100 na und?

Rose Albach-Retty war eine berühmte Schauspielerin, die 105 Jahre alt wurde, die in der Nazi-Zeit auch brillierte und danach weiterhin berühmt war, bis zu ihrem Ende. Angeblich hat sie mit 101 wieder zu rauchen begonnen, und mit 102 nahm sie beim Stiegensteigen im Burgtheater den Arm eines 86 Jährigen und sagte, sie sei ja nicht mehr hundert.

Es gibt viele Hundertjährige, aber nur wenige schaffen es in die Medien. Viele, die schon lange vor dem Geburtstag dement sind oder schlicht den öffentlichen Äuglein entgehen, schaffen die Hürde auch ohne Gemeindeblumen, Bürgermeister und Ständchen.

Nicht aber Prominente, in welchem Zustand Sie und ihre Afficcionados auch sein mögen. Henry Kissinger ist hundert. Na und? Mein Vater, der aus der gleichen Gegend wie er stammte, und ihn kannte, sagte, wenn man ihm weiße Socken gegeben hätte, wäre er zur HJ gegangen. Wissen wir nicht.

Er war ein wichtiger US Politiker, er gesteht – was heißt: gesteht, er sagt sie eben – seine Fehler ein, dann können Journalisten und andere Gratulanten ihn ungestört hochleben lassen. Was heißt das „Fehler“. Vietnam, Kambodscha, Chile, Argentinien. Das reicht schon, es gibt noch mehr. Demgegenüber steht kluge Geschichtsschreibung (Metternich), demgegenüber steht Nachhaltigkeit beim Wirken für die deutsche Einheit, demgegenüber steht ein globales Denken auch gegen die deutsche Zwergstaaterei im Denken…Lest bitte die Zeit (Do), den Tagesspiegel (Sa) incl. Joschka Fischer (ziemlich gut),. den Freitag (Fr).

Und? die menschlichen Opfer seiner Politik – mehr viel mehr als die anderer PolitikerInnen? Und? Die Folgen seiner Politik, z.B. in Lateinamerika und Asien? Ich hab noch 30 dreckige amerikanische Namen, 50 russische und mindestens 10 deutsche und n+1 österreichische. So dreckig? dreckiger? so ambivalent – er hat ja auch Gutes getan, nicht?

*

Unabhängig vom Geburtstag wäre ein Würdigung und Kritik auf hoher Ebene gleichermaßen angemessen. Und man müsste nicht das Eine gegen das Andere ausspielen. Dass er sehr weit rechts stand, wissen wir, das tun andere auch. Dass Rechte auch klug sein können, bestreiten nur Linke in der Kaffeehausblase, dass Kissinger sogar sehr klug, sagt über seine Moral und seine Politik nicht viel aus. Aber die Rhetorik seiner KommentatorInnen zum 100er, die Unsicherheit „was denn nun?“ irritiert. Ist sein Geburtstag ein Ablass – wie nach einer Wallfahrt zu den Tempeln der Erinnerung?

Ich frage das nicht, weil er mich NOCH interessiert. Für Historiker ist er spannend, und für uns, wenn diese etwas aus seinen Handlungen rauslesen, das wir für die heutige Politik brauchen können. Aber das hätte man schon im letzten Jahr machen können und wir werden sehen, ob ers mit 101 noch ins Feuilleton schafft.

Bitte abrüsten! Klima klebt am Bewusstsein

DER SPIEGEL 24.5.2023

Münchner Generalstaatsanwaltschaft ändert Warnhinweis zu »Letzter Generation«

Artikel von Marc Röhlig • Gestern um 15:55

Die Behörden in Bayern haben im Zuge der Razzia gegen die »Letzte Generation« auch deren Homepage gesperrt. Ein Warnhinweis stufte die Aktivisten dort bereits als kriminelle Vereinigung ein. Nun wurde der brisante Teil geändert.

Münchner Generalstaatsanwaltschaft ändert Warnhinweis zu »Letzter Generation«© @stephanpalagan / Twitter

In sieben Bundesländern sind Beamtinnen und Beamte in einer großen Razzia gegen die Klimaschutzgruppe »Letzte Generation« vorgegangen. Auch die Homepage der Aktivistinnen und Aktivisten wurde gesperrt. Wer sie aufrufen wollte, konnte dort hingegen einen Hinweis der Generalstaatsanwaltschaft München und des Bayerischen Landeskriminalamts lesen.

Die Homepage sei »beschlagnahmt« worden, hieß es da. Und weiter: »Die Letzte Generation stellt eine kriminelle Vereinigung gemäß § 129 StGB dar! (Achtung: Spenden an die Letzte Generation stellen mithin ein strafbares Unterstützen der kriminellen Vereinigung dar!)«

Der Tonfall und die Wortwahl wecken unangenehme Erinnerungen. Aber bitte – so, wie Bayern seine Klientel schützt, wäre hier Abrüstung schon moralisch geboten, politisch ebenso, und juristisch – da hat Deutschland noch einen längeren Weg vor sich. Nancy Faeser sagt: „Polizei und Justiz nehmen Straftaten nicht hin, sondern handeln – so wie es ihre Pflicht ist“, wenn das nur überall so wäre, wenn es nicht die Justizdeals mit den Reichen gäbe (Juwelenräuber, Dieselvergehen etc.), oder auch die ja bekannten Rechtsverstöße der Polizei, dann könnte man das ja abnicken. Aber so unangefochten rechtsstaatlich sind Polizei und Justiz eben nicht – mehrheitlich schon, aber eben nicht über alle Zweifel und Abweichungen erhaben.

Die wirklichen kriminellen Vereinigungen können sich freuen, aber das steht auf einem andern Blatt. Man treibt die Klimakleber förmlich in die Radikalisierung, und im Schatten dieser Bahnsteigkarten-Rechtsstaatlichkeit machen sich die Klimaverweigerer lustig oder breit. Damit meine ich, dass die Betoniererfraktion der Bundesregierung unter Berufung auf den Rechtsstaat die nächste Generation schädigen darf (Bahnsteigkarte gegen den Klimaschutz), während der Protest – ja, z.T. unangemessen, habe ich immer auch so gesagt und empfunden – verbal hochgejubelt wird zur Konfrontation des Staates mit seinen Protest- und Randgruppen. Damit wird nicht nur dem Pöbel, sondern auch verunsicherten Bürgern eine Relativierung des Klimaproblems geradezu auf den Jausentisch platziert. Weniger Staat, mehr Gesellschaft, wäre hier meine erste alternative Formel. Und dann: wenn man die Töne aus der Regierung genau hört, tönen da wieder die Alten gegen die Jungen. Was zum weiteren Verlust von Respekt und integrativer Haltung zu demokratischen Institutionen führt.

Ein Apercu: nach der bayrischen Verordnung darf man den Klimaklebern nicht spenden. Ok, wenn das der Logik des StGB § 129 entspricht. Viele werden eben nicht per Kto nachprüfbar überweisen, sondern mehr oder weniger bar zahlen, was den Herrn Staat dazu bringen wird, die Kontakte der so Ausgegrenzten zu überwachen. Ob das dem Rechtsstaat und dem Klima hilft…?

Mit Drohungen kann der Staat wenig erreichen, das wissen wir eigentlich.

P.S. Hat mit Klima wenig zu tun, aber mit Justizverhalten:

Urteil in Dresden: Linksextremistin Lina E. dankt Unterstützern

Artikel von dpa • Gestern um 16:05

Und die UN reagieren richtig:

Klimaaktivisten müssen geschützt werden

Nach der Razzia in Deutschland gegen die Protestgruppe „Letzte Generation“ haben die Vereinten Nationen die Bedeutung von Klimaschützern und Klimaschützerinnen und deren Aktionen hervorgehoben. „Klimaaktivisten – angeführt von der moralischen Stimme junger Menschen – haben ihre Ziele auch in den dunkelsten Tagen weiterverfolgt. Sie müssen geschützt werden, und wir brauchen sie jetzt mehr denn je“, sagte der Sprecher von UNO-Generalsekretär Antonio Guterres, Stephane Dujarric, der dpa in New York. dpa 26.5.2023

Rosen für den Staatsanwalt

An der Impfpolitik kann man den Rassenhass und die staatlich geduldete Dummheit. demonstrieren (Die Erde ist eine Scheibe) festhalten. Es geht nicht um Meinungsfreiheit, sondern um Antisemitismus.

„Die Generalstaatsanwaltschaft hatte Bhakdi Volksverhetzung in zwei Fällen vorgeworfen. Demnach sollte Bhakdi im April 2021 im Zusammenhang mit heftiger Kritik an der Impfpolitik Israels auch gegenüber in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden zum Hass aufgestachelt und diese als religiöse Gruppe böswillig verächtlich gemacht haben.“

Wieder einmal zeigt sich die rechtslastige Tradition der sog. Unabhängigen deutschen Justiz in Reinkultur. Da wird ein notorisch bekannter Querdenker vom Vorwurf der Volksverhetzung mit einer absurden Begründung freigesprochen:

„Der Richter sagte in seiner Begründung, bei mehrdeutigen Aussagen müssten auch andere Deutungen berücksichtigt werden. Es sei nicht vollständig auszuschließen, dass Bhakdi mit seinen Äußerungen nur die israelische Regierung und nicht das Volk meinte.“ Die Vertreterin der Generalstaatsanwaltschaft kündigte Rechtsmittel an. (DPA, 23.5.)

Die mehrdeutigen Aussagen des Richters in Plön lassen auch andere Deutungen zu, es ist nicht auszuschließen, dass er mit seinem Urteil „nur die Juden“ und nicht „die Menschen“ meinte.

Dank an die Staatsanwaltschaft.

Neoliberaler Pöbel – weg mit der FDP

Ja, sind Sie denn verrückt, solche Pöbeleien auf eine liberale Partei loszulassen, der einmal Hamm Brücher, Baum, Hirsch angehört haben? Sind Sie vielleicht so etwas wie FDP feindliche Pflasterkleber?

Ich bin nicht verrückt, und ich schimpfe selten, aber mit Bedacht. Ich spreche über den neoliberalen Pöbel der FDP, nicht über die ganze Partei, ich kenne dort anerkennenswerte, anständige Liberale. ABER solange die sich noch mit dem Mantel von Lindner oder Wissing bedecken, um sich und uns keine Blöße zu geben, solange verlange ich: weg mit der FDP, und Vorsicht beiihrem Schutzherrn Scholz.

Nochmals: mit wem man nicht ernsthaft reden, kritisieren und handeln kann, den kann man nicht auf Korrektur ansprechen. Pöbel heißt hier, dass er vertikal durch alle Klassen strebt und nicht nur die Verachtung der Oberen, der Reichen, für die Abgehängten zeigt. Aus dem Pöbel wachsen nicht nur populistische, auch faschistische, autoritäre oder schlicht unsinnige Bewegungen, die sich der Politik bemächtigen, indem sie die Ökonomie und die damit verbundenen Ängste kapern. Genau das machen die Luxusführer der FDP, indem sie plötzlich an den Willen des Volks appellieren, den sie gerade selbst manipulieren. Klar, Klientelpolitik, Partikularismus.

Der Klimawandel duldet viele, auch widersprüchliche Gegner. Aber er wartet nicht, bis die bestochenen Gegner der klimarettenden Politik ihre Domizile gerettet haben. Die Klientelpolitik der FDP hat immer schon kleine Gruppen von Gewinn-Einheimsern begünstigt und gibt sich volksnah. Wann war das bei den Liberalen schon einmal, mehrmals?

Jaja, rudere nur zurück. Nach deiner Überschrift braucht man nicht weiterlesen. Die Opposition darf auf den Grünen herumtrampeln, weil das ihre Funktion ist. Klar will sie die verlogenen Neoliberalen der Koalition abspenstig machen. Ist ok. Aber dass die FDP auf den Grünen herumtrampelt, zeigt, dass es ihr egal ist, wer in der nächsten, übernächsten Generation verdurstet, nicht nur im globalen Süden, nein, auch hier. Dass das aggressive Verhalten nichts mit Fehlern der Grünen und deren Korrektur zu tun hat – alles konzediert – sondern arrogante Verachtung derer zeigt, die ohnedies keine Zukunft kennen, das provoziert meine Wortwahl.

Da man bekanntlich kein Volk wählen kann, muss man seine Führer an- und abwählen. Naja, Führer ist der Lindner nicht wirklich, ein Fyrerlein. Und da gerade nicht abgewählt wird, muss man ihn und seine Gefolgschaft unter Druck setzen, unter öffentlichen Druck, ob mit meinem Worten oder mit geschmeidiger Polit-Liturgie: Der Pöbel würde sich lieber der FDP anschließen als den Grünen, das ist klar. Aber der Pöbel soll und darf nicht regieren, er muss es auch nicht. Der Schutzpatron von Lindner, Sankt Olaf, will heute die SPD feiern und wird im Rundfunk mit einem Notar, aber nicht mit einer politischen Leitfigur verglichen: Zukunft hat er keine, und wenn er nicht aufpasst, die gefeierte SPD auch nicht. wenn er sich dann auf die Luxusurlauber stützt, statt auf nachdenkende und arbeitende Menschen, ist seine Zeit vorbei.

Jetzt fragt Ihr, warum ich das so ausmale. Soweit ich zurückdenken kann, bei schwarz-grünen Koalitionen hat man sich wenigstens an die Abmachungen gehalten.

Wenn ich den Feldzug gegen die Grünen allenthalben betrachte, dann stärkt der nur die AfD, zwingt die CDU sich gegen rechts abzugrenzen und belässt die FDP dort, wo sie ist, bei den 7%, die eben den Nörglern nachlaufen, solange sie noch Luft zum Atmen haben. Mit der FDP kürzer als mit demokratischen Parteien, auch wenn die nicht so populär erscheinen.

Steht auf für Habeck und die grünen Gesetze

Zoff um Graichen und Habeck: Eine Koalition der Pöbler und Trottel

Artikel von Gerhard Lehrke • Berliner Kurier, 18.5.2023

Bitte lest diesen Artikel, er fasst viele erregte Abwehrrhetorik gegen die Autotrotteln, Häuslefanatiker, und Klimablinden zusammen. Man muss nicht selber schimpfen. Der Artikel kommt nicht überraschend. Wenn der kleine Schwanz FDP mit dem großen Hund Deutschland wedelt und sich mit den Ideen von Merz verbindet, das Klima der übernächsten Generation zu überlassen, dann verschleifen sich die Differenzierungen. Wenn man das Richtige dauernd und immer schärfer wiederholt, schleift es sich ab und wird von scheinbar aktuelleren Informationen überholt. Dass wir die 1,5° nicht erreichen, wurde gestern öffentlich verkündet – und kaum Reaktionen. Ja, mein Freund, ich „eifere“, und doch sind die Reaktionen auf die Klimakleber (falsche Handlungen, richtiges Ziel) fast schon eine Entschuldigung für sie – abgesehen davon, dass zu Recht gesagt wird, sie würden endlich den KÖRPER in der Klimakatstrophe wieder thematisieren. Klima ist ja keine Frage der Statistik, sondern des Leidens unter der Hitze und des früheren körperlichen Verfalls, nicht nur der Oberschicht.

*

Das ist nichts Neues, ich weiß. Aber ich wehre mich gegen das Abschleifen des Akuten. Und ich bringe es in Kontext mit der bereits öfter geäußerten Vermutung eines globalen, also auch europäischen Fortschreitens der Reaktivierung von Faschismus als antidemokratische und effektive scheinbar alternativlos handelnde Herrschaftsform.

Das lässt sich wissenschaftlich belegen, aber vor allem – das ist mir wichtig – beobachten. Das heißt, es ist nicht so wichtig, ob es den gerne geglaubten Dogmen der politischen oder sozialen Theorie zu einem großen Maß entspricht als dass es sich wirklich ereignet: von Assad in Djedda bis zur absurden Toleranz gegenüber den Klimaleugnern, man möchte sagen: der geistigen Covidverbreitung. Hier erscheint es mir wichtig, in Richtung auf mehr Aufklärung zu gehen – also in Erziehung, Volksbildung, öffentlicher Infragestellung des scheinbar Selbstverständlichen und auch eines Vorrangs des „Sagens von Wahrheiten“ angesichts der Wirklichkeit. (Vgl. Michel Foucault: „Genauer gesagt, ist Parrhesia eine verbale Aktivität, in der ein Sprecher seine persönliche Beziehung zur Wahrheit äußert und dabei sein Leben riskiert, weil er das Aussprechen der Wahrheit als Pflicht erkennt, um andere Menschen zum Besseren zu bekehren oder ihnen zu helfen (wie auch sich selbst). In Parrhesia verwendet der Sprecher seine Freiheit und wählt Offenheit statt Überzeugungskraft, Wahrheit statt Lüge oder Schweigen, das Risiko des Todes statt Lebensqualität und Sicherheit, Kritik anstelle von Schmeichelei, sowie moralische Pflicht anstelle von Eigeninteresse und moralischer Apathie“ (2010)

Das kann subjektiv negative Folgen haben, Verlust des Wertgeschätztwerdens, des Wohlstands, vielleicht mancher gesetzlich geschützter Sphäre – was werden wir verlieren, wenn wir das nicht tun? u.a. das Leben unserer Nachfahren.

Ich weiß, das übersteigt das Verständnis der FDP Führung, Lindner und Wissing und Co. Ehrlicherweise nicht der ganzen Partei, da gibt es noch ein paar Liberale. Aber die neoliberale Koalitionszerstörung ist nicht endlos hinnehmbar. Nun rege ich mich über diese beobachtbare Wirklichkeit gar nicht sooo auf. Aber ich wünsche mir mehr reflektierten Widerstand, reflektiert: das heißt mit Abstand zur personalisierten Pöbelei, wie sie zur Zeit von den meisten Medien und einigen Politikern der dritten Reihe veranstaltet wird. Das ist kein Widerspruch zur personalisierten Kritik, aber nur kritisch sein ist ein Privileg der Oberschicht. Die weniger Begüterten müssen für ein gutes Überleben kämpfen und sind deshalb nicht gut in die Feinheiten des austarierten Diskurses einzubinden. Und das heisst wahrnehmbare und sich selbst mit erklärende Praxis, dann, und vielleicht nur dann, kann man die Massen odes bedürftige Bürgertum mitnehmen, und dann wird es nicht zum Pöbel und geht den Trotteln nicht auf den Leim.

F-Wort, N-Wort

“Why is it necessary to build such a system? Democracies do not become Nazi countries in one day. Evil progresses cunningly, with a minority operating, as it were to remove the levers of control. One by one, freedoms are suppressed, in one sphere after another. It is necessary to intervene before it is too late. A conscience must exist somewhere which will sound the alarm in the minds of a nation menaced by this progressive corruption, to warn them of the peril.” 
Pierre-Henri Teitgen, former resistant, 1949 (in: ESI, 16 May, 2023)

Seid bloß politisch korrekt. Sagt nicht N, wenn ihr noch Neger oder Nigger gelernt habt, richtig so. Sagt nicht F, wenn ihr Fuck sagen wollt, auch das muss nicht sein. Aber seid auch nicht F-feige, N-nichtwissend.

Ich meine, dass faschistische und (neo)nazistische Bewegungen um sich greifen, nicht nur in autoritären Staaten wie der Türkei oder Ungarn, nicht nur in Diktaturen wie Russland, auch innerhalb von Demokratien gibt es die F und N Entwicklung, sie wir nur selten so gesagt, von den meisten Medien, auch liberalen, verharmlost.

Wie wurden wir 1968 von rechts angegriffen, wenn wir das nicht nur im Untergrund fortlebende Erbe des Nationalsozialismus angegriffen – anstatt dass man unsere Fehler kritisierte, WIE wir das konstruiert haben. Heute ist das Koordinatensystem anders, weil sich hinter nicht-trivialen rechts-links Designs meist einander ergänzende Demokratiezersetzung ausbreitet, die nicht durch den liberalen Radikalismus der Mitte in Schach gehalten.

Ernst Jandl:

Manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht / velwechsern. / werch ein illtum!“ (https://gutezitate.com/zitat/223511)

Nun ja, der Putinfreund Schräder mit den AfD Nazis in der Russischen Botschaft, das ist bloß die Oberfläche. Tiefer sitzt die Bereitschaft, das alte Muster aufleben zu lassen, links sei, wer faschistische und stark kapitalistische Entwicklungen ablehnt und kritisiert, und rechts ist, wer Faschismus noch immer anti-kommunistisch kleiner redet. Werch ein Illtum.

Nicht hinschauen. Der Pöbel arbeitet sich an den Grünen ab, und man hat die Heizungspolitik so wenig verstanden wie die Kritik an den Verkehrsplänen des Betonkopfs Wissing. Ist ja egal, wenn unsere Enkel ersticken. Der Pöbel, gar nicht nur in den Dilktaturen, arbeitet für die Verzaunung der EU Außengrenzen, aber die Festung Europa gibts nicht, wenn wir doch den Ansturm wirtschaftlich und waffenliefernd selbst produzieren und provozieren.

Das alles kann man genau und differenziert nach-denken und nach-lesen oder anschauen. Aber im Reden, genauer: im Sagen des Richtigen, im Vorzug der Wirklichkeit vor den verkündeten Wahrheiten, kann man schon etwas deutlicher sein. „Rechtsnational“, „nationalkonservativ“, „extrem religiös“…das sagt dem Volk nichts, und der Pöbel zieht sich diese Begriffe lieber an als die Wirklichkeit, z.B. der letzten italienischen Regierung vor Meloni, z.B. der letzten Regierungen vor den heutigen Netanjahu, Orban etc. Auch in noch einigermaßen stabilen Demokratien wie Österreich gewinnt der faschistische Pöbel an Boden, aber so darf man das nicht sagen? Ich denke, man muss. Und in Deutschland? Wenn es um die knappe Kante gegen die AfD geht, sieht man schon die Schwäche von eigenen Positionen, z.B. https://www.berliner-kurier.de/berlin/nach-afd-beinahe-wahl-zoff-zwischen-cdu-und-spd-eskaliert-li.348870 (16.5.).

Mir gehtes hier nicht um die Analyse, die kann man auf die Schnelle nicht machen, soll man auch nicht.

Aber die Scheu vor dem F und N Vergleich ist gefährlich. Alles, was nach N und F aussieht, ist ja doch nicht annähernd mit den NaziKZs zu vergleichen, oder? Dabei schwingt ein gefährliches Wort mit: NOCH. Und der Putin-Vergleich, eher mit N als mit F, hat viel mit der oben beschriebenen Konfrontation des dogmatisch inhaltsleeren AntiFaschismus links und AntiKommunismus rechts zu tun.

Ein Apercu: als ich Unipräsident war, vor wirklich vielen Jahren, gab es eine Studigruppe, die sich „Anti“ nannte. Prinzipielle Gegnerschaft kann einen stützen oder gefährden, aber sie erklärt fast nichts.

Krieg und Frieden, keine Literatur

Ich bitte um Entschuldigung, dass ich meine strikte Linie für einmal verlasse, die Kommentare zum Krieg Russlands gegen die Ukraine und gegen die Menschlichkeit nicht kommentiere. Ich habe das u.a. damit begründet, dass die Laienmeinung und die nur sekundäre Betroffenheit nicht ausreichen, um ein unbestimmtes Publikum, also das MAN, zu erreichen. Ich bleibe dabei. Aber ich will einmal auf ein widerborstiges Produkt, zwei Aufsätze in der FAZ am 7.5.2023, vor dem 8. Mai nicht zufällig, reagieren, weil sie mich jenseits des journalistischen Verwehens, beschäftigen. Die Entschuldigung steht trotzdem.

*

Zwei lange Aufsätze in der FAZ. Einer, von Schuller, plädiert für eine militärisch gestützte Angriffshaltung gegen Russland, an der nichts falsch ist, außer alles. Es ist schon der Kriegsmodus, den ich vor mehr als einem Jahr als Begriff verwendet habe. Wenn wir da drin sind, dann muss die NATO nicht nur siegen, sondern Russland so be-siegen, dass es nicht in einen Balance Status mit dem Westen eintritt, an dessen Ende dieser Westen ermüdet, wenn er die Ukraine nicht vergisst – ich sage nur Beispiel Afghanistan – und dann wird für viele der Kompromiss“frieden“ mit dem Feind erträglicher als weiter zu rüsten, kämpfen zu lassen, am Ende doch in die nukleare Gegentaktik einzusteigen. Natürlich „wollen wir das nicht“, aber was wollen WIR denn? Nicht bedroht werden. Wenn die Ukraine fällt, werden wir von der neuen Sowjetmacht gekapert. Klar, davor hat man Angst. Schuller argumentiert für eine schnelle Aufnahme in die NATO, sonst wird sie scheitern, an Erdögan, Orban, an uns…Wenn man es nicht schafft, kann es nach den US Wahlen zu spät sein. Schuller argumentiert „alternativlos“. Da geht es nicht um richtig oder falsch. Sondern darum, innerhalb einer bestimmten Ereignis-Wahrscheinlichkeit sich entsprechend zu verhalten. Das ist der „Andere Aggregatzustand“, der nicht als Kriegspartei argumentiert, sondern als Verteidigung vor dem erwartbaren Angriff.

Diese Wahrscheinlichkeit besteht, sie ist nicht alternativlos, die Alternativen sind komplizierter als die Zweilager Vorstellung. Da sich Deutschland, WIR, auf absehbare Zeit aktiv am Waffengang nicht beteiligen kann, unabhängig davon, ob die Mehrheit es will; und da auf die Amerikaner auch vor dem Wiedergänger TrumpII kein Verlass ist, würde ich weniger – nicht nicht – mit NATO argumentieren, sondern mit Europa, der EU, mit uns. Natürlich unter ökonomischen Einbußen, unter schlechteren Bedingungen, uns für eine Einbindung der Ukraine in die EU stark machen und vielleicht einen Ermüdungsfrieden mit den Russen ausschlagen? Vielleiht die soziale und kulturelle Autonomie der EU  noch stärker von den ökonomischen Ködern entfernen, vielleicht den unerfreulichen Zusatz einer wirksamen verteidigenden Aufrüstung der Russland-Nachbarn, also mit Ukraine und anderen durchzuführen, aber eben nicht primär NATO Rahmen, mit Faschisten wie Erdögan oder Orban und … im eigenen Gefolge. Das, was Schuller die „Willigen“ nennt, ist mit NATO nicht zu machen. Aber zahlen werden wir müssen, auch aus andern Gründen, das kommt noch, aber jetzt einmal ganz klar. Wenn dies die Wirklichkeitslogik ist, müssen wir selber ran, nicht nur zahlen. Und Verteidigungspolitik muss nicht der Kriegslogik folgen.

Das ist der Ausgangspunkt an einer mäßig beleuchteten Politikanalyse „Frieden um jeden Preis“, in der Oliver Georgi drei pazifistische Argumente zerlegt, die von Thomas Schwörer, Olaf Müller und Margot Käßmann. Das wäre gar nicht schlecht, würde Georgi selbst die Kriegsquantum verlassen und sich ins Friedensquantum einschreiben. Denn dass Schwörers Zersetzungshypothese nur funktionieren kann, wenn man die Russen sozusagen kampflos siegen lässt, ist einleuchtend, aber nicht aus einer Niederlagensicht, die Georgi bei kampfloser Übergabe nicht gelten lässt. Die Einladung zur Eroberung unter gleichzeitiger guerillataktischen Zermürbung? Paralysierung? der Besatzer  hat etwas für sich, aber nicht im Rahmen dessen, der sich erst ergibt und dann seine Kräfte anders einsetzt. Es ist niemals gleichgültig, wer wann wofür und wie stirbt, aber dann muss man sich von der Beobachterstelle hinein in die Wirklichkeit der Motive der Opfer begeben; das ist kein Brettspiel.

Ich hatte von anfang an gesagt, dass quasi quantenmechanisch man entweder in der Friedenslogik oder der Kriegslogik argumentieren kann, Kompromiss gibt es nicht. Die Friedenslogik ist nicht notwendig pazifistisch. Aber der Frieden wird nicht allein durch die „Abwesenheit“ von Krieg bzw. sein relatives Herunterfahren auf ein Minimum konkreter Opfer an Menschenleben und menschenwürdigem Dasein definiert. Das ist „eigentlich“ trivial, aber dem Jargon gebe ich mich nicht hin. Mit der pazifistischen Übergabe der Oberfläche und dem Kampf unter machtvollen Decke der Eroberer kann man nur argumentieren, wenn man die Menschen dazu intrinsisch bewegt, und das ginge ja erst, wenn die Russen sofort Kiew und den Großteil des Landes gekapert hätten. Dass sie es nicht konnten, wiewohl gewollt hatten spricht ja für die gewalt- und opferreiche Strategie der Ukrainer, und nicht erst ab 22.2.2022, und nicht erst durch Waffenlieferungen aus den USA und Europa, sondern umgekehrt: dass es diese davor und erst recht danach gab, hat ja die Russen gebremst. Das ist also weder pazifistischer Frieden um jeden Preis, noch Kriegserwiderung, um sich dem stärkeren Putin gleichwertig zu stellen. Eben nicht gleich, anders. Zu werden und zu bleiben. Das müssen auch unsere Militärs lernen?!

Ich kann so nicht denken, darum habe ich der metamilitärischen Kommentare weitgehend enthalten und mache es weiterhin. Dieser Exkurs war eher die Replik auf einer intrakonservatives Gerede. Meine Angst ist eher, dass dieses Gerede ähnlich und unkontrollierbare Wirkungen hat wie die zielgerichtete Desinformation seitens des Kreml – und anderer, ich weiß, meist sind die anders.

Wenn jetzt die Zyniker fragen: und was sagst du, was tun? Dann sage ich, dass wir (jetzt, wann, wenn überhaupt) nicht unser Leben hinhalten, dass wir denen helfen können, die es tun, aber nicht den Diskurs dazu anreichern sollen. Es geht um Haltung, nicht um Stil.

*

Georgi macht noch einen sehr komplizierten Haken. Er zitiert Ralf Fücks und Marieluise Beck, die zu Recht auf eine deutsche Besonderheit hinweisen, nämlich so ziemlich alles politische, oder sage ich: wirkliche auf den Nationalsozialismus hin durch das Nadelöhr der unvergänglichen Einmaligkeit zu fädeln (Meine Worte). Und die Ambivalenz, die die Menschen dazu führt, die Angst vor dem Krieg auszuhalten. Nicht schlecht, der Einschub. Er passt nur nicht zur sonstigen Pazifismuskritik von Georgi.

Und ich füge meine schwerlastende Behauptung hinzu, dass wir längst wieder „im Krieg“ sind nur nicht in den Kämpfen, die unmittelbar ums Leben gehen, Leben kosten; nur mittelbar. Oder nicht?

Dass jeder dieser Begriffe eine besondere Bedeutung hat, gilt für alle Begriffe, aber hier besonders. Sagen die Russen „Ave Putin, morituri ter salutant“? Sagen die Ukrainer „Ave Selenskij….?“; und wir, was sagen wir wirklich außer wahlweise Bedauern oder Triumph, als ginge es um Länderspiele.

Die Privatisierung der Kriegsberichterstattung und ihre Umkehrung in Friedensphantasien sind auch nicht ungefährlich. Darum ist die Frage, wie legitim bloße Meinungs-Äußerungen sind. Wen erreicht die Meinung, dass verhandelt werden soll? Wer will mit den Meinungen wen überzeugen?

Ich weiß, das ist keine politische Aussage. Will sie ja nicht sein. Es ist aber eben nicht der Versuch, der eigenen Meinung Gehör zu verschaffen. Es geht mir darum, den möglichen Frieden nicht zu zerreden. Der wird nicht durch Meinungen hergestellt, sondern durch Macht und Gegenmacht, durch Politik. Da ist spannend, welche Rolle ich, wir, in der Politik dieses Kriegs spielen. Das bedeutet, in welche Bereiche unseres Lebens er hineinspielt, ob wir ihn verdrängen, beobachten oder „annehmen“ als die Wirklichkeit, die uns mehr oder weniger von den Überlebensthemen der Menschen ablenkt – Klima, Flucht, Hunger – oder gar erleichtert (wenn wir über den Krieg reden, spielt plötzlich das Klima keine Rolle?).

Afghanistan wirklich gesehen

Die Fähigkeit der Invasoren, Glück zu verheißen und es letztlich zu zerstören, ist unermesslich. Das eint die „Großen“, auch wenn sie sonst unvergleichlich sind. Manche Länder sind besonders von der Unglückspolitik betroffen, andere vielleicht weniger. Aber es bleibt dabei: wer den andern überfällt und ihm dabei Glück verheißt, schafft Unglück.

Kaum ein Land ist so lange unglücklich gemacht worden, wie Afghanistan. Seit mehr als 50 Jahren haben sich „Andere“ darum bemüht, das bislang nie kolonisierte Land unter Kontrolle und vor allem in ihren Machtbereich zu zerren, was jeweils innenpolitisch so nie gesagt werden durfte oder, bei uns, wirkungslos behauptet wurde.

Dass man den jeweiligen Invasoren immer wieder, teilweise, kritisch, mulmig, oder aber hoffnungsfroh gefolgt ist, hat viele Gründe. Auch ich muss mit Bedauern meine anfänglich recht einseitige auch aktive unkritische Unterstützung der westlichen Staatsbildungspolitik Afghanistans nach der Petersberger Konferenz 2001 relativieren. Ich war nicht wichtig, also bleibt es fast überall beim einseitigen, selbstkritischen Diskurs, und wo es praktisch war und wurde, war es auch besser. Aber in der Retrospektive, nach der Niederlage der USA und damit auch Deutschlands 2021, ist die zwanzigjährige Verheißung von Glück und die Herstellung von Unglück schon eine Belastung. Die Zeit davor war das auch, nicht nur bis zur Niederlage der Sowjets und Russen, auch die Zeit dazwischen. Drei Generationen, mindestens, und wenn es noch Hoffnung gibt, dann ist die so komplex begründet, dass keine Erwartung sie trifft: dass Afghanistan sich von den Taliban befreit und den Versuch erneuert, ohne zu verhungern und zu verblöden, eine tragfähige demokratische Gesellschaft wieder aufzubauen.

Woher kann man das wissen? Erfahrungen haben eher ein zwiespältiges Resultat gebracht, wie man in einem Archiv gut belegt nachvollziehen kann. Man muss erst einmal die Phantasien, Lügen oder schlicht Unwirklichkeiten vieler Selbstbezüge abbauen, um zu verstehen, was wirklich geschah und wer woran beteiligt war. Forschungen sind, wenn es sie gibt, oft besser, aber spärlich, und auch hier muss die Quellenlage studiert werden, sonst wäre die Sicht z.B. der Bundeswehr und der humanitären Hilfsorganisationen vordergründig unverständlich.

Diese Einleitung ist mir so wichtig wie die folgende Besprechung des Buches eines guten Bekannten, der den schmalen Pfad geht, die Wirklichkeit über die konstruierten Wahrheiten zu setzen.: Reuter, Christoph (2023): „Wir waren glücklich hier“. Afghanistan nach dem Sieg der Taliban. – Ein Roadtrip. DVA/Spiegel, München

Da schreibt einer, der schon viele Konflikte und Krisenherde bereist hat, der viel wahrgenommen hat und gegen die Lüge über das Beobachtete anschreibt. Das heißt zunächst anschaut, erklärt, vor allem die Hintergründe ermittelt.

Warum muss man in Deutschland viel über Afghanistan wissen? Weil wir schon vor 2001, vor der Bonner Konferenz, in diesem Land involviert waren, wenn man so will, seit über 100 Jahren, und jedenfalls immer „Rollen“ gespielt haben, die weniger mit den Menschen in Afghanistan zu tun hatten und mehr mit der (vermeintlichen, angestrebten) deutschen Rolle in der Internationalen Politik.  Auch ein Thema. Aber seit 2001/2 waren wir ja Kriegsteilnehmer, mehr noch als davor im Kosovo, und das Verhalten 2021, beim Sieg der Taliban und im Vorfeld des Ereignisses, wirft ein grelles Licht auf die deutsche Politik, mit all ihren Lichtpunkten in der Zeit, die ja auch dazugehören.

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Reuter, erfahren, ein Kenner des Landes, nutzt den äußeren Frieden – ja, Frieden – unter den neuen Herrschern, um Routen und Orte kennenzulernen, die ihm vorher verwehrt oder schwer zugänglich waren. Dass der Frieden keine Freiheit in einem Unrechtsstaat bedeutet, weiß er auch. Und wie es sich bei einem Roadtrip gehört, beschreibt er mit journalistischer und fast ethnologischer Präzision, was ihm dabei begegnet und widerfahren ist. Kaum jemand interessiert sich für das Leben der Gesellschaft nach dem Abzug der meisten Deutschen und dem Verbleib vieler Ortskräfte, die ihrem Schicksal rechts- und moralwidrig überlassen werden. Die Geschichte ist mit den parlamentarischen Untersuchungen und der Enquete nicht beendet, aber die meisten Medien haben Afghanistan längst vergessen. Und wie kaum ein anderer lenkt Reuter unseren Blick auf die Wirklichkeit unter den Taliban und die Vorgeschichte von deren zweiten Sieg, nach dem ersten 1995 -2001, ohne den wir vielleicht gar nicht an der neuen Republik mitgewirkt haben. Der historische Teil, immer wieder aufgerufen, das ist ja kein Geschichtsbuch, bringt einige schwer erträgliche Wahrheiten: Im 2. Kapitel „Ins Herz des Wahnsinns – meine erste Reise nach Afghanistan“ werden die Folgen amerikanischer Lügen, Verschleierungen und absurder Gewalt gegen die Bevölkerung beschrieben. Gebündelte Wirklichkeit: „Dass die USA die Welt nach ihrem Willen formen konnten hatten die Taliban schmerzhaft gelernt in jenen mörderischen Wochen Ende 2001…Dass aber die USA nun in gleicher Manier, nur ohne wirkliche Antagonisten fortfuhren, sollte zum Auftakt ihres Untergangs fast zwei Jahrzehnte später werden“ (S. 43). Diese These habe ich spät, aber schon früher geteilt (Daxner 2017), und Reuters Detailkenntnis stützt die Vorwegnahme der amerikanischen, westlichen, internationalen Niederlage.

Historische Einblendungen kommen auf dem Roadtrip immer wieder vor. Sie sind verbunden mit früheren Reisen, Begegnungen, persönlichen und politischen Wahrnehmungen. Es ist geradezu befreiend zu lesen, dass bei detaillierten Schilderungen der Erfahrungsschichten in Kunduz die Geschichte des unsinnigen Verhaltens der Bundeswehr unter Oberst Klein, der dafür zum General befördert worden war, genau geschildert wurde. Das humanitäre Ansinnen von Reuter und seinem Fotografen Mettelsiefen hat zur Wahrheit der Beschreibung und zur Anteilnahme am Tod von über 90 Menschen geführt. Die Ausstellung an verschiedenen Orten, auch Potsdam, war ein Teil der Befreiung durch die Wirklichkeit vor der staatlich verordneten Wahrheit, also der Lüge über den Vorfall am 4.9.2009 und seine Vor- und Nachgeschichte(n) (Mettelsiefen 2010, Reuter 2010). (S. 181ff.). Das wird nun in eine Geschichte der Wiederkehr eingebettet, sie „suchten nach den Spuren der Deutschen“, S. 187). Der Roadtrip kann ohne die Schnittpunkte zur Geschichte und den relevanten Ereignissen, wenn es sich um bekanntes oder Neuland handelt, nicht gefahren werden. Und jetzt war Reuter da und berichtet über das deutsche „Intermezzo“, „Nun lag die Stadt abermals da wie vor den dramatischen 80 Jahren zwischen Glorie und Grauen“ (S.198). Vieles trifft sich mit anderen Erzählungen von Kunduz, Reuter erwähnt Schir Chan Nashir, und Nadia Nashir, die vor wenigen Tagen gestorben ist, hat von ihrer lokalen Geschichte und von ihren Schulprojekten dort berichtet (Vgl. Nadia Nashir Karim, Blog: Michaeldaxner.com/4547 25.4.2023). Reuter benutzt jeden erlebten Aufenthaltsort zum Anlass einer Geschichtserweiterung, oft auch Geschichtskorrektur. Und so fährt er auch dorthin, wohin man von Kabul aus seit vielen Jahren in der „befreiten“ Republik immer weniger fahren konnte. Manches kannte ich aus den frühen Jahren in Afghanistan, natürlich Mazar, Asadabad, und sehr früh Kandahar. Aber dass Reuter jetzt auch nach Nimruz vorgedrungen war, nach Ghormatsch im Nordwesten, das ist schon ein Erlebnis, das man sich selbst gewünscht hätte.

Soweit der allgemeine Roadtrip. im äußersten Südwesten, Seine spezielle Qualität aber ist die Kommunikation am Wegesrand, bisweilen von Taliban, Polizei, festgehalten, bisweilen so friedlich und gastgeberisch aufgenommen, wie das eben in der Zeitlücke des noch nicht ganz gefestigten autoritären Regimes geht – das kann der erfahrene Journalist und Reisende besser als viele Experten sich vorstellen zu können, weil sie ihren Berichten im Vorab trauen müssen. Die Wirklichkeit ist oft unglaubwürdig, aber eben wirklich. Das wird unterstützt durch die Bezugnahme auf Thomas und Iris Ruttig und deren Team, wohl die langfristig noch immer beste Quelle für Information https://www.afghanistan-analysts.org/en .

Das Buch von Christoph Reuter ist, wie seine früheren Texte und Bücher zu Afghanistan, Syrien, der Ukraine, ein MUSS. Das sagt man nicht leichtfertig, ich baue ja gerade ein Afghanistanarchiv auf, voller Bücher, Dokumente, Bilder. Aber Reuters Buch ist eine Ausnahme, er gehört in eine Reihe wichtiger Quellen auch zur Selbstreflexion des Westens, was der dort verloren und nicht gewonnen hatte, vielleicht gemeinsam mit Ahmet Rashid. Die Parteinahme für die von Gewalt, Folter, Armut, Hunger bedrohten Afghanis ist nicht eine einseitige Verurteilung des Westens, sondern auch eine Beurteilung der Schwächen und Fehler afghanischer Politik. Aber da ist die Besonderheit: zwar beschreibt und analysiert Reuter viel Politisches, auch Politökonomisches, aber es geht ihm nicht um den Staat, sondern um die Gesellschaft, also notwendig ein Heraustreten aus der Vertikalsicht auf die Macht und  der erlebte Nachweis, dass die Menschen in ihren sozialen Beziehungen, in ihrer Angst und Hoffnung eben nicht das „Unten“ sind, das von „oben“ gerettet werden kann (wobei ja „Oben“ dem afghanischen Staat seit Karzai vielleicht eine Übertreibung war).

An manchen Stellen seiner persönlichen Begegnungen, auch Lebensgeschichten und Zukunftsaussichten, ist es ein trauriges Buch. Weil, und das zeigen ja auch die letzten Monate, noch keine Ende des schmerzhaften Abwärtstrends in Sicht ist, der nicht erst mit den Taliban, nicht erst mit Trump und Doha begonnen hatte. Dass in diesem historischen schmerz dennoch individuelle Hoffnungen, im Bleiben wie in der Flucht, im Anpassen wie im Widerstand, erlebbar sind, ist ein gutes Mittel gegen die Arroganz der Politik, ihr Fehlverhalten und ihre mangelnden Konsequenzen auch noch schön zu reden, durch angebliches Nichtwissen, nichtkönnen und höherrangige Politische Einbindung. Reuter als Gegengift ist auch nicht zu verachten, aber das bedeutet auch sich, auf eine Lesepraxis einzulassen, die nicht bei der Aufnahme von Bericht und Bild endet.

Daxner, M. (2017). A Society of Intervention – An Essay on Conflicts in Afghanistan and other Military Interventions Oldenburg, BIS.

Mettelsiefen, M. R., Christoph (2010). Kunduz, 4. September 2009. Berlin, Rogner & Bernhardt.

                Forschungsbericht und Fotodokumentation nach dem Bombardement vom 4.9.2009. Vgl. Ausstellung Potsdam 24.4.2010

Blog: Michaeldaxner.com/4547 25.4.2023

Reuter, C., M. Mettelsiefen, H. Theiss (2010). Kunduz, 4. September 2009. Eine Ausstellung. Kunstraum Potsdam, 04/23-06/13/2010.

https://www.afghanistan-analysts.org/en

Frühling des Pöbels

Die Audiklimaverbrecher werden vom Gericht geschont. Es lohnt, sich zu verständigen. Wer da auf der Bank sitzt oder Anwalt des Staates ist, ermutigt andere Gauner. Dem Stadler ist es egal, dass er ein Monatsgehalt abführt und einen schlechten Ruf behält. Hunderttausende Luftverpester ersticken seinetwegen, nicht gleich, aufgeschoben. Und das Gericht? Der Rechtsstaat wird manchmal sichtbar rechts.

Der Pöbel erlebt einen Aufschwung. Er hatte immer schon einen Platz in einer noch unreifen Demokratie, deren Erfolge man ja nicht leugnet, aber sie ist noch weit von ihrem Ziel…

Im Augenblick tobt sich der Pöbel gegen die Grünen aus. Als ob die Klimapolitik eine Klassenfrage wäre tun sich Autolobby, Hausbesitzer und andere Lebensmüde zusammen, um hier zu bremsen und vor allem um Vertrauen zu zerstören. Dass beim Wirtschaftsministerium ein Staatssekretär unsinnig gehandelt hat – sicher, und das kann und muss korrigiert werden. Habeck macht das schneller und besser als Andere, aber natürlich: das war ein Fehler. Dass der Staatssekretär trotzdem ein Fachmann ist und bleiben wird, bestreitet der Pöbel gar nicht, aber man versucht ja den Minister zu treffen, um mehr Abgase auf die Autobahnen blasen zu können.

Pöbel ist ein gefährlicher Begriff, weil er quer zu Klassen und Ständen und Milieus alle Schichten der Bevölkerung durchsetzen kann; nicht das Geschehen und die Struktur, sondern Event und Augenblick sind die Waffen des Pöbels. Zur Verteidigung nimmt der Pöbel gerne Aufmerksamkeit und Aktualität in Anspruch, wann, wenn nicht, wer, wenn nicht wir? Das Jetzt und das Wir sind die gefährlichen Begriffe: Die Springerpresse lenkt von Döpfner ab, und hackt auf den Grünen herum, wie andere Medien, z.B. t-online täglich, als wäre das eine AfD Filiale. Merz hackt auf den Grünen herum, als wäre er nicht gerade in der Demokratie auf sie angewiesen. Dass Söder lügt, weiß sogar t-online auch. Der Pöbel ist sozusagen eine große Koalition, größer noch als die Berliner schwarzrosa Banalität.

Dass die Grünen nicht mit den gleichen Waffen zurückschlagen, hat Gründe. Ich bin lange genug bei der Partei, um die Ärgernisse und Fehler nicht verdrängen zu müssen. Aber eines ist auch klar: Deutschland verliert ohnedies auf allen internationalen Vergleichsebenen. Ohne die Grünen in Bund und Ländern wäre die Umweltpolitik und das Sozialstaatsempfinden aber noch viel schwächer. Daraus zieht man nun kein momentanes Selbstbewusstsein (Das ist eher Söders Waffe). Aber was wie eine defensive Grünenverteidigung aussieht, ist der Preis dafür, nicht mit dem Pöbel sich zu verbünden.

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Sich festzukleben und Kunst zu zerstören und Anstoß zu erregen, ist falsch. Aber die Reaktion des Pöbels auf die Kleber und die „rechtsstaatlichen“ Verteidiger der brutalen Wegzerrer schaffen den an sich richtigen Argumenten der Letzten Generation eine sekundäre Rechtfertigung. Man hat den Eindruck, dass sich Pöbel und Rechtsstaat zusammentun, um für die Klimapolitik Bahnsteigkarten zu fordern, ohne die man keinen Zug in die geschonte Umwelt erreichen darf. Das ist ein aktuelles Beispiel, zugegeben, und ich gehe auf Distanz zur Aktualität.

Am 20.2.2022 habe ich zu Beginn des russischen Angriffs Amery und den Terror der Aktualität zitiert (Blog). Dessen Gedanken sind eine Leitlinie für vieles an meiner Lebenspolitik, ich bin ja kein Politiker. Ja, der Event drängt manchmal zu sofortiger Reaktion. Aber wie reagieren? Womit? Manchmal muss man sich zum Abstand zwingen, um klar sehen und denken zu können (so wie das Ernst Bloch beim Anschauen gotischer Kathedralen empfiehlt). Der Pöbel bezieht seine Wirkung aus der falschen Unmittelbarkeit. Man muss sich nicht, man darf sich nicht unbegrenzt Zeit nehmen, um etwas zu bedenken und vor allem zu handeln, aber man braucht hinreichend Zeit dazu. Das kann vielleicht kurze Dauer bedeuten.

Manche werden ihre Kommentare zu Habeck, zu Palmer, zu den Klebern, zu den Flüchtlingen…noch bedauern; nicht weil ich es sage, sondern weil die Wirklichkeit sie dazu zwingt. Der Pöbel bedauert nie, er sagt, die Zeiten sind jetzt anders, und wir hatten damals recht. Naja. Andere bleiben unverrückbar bei ihren Standpunkten, dann gibt es kein Damals, sondern nur Jetzt.

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Die Grünen werden die Pöbeleien überstehen, natürlich mit Blessuren, natürlich mit Verlusten, aber sie werden gewinnen, wo sie recht haben und vor allem richtige Politik gegen die neoliberalen Geschwindigkeitsfanatiker und privatisierenden Staatsfeinde durchsetzen wollen. Eine Koalition ist keine Ehe. Und den Pöbel heiratet man sowieso nicht.

Leipziger Allerlei, ich lese eine Messe

Wenn man zur Buchmesse fährt und mit der Deutschen Bahn tatsächlich ankommt, dann denkt man nicht gleich ans Essen. Sollte man aber, denn die Kulinarik auf der Messe verdient keine Rezension….aber das ist ein schlechter Kalauer, Verzeihung.

Ich mochte Leipzig schon immer, eine gute Stadt, urban und näher an Wien als an Berlin. Zur Buchmesse wäre ich allerdings nicht gefahren, hätte meine Frau, Birgit Seemann, nicht gelesen

und wäre Österreich nicht das diesjährige Gastland. MEAOISWIAMIA. LEST DAS BITTE DREIMAL LAUT VOR. Wo doch die informierteren ExpertInnen wissen, warum sich Österreich auf dem deutschen Buchmarkt schwer tut, obwohl die besten deutschsprachigen AutorInnen sowieso häufiger aus Österreich kommen, bedenkt man die Quantität der Bevölkerung.

Also, wir fahren zur Buchmesse. Anlässe genug, und da wir bei guten Freunden wohnen, auch kein Abenteuer bei der Suche nach Lagerstätten.

Fährt man raus zur Messe, ist es ein Vergnügen. Die Straßenbahn ist voll, ganz viele Junge sind verkleidet, schließlich ist ein Teil MM ja die MANGA-COMIC-CON, und das ist Teil der Freiheit, sich so dorthin zu begeben und eine zweite Ebene in sein Leben einzuziehen. Ich habe keine dieser hunderten wunderbaren Gestalten fotografiert, es wäre eine ungerechte Verteilung geworden, ganz viele nicht im Bild zu haben. Und die volle Straßenbahn erzeugt schon eine gewisse Solidarität.

Dann ist man endlich drin, und ich wusste ja, warum ich mit gemischten Gefühlen auf Buchmessen gehe, selten genug: im Überschwang der vorgestellten Druckwerke muss man die Juwelen wirklich suchen, die wirklich guten kleinen Verlage haben dementsprechend kleine Kojen, die ganz großen zeigen sich übervoll, nur bei den Lesungen kann man von der Größe oder Kleinheit der Versammlung nicht ohne weiteres auf Qualität und Verlag schließen. Man geht halt zu den Namen, die man sehen und hören will. Und macht einen weiten Bogen um manche Namen und manche Verlage.

Die Lesung meiner Frau war erfreulich, und andere haben das auch gerne gesehen und gehört, auch im Rundfunk nachgehört. Und schaut man sich im Gastlandsektor um, fallen einem die vielen kleinen österreichischen Verlage auf, die schon eine andere Kultur repräsentieren, was Schreiben, Verlegen, Verteilen, Rezensieren betrifft.

Von den vielen Kommentare einer: SZ 29.4.2023

(Aus einem Interview)

Welche Unterschiede sehen Sie in der politischen Kultur zwischen Österreich und Deutschland?

Köhlmeier: In der österreichischen Kultur herrscht ein hohes Maß an Niedertracht. Der politische Gegner wird manchmal als strohdumm oder als abgrundtief böse betrachtet. Ich merke, es steckt mich an. Dass ich beim politisch Andersdenkenden Ansätze habe zu denken, ist der zu blöd, dass er das kapiert? Oder er ist so böse, korrupt oder verdorben….

Aber ist der Stellenwert der Kultur in Österreich denn nicht höher als in Deutschland?

Helfer: Ich denke, ja. Zum Beispiel das Theater.

Köhlmeier: Darum beneiden uns die Deutschen. Wir haben es, tun aber nichts dafür von Seiten der Politik. Was müssten wir da noch fördern? Wenn man es auf die Bevölkerungszahl hochrechnet, haben wir viel mehr Autoren als Deutschland. Und am meisten hat Vorarlberg“.

An solche Sachen denke ich und höre da auch Gespräche mit, während wir uns anstellen, um guten Wiener Caf’e zu bekommen. Manchmal ist man auch gerne Doppelstaatsbürger.

Die dunkle Seite der Wanderungen durch die Verlagskojen sind die überwältigenden Massen an ausgestelltem Unsinn – hier geht es nicht um Differenzen im Geschmack oder Prioritäten. Ich nenne hier keinen Verlag und keine AutorInnen, aber die reine Massenzulassung ist eben auch nicht demokratisch.

Eine hellere Seite zeigt sich bei der Zunahme der Wertschätzung für Übersetzungen, natürlich und richtig aus der Ukraine, aber auch vom Balkan. Und für mich überraschend die Dynamik bei Schul- bzw. Lehrbüchern.

Wiederum dunkel: so viel esoterischer, spiritistischer, abstruser Blödsinn kann gar nicht den Massengeschmack treffen, zumal Helene Fischer zur gleichen Zeit auch Massen auf sich zieht….Naja. Ich schimpfe nicht und flüchte mich zu den Zeitungen, SZ und TAZ sind gut vertreten.

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Diese subjektiven Eindrücke will ich ein wenig überbauen, die BesucherInnen sind ja abgereist, und die Messe bereitet sich aufs nächste Jahr vor. Die verkleideten Mangas werden mich vielleicht wieder herlocken, und unsere Freunde in Leipzig, und die Stadt…

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Aber was mich verfolgt, außer der Mühe, sich durch den Griessbrei ins Schlaraffenland der guten neuen Bücher zu fressen, ist die Frage nach der Zukunft von Buch und Bild im Zeitalter begrenzter Menschendauer auf Erden und dem unaufhaltsamen Vormarsch der IT, auch die Frage nach meiner/unserer Bibliothek zu hause. Nein, keine esoterische Reise zu einem Auswanderungsplaneten der privilegierten Kulturgötter auf den Buchplaneten, auch nicht ein apokalyptisches Bedauern über das Ende des Denkens, der Moral, der Ästhetik, das Ende von allem, was uns selbst Bewusstsein schafft, wenn es uns nicht mehr geben wird, vertrocknet oder weggeschwemmt. Sondern ganz praktisch. Für die nächsten Jahrzehnte. Fahrenheit 451 von Ray Bradbury verfolgt mich schon länger als es Wikipedia gibt (https://de.wikipedia.org/wiki/Fahrenheit_451#Literatur), aber es hat eine große ausufernde Wirkung gezeigt. Und was es bedeutet, einen Text auf den Lippen zu haben, wenn man verdorrt oder anderswie zu Ende geht, ist eine reale und keine philosophische Überlegung. Saurier hatten seinerzeit noch keine Sonettzeile zwischen den Zähnen. Über die Hoffnungen des politischen, also gesellschaftlichen Überlebens gibt es auch gute Gedanken, z.B. Marlene Knoblochs Bericht über Maxim Biller auf Schloss Elmau (SZ 2.5.2023). Paradigmatisch greift er eine Vergangenheit heraus, um eine mögliche Zukunft herbei- oder wegzurufen. Das aber ist typisch für die Gewissheit, dass es uns, als species, weiterhin geben wird, wir also Nachkommen unserer Nachkommen … n+1 haben werden. Wenn aber diese Gewissheit erodiert, dann ist z.B. die Bibliothek oder die Galerie bis zum Ende eine gute Vorstellung, den Abschied vorwegzunehmen ohne deshalb schon im Orkus zu versinken oder das Ende mit zu „erleben“, das wird ja nicht uns schon treffen, und die Schuldgefühle können wir an die Ferienhauswand nageln. Luthers Apfelbäumchen wird nichts nützen, aber vielleicht wird uns die Bibliothek Mut geben, doch noch am Klima, an der Friedenspolitik, an der Gesellschaft zu arbeiten. Wenn man so richtig am Lesen ist, merkt man vielleicht gar nicht, welcher Boden einem unter den Füßen weggezogen wird…das ist auch ein Argument gegen die sich verbreitende Vorstellung, die digitale Lesart der Welt könnte unsere menschliche Leseföhigkeit überholen, selbst die Welt denken. Soll sie, aber ohne uns, mich beruhigt das. Wenn ChatGPT die menschenlose Zukunft erprobt, ja, was dann?

What will happen at the end of time, when IT surpasses human intelligence? Das war meine Frage. Die Antwort:


As an AI language model, I can provide a speculative answer based on current trends and projections in artificial intelligence and technology.

Firstly, it is important to note that the idea of „the end of time“ and a point where artificial intelligence surpasses human intelligence is based on the assumption that AI will continue to advance at an exponential rate, eventually reaching a point where it becomes significantly more intelligent than humans. However, it is difficult to predict with certainty when or if this will occur.

If and when AI surpasses human intelligence, it is likely to have significant implications for society and the future of humanity. One possibility is that AI may become the dominant form of intelligence on the planet, leading to a shift in power dynamics and potentially even a restructuring of society.

There are many potential scenarios that could play out, depending on how society chooses to adapt to the rise of AI. Some experts have raised concerns about the possibility of a „singularity“ event, in which AI rapidly advances beyond human control, leading to unpredictable and potentially catastrophic outcomes.

Others have suggested that AI could be harnessed to solve some of the world’s most pressing problems, such as climate change and disease, and that humans and AI could work together in a collaborative partnership.

Ultimately, the future of AI and its relationship with human intelligence is difficult to predict with certainty. However, it is clear that the development of AI will continue to have a profound impact on society, and it is important that we continue to explore these issues and develop strategies for managing the potential risks and opportunities presented by this technology.

Noch sind wir gut dran. Gehen in die Bibliothek, suchen uns ein Buch, lassen andere beiseite. Aber versucht einmal, eure Bücher vor dem Verschrotten zu retten, wenn ihr alt seid, die Wohnung verkleinert, umzieht….wer will den schon Bücher oder hat genügend Wandfläche für die Bilder?

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Ich gehe durch die Bibliothek von Babel, die andere das Universum nennen. Unbedingt lesen, auch zur Immunisierung gegen ideologisch verblödete Textvernichter. (https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Bibliothek_von_Babel

Wenn die Bücher uns überleben, dann haben vielleicht manche Tiere die Chance unsere Texte zu entziffern und eine neue Erinnerung an die Menschen zu denken. Aber das wird dauern…