen Medien oder höre es im ÖR. Aber das ist so wie mit der heiligen Türe im Vatikan: nur durchgehen, reicht nicht. Ablass gibt’s nur, wenn man sich geändert hat, nicht, wenn man sich ändern will. Das tröstet nicht. Hingegen sind die Aussichten auf eine bessere Seite zwei doch hilfreich, als nur die Fortsetzung der schlechten Endlichkeit von Diktatur und Faschismus zu erwarten.

Dabei fällt mir ein, dass der Begriff sich des doch endlich Abfindens mit der Wirklichkeit ein Werkzeug aller antidemokratischen Politik ist. Das fällt mir ein, wenn man Musk im Großen (vgl. Musk gegen die Demokratie: Navid Kermani, ZEIT #55), Fico im Kleinen walten sieht. Wollen wir uns abfinden? noch dazu ohne Abfindung, die unser Leben besser macht? Nur wenn man solche Typen beiseite stellt, abräumt (nicht wegräumt), hat man den Freiraum umzublättern, auf Seite zwei…Nun ist die allgemeine Aussage der sog. Realpolitik, dass die Umwelt ohnedies nicht zu retten ist, und dass die Demokratie vom Faschismus ohnedies überbaut wird – muss ja nicht für ewig sein, aber jetzt einmal kommt es so. Mit dem Sieg des Faschismus, nicht der Umwelt…(An meine kommunikativen LeserInnen: mir fällt kein richtigeres Wort als Faschismus ein, und wenn ihr das kritisiert, sagt doch, was sich stattdessen anbietet). Mir ist das so wichtig, weil das Missverständnis des globalen, also auch lokalen Faschismus darin besteht, dass vor allem Deutsche den Begriff und die Wirklichkeit vom Höhepunkt des NS ableiten, während de facto die vielen Faschismen ja entstanden, aufgebaut und besichert wurden und werden, und der NS ein weit entwickelter Sonderfall war (was man z.B. 1938 noch nicht absehen konnte, oder?). Klammert euch nicht an das Wort.

Aber reflektiert den Faschisten Musk, wohl zur Zeit den reichsten Menschen auf der Erde, und den Vorzug, den ihr Tesla vor einem andern PKW gebt. Beides ist zeitgleich möglich. War übrigens in den meisten Faschismen auch so.

Natürlich hilft dagegen Demokratie, bisweilen nur mit Gewalt, oft aber an den unerwarteten Fronten der Bildung, der Ironie und der Selbstbeherrschung. Ich nehme einen Satz aus einem Essay heraus: „Wo man den anderen nicht überzeugen kann, ist die die Zeit des Dialogs vorbei“ (Nele Pollatschek, ZEIT #55). Ja, und jetzt, und weiter? Die Demokratie hat nicht nur Dialoge zur Verhaltensstabilisierung anzubieten – im Widerstand wird vieles anders. Zu dem rufe ich nicht konkret auf, sondern allgemein, weil er vielfältig ist und nicht immer offen sein kann. Das ist ein Nebenaspekt. Aber am Widerstand wächst die Demokratie und er schwächt den Faschismus. Das Wachsen bekümmert mich, weil wir ja nicht „in“ der Demokratie leben und es versäumen, sie dauernd weiter zu entwickeln. Wir müssen dazu uns überzeugen, nicht die Gegner.

WeihenÄchz Drohung & Befreiung

Wenn alle den Spott beiseite legen und die Brauchbarkeit, ja Notwendigkeit der weihnachtlichen Nivellierung beschwören, förmlich heimsuchen, in den Tages- und Wochenzeitungen, im Rundfunk und in vielen Kontakten, dann bleibt mir nur das harmlose Zurückweichen in die Ironie, die niemanden und nichts verletzt. Wo sind wir denn. (nicht „?)“.

Längst hat die Weltpolitik aufgehört, scheinbar Rücksicht auf die jeweils vorherrschenden Feiertage und sakralen Abläufe zu nehmen. Es ist schon erstaunlich, wie der globale Diskurs der Beschreibung der Weltmächte in „1984“ von Orwell entspricht, und wie die Umkehrung der Wahrheit zur Wahrheit wird. Das kann man wieder lesen und bewundern, oder sich wundern, wie fortgeschritten die chinesische Methodik der Überwachung, die amerikanische Absurdität der alten weißen Zulämglichkeits_Regeln und die russische Barbarei auch die Politik und das Verhalten der kleineren Staaten in Anspruch nimmt. Aber wir wollen ja Weihnachten feiern oder Chanukka oder einfach Freizeit bis zum Jahreswechsel, und da denke ich, dass unser Widerstand gegen die neofaschistischen, pöbelhaften oder einfach depperten Erscheinungen schon einiges kann, das wir nicht mehr lernen müssen. Zum Beispiel untertauchen. Nicht im vergifteten Abwasser, sondern in der Sprache. Ironie und Pathos gehen beide an den Diktatoren und autoritären Politikern vorbei, die nur verstehen, was sie sich einbilden.

Mir kommt es darauf an, dass wir nicht dauernd alles zugleich machen, dass aber vieles mit und neben einander Platz hat, Aufmerksamkeit, Trauer, Fröhlichkeit, und weil es eben darauf ankommt, wer was wann warum und wozu tut oder unterlässt, sollen Ratgeber und ideologischer (An)Führer keinen Platz haben. Nicht einfach Man, nein, wir sollten uns schon selbst und andauern befreien, auch wenn das weder bequem noch einfacher ist als den Führern zu folgen. Weil es Weidel und Wagenknecht gibt, muss man hier auch Führerinnen sagen. Befreiung aber bedeutet nicht automatisch und immer Freiheit, sie bringt uns auf den Weg dahin. Das ist der Anfang von uns in der Politik, im Verlassen der Privatheit, in der Kommunikation – das erlaubt uns Ironie, Pathos, auch Realitätssinn, weniger Glauben, mehr Denken, und genau zu erwägen, wann wir WIR sagen und wann ICH.

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Schöne Tage wünsche ich. Gute Tage mit Ausblick auf ein gutes Jahr 2025 und mit einem Rückblick, der nicht in Selbstvergessenheit oder Trauer mündet.

Die Wiener sagen: es muass wos g’schehn! umd darauf sich selbst zu antworten: Kannst eh nix machen.

Aber die Wiener können beim ersten Satz anhalten und ihn ernst nehmen. Alles Gute.

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Sanssouci 2024 kein Schnee. Aber Hoffnung.

Wegschauen, weghören, weg sein

In der Demokratie darf man fast alles, was sich in der Diktatur verbietet. Der Weg zwischen beiden ist etwas unsicher und nicht gekennzeichnet. Die Kommentare sind dann alltagssprachlich: „Darf der denn das?“, Fico nach Russland fahren, die AfD ihren Attentäter verleugnen, um gegen Ausländer zu hetzen, dürfen ersetzt können und sollen.

Es gibt keinen Weihnachtsfrieden, keine Freude zu Chanukka, die dunkle Zeit hält sich nicht ans Wetter (es soll ja wieder heller werden, es wird heller). Ja, und?

Ich denke die Terroristen, Machthaber und Zauderer haben eines gemeinsam: Sie nutzen die Gleichzeitigkeit um bestimmte Dinge zu tun und nicht zu tun, und mit dem einen auf das andere zu verweisen. Das ist gar nicht philosophisch, sondern politisch, Beispiel Erdögan. Dann sind natürlich die richtigen Kommentare auch so gleichzeitig widersprüchlich, man schaut zugleich hin und weg, man hört es und versteht es nicht. Schrödingers Katze auf politisch…

Vorsicht bei Rücksicht!

Warum soll man Faschisten nicht als Faschisten bezeichnen, sondern um sie herumreden? Warum soll man Kriminelle nicht als Kriminelle bezeichnen, wenn man ihre Taten auch je nach Gewicht einschätzt? Warum soll man derartige Aussagen nicht öffentlich machen, wenn man sie nicht im Stil der Kritisierten macht, sondern in zivilen, wenn auch harten Umgangsformen?

Eine Antwort ist: aus Angst. Man fürchtet, dass der oder die so Bezeichnete(n) gewalttätig oder heimtückisch zurückschlagen. Man fürchtet das zu Recht, und Beispiele gibt es genug, vor allem in unseren gefährdeten Gesellschaften (Dass Diktatoren zurückschlagen, sollte uns klar sein, wenn wir sie treffen – was ja meist nicht der Fall ist).

Eine andere Antwort ist komplizierter: wie komme ich dazu, meine persönliche Meinung zu veröffentlichen, also tendenziell politisch zu machen? Ist meine Meinung nicht geschützt? In solchen Fällen meist nicht. Aber auch zu fragen: wer bin ich, dass ich mich zu den Diktatoren, Faschisten, Verbrechern, Gaunern und Dummköpfen äußere? Die spießbürgerliche Antwort wäre, dass man dabei immer auch auf sich selbst zeigte, und die ehrlichere ist, ja, das ist so, man ist einbezogen in eine Auseinandersetzung, die man hätte privat vermeiden können.

Diese Überlegungen gehen mir durch den Kopf nach Trumps neuen Ankündigungen, nach den Umgarnungen von und für Erdogan, nach vielen Einzelvorfällen. Ich muss mich nicht zu allem äußern, das vergessen viele – man ist kein Radarschirm, der nicht aufhört sich zu drehen. Wenn aber richtige Aussagen gefährlich sind, muss man entscheiden, ob man das Risiko eingeht. In der Diktatur kostet es das Leben – Russland. In schwankenden Demokratien ist es unsicher – bei uns oder in den USA. Sicherheit für die Wahrheit hat es nie gegeben, gibt es nicht. Aber es kann Sicherheit schaffen, deutlich die Unsicherheit selbst in Kauf zu nehmen, da ist man noch lange kein Opfer oder Märtyrer. „In Gefahr und größter Not / bringt der Mittelweg den Tod“ (Kluge). Also wird man vom Rand her deutlich. Darum geht es.

Zähember / Jänner usf.

Das Jahr dunkelt, und religiöse wie retrovertierte wie völlig normal kultivierte Menschen schrauben überall Glühbirnen dazu oder beleuchten die Räume mit Paraffinkerzen. Auch gut. Jeder Spott über die Traditionen der Traditionen sei mir fern, auch wenn sie heute digital und ziemlich überall die gleichen sind. Mir geht es nicht um Weihnachten. Christian Morgensterns Monatsnamen fangen ja lustiger an als sie enden, Jaguar, Zebra, Nerz, Mandrill, aber der Zehenbär ist auch nicht besser als der Zähember.

Der letzte Monat eines unglücklichen Jahres entwickelt eine Dynamik, die nur durch den syrischen Umbruch besser beleuchtet wird, aber ansonsten dem ehernen Zeitalter alle Ehren erweist, was wiederum die Presse zu Jahresrückblicken seltsamer Schönfärbung veranlasst, damit man nicht zu depressiv das Jahr verlässt, um Trump und andere Monstren wahrzunehmen. Begrüßt wird nicht.

Ich reihe mich nicht in die Klagenden und schon gar nicht in die Sowohlalsauch Riegen ein (Doolittles Stoßmichziehdich passt da besser). Vor unseren Augen bröckeln die Demokratien, wachsen die rechten und linken Faschismen wie die Unkräuter in den vernachlässigten Ziergarten, und der Feind des Feindes wird zum Freund des Freundes, und umgekehrt. Ausweglosigkeit hat einen Vorteil: man kann und muss nicht entscheiden – oder es gibt sie nicht. Dann aber muss man den Ausgang aus der Not suchen, und sich nicht in Opiatsträumen aus der Wirklichkeit blenden, wie denn welche neue Regierung was an der Demokratie verbessern kann und will, wenn schon ihre Programme eher an der Wirklichkeit der Überlebenszeit vorbei gehen.

Auswege gibt es nur bei klarem Verstand und nicht abwegigen Emotionen. Beides braucht man )Wenn man sich die menschenverjagenden Kurzschlüsse gegen die syrischen Menschen in Deutschland anhört, dann ist das Fehlen von Empathie wohl ein Merkmal nicht nur der sogenannten christlichen Parteien – oder wenn die Anbiederung ansonsten vernünftiger Menschen an den Putinklon (.clown) Wagenknecht als Ausweg gepriesen wird, von den Verbeugungen vor Musk ganz abgesehen.

Die Flucht vor den Auswegen ist ein gutes Mittel, sich der eigenen Freiheit zu entledigen und so zu tun, als wäre die Wirklichkeit ein Naturereignis, gegen das man eh nichts machen kann. Eine Ausweg ist nicht einfach die Realität zu reformieren (Einsparungen, neue Hierarchien von Schwerpunkten, Austausch von Personen, mit denen bestimmte Hoffnungen verbunden sind, oder eben nicht…). Auswege muss man suchen mit dem Ziel vor Augen, das man erreichen möchte, wenn man den Ausweg gefunden hat. Na, welche Ziel denn? Demokratie, natürlich. Als ob unser System wirklich schon am Ende wäre, und die Faschisten naturgemäß die Demokratien ablösen. Nicht „sollen“, aber „werden“. Der interne Ausweg ist, dass wir auch das überleben, und dann befreit auftauchen, nach Trump, nach Netanjahu, nach … Aber der interne bleibt in uns, nicht einmal Literatur oder andere Kunst macht ihn wahrnehmbar, wenn er nicht in den Dialog, in die Auseinandersetzung, in den Streit um die besten Türöffner führt. Das kann schmerzhaft sein, ist es, Sackgassen öffnen, tut es, aber es kann auch weitergehen. Widerstand, Resilienz, und die Empathie für die Geschundenen jetzt und die Nachkommen morgen zugleich, sind geboten.

Klingt wie ein säkulare Predigt, aber ich stehe ja nicht am Hyde Park Corner und rufe das ins Leere. Ich hole tief Atem, bevor ich sofort und pausenlos auf den rasanten Wandel in der Weltpolitik reagiere (so viele Fehlmeldungen wie in den Medien der Letzten Woche, die wichtige Wirklichkeit im Nahen Osten beschatten, hat es nicht oft gegeben…langsam setzt sich das Nachdenken durch, wo wir jedenfalls nicht dem Vordenken gehuldigt haben, oder? seid mal ehrlich).

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Ich werde demnächst drüber schreiben, weil ich meinen Blick natürlich nicht von Israel abwenden kann. Lange vor dem Terror der Hamas am 7. Oktober hat Eva Illouz ein bahnbrechendes Buch geschrieben: Undemokratischer Emotionen, 2022. Deutsch Berlin 2023 (Suhrkamp). Es nützt ja nichts, wenn man Netanjahu verachtet oder kritisiert, wenn man die Entwicklung der israelischen Gesellschaft zu diesen Gfrastern nicht kennt und analysiert. Und das steht, verallgemeinerungsfähig, in diesem Buch. Man lernt nicht aus.

Was sind die Gefühle, die man für die und in der Demokratie braucht, nicht nur „will“?