K. – Der Abend lohnt sich

K.

Drei Stunden im BE Theater, nach einer Enttäuschung zwei Tage davor sollte keine zweite kommen. K. Viele scheinen doch zu wissen, dass das Kafka meint. Übrigens: woher? Ist keine unheimliche Bildungsfrage. Zu diesem K. komme ich gleich, jetzt einmal der Regisseur Barrie Kosky – Wikipedia . Da wusste man schon vorher, dass es spannend würde, ob gut oder nicht, entscheidet sich ja auch in den Zuschauern. Ich sage es gleich: großartig, verstörend und ja, so will ich Theater immer wieder neu sehen, erleben. Mehr als drei Stunden, dann der Applaus.

Zu Kafka habe ich eine lange Beziehung, deren biographische Elemente ich hier weglasse. Aber schon der Untertitel des Stücks verbindet mich „Ein talmudisches Tingeltangel rund um Kafkas Prozess“.  Und selten hat man, alters- aber auch bildungsbedingt, so empfohlen, den Kommentar des Regisseurs vor allen anderen Kommentaren zu lesen, und dann zu Kafka wieder zu greifen, jedenfalls zum Prozess, zur Strafkolonie, zum Hungerkünstler, auch wenn man meint, das alles schon zu kennen. Kennen schon, aber was weiß man….Da ich keine Kritiken schreibe, kann ich alle, die an dieser Aufführung mitwirken, nur loben, und Kathrin Wehlisch als K. natürlich mehr als feiern. So, genug der Einleitung.

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Wie gegenwärtig der über hundert Jahre alte „Prozess“ ist, spürt man, erfährt man irgendwie, und doch ist man nicht in eine zeitlose Tragödie hineingezogen, in allen Geschichten Kafkas, so empfinde ich das, wird erst klar, was der Prozess, der Hunger, die Strafe ist, wenn es sich – endlich? Endlich – mit sich selbst auseinandersetzt. Endlich hat mehrere Seiten. Das geht eben mit allen Menschen nicht durch Schuldzuschreibung vor sich und nicht nach einem gesellschaftlichen Muster, das anscheinend alle kennen, man aber im konkreten Fall nicht versteht (Wo ist die Anklage?). Das wirkliche Urteil braucht keine. Der Hungerkünstler endet überzeugend. Wie wir alle, wenn wir uns nicht die Abwicklung unserer Lebendigkeit in die Hände anderer begeben. Gar nicht einfach, nicht so. Ich wüsste nicht, was ich nicht von K. immer wieder lesen wollte, und irgendwie weiß man schon vorher, dass man nicht Zugang zur Befreiung durch ein bewachtes Tor haben kann. Man weiß es, aber meist kennt man keine alternativen Zugänge zur von anderen nicht gewährten Freiheit. So einfach ist das, wenn es so schön dargestellt wird, wie auf der Bühne.

(Gerade kümmert sich die SPIEGEL-Kultur um den ersten Satz des „Prozess“, wie ihn Kafka selbst auf das Niveau gebracht hatte, das nun Welterbe ist (Schöner schreiben: Der berühmteste erste Satz der Welt – und wie Franz Kafka ihn verbesserte)).

Das Bühnenstück verfolgt mich, weil es soviel K., das ich gelesen und wiedergelesen hatte, hochverdichtet zusammengeballt auf mich losließ, und ganz viele Erinnerungen reaktivierte. Die erinnern eben nicht nur den Text, sondern man sieht das Bild von Kafka in all diesen Beschreibungen aktiviert, als wäre er überall dabei und würde uns den Text als eine Biographie rübergeben, die nur für uns, für mich da steht – ein wirklich guter Autor, nic ht einfach einer von vielen.

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Während ich das niederschreibe, fällt mir auf, wie lange ich schon auch Sekundärliteratur und deren Kritik gesammelt habe, Kosky selbst verweist u.a. aufEvelyn Beck zu Kafka und dem jiddischen Theater. Unbedingt lesen: Hans Gerd Koch (Hg): Kafkas Familie. Ein Fotoalbum, Berlin (Wagenbach), mit Hinweisen auf die gesamte Kafka-Arbeit von Koch und Wagenbach. Ich nenne noch Giuliano Baioni: Kafka, Literatur und Judentum, Stuttgart 1994; Ritchie Robertson: Kafka – Judentum Gesellschaft Literatur, Stuttgart 1988, und etliche wichtige Texte von Frantisek Kautman, z.B. Svet Franze Kafky, Prag 1990 (vieles nicht übersetzt). Aber immer wieder Kafkas Texte lesen, auch ohne andere Kommentare, – es verbessert uns.

Franz Kafka bibliography – Wikipedia

Franz Kafka – Wikipedia

Neue Zeit, kein Neues Jahr

Glückwünsche, Hoffnungen, Erwartungen, Schwarzmalerei, eine Freundin wartet schon mit Tageszählung auf 2027…und ich freu mich bloß, dass es draußen schneit. Endlich einmal Schnee.

Ziemlich einstimmig ziehen die seriöseren Medien ein depressives Kalkül, was sich 2025 alles zum Schlechteren geändert hatte, wie wenig Widerstand geleistet wurde, wie wenig auf die Demokratie und den Wohlstand geachtet wurde etc. Kernaussage: 2026 kann nur besser werden. Und wie: die Ratgeberlawine schwillt noch an. Wie in allen Vorfeldern von um sich greifenden Diktaturen bereiten sich viele darauf vor, dass die neuen Machthaber vielleicht doch bald auch über sie herrschen (was sie ja längst tun, aber nicht so direkt), und dass demokratische Widerstände auch ihnen gegenüber tolerant sein werden…

Der Winter geht vorbei, es drängen sich die Kulturabende und Nachmittagsspaziergänge. Vier Tage auf der Insel Rügen haben auch erholsam geholfen, weil wir wenige Böller gehört haben, das schöne Feuerwerk über Stralsund gesehen haben und ansonsten gut gewandert und gegessen haben.

Mich sollte niemand nach Vorhaben für den Neue Jahr fragen, ich habe keine neuen oder schichte alte ab, weiter so heißt ja auch, dass die Zeitgrenzen anderswie sind als an das rituelle Datum gekettet, das kann man schon auch begehen, wenn man nicht zum Murmeltier wird. Also gehts mir subjektiv nicht neu, nur genauso gut wie vorher. Das heißt nicht ganz so. Die Diktatoren und ihre Subalternen nutzen wie früher die Feiertage zu besonderen Grausam-keiten, und sie hoffen auf mangelnde Aufmerk-samkeit. Die werden wir ohnedies bald brauchen, wirtschaftlich, sozial, politisch und vor allem kulturell widerständig, gegen Kitsch und zu viel Pathos und hinreichend Ironie (die braucht man für die Boden-haftung). Warum ich das schreibe? Weil ich einen wichtigen Ausblick von Winfried Kretschmann teile, wonach, laut Hannah Arendt, seinem Vorbild, Politik nicht der politischen Klasse vorbehalten bleiben soll, sondern für alle aktiv sein muss, will und soll man die Demokratie weiterhin betreiben. W.K.: Der Sinn von Politik ist Freiheit“, Patmos 2025, v.a. Kap. 2, u.a. S. 40-42). Am Anfang war das Buch gar nicht leicht zu lesen, aber die Projektion von H.A. auf seine eigene politische Praxis wird immer einleuchtender und glaubwürdiger. Das ist keine Trivialität, sondern eine komplizierte und scharfe Waffe, die viel mehr Gleichbehandlung von Gegnern verlangt, bevor es Kompromisse geben kann. Teilweise also das Gegenteil der Freund-Feind-Dualität (am Beispiel Carl Schmitt, S. 35). Dabei war für mich auffällig, dass Kretschmann wenig zusagen hat, warum so viele Linke Schmitt als Vorbild und Anerkennung nutzen…ein anderes Thema. Mir gefällt die Arendt’sche und Kretschmanns „politische Freundschaft“ als ein wichtiges Element der Lebensgestaltung. Was allerdings zu Konflikten führt nicht einfach als Wunsch sich verwirklicht.

Das ist keine Rezension. Aber dass man Arendt durch einen aktiven Politiker – nicht einen einfach Intellektuellen – Zeile für Zeile differenziert und nicht einfach „von oben“ rezipiert, ist schon etwas in der Zeit der schwierigen Kommunikation als Voraussetzung für Kompromisse (siehe aktuelle Regierungen in D und Ö).

Wenn wir jetzt ein besseres 2026 haben wollen und sollen, beides, dann liegt nicht viel, aber „etwas“ an unserem Verhalten Nur richtig wählen, das ist ja in aller Munde für diese Jahr in D, reicht nicht. Und nur bis zum Jenseits ausdiskutieren geht nicht, wegen unserer Sterblichkeit und dem bevorstehenden Erduntergang, also bedarf es der Handlung (Arendt) neben und mit dem Programm. Wir als PolitikerInnen, das ist schon verblasst, oder? aber nein, das sollte es nach der Arendt sein. Und deshalb dürfen wir nicht auf die Bahnsteigkarte zur politischen Bewegung warten oder gar hoffen, und diese Haltung zur Mittätigkeit ist eine andere Form der Mitbestimmung – ihre Gegner wissen genau, warum). Mir fallen da viele mir bekannte Personen ein, mehr aus meiner Umgebung also weiter oben in der Politik, aber auch dort. Aber das ist, was im Neuen Jahr auch Hoffnung machen kann.

Bitte lacht nicht, wenn ich sage, wie das leicht krittelnd meine erste politische Praxis in den 1970er Jahren beiseite schiebt: erst die Kontroverse austragen, bevor man einen Beschluss fassen kann, das Gegenteil der Haltung auf der R-M-L Schiene. Also nicht vom erhofften Ende die Kontroverse beleuchten. Das war damals meine, „unsere“ Profilierung.

Jahresbeginn. Empfehlung für Arendt, Empfehlung für Kretschmann, und vor allem, macht etwas, damit es zu den erfolgreichen Wahlen kommt, und berechnet nicht die jetzt erwartete Stimmen- verteilung. Damit sind natürlich auch die Konfron-tationen und Kontroversen jetzt gleich dabei. Das kann verletzen, ausgrenzen und marginalisieren, aber nur so können wir erkennen, wer von den Andersdenkenden und Andershandelnen für den Kompromiss in der Demokratie, für die Freiheit in der Lage ist. Ein Wagnis, in das wir uns politisch begeben. Zum Beispiel in nächster Zeit.

Wertvolle Abweichung – o Tintenfisch

Ich halte mich auf dem Laufenden, und das ist nicht nur Krieg und Umwelt und Armut. Zu meiner ständigen Information gehören die NYRB und NYT (das wisst ihr), denn noch kämpft das denkende Amerika gegen den Diktator Trump. Manchmal wundert man sich trotzdem, was man nicht nur lernen, sondern verstehen kann. In der letzten # NYRB 9.10.2025 (die sind uns immer eine Woche voraus, kein Irrtum) rezensiert Verlyn Klinkenborg, Professor in Yale, mehrere Bücher über den

OCTOPUS

„Such Flexible Intensity of Life“ Was soll einen das besonders interessieren, außer dass man ihn manchmal mediterran gerne verzehrt, dass man ihm im Meer selten begegnet und dass er schön ist, für Kindergeschichten geeignet. Am Ende der ausführlichen drei Seiten ist man etwas verändert und nachdenklich. Zunächst: wusstet ihr, dass der Octopus mehrere Hirne verteilt auf seinen Körper hat? Auch wenn er nicht so denkt wer wir Menschen, hat er doch eine beachtliche logische Kapazität. Da er aber nur durchschnittlich zwei Jahre lebt, ist die Frage, ob es hier nicht einen „intellektuellen“ (keine Ironie, eher Hilfswort) Überschuss gibt. Aber der Autor rezensiert nicht einfach Spitzenforschung der Meereszoologie. Wie nehmen wir dieses Tier wahr, und wie nimmt der Oktopus uns und andere Tiere wahr? „So what would a common octopus find peculiar or interesting about humans, besides the astounding fact that we don’t live underwater?“ Und nun folgen so viele Unterschiede, dass man irgendwie zu Darwin zurückkehrt, zugleich aber aus Sicht des Titenfischs beim Menschen viele Defizite, z.B. in der Wahrnehmung, feststellt – mit vielen Hinweisen der heutigen Neuroforschung.

Nein, keine verquaste Ideologie. Einfach Forschungsberichte und Fragen über menschliche unsere – Oberflächlichkeit beim Wahrnehmen von Tieren, – bevor sie aussterben, nicht zuletzt durch uns. Nach der Lektüre bin ich kein Experte, aber ich habe jene Form von Zoologie gelernt, die auch an deutschen Universitäten systematisch abgebaut wird. Also kein fröhliches Ende der Lektüre.

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Der Titel der Rezension zählt für sich und für uns. Am Oktopus wird beschrieben, wie die Lebenszeit genutzt wird, was da „eigentlich“ geschieht und gemacht wird. Das kann man studieren, aber jenseits des positivistischen Lehrplans auch die Frage, wie uns der Tintenfisch wahrnehmen würde, könnte er das…Das klappt natürlich um, auf unsere eingeschränkte oder aber umfassende und großzügige Art der Wahrnehmung von Natur und Umwelt, also auch von Gesellschaft. Liest sich wie Science Fiction, aber auch gar nicht, nur wie Science.

Die derzeitige Politik, nicht nur unsere Regierung, auch die Großmächte, die EU, die Kriegsführung, zerstören noch mehr Natur als es die Erderwärmung ohnedies schafft. Wenn ich an die Unmöglichkeit denke, nach unserem Tod die Vielfalt der Natur auf Erden zu erinnern, bleibt nur noch mehr Anstrengung für eine wirksame Umweltpolitik. Nicht nur Octopus kann „lernen“, auch wir können dazulernen…Guten Morgen.

Linker Westen? Werch ein Illtum.

Auffällig sind zwei Phänomene: der Westen wird von den einen REkonstruiert, von den anderen DEkonstruiert. Und wenn es in der Gesellschaft kracht, sind die Linken schuld.

Wie auch immer. Hier wanken die tektonischen Platten der Weltpolitik. Damit ich mich nicht im unerträglichen Mythizismus überalteter Begriffe verfange, muss ich selbst aufpassen. Wie lange haben „Wir Linke(n)“ vom „Westen“ gesprochen, und dabei richtig festgestellt, dass der „Osten“ noch schwieriger auch nur zu bestimmen war, geschweige denn zu beschreiben.

Ausgangspunkt eins: viele, nicht alle, westlichen Demokratien drücken sich ins Trumplager, damit sie einerseits vor dem Osten, also Putin und teilweise Xi, geschützt werden, und sich andererseits selbst so aufrüsten können, dass sie weniger von Trump abhängig werden. Was einerseits ein unauflösbarer Widerspruch ist, andererseits fast normale Geopolitik aus Sicht der Schwächeren (nicht Schwachen!( und aus Sicht von selbst-schwankenden Demokratien gegen die nächstliegende Atomdiktatur USA gegen das Bündnis der drohenden Atomdiktaturen Russland und China, mit entsprechenden Untergebenen, also Atom-Followern. Da hat der Westen nur Israel, und das ist noch einmal ein Stolperstein.

Ausgangspunkt zwei: Nun, schon länger zweifeln wir am „Westen“ und je genauer wir ihn dekonstruieren, desto brüchiger wird seine Architektur, also stellt man ihn lieber unter Denkmalschutz. Hinweis: Kritik am enggeführten Westbegriff gibt es schon länger, auch hier im Blog, z.B. anhand von Heinrich August Winkler. Aber jetzt wird es konkret: In der ZEIT #37 macht Jens Jessen einen schwer erträglichen Kurzschluss, wonach die Fehlpolitik der „Linken“ den Aufstieg der „Rechten“ AfD u8.a.) begünstigt, wenn nicht bewirkt hatte. Als Antwort reagieren Robert Pausch und Ines Schwerdtner in der ZEIT # 38 unter dem richtigen Titel „So einfach ist es nicht“, aber leider gehen sie nicht tief genug in der Analyse der Linken, weil die ja weniger mit der Arbeiterklasse als mit gesellschaftlichen politischen System zu tun hatte und hat, wie im übrigen die Rechte auch. Meine Konsequenz seit längerem, mit vielen geteilt, rechts-links ist eine fragwürdige Koordinate, teils anachronistisch, teils auch dann nicht richtig, wenn man sich subjektiv eher als alter Linker denn irgendwie als Rechter empfindet.

Zurück zum Ausgangspunkt eins: Allmählich greift die Kritik am Fokus des Westens um sich, nur langsam und oft ideologisch falsch, extrem bisweilen. Auch wenn es im SPIEGEL steht, das Interview mit Josephine Quinn fasst zusammen, was auch ich seit langem bedenke (auch ich ist bescheiden, nicht anmaßend, weil im Alltag der Westen und der Osten schon sehr verbreitet sind): „Die ideologische Tektonik verschieb sich, und der Ausgang ist ungewiss“ (SPIEGEL #37, 108ff.) –> „How the World Made the West“ u.a., und https://en.wikipedia.org/wiki/Josephine_Crawley_Quinn – die Kritik an den West- und Ost-Begriffen ist nicht neu, aber hier zusammengefasst.

Damit ist übrigens auch klar, wo die Linken mit ihrer Kritik an den Rechten etwas danebenlagen, weil sie sich auf eine Arbeiterklasse berufen haben, die es so und mit dieser Ideologie längst nicht mehr gab und die auch früher anders als ein Idealtypus war. Was nicht die Rechten milder beurteilen lässt, nur nicht auf einer Klassenanalyse, die eben nicht schwarzweiss, sondern differenziert war und ist.

Hier kann ich, ohne „persönlich“ zu werden, auf Jugenderfahrung in einem Industrie- und Touristenort zurückgriefen, wo sich das Hufeisen einer Rechts-Links-Klammer historisch und persönlich fast schloss und meiner heranwachsenden kritischen Politik durchaus Probleme machte. Ganz allgemein natürlich, dass viele Faschisten eine linke Vorgeschichte hatten, ja, selbst dass die nsdAp „Arbeiterpartei“ hieß, sind historisch keine Zufälle- und das kann man wissen und nachlesen – und verstehen.

Links im Westen – nehmt die Studentenbewegung(en) ist nur in Deutschland (nicht einmal in Österreich so) durch die Nachkriegserfahrung und -mythisierung verbogen. Das kann man gut und im Detail studieren, und auch die Verdrängungsmechanismen buchen. Der Westen ist nicht links gewesen, nur bisweilen wirklich demokratisch und die Nahtstellen gibt es bis heute. Aber der westliche Nachkriegsmythos hatte ja, neben der Eurozentrik und der Halbabwendung zum Kolonialen und Imperialen, auch eine nationale Fokussierung.

Quinns Kritik umfasst auch Huntington (der ja eine Zeitlang die Hirne gebunden hatte) und sie wendet sich deutlich gegen die Überschätzung der europäischen Geschichte (da verweise ich auch auf W. Behringer (Der große Aufbruch, Beck 2023). Aber weit unterhalb der hohen historischen und philosophischen Ebenen ist ja die Horizontalisierung der Kulturen in unserer Gesellschaft – nicht gleich mit dem Staat – eine Möglichkeit, demokratisch zu bleiben und sich zu entwickeln.

Und kritisch auf den Westen und den Osten, auf die Linke und die Rechte zu blicken, sie kritisch zu bedenken, das hilft ein wenig, politischen Boden unter den Füßen zu gewinnen.

Das erzählt einmal der Regierung

Explosiv für Kopf und Gefühl: Illouz

Ich schreibe ja wenig Rezensionen, und schon gar nicht in der Kette der Kritik der Kritik. Manchmal empfehle ich Texte, und dann ist es mehr mein Verhältnis zum Text, eigentlich nie zu Autorin oder Autor.

Ich habe in den letzten Monaten das letzte große Buch von Eva Illouz gelesen, „Explosive Moderne„(Suhrkamp 2024), weil ich die Autorin seit Anbeginn sehr schätze und weil mich ihre ständigen Zwischentexte interessieren. „Warum Liebe wehtut“, „Warum Liebe endet“ sind frühe Titel. Sie beschäftigt sich auch sehr mit ihren beiden Ländern Israel und Frankreich. Hilfreich, oft positivistisch und/oder an Pierre Bourdieu orientiert, mit einer unglaublich breiten Fülle an eingefügten passenden Zitaten mehrerer wissenschaftlicher Kulturen. Alsdo für mich erstklassig.

Immer wieder, und jetzt besonders hebt sie hervor, dass die Beobachtung, Bewertung und Kritik der gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht „einfach“ intellektuell erfolgen kann und soll, sondern dass der emotionale Hinter- und Untergrund von Denken und Handeln in den Vordergrund gehört, so wie eben der Mensch ohne Körper (und also ohne Gefühl) nicht erklärt werden kann.

In ihrem neuen Buch hat mich fasziniert, in welche Details und Verästelungen sie bestimmte Emotionen aufdeckt und ausdeutet, am meisten ZORN und NEID. Das würden wir im allgemeinen als wichtig akzeptieren, aber die Konsequenzen aus diesen Gefühlen sind schon beachtlich, und was produktiv aus den negativen Emotionen auch noch gewonnen werden kann, ist in der Kommunikation, der Politik und dem Alltagsleben nicht unerheblich. Und mich freut natürlich, dass sie ihre Quellen nie nur in der Wissenschaft und aus ihr bezieht, sondern stark aus der Literatur, z.B. Flaubert u.a. So kann man zeitgenössisch für schwierige Wissenschaft interessieren und begeistern.

Diese Enzyklopädie der Kritik der Gefühle und ihrer gesellschaftlichen Folgen hat ihre besonderen Stärken (Neid, Zorn, Furcht), auch flachere Abschnitte )Scham, Stolz, Eifersucht) und eine wichtige Coda (S. 355). Hier wird beispielhaft zB. eine kritische Weiterentwicklung der Psychoanalyse dargestellt (Verleugnung von Realität, positiv als Selbstschutz, negativ, wenn sie soziale und politische Formen (annimmt), und unsere emotionalen Reaktionen auf die Welt (blockieren)“ (363). Hier faszinieren mich zwei Beispiele: dass Illouz immer auch Literatur heranzieht und nicht nur Wissenschaft, Ishiguro und Freud zB., ist faszinierend. Und dass sie immer wieder Kritik an der Bewusstseinsverdrehung in Israel präzise darstellt (364), eneso wie Russland u.a.

Viel Respekt und die Empfehlung, sich der verwendeten und zitierten Literatur im Recherchefall auch anzunehmen.

Eurofasch, Austrofasch, kein Fasching

Fasching ist die mit Abstand die bessere Variante zum sog. Karneval. Meine Rekonstruktion von Heimat beinhaltet auch den Fetzenzug im Fasching von Ebensee.

Kann sein, dass ich mit dem Rücken zu euch stehe. Was wenige Karnevalisten wissen: nur lustig ist der Fasching nicht, und wer beim Fetzenzug eine übergebraten bekommt, muss sich mit den Tätern fragen: warum? Aber leider rückt der an sich gute Fasching auch in Österreich in eine jenseitige Galaxie.

Würdevoll wird der sogenannte amerikanische Präsident – ein krimineller Hochstapler allemal, umgeben von einer despotischen Horde, – in seine zweite Amtszeit befördert, nichts ist vor vier Jahren geschehen, schon trommeln die Faschisten an die Gitterstäbe. Und natürlich kriechen die europäischen Rechten in die multiplen ideologischen Öffnungen des despotischen politischen Körpers. Grönland und Kanada sind Symbole, aber ernstgemeint.

Ohne Würde geht die Verhandlung zwischen dem Faschisten Kickl und dem austrofaschistisch-nahen Nehammer, vertreten durch Stocker, in eine nicht zu vermeidende Runde. ÖVP, SPÖ, NEOS haben dem Austrofaschismus eine gewisse Dynamik hinzugefügt. DIE SICH NICHT WIRD EINFACH RÜCKGÄNGIG MACHEN LASSEN, wenn es nicht schnell und hinreichend Opposition gibt. Die sehe ich noch nicht.

(Einige, wenige meiner Bekannten in Österreich finden meine Wortwahl zu harsch, alles sei in Österreich ja doch anders als in den andern europäischen Staaten. Hat man in Ungarn auch so gesagt, in der Slowakei. Und was sagt man zu Meloni und Italien? Wacht endlich auf).

In Deutschlasnd ist Trump das Vorbild für FPÖ-Lindner, und Söder personifiziert sich schon jetzt mit der Wiederholung einer Bewegung, die von Bayern ihren Ausgang genommen hatte. Diesmal als Farce.

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Werte Leserinnen und Leser, machen wir einen Wettbewerb, der bessere Begriffe statt des einhüllenden Faschismus vorstellen soll. Kritik geht nur mit Begriffsvarianten. Aber, wenn es darauf ankommt, was geschieht und wer es macht. Europa, die EU, könnte ein demokratisches Gegengewicht gegen die Entwicklung der USA sein, stattdessen wird hier eine partielle Selbstbesänftigung betrieben, wird schon nicht so schlimm werden. Das gilt anfangs für die Wählermehrheiten in den USA, für viele der Rechtsradikalen in Europa… ich rede von Faschisten, nicht von Nazis. ANFANGS, bis es zu spät ist.

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Mir nahestehende Menschen fragen sich und andere wohin man/wir im Ernstfall sich retten können. Sich vor dem Faschismus retten hat interessante und spannende, sehr vielseitige europäische und andere Vorgänger und ihre Geschichten. Diese Menschen haben u.a. verstanden, dass man sein Wissen um die Gegenwart festigen und erweitern sollte. Der Vorgang dieses Weiterlernens ist politisch. Die Faschisten sind weder dumm noch einseitig – das gilt für alle machtbesessenen und regierenden Gruppen, und zu den linken oder demokratischen Fehlern gehört sie zu unterschätzen. Das schmerzt viele, ist aber wichtig: denn „unterschätzte“ Systemkritiker gewinnen mit ihrer Ideologie, für das Volk gegen die Eliten zu agieren, Das ist widerlegbarer Unsinn, wirkt aber, wenn man beweisen kann, dass man nicht so dumm ist, wie die etablierten „Systemakteure“ behaupten.

Das ist in den USA oder in Österreich ein erfolgreiches Mittel, die weniger gebildeten, um ihren Besitz und Wohlstand Fürchtende von der Demokratie sich abzuwenden. Die Rolle der Medien und der Podcasts müsste hier noch genauer untersucht werden – aber wir wissen schon viel.

Es wird kein gutes Jahr. Es ist keine gute Zeit, weil wir die Ausgänge und Alternativen nur ahnen, aber nicht wirklich und nachhaltig vertreten. Trump, Meloni, Nehammer, Kickl, Söder, ….die Liste ist viel länger. Wenn wir einzelne herauslösten, würden ihre Köpfe nachwachsen wie bei der lernäischen Hydra. https://www.storyboardthat.com/de/mythology/hydra

Mir ist WICHTIG, dass kein Eindruck einer apathischen, deprimierten Reaktion entsteht. Im Gegenteil, man kann viele Phasen des Faschismus widerständig überstehen, ohne selbst zu schnell zu viel zu opfern. Aber man muss sich der Grenzen der Widerständigkeit bewusst sein, und vorsorgen.

Eine Kaskade der Befreiung

Oft ereilen uns ganze Kaskaden von Hinweisen auf etwas Wichtiges, und jede Stufe des Ideologischen Wasserfalls eröffnet neue Räume – oder Träume. Fangen wir, für meine werten Leserinnen und Leser, bei der Quelle an, wieder einmal die New York Review – so etwas haben wir hier nicht. Unter dem Titel „The Dream of the Raised Arm“ schreibt Zadie Smith eine Rezension. Ihr kennt Zadie Smith, aber Details lohnen sich: Zadie Smith – Wikipedia . Sie rezensiert ein Buch, das auf Englisch erst im April 2025 in Princeton (PUP) erscheint, aber es gibt ja auf Deutsch: Das Dritte Reich des Traums, München: Nymphenburger Verlagshandlung, 1966, erstmals ins Englische 1968, und demnächst wieder, neu übersetzt. Zadie Smith ist in der ersten Reihe der britischen Autorinnen, Romane, Essays, Kommentare. Warum sie? Werden wir gleich sehen.

Zunächst ein Eingeständnis: Charlotte Beradt 1907-1966 ist für mich ein neuer Name, obwohl man doch einiges über sie erfahren kann und sollte: Charlotte Beradt – Wikipedia – gut zusammengefasst. Sie war zeitweise enger kooperierend mit Hannah Arendt in den USA, da hätte ich den Namen doch finden müssen. Egal, jetzt habe ich ihn.

Danach ein zweites Eingeständnis: jetzt stöbere ich nicht bei „meinen“ Texten von Hannah Arendt und Beradts Übersetzungen, sondern widme mich der Rezension dieser Journalistin und Autorin, die sich früh auch mit der Weltbühne verbunden hatte, da hätte ich auf sie stoßen müssen.

Und jetzt schreibt Zadie Smith über „The Third Reich of Dreams; The Nightmares of a Nation.“ Der Titel reicht schon zum Anfassen. Beradt hat Träume von normalen Menschen gesammelt, mehrere hundert, bevor sie 1939 in die USA floh, erstmals einige publiziert 1943, dann 50 (politische) Träume 1966 publiziert und das mehrfach, auch in vielen anderen Sprachen. Ohne Tiefenpsychologie beschreibt sie die Traumverarbeitung des Totalitären, als „Life Without Walls“. In der Analyse des Buches mit dessen Analyse von Träumen wird die Anziehungskraft zur Gemeinschaft zu gehören beschrieben, – die zeigt sich eben auch im Traum. Gut genug für eine erstklassige Rezension. Aber Zadie Smith springt jetzt weiter: In die Gegenwart der Algorithmen, die uns zu Objekten machen, in scheinbarer Autonomie der Information. Sehr genau und nachvollziehbar. Und sie sagt, u.a. den jungen Zuhörerinnen und Zuhörern, dass es nötig sei, sich von den Algorithmen zu lösen, um dann (nicht dadurch) die Freiheit der echten Problemlösung wieder zu erlangen. Von dort geht es zur Technokritik, jetzt sind wir gefragt. Aber ihre Conclusio erschreckt: In my nightmares, Trump is only the Trojan horse. Musk is the real power. An unelected billionaire whose megaphone reaches every corner of the globe? O give us freedom of thought.

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Gut, dass wir hier fortsetzend weiter denken können. Die Träume kaufe ich mir. Übrigens: hat nichts mit Psychoanalyse zu tun. Aber vielleicht doch?

IQ ist nicht alles. Dummheit ist nichts

Die meisten Kritiker von Verbrechern, Faschisten und politischen wie kulturellen Gegnern üben sich in der Dummerklärung dieser Gegner.

Die erste Frage im Duell ist daher: warum sollen Gegner dümmer sein als man selbst?

Die zweite Frage: Warum soll ein Verbrecher, ein politischer oder kultureller Gegner nicht sehr gescheit sein?

Warum hat Trump oder Musk oder Putin oder … keinen hohen IQ? Und warum soll man jemanden mit hohem IQ nicht wegen anderer Missetaten bzw. Defizite kritisieren und politisch angreifen? Das alles sind Alltagsfragen und -antworten. Für bestimmte Handlungen, seien sie noch so böse, muss man ziemlich gescheit sein, um sie überhaupt vollziehen zu können. Außerdem decken IQ und Gescheitheiten nicht alle charakterlichen Eigenschaften bei jemandem ab. Zusatzerkenntnis: Elon Musk kann ökonomisch einseitig sehr gescheit sein, das hilft seiner politischen Seite und seinem Erfindergeist, und er ist auf der politischen Seite destruktiv klug, was aber seinen hybriden ökonomischen Allüren keine Grenze setzt.

Merke: Gescheite, besonders Gescheite, Geniale sind nicht per se sympathischer, moralischer und angenehmer im Umgang als man selbst. Aber da liegen natürlich Berge von Eitelkeit, Erziehungs-schwächen, ideologischen Divisionen usw.

Warum sollen Gescheite Leute keine Faschisten werden, Kriegstreiber sein, Arme ausbeuten etc.? Wo steht, dass Wahrheit und Gescheitsein im Bewusst-sein eines Menschen korrelieren? Oder Gescheitsein und Moral, oder Simplizität mit Moral …

Wenn man Menschen wie Putin, Musk, Trump auseinandernimmt, dann ist hohe Intelligenz geradezu die Bedingung der Möglichkeit, jenseits der Moral Menschen zu überzeugen und zu deren eigenem Verlust zu beherrschen. Schon eine Ebene darunter setzt der vermehrte Gebrauch von Gewalt ein, um diese Position zu bewahren.

Bis heute hält sich der Rassismus, dass manche Völker, Stämme, Familien „gescheiter“ seien als andere. Woran Gescheitsein liegt, an Sozialisation, Erziehung, Aufwachsen, und viele Umstände, wird dabei immer abgebogen oder unterschlagen. Besonders peinlich, wenn die IQ Zuschreibung auch noch moralische Einengungen mit sich bringt, wer dann nicht Faschist oder Gläubiger sein kann darf soll.

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Wenn aber die weniger Intelligenten, die weniger Gescheiten, versuchen, die zu imitieren, die wirklich gescheiter sind, dann wird es nur peinlich. Darüber schreibt man nicht, aber man beobachtet aus einer Position, die einen selbst nicht betrifft, weder als Gescheiten, noch als Deppen. „Bist G’scheit?“ ist eine böse Frage, der die Antwort „Du bist aber dumm“ schweigend vorausgeht. Das kann man übrigens auf viele aktuelle Politik-Menschen genauso anwenden wie auf Moral- und Kunst-Menschen. Eine gute Übung. Oft ist Bescheidenheit auch noch eine Versicherung.

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Ich schreibe das relativ unlustig. Zu glauben, dass nur die eigenen Freunde im weitesten Sinn gescheiter sind als „die Anderen“, schafft im schlimmsten Fall neue Konflikte oder eigene Niederlagen, im besten Fall Täuschung als Lebenselixier.

Ich schreibe jetzt nicht, an wen ich denke, der oder die einen höheren IQ hat als ich, der oder die politisch besser denkt und agiert, der oder die kritischer handelt und auf Kritik reagiert. Aber ich bitte euch, macht ein Preisrätsel für euch selbst und eine Namensliste…wer Recht hat, darf kandidieren