Finis terrae XI. Nah und nahe liegend.

 

Dieser Blog beginnt ganz anders als er aufhört. Das gehört dazu. Große Verwirrung….?

In diesen Tagen sehen viele das Ende ihrer bisherigen Welt durch die Amtsübernahme des so genannten US Präsidenten Donald Trump gekommen; kein anderer Diktator oder autoritärer Politiker oder Kasper in wichtiger Position hat so viel Verwirrung, Angst und Hilflosigkeit verbreitet; weil kein anderer, auch nicht Putin oder Erdögan, so viel Macht zu haben scheint. Er wird viel zerstören, er wird vielleicht einen Krieg anzetteln, er wird uns allen schaden, vor allem den Amerikanern; aber die andern – eben jene Putin, Erdögan, Duterte, Netanjahu, Orban, Kaczinsky und wie sie alle heißen – sind doch auch schon dabei, ihr Zerstörungswerk weiterzutreiben, und wieder andere importieren geradezu Sand, um ihren Kopf darin zu vergraben. Das Ende der Zivilisation ist kein Weltuntergang, sondern eine Entblößung der Erde von der Species Mensch. Diese wirkt an ihrer Finalisierung mit, und zwar nicht nur durch Exponenten („Führer“), sondern durch große Massen von Menschen, die erst dann gemeinsam Zerstörungswerk mitwirken, wenn sie sich als dazu befugtes Volk begreifen. (Die Führer brauchen das Volk, auch um es zu missbrauchen; das Volk braucht keine Führer, außer es will sie brauchen).

Die Erde, das meint alles, was da ist, global. Wer sich ein gegen die Globalisierung stemmt, müsste das Segment beschreiben, um das es ihm geht. America first! ist so ein Anspruch, der meint, „alles“ von einem Kraftzentrum aus beherrschen zu können und nur dieses Zentrum beschützen und stabilisieren zu müssen. Ein sehr simpler Gedanke. Leider einer, der bei vielen Globalisierungsgegnern auch in seiner Einfachheit zutage tritt. Die Vertikalen der Macht zersägen die Erde nur, sie machen sie für die einzelnen Menschen kleiner oder größer und damit insgesamt kleiner.  Die meisten Gegner der Globalisierung argumentieren vom Erhaltungswillen für ihren privilegierten Standort, und der heißt natürlich Westeuropa, Deutschland. Der heißt schon nicht mehr Griechenland und schon gar nicht irgendein Land in Asien, Afrika oder Lateinamerika. Nur Nordamerika könnte, wegen seiner Ausdehnung und Märkte, eine solche privilegierte Gegnerschaft ausdrücken, wären da nicht die Ungleichheiten der Lebensbedingungen und die Unmöglichkeit auch dieses Kontinents, sich gegen die Welt abzuschotten. Aber von dem Privileg, hier, in Westeuropa zu leben, unter den Bedingungen, die wir kennen, wollen wir doch mehrheitlich nicht lassen. Und die sind nicht einfach über die ganze Erdoberfläche zu verbreiten, selbst wenn das Paris Abkommen durchgesetzt würde, selbst wenn es Regime Change in Moskau, Ankara, Washington DC, und hundert anderen Hauptstädten gäbe. Wenn alles gut sich entwickeln würde, also Demokratie, Umwelt, Lebensmöglichkeiten sich gleichmäßig verbessern könnten, wäre der Heilungsprozess gegenüber dem jetzigen Zustand und seiner Verschlechterung durch die neuen Führer ungleichmäßig, wahrscheinlich ungerecht und sicher langwierig, also nichts mehr für unsere Generation und die unserer Kinder.

Für viele stellt sich da in einem unbeobachteten Winkel ihres Bewusstseins die Frage, mit welcher Gewalt könnte man die Wende zum Besseren herbeiführen und beschleunigen. Mit dieser Frage geht die Saat auf, die die Gegner der Demokratie ausgebracht haben. Wenn Gewalt angewendet werden muss, als Notwehr und legitimer Widerstand, kann sie nicht Ergebnis einer Planung aus einem politischen Portefeuille sein. Man möchte oft so gerne zuschlagen, oder hoffen, dass ein Attentat einmal einen Richtigen trifft….und muss dieses Man zurückdrängen, um fast jeden Preis. Es ist klar, der Widerstand, der sein muss, kann sich weder durch Anmutung an das Niveau der Diktatoren und Scharfmacher formieren: Trump ist nur ein besonderes Ferkel, aber nicht schlimmer als Putin und die immer wieder Genannten. Er hat nur mehr Macht und er ist unvorsichtiger, weil er persönlich wahrscheinlich brutaler sein möchte. Also: Infektion durch schlechtes Benehmen vermeiden, der Anstand gibt den Diktatoren keine Würde, aber er nimmt sie uns, wenn wir ihn zu billig versetzen. Wenn es um Gewalt geht, ist das ohnedies keine anständige Sache.

Zweitens: Jetzt, heute, die nächsten Tage, dominiert Trump, und die anderen Konflikte, die unsere Zeitenwende einläuten, segeln in seinem Schatten. Unsere Aufmerksamkeit muss denen gelten, die ohne Berechtigung, aber auch ohne Not eine Appeasementpolitik fordern, wahrscheinlich weil sie auf eine in der Wissenschaft wenig beachtete Mäßigungstheorie hoffen. ? Gebt Trump eine Chance, sich in der Praxis mäßigend und gemäßigt zu bewähren ? Wem hätten wir sie jemals gegeben? Nein, die Bringschuld liegt beim Täter. Und da heißt es, sich zu exponieren, in Demos (Washington war großartig, öfter & mehr so!), mit Satire, Spott und Aufklärung, möglichst ohne zuviel Pathos. Das können die Diktatoren besser – Erdögan hat gestern seine Verfassung durchbekommen, selbstentmachtete Parlamente also nicht nur in England, auch in Ankara, anderswo früher, aber die Türkei ist schon ein großer Brocken. Die Vasallen und Unterlinge nicht vergessen (im Schatten von Trump baut Netanjahu die Palästinenser zu und die Zensur in Israel auf – wachsam gegenüber diesen Koalitionären zu sein, die alle der Demokratie das Plebiszit entgegenstellen, auch bei uns, das Plebiszit jenes Volks, das es nicht gibt). Ein Kampfmittel gegen diese autoritären Herrscher ist es, sich nicht ihrer Medien zu bedienen, sondern mehr zu sprechen, mehr zu sagen, mehr zu hören und zu schreiben, und hier gilt wieder, was ich oben betone: so hart wie möglich auch in der Sprache und so deutlich wie nötig. Aber eben nicht auf dem Niveau der attackierten. (Was mögliche Beleidigungen betrifft: ein Sexist, Rassist, Wirtschaftsverbrecher, Lügner…das alles kann man bei Beleidigungsklagen vor Gericht nachweisen; also kann man es sagen). So, Schluss mit Trump & co.

Wenn es um die letzten Tage der Menschheit geht, also um ein paar Jahrzehnte oder vielleicht ein Jahrhundert, dann spricht einiges dafür, den Absterbensprozess der Species nicht schmerzhafter zu machen als er ist und sein wird. DAS ist ein Grund, im Widerstand gegen die Führer sich zu bewegen. Aber wie gegen die verdorbenen Verderber, die sich Volk und Menschheit nennen und das „We, the people“ nie verstanden haben? Wir werden uns nicht retten können durch Empörung, Abtauchen, Schreien oder den Aufstand, der in unserem Blut erstickt.

Über kaum einen Satz hatte ich in meinen Zirkeln mehr diskutiert als über Marxens Diktum: Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muss gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.“ – Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. MEW 1, S. 385, 1844. Klar, das hat uns Bedeutung im Protest gegeben, und wir durften die Waffe der Kritik schmieden und schmieden, ohne dadurch jemanden zur Abrüstung zwingen zu können. Ökonomie hat da mehr Erfolg gehabt, was die Abrüstung betrifft.

Theorie muss nicht zu theoretisch sein, sie ist „als Praxis“ denkbar. Das ist alles andere als abstrakt. Beispiel ist die Fortführung der Idee des Weltbürgertums von Kant in einen erneuerten Kosmopolitismus. Der ist ein Angriff auf alle immer wieder gleichgesetzten Autokraten und Nationalisten, und kann mehr als nur die Straßen mit Demonstrationen füllen. Weltbürgertum bedeutet auch Abschied von einer Reihe von Gewohnheiten  aus der privilegierten Enklave unseres Konservierungsinteresses. Ein anderes Beispiel ist die gemeinsame, überindividuelle politische Ökonomie von Umwelt. Das heißt dann, Geschwindigkeitsbegrenzungen, Mobilitätsabbau, strengere Abgrenzungen zwischen positiven und negativen Freiheiten politisch verhandeln und durchsetzen, – also sie nicht auf eine bloß individuelle Haltung, sondern auf einen politischen Lebensstil mit Gemeinwohlakzenten zu bauen. Lebensstandard ist dann nicht der Parameter, dessen Nicht-Anstieg schon den Furor der Verlustängste beim gemeinen Volk, d.h. beim ungebildeten profanum volgus auslöst. Dass dies keine Beschimpfung ist, steht schon in einem früheren Blog, dass es aber auch eine Aufforderung zur politischen Bildung ist, ebenfalls. Evolution stagniert, wenn sie sich nicht als lernfähig erweist, und das geht seit einiger Zeit nur über den Menschen und nicht mehr eine Materie, die sich ständig evolviert.

Über den Menschen ist seit einigen Jahrhunderten die Internalisierung von immer mehr Verhaltensregeln einer immer komplexeren Umwelt gelaufen. Zugleich hat sich die Rationalität entwickelt, sinnvollere Entscheidungen zu treffen und weniger sinnvolle zu vermeiden. Das scheint in dem Maß verloren zu gehen, in dem die scheinbar unabwendbaren Gefahren zu Risiken anwachsen, die wir nicht mehr beherrschen, aber auch nicht mehr versichern können; und in dem wir den solidarischen Zusammenhalt durch Verhandeln und ständiges Erneuern von Sinn gegen die kurze Wertschöpfungskette von Machtgewinn und Herrschaftsausübung eintauschen. Warnungen sind da sinnlos.

Darüber werde ich weiter und ausführlich denken und schreiben. Die politischen und lebenspraktischen Konsequenzen der abgeknickten Sinngebungskurve sind erheblich, der Lebensstil – und nicht einfach unsere Haltung – stehen zur Disposition. Nach einem Atombombenabwurf werden vielleicht einige Menschengruppen im Zustand der Homöostase überleben, aber Politik oder Zukunft ist da nicht zu erwarten. Aber wir leben vor einem Abbruch der Entwicklungslinien in die Zukunft, wahrscheinlich in einer Vorkriegszeit, wahrscheinlich in einer Zeit sozialer Dissoziation, mit einer sehr beschränkten Zeit, für uns und die Zukunft zu handeln, also im Begriff, sie nicht geschehen zu lassen. Das ist keine Apokalypse, sondern die Beschreibung einer Situation, in der Politik sinnlos würde, wenn es nicht wenigstens eine Option des Auswegs gäbe. Was aber, peinlich paradox, heute niemanden ernsthaft zwänge, sein Leben zu ändern, sofern er kein künftiges davon abhängig macht.

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2 Gedanken zu “Finis terrae XI. Nah und nahe liegend.

  1. Eine kurze Anmerkung zu den „letzten Tagen der Menschheit“ bzw. zum „Absterbensprozess der Species“: In den 60er und 70er Jahren war die Antwort von Toynbee auf Spengler, dass nämlich Kulturen nicht – Pflanzen vergleichbar – zum Absterben bestimmt seien, sondern dass sie sich nach dem Modus von challenge and response dauerhaft fortentwickeln könnten, ein plausibles Modell, wenn auch in einer nicht mehr zeitgemäßen Sprache („Kulturen“). Und noch bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts konnte man das Weltgeschehen mit der faszinierenden Vorstellung von Maurice Merleau-Ponty deuten, dass die Geschichte zwar nicht eindeutig und gradlinig positive Lösungen realisiere, dass sie aber schlechte Lösungen für gesellschaftliche Probleme eliminiere (Merleau-Ponty hat diese These am Beispiel des Nationalsozialismus und des Stalinismus exemplifiziert). Angesichts der Entwicklung der vergangenen 20 Jahre ist dieses Modell, das in Grenzen optimistisch war, kaum noch plausibel. Nicht nur, dass wir „die Geschichte“ nicht mehr als Subjekt begreifen können, auch die Vielfalt neuer Entwicklungen, die hinter bereits erworbene Standards von Menschenrechten und Demokratie zurückfallen, lässt uns daran zweifeln, dass „schlechte Lösungen“ zum Scheitern verurteilt sind. Man hat eher den Eindruck, dass der Erfindungsreichtum der Menschheit im Hinblick auf solche Lösungen unbegrenzt ist. Ob diese Tatsache zwingend auf den Tod der Spezies Mensch hinführt, bleibt eine abstrakte Frage, weil sie offensichtlich jeden für uns sinnvollen Zeithorizont überschreitet.

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    • Das ist die hoffnungsvollere Variante, weil der Unbegrenzte Erfindungsreichtum der Spezies sowohl das Erkennen von Möglichkeiten und das Antizipieren von Gefahren einschließt. Wenn aber eines von beiden versagt, leidet das andere mit, und die ansteigende Kurve der Optionen flacht ab. Homöostase auf so hohem Niveau, als hätte die Species selbst Abstiegsängste und verharrte in einer irrationalen Duldungsstarre gegenüber dem immer negativ gepolten „Geschick“ (an das wir solange nicht zu glauben vermögen als wir deine Option, schlechte Lösungen scheitern auf Dauer, noch akzeptieren. Will ich ja gerne, aber die Welt als Wille und Vorstellung findet ihre Grenzen in der Welt als kontrafaktische Konstruktion, und als Mysterienspiel von Macht und Vernunft, wobei die Unvernunft auf beiden Seietn ist (Z. Bauman) , während die Macht in der Regel nie der vernünftigen Opposition zufällt….Mal schauen, ob wir Zeiträume abstecken können.

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