Lust am kleinsten Übel?

Wenn es um den Krieg geht, dann werden die Maßstäbe wackelig. Es entsteht eine Lust am kleinsten Übel, weil der Krieg uns noch nicht zum persönlichen Handeln zwingt. Gottseidank, sagt man da, wenn er uns zwingt, ist es ja zu spät. Wozu ist es dann zu spät?

Fragt eure Eltern und Großeltern, manchmal auch euch selbst, wenn ihr zurückkehrt aus Gegenden, wo der Krieg ist oder sich menschennah an den Davongekommenen reibt.

Natürlich ist es, die kleineren Übel zu wählen, um den größeren zu entgehen. Fraglich ist nur, ob das so linear, so folgerichtig funktioniert.

Einfache Beispiele: die Rechtsstaatsbrüche von Polen, die Nationalismen von Ungarn, die autokratischen Verbrechen der Türkei – das alles wird in Kauf genommen, weil diese Regierungen jetzt gegen Putin sind und tatsächlich für die Ukraine einstehen. Das ist richtig so, für den Moment, es wird nicht haltbar sein. Aber es hilft (vielleicht), das noch Schlimmere zu verhindern oder zu bremsen, es ist schon schlimm genug.

Kompliziertere Beispiele: plötzlich wird der Klimawandel in die zweite Reihe gerückt, weil es um das Aufrechterhalten unseres Wohlstands und unserer Freizügigkeit. Wohlgemerkt: unserer Lebensumstände. Nicht nur die Neoliberalen, die Arbeitsplatzfokussierten, die Pflanzenvergifter usw. sehen ihre Chancen, es gibt ein „Umdenken“, ein Schattenwerfen auf das, was als richtige Politik eigentlich längst, alternativlos meistens, erkannt wurde.

Mir geht’s darum, dass es möglich – vielleicht wahrscheinlich – sein wird, dass sich nicht nur der so genannte Lebensstandard absenken muss, damit wir und unsere Nachkommen überleben, sondern dass das mit dem Krieg weniger zu tun hätte, als jetzt aus allen Lautsprechern dröhnt. Oder aber, es gibt den Krieg bei und mit uns, dann wird die Zerstörung der Erde nur beschleunigt, die Richtung ändert sich nicht. Ich hoffe, das ist nicht der Fall, aber es ist möglich.

Im Schatten des Krieges sich auf die Nachkriegszeit einstellen, wie das die NATO und EU machen, ist eine Sache. An unsere Lebensumstände denken eine ganz andere.

Ein Hinweis: Großbritannien hatte erheblichen Anteil am Krieg gegen Hitler und an unserer Befreiung. Trotzdem, vielleicht auch deshalb, gab es nach 1945 eine erhebliche Wirtschaftskrise, rationierte Lebensmittel und Kälte.(https://de.wikipedia.org/wiki/Nachkriegszeit_in_ Grossbritannien). Und wenn es uns ähnlich trifft?

Klar sagt sich das aus dem wohlsituierten Bürgertum leichter als aus dem Prekariat. Aber wozu haben wir eine sozial orientierte Mehrheit in der Regierung? Und vor allem: dass Solidarität mit anderen – Ukraine, Afghanistan, etc. – einem selbst etwas mehr abverlangt als man „automatisch geben“ würde, versteht sich, sonst ist es nur Tauschwertpraxis im ganz normalen Kapitalismus.

Ein giftiger Einschub: die sogenannte FDP wehrt sich dagegen, was allen Bürgerinnen und Bürgern zugemutet werden kann, auch solche Lächerlichkeiten wie ein Tempolimit auf Autobahnen oder gar autofreie Tage. Das ist die Partei, die viele Coronatote, nicht nur aus den eigenen Reihen allerdings zu verantworten hat, und die alles unter dem Wort „FREIHEIT“ verkauft. Nur, Lindners Freiheit wird an keiner humanen Börse gehandelt.

Es wird uns treffen. Kurzfristig so, dass die vorgebliche „Einheit“ rasch Sprünge bekommen wird. Trotzdem muss ein Tempolimit her – das ist mehr als nur eine Metapher – und trotzdem muss man den wieder aktiven Kriegsgewinnlern Gegnerschaft antun, jetzt schon. Dann können wir ja wieder anfangen darüber nachzudenken, welche Lebensumstände wir denn auf der abschüssigen Bahn zum Klimakollaps leben wollen und glauben, leben zu können…am Getreideimport und den Brotpreisen leiden die Armen dieser Welt und keine Deutschen.

Ich soll nicht Man sagen. Man kann Ich sagen

Viele verstecken sich hinter dem WIR. Was können wir schon tun? Was sollen wir davon halten? Auch MAN kann helfen, da kann man nichts machen, man hat das schon so gesehen. ICH  sagt MAN selten, wenn es brisant wird, wenn MAN beim Wort genommen wird, und kein WIR in Sicht ist, das einen selbst entlastet.

Keine Sprachspielereien, wann ICH eher eine Frechheit ist.

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Robert Habeck hat vor einigen Tagen gezeigt, dass hinter den Aussagen seiner politischen Funktion, für das gesellschaftliche und staatliche WIR, ein angegriffenes, zu Gefühlen fähiges ICH steht, das sich einem Ziel, einem Zweck unterordnet, der uns meint, die Bürgerinnen und Bürger Deutschlands. Es ging um die Energieversorgung, die Abhängigkeit von russischem Erdgas und Öl, um Energie. Was aber Habeck so nahebrachte, war nicht einfach das wichtige Thema: es war der Mensch, der nicht selbstvergessen seine Pflicht abspult, sondern zeigt, was das mit ihm konkret macht – ob wir uns das anschauen wollen oder nicht.

Ähnlich agiert Annalena Baerbock, die ja nicht einfach ein Land nach „Außen“ vertritt, sondern uns. Wobei die Frage der Verhinderung eines weiteren Kriegs, vielleicht eines Weltkriegs, sehr viel wichtiger ist als ein Beziehungen zwischen Staaten abzuwägen und abstrakt von Diplomatie zu sprechen. Da spricht keine „Atlantikerin“ mit den Amerikanern oder in der EU, da spricht auch keine, die nur „deutsch“ ist, sondern eine, die mit Verantwortung trägt, für die viel bedrohteren Länder im Baltikum und europäischen Osten, und vor allem für die Menschen in der Ukraine, denen man nur indirekt und nicht unmittelbar mit Waffen hilft.

Die beiden machen Hoffnung. Sie verbarrikadieren sich nicht hinter der scheinbar sachlichen Leere des Kanzlergesichts von Scholz oder hinter dem neoliberalen Zynismus eines Lindner. Sie sind auch nicht so geschäftig wie einst Genscher, der sich selbst immer am nächsten Flughafen begegnet ist. Baerbock und Habeck zusammen sind eine Hoffnung, auch wenn sie, so wie wir ansehen müssen, was der Diktator Putin anrichtet.

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Wie sehen wir einen Massenmörder, der näher an Hitler und Stalin ist als zur Zeit andere Diktatoren und Autokraten? Wie sehen WIR ihn, nicht: wo ordnet MAN ihn ein. Macht er etwas auch mit UNS? Werden wir aggressiver, militaristischer, ängstlicher, irrationaler…Wieso ER? Er ist nicht allein, aber er dominiert seine Umgebung, solange die davon profitiert, dass sie zu ihm hält. Der Rest landet im Gulag (das sind KZs) oder im Gefängnis oder anderswie im Abseits. Er hält, wie Hitler und Stalin damals, die zusammen, die um ihn sind, nicht nur ihn zu stützen, sondern von der Macht zu profitieren, die sie aus ihm ableiten.

Diese Fragen können, sollten aber nicht Gegenstand jener vorschnell selbstbewussten Privatredereien werden, plötzlich kennt sich JEDE(R) aus, wo MAN jahrelang weggeschaut hat. Das nicht zu bedenken und zu ändern, ist die Situation zu ernst.

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Habeck und Baerbock, weiter so, auch wenn es für die AdressatInnen der Botschaften nicht immer angenehm ist. Weiter so heißt noch nicht, das wir nicht noch viel schlimmeres vor uns haben. Das muss man nicht an die Wand malen, aber wenn Putin nicht nur Ultraschallraketen gegen Menschen einsetzt, sondern auch taktische Atomwaffen? Was aber, wenn die ausgehungerte Ukraine noch viel mehr Geflüchtete schickt und wir sie aufnehmen MÜSSEN? Was aber, wenn…wegschauen gilt so wenig wie sich durch Verzweiflung wehrlos machen.

Glücklich ist, wer vergisst.

Glücklich ist, wer vergisst / was nicht mehr zu ändern ist. (Die Fledermaus, 1974, die einzige Operette, die es in der Wiener Staatsoper geschafft hat).

Nebbich, was zu sehr Plattitüde wird, kann gar nicht mehr ernsthaft reflektiert werden. Der abwesende Gatte wird betrogen, weil er abwesend ist, nicht zu ändern. Vieles dazu kann persönlich, privat variiert werden, und auch ohne Betrug ist dieser Satz bedenkenswert, so wie Hannah Arendts Reflexion der Lüge Der „Kern der Wahrheit“ in der Lüge, der Kern der Wirklichkeit im Willen…(Arendt 2002)

Gilt das hier individuell ausgefaltete Bonmot auch für Politik, Gesellschaft? Nur wer vergessen will, darf sich erinnern. Hundertmal von mir variierter Leitsatz meines Freundes Aron Bodenheimer. Warum soll man vergessen wollen?

Mir geht es um die großen und kleineren Kriege und Gewaltsysteme, um Jemen, Syrien, Afghanistan, aber auch um Skripal und andere russische Verbrechen, um Assange und andere amerikanische Verbrechen…Auch die große Politik landet irgendwann bei den einzelnen Menschen und schafft dort Tod und Unglück. Arendt sagt mit Recht, in jeder Lüge ist ein Stück Wahrheit, aber eben nur ein Stück, und das Ganze ist unwahr. In allem Vergessen lauert ein Stück Wiederaufnahme des Verfahrens, und wenn es herauskommt, ist es die Wahrheit. Die Mechanismen des Wieder-Erinnerns sind im bürgerlichen Alltag meist das „schlechte Gewissen“ (immer ein Stück Wahrheit drin) oder Druck von Außen (Folter oder Sanktionen). Aber bleiben wir beim Gewissen: Polen, Ungarn und andere, haben sich ausgesprochen schäbig zu Geflüchteten aus Belarus verhalten, zumal wenn die aus Afghanistan oder Syrien gekommen waren. Jetzt machen sie es „wieder gut“, und wer wollte sie dafür tadeln? Aber nichts ist ungeschehen, das nicht aufgerufen und abgearbeitet ist. Es kommt wieder. Deutschland in Afghanistan und Deutschland mit den afghanischen Geretteten (wenn sie hier sind) und Deutschland mit den im Stich Gelassenen – das wird durch noch so heftiges Wohltätigkeitsgeschrei nicht vergessen. Dass die Politik es vergessen will, außer Frage. Und viele Opfer der deutschen, amerikanischen, russischen Afghanistanpolitik sind nicht zu ändern, also wieder zu beleben. Die sind nicht zu ändern, aber auch nicht zu vergessen.

Arendt, H. (2002). Denktagebuch. München, Piper

Ein paar Wiener.

Da will ich schreiben, wie der Frühling in Wien die Stadt auch bei heftiger Arbeit und düsterer Stimmung schön macht. „Im Prater blühn wieder die Bäume“, naja fast, zwei drei Tage noch. (es muss nicht Peter Alexander sein, der das singt, aber ja, das kannte man) https://www.lyrix.at/t/robert-stolz-im-prater-bluh-n-wieder-die-baume-9bf

Da will ich schreiben, warum das Sterben um einen herum in Wien ein wenig anders als anderswo. „Der Tod, das muss ein Wiener gewesen sein“…(Georg Kreisler/Topsy Küppers…das war noch eine Sozialisation) oder…“Frag mi net, was für eine Numero der Tod hat“. (http://musecat.ru/music-album/ijhdcji/Helmut-Qualtinger-Singt-Schwarze-Lieder)

Da hebe ich zum wievielten Mal zum Lob der Straßenbahn und der Würstelstände und der Museen und der Ausstellungen an, und verabrede mich in dem einen Café, um ins andere zu gehen, und im dritten wieder auf die Freunde zu treffen. (Café Rathaus, Bräunerhof, Eiles, Schwarzenberg, mehrfach).

Und wen bitt’schön sollen diese Erzählungen interessieren, wenn rundherum alles sich zersplittert und auflöst?

Gerade deshalb. Nicht, weil es bleibt, oder gar tröstet. Sondern weil es zeigt, dass im Unglück die Stadt einem die Gelegenheit bietet, sich auszuruhen und zu sammeln, ohne gleich die Wirklichkeit zu verdrängen, die kommt ohnedies immer und überall durch die Poren … zum Beispiel, dass österreichische Kultur (Dirigenten, Komponisten, SängerInnen etc.) seit Kanzler Schüssel, nicht erst seit Sebastian Kurz, von Putinesken Oligarchen gesponsert werden, Ukrainekrieg hin oder her, davon rücken die Salzburger Festspiele und andere nicht ab…Ist ja nur Kunst.

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Die Berichte aus Wien wollte ich gerade beginnen, da kommt heute die nächste traurige Nachricht. Erhard Busek ist am 13. März gestorben. (geboren 1941). Mich triffts, wir gerade in der Mitte zwischen Freundschaft und guter Bekanntschaft waren, und obwohl ich ihn vor zehn Tagen nicht am Telefon erreicht hatte, um ihn wieder zu sehen, wie schon vor Wochen vereinbart. Busek war viel in seiner Laufbahn, ÖVP natürlich, aber doch Gegenspieler zu Schüssel, Wissenschaftsminister (da haben wir bisweilen verhandelt), Chef des IDM (Institut für den Donauraum und Mitteleuropa, da habe ich Seminare gehalten), und in der afghanischen Flüchtlingsproblematik ist er mir noch vor einem Jahr beigesprungen. Nach einem Skiunfall hatten wir auch über den Wintertourismus geredet. Aber Nachrufe sollen andere schreiben, ich erinnere Wienerisches. Wenn wir uns ab und an gesehen haben, dann meist zum Frühstück im Hotel Imperial verabredet. Einfacher geht es nicht. (https://en.wikipedia.org/wiki/Hotel_Imperial) – Einem der teuersten und besten Hotels der Stadt, weil aber das Frühstück kein Buffet hat in dem Raum, in dem wir uns getroffen haben, war das petit dejeuner billiger als in den meisten Touristentempeln – zwei Eier im Glas, mit Schnittlauch, zwei Schalen Café (Schalen bitte, nicht Tassen), – und man hat geredet und ich habe etwas von Österreichs Politik gelernt. Erhard war freundlich, immer konzentriert, scharfzüngig und – was Österreich betrifft, resigniert (als hätte er nicht seinen Beitrag gegen die Vernebelung der Vernunft durch zuviel Heurigen und Korruption geleistet). Schade, wieder einer, den ich im April nicht besuchen kann. (Lest einmal: Oliver Schreiber: Österreich die angezählte Republik. In: Falter 4/22, 14).

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Loben hat auch seine Grenzen, mittlerweile kenne ja alle das Verkehrsnetz und die Vorzüge von Straßenbahn, Ubahn und Bus. Du siehst vor allem, was dir sonst fehlt, in allen Stadtteilen und den meisten Straßen Geschäfte, kleine, kleinste, dazwischen die schnöden Supermärkte, die es auch in Deutschland hat, aber hier so viele Klitschen, von denen man nicht weiß, wovon sie leben, aber sie tun es schon seit langem und immer noch: etwa rund um die Davidgasse im 10. Bezirk, früher ein Arbeiterrevier, da kann man die Kleinteiligkeit des Immigrantenviertels studieren. Formal ist das Land wohl feindlicher und abweisender gegenüber Ausländern, aber in situ ist das ganz anders, mir scheint es besser zu gehen mit den Türkinnen, Albanerinnen, Liberianerinnen und sonstigen Innen der zweiten, dritten Generation. Das ist kein nostalgisches Schönreden, danach ist mir gar nicht.  Aber ein zunehmend wachsender Groll auf Deutschland macht mich wach, hält mich aufmerksam. Ich laufe durch die endlose Davidgasse nach Osten zur Laxenburger Straße, die ein Muster für dieses Gemisch aus kleinen und großen Geschäften, Abriss und Neubau, Verkehr und Beruhigung ist. Die Bestattungsunternehmen auf der anderen Straßenseite konkurrieren mit der städtischen Bestattung im neugotischen Amtshaus, man denkt an Wolf Haas. Hochzeitskleider und schmale Smokings, die an Istanbul denken lassen. Und bei Smoking denke ich an eine ganzseitige Hommage an den Wiener Frack, der bei manchen Bällen noch immer getragen wird, und hier ist es eine unverhüllte Werbung für Knize, bei dem ich vor 20 Jahren meinen besten Anzug gekauft habe, Knize am Graben, nicht in Favoriten, ich war auf Urlaub aus dem Kosovo da. Wie so oft, war damals der Urlaub oft ein Wochenende. Jetzt substituiere ich meine Spaziergänge mit dem Hund mit langen Wanderungen durch eine Stadtlandschaft, die aus Unwahrscheinlichkeiten besteht. Geht man an der Laxenburger weiter, kommt man zum Südbahnhof, pardon, seit Jahren der Hauptbahnhof, anders als Berlin fertiggestellt und überdacht, Zugang zu einem Quartier aus mittleren Hochhäusern. Büroflächen, Hotels und dazwischen Grün für Spielplätze. Das wäre nichts Besonderes in einer Großstadt, aber da waren einmal Süd- und Ostbahnhof über Eck, da waren Bahnflächen und der unwegbare Übergang zum alten Arsenal, das jetzt auch reaktiviert ist als Museums-, Wohn- und Arbeitsquartier. Nicht alles schön, aber seltsam urban auch hier. Gehst du nach der anderen, abfallenden Seite, querst du eine große Kreuzung (da bin ich, aus Baden kommend, immer in den D eingestiegen, zur Innenstadt), und jenseits des Gitters: das Belvedere. Einer schönsten Barockpaläste, aus dem 17. Jahrhundert, mit einem Park zur Stadt, der einem diese Schüssel verdichteter Hauptstadt nahebringt, mit der Nadel des Steffl in der Mitte und den scheusslichen Türmen des AKH als Ausrutscher vergangener missratener Modernisierung. Im Gegenlicht des Nachmittags sieht man sie eh nicht, wenn sich der Schatten über den Kahlenberg legt. Da gehe ich runter zum Unteren Belvedere (Dali-Freud-Ausstellung!) und werde von einem grantigen Wiener angeschnauzt, weil ich einen Schritt im Rasen stehe. Recht hat er ja eigentlich, weil ich neben der Tafel stehe, wo genau dies wegen der Frühjahrsblumen verboten wird. Unten, an der Talsohle angekommen, kann man erkennen, was auch die Urbanität ausmacht: das eine Stockwerk höher als in den meisten Innenstädten, und dass es keine Stadtautobahnen ins Zentrum gibt, und dass Grün nicht unnötig die Häuserdichte am falschen Platz lockert (die Parks sind schön genug). Wer von da auf die Innenstadt zugeht, kommt notwendig am Russendenkmalvorbei, das zum Dank an die Befreiung durch die Rote Armee kurz nach dem Krieg eingeweiht wurde, Hinter den Kolonnaden hat es seinerzeit einen scheußlichen Sexualmord gegeben, das hat das Kind erinnert. Heute ist die Rückwand blau-gelb ukrainisch drapiert, aber am Monument vergreift sich niemand.  Ich treffe gute Freunde um 5 im Café Schwarzenberg am Ring , um 5, das Konzert beginnt um halb 8. Gegenüber, im Café des Hotel Imperial, habe ich früher mit Erhard Busek immer gefrühstückt, das nenn ich Spleen, aber ohne Busek wäre ich nicht ins IDM gekommen, um über den Balkan zu lernen, und ohne IDM hätte ich nicht meinen Projektpartner hier kennengelernt, dann würde ich auch nicht in Favoriten, nahe meiner Trostkaserne, bei ihm wohnen…vor zwei Wochen war ich nicht traurig, aber jetzt, wegen Busek. Ich sitze im Schwarzenberg, abgegriffene Messingtischplatten, wie damals. 1967/68 gabs am Vormittag Uni oder Revolution, am Nachmittag Revolution oder Umziehen, und am Abend sind wir, keineswegs nur ich, auf den einen oder andern Ball gegangen, schon korrekt, also keine Verbindungsbälle oder erklärt rechtsradikale Tanzvergnügungen, aber halt Apothekerball, Zuckerbäckerball usw. Und danach ins Schwarzenberg, das machte um 6 in der Früh auf. Dazwischen also nach 4, durch den Burggarten oder irgendwo. Dann erst wurde entschieden, wann und wo man schwarz und weißablegte, und wann man wieder mit der Uni und der Revolution weiter machte. Nach der Jause im Schwarzenberg hinüber zum Musikverein, Violinkonzert von Alban Berg, Bruckner #7, zu schön, und diesmal verweise ich auf früheres Lob der Akustik im Musikverein, heute macht das Boulez in Berlin oder die Elphi, aber vor 140 Jahren…Keine Nostalgie kann aufkommen, die Ukraine bildet den grauen Vorhang des Tagesablaufs, sehr unerbittlich. Aber die Kommentare machen diesen Schleier auch nicht transparenter.

Wenn man von meinem Domizil im 10. Bezirk nach Süden weiter den Wienerberg hinaufgeht, kommt man an der Trostkaserne, benannt nach einem früheren, nicht dem faschistischen, Starhemberg vorbei, o Jugend, o Wachtmeister Soucek mit Familie, Gefreiter Himsel, Korporal Krbusek…die kenn ich noch, und das Haus meiner Freundin, die mit mir die Opernabende geschmückt hatte, ich in der lächerlichen Uniform für die Gratiskarten…so habe ich gelernt, was ich als Junger davor versäumt hatte. Geht man noch weiter, auf den breiten Rücken der Anhöhe, die die Schüssel begrenzt, die Wien so sinnvoll umgibt und einhegt, über die Raxstraße, durch eine Siedlung aus den 30ern, ergänzt um die 50er, dann Schrebergärten, Blick nach Süden, sehr hell, bei gutem Wetter bis zur Rax (darum heißt es hier ja auch Raxstraße), und nach Südwesten an die Thermenlinie, die Hügel sind de facto das Ende der Alpen. Ist aber jetzt egal, ich gehe ins Grüne, Hundeplatz, dann die Ziegelteiche, jetzt Badeseen, unten dann Autobahnen, Wohnsilos und Industrie, aber hier oben die Ruhe jenseits des Hauptkamms zur Stadt. Nur der Wasserturm und die Stele der Spinnerin am Kreuz verraten die Stadt, gleich dahinter wieder der soziale Wohnungsbau, der ja nun wirklich besser als anderswo seit 100 Jahren die Stadt so anders gut macht. Ein paar Hochhäuser am Kamm, wir sind ja schon weiter…Man kann sich hier erholen und mit Hunden reden oder mit HundehalterInnen. Es ist Frühling, kalt und windig.

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So könnte ich weiterschreiben, jeden Abend, und dabei das Gedächtnis prüfen, welche Erinnerungen sich beim Anblick oder Flanieren einstellen, und welche ich provozieren muss. Aber ich bin ja nicht mein Touristenführer durch Wien. Ein paar Tage später unterbreche ich meine Projektarbeit tatsächlich, aber als Stadtführer gehe ich, geht man ganz anders vor und mit der Stadt um. Da sortiert man aus dem, was man parat hat, das heraus, was den Geführten wichtig und interessant erscheinen soll, und dieser normative Ansatz unterscheidet die, die Stadt mögen, von denen, die sie um der Wiederholung dessen willen zeigen, was ohnehin im Baedecker steht. (Vor 30 Jahren hatte ich einmal eine Studigruppe hier, unendlich viel gelaufen in vier Tagen, und am fünften durften sie in die Innenstadt. Da kam es zu einem Kollaps, weil einige es nicht ertrugen, dass da noch ein Platz und noch einer und noch einer, und niemals derselbe war. Abbruch, Eis essen, Prater).

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Das ist jetzt zehn Tage her. Ohne Ukraine, ohne Covid, ohne die Neoliberalen, die in beiden Ländern ihre Chance wittern, über Öl und Gas die Klimapolitik zu torpedieren, ohne die objektiven Umstände (siehe: alles, was der Fall ist), wäre jetzt ein weiteres Loblied auf Wien richtig, weil man sich in diese Stadt versetzen kann, ohne gleich lebensendlich hier zu wohnen, was aber ansprechbar ist. Busek grätscht herein, und schiebt eine neue Kulisse der Erinnerung vor. Wen man alles nicht mehr sehen, treffen, sprechen kann, und erst die belebte Kulisse macht die urbane Erinnerung aus, die Personen, die aus der Anonymität heraustreten und sich wieder in diese zurückziehen. Nicht zufällig fahren die Schnellzüge gen Westen, sobald sie Wien verlassen, durch einen sehr langen Tunnel unter dem Wienerwald durch, und wenn sie wieder ans Tageslicht kommen ist das Österreich, aber nicht Wien.

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Man kann sich jetzt das ansehen: https://orf.at/stories/3252513/

Neuer ANFANG: fast schon vorbei

Ich habe zwei Wochen keinen Blog geschrieben. Ich werde mich heute – und ab heute – wieder regelmäßig im Blog äußern, allerdings – siehe den letzten Blog – nur selten analytisch oder gar belehrend zu Ukraine und Covid. Warum das mir wichtig ist, erkläre ich und bitte euch, wieder regelmäßig zu diesem Blog zu greifen. Am besten den letzten vom 22. Februar als Vorwort lesen.

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Angst, Betroffenheit, Aktualität und medial überaus wirksame Ereignisse erzeugen Laienexperten (bewusst in der männlichen Form, das sind fast immer Männer, man möchte sie in „“ setzen…). Das ist so beim Terrorismus, bei Covid, und beim Krieg, vor allem aber an Politiken, die entweder schwer verständlich sind oder mit denen wir BürgerInnen anscheinend zu wenig zu tun haben (–> Elitendiskurs, –> abgelegt, abgehängt werden, o wir Gelbwesten und Neoliberale Überflieger….).

Natürlich verfolge ich Ereignisse, kontroverse Deutungen und Beobachtungen, bin oft nahe an Gefühlen oder Wutausbrüchen oder Resignation, ABER das bringt mich gerade dazu, mich nicht oder selten oder nicht-öffentlich zu äußern. Und zwar nicht, weil meine Meinung zu den Aktualitäten falsch oder dumm wäre, sondern weil sie mitwirkte das zu verdecken, das AUCH da und wichtig und aktuell ist, und von Putins Krieg und dem Covidchaos in den Subtext, ins Unterbewusste abgedrängt wird.

Klimaschutz, Syrien, Afghanistan, Mozambique und x+1 andere Kriegsländer, Hunger, Klassenspaltung…war da was? vielleicht, aber wenn man die Nachrichten seziert, kommt all das fast nur mehr als Funktion des Ukrainekriegs vor. Das ist brandgefährlich und beruhigt nur die Autoritären und die Neoliberralen, die jetzt schon daran denken, wie sie aus der Krise aussteigen werden, sie, und nicht die vielen Menschen. (Doch zwei Beispiele: Weizenknappheit bei uns wird die Preise steigen lassen, bei uns, was ist mit den armen Ländern? Die Freiheit von Maske und Regeln wird mehr Menschen sterben lassen oder Long Covid verbreitern, aber die gesunden Marktdödis stört das nicht, der Tod gehört zu ihrer Risikorechnung).

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Dreht die Sache einmal um: wer kann mitreden, wenn es um Ursachen und Auslöser des Kriegs geht, und um die Intervenierenden Variablen dieser Situation. Manche Experten und mehr Expertinnen (siehe oben) gefallen sich darin, Verantwortliche zu identifizieren. Die ganz Dummen mit dem Singular: Der Westen ist schuld. Oder: Putin ist geisteskrank (Analogien zu Hitler und Stalin tunlichst abgebogen). Oder es geht um Aufarbeitung einer Geschichte, wonach die Ukraine russisch wäre – oder eben nicht (der letzte Punkt verführt mich zu galliger Historiographie: Schlesien ist unser! Wer sind wir – Österreicher, Tschechen, Deutsche, Geflüchtete…mehr noch gefällig). Fazit dieser Umkehrung: Der Kontext der Schuldzuweisung incl. der Mitschuld und Mit²schuld bestimmt den Diskurs, und was zur Seite abfällt, verdrängt wird, dem Vergessen anheimfällt – kommt hier nicht vor. auch in den guten Medien unterbelichtet. Einigung besteht nur, die Nebenwidersprüche einmal beiseite zu schieben, die polnische Unrechtsjustiz, den ungarischen Regierungsfaschismus, … , der Kontext macht tolerant.

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Die scheinbare Einigung der EU ist doch etwas Gutes im Schlechten? Ja, momentan. Schon beim Erdgas und beim EU Beitritt zerfällt sie, ? Nebenwiderspruch ?

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Individuelle, sozio-psychologische Analogien sind oft in der dogmatischen Politikwissenscht verboten. Schon deshalb ein Versuch, dagegen zu halten. Stellt euch eine Person (m,w,d etc. egal), die hochemotionale Beziehungen in Masse gehabt hat und sich spontan „verliebt“. Wie diese Person meint, mit Haut und Haar (und der, die, das muss es sein). Ich bin versucht, ES zu schreiben, wie bei Faust in Bezugs schöne Gretchen. Nun sagt die allgemeine Meinung, in solchen Situationen wird nicht mit früheren Liebschaften verglichen, jetzt ist alles anders. Was aber geschieht, wenn die Erinnerung an alle diese Liebschaften „davor“ nur im Unbewussten darauf lauern, verglichen zu werden? auch die neue Verliebtheit geht den Weg aller vorherigen.

Davor: DDR, Ungarn, Afghanistan, Georgien, Krim, Donbass; Davor: Vietnam, Afghanistan, Lateinamerika.

Noch weiter davor die Vergleiche von Hitler mit Stalin, von beiden mit Putin, mit Hintersassen wie Erdögan, Kadyrow, etc.

Noch weiter davor: ethnische Überlegenheit und Unterlegenheit als – oft kirchlich gesegnete – Schicksalsgemeinschaft.

Sonst noch was?

Das Unbewusste und das Unterbewusste tauen beide auf, drängen sich ans Licht. Davon haben die, die jetzt leiden, getötet werden, töten müssen dürfen sollen können nichts, vieles vom deutschen Bildschirm aus dem warme Caféhaus und der expertoaffinen Gesprächsrunde heraus. Empathie und Sympathie einfach einmal nicht auf Staaten verteilen, sondern auf Gesellschaften, und da auf Menschen. Einfach? Schon kursiert wieder „Der“ Russe.

Nachwort: versteht das nicht falsch. Ich habe eine eindeutige MEINUNG zu den Ereignissen, aber eine Meinung wird nicht durch Verbreitung zur WAHRHEIT, sondern durch PRAXIS, z.B. Spenden, Unterkunft öffnen, und vor allem sich darüber im Klaren sein, was man beiseite legen muss, oder nicht, um aus der Meinung Politik zu machen.

Terror der Aktualität – Angst vor der Wirklichkeit

Oft zitiere ich Jeran Améry mit dem Terror der Aktualität; was allzunahe liegt, verdeckt, was vielleicht wirklich wichtiger oder auch bedrohlicher. ist Die rhetorischen Kriegsvorbereitungern zur Ukraine decken sich nur teilweise mit wirklichen Interessenkonflikten, und wer sich ein wenig distanziert von der auch voyeuristischen Hysterie wird die Gefahr nicht leugnen, aber sich nicht der Risikoprognose hingeben. Im Schatten dieser Krise verblassen die Klimagefahren, die Risiken, dass es uns in zwei, drei Generationen so nicht mehr geben wird, und das „anders Geben“ vielleicht unlebbar wird…auch verdceckt diese Krise andere Gefahren, die ebenfalls hunderttausende Tote bedeuten können – ich greife nur heraus: Das Verhungern von Menschen in Afghanistan, im Jemen. Das menschliche Hirn ist noch nicht so entwickelt, sich von der instinktiven Befassung mit dem Naheliegenden, mit der anscheinenden Aktualität, zu lösen.

Die Gleichzeitigkeit der Themen und Probleme überfordert, und so wird symbolisch gereiht. Das entfernt uns von der Wirklichkeit. Oft sind die privaten Meinungen zu Krieg und Frieden ähnlich unsinnig wie die Covidleugnung oder die – im größeren – die Klimablindheit und die Insensibilitätä gegenüber Korruption und Lüge.

Wenn wir die Interessenkonflikte im Fall der Ukraine analysieren, dann gibt es kaum einen Bereich, in dem die internationalen Akteure nicht alle entweder wirtschaftiche und machtpolitische Interessen durch scheinbare moralische und ideologische, auch nationalistische oder bündnissorientierte durc h Überdecken (coating) aufsetzen. Wir haben den Diktaturen – und Russland ist eine Diktatur – nichts als eine brüchige Demokratie entegegnzusetzen, und die ist der Fokus. Das gilt auch für die angemessene Distanz zu den USA, die ja leicht reden haben jenseits des Atlantik, und das gilt in Zuzkunft auch für die NATO, der wir eine europäische Vergteidgung entegensetzen müssen, die wird auch teuer, und kostet mehr als 2%. Aber man kann nicht alles haben. Jetzt aber steht nur eines an: Helsinki II.

Ich mache keine Prognosen, ob und wann welche Annektionen geschehen, wann und wie welche Drohung wirkt, wann und wie welches Unternehmen seine Dividende über die Menschenrechte durchsetzt (scheinheilig sind sie alle). Aber ich bekämpfe die Hysterie aus politischer Aktualität, in mir und und um mich herum. Das politische Coronavirus ist gefährlicher als Covid.

Komm, süßer Tod, und stirb nicht.

So ein trauriger Titel…? Nein, gar nicht traurig. Wenn jemand stirbt, ist es für diesen Menschen fast immer nicht besonders schön, nur selten eine Erleichterung oder eine Erlösung, und für die anderen meist etwas, das man so genau nicht wissen will. Deshalb hat man ja den Tod. Den gibt es zwar nicht, aber füllt die Gedichtsammlungen, Romane, Religions- und Gesetzestafeln, die Bildergalerien und vieles im Alltag, bis hin zur Todesstrafe (obwohl man gerade den Tod nicht bestrafen kann).

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In diesen Tagen der reifen Covidpolitik geht es den meisten Politikern, aber auch den Impfgegnern und Verschwörern, und schon gar dem protestierenden Pöbel nicht ums Sterben, also nicht um das Leid konkreter Menschen, das sie mitverursachen (ob sie das so wollen oder nicht, hat wenig zu sagen). Längst hat der Diskurs abgehoben und lungert über uns herum wie eine große, graue Wolke. Eines macht mir, wenn ich das schreibe, Sorge: was immer man dazu sagt, knallt wie eine Schleuder zurück, und sagt man nichts, gilt es als Einverständnis mit sehr viel dummen Sprüchen. Die ich längst nicht mehr sammle…

Nun wird von einem weiteren Tod gesprochen, der auch näher an ein massenhaftes Sterben heranrückt, hinter einem Vorhang, auf dem Kriegsgefahr grell aufgemalt ist. Man soll nicht so tun, als wäre der Aufenthaltsort von hunderttausenden Soldaten der Russen und zehntausenden des Westens weit ab von jeder Gefahr, solange sie jeweils dort bleiben, wo sie sind. Denn in fast jedem denkenden Menschen gibt es hier Assoziationen, aus den Geschichtsbüchern oder aus der Erinnerung, und wenn es bei den Zeitzeugen, den wenigen, dann noch Erleben war…1914, 1939, 1968, oder ganz einfach bestimmte „Ereignisse“, die wahlweise als Krieg, Gegenwehr oder Ordnung bezeichnet werden. Auch eine Assoziation kann Gewalt vorbereiten oder zurückdrängen, es kommt also darauf an, in welchem Kontext man sie durchdenkt.

In manchen Diskursen erkenne ich die moderne Fassung des gordischen Knotens: Lieber Krieg und die Entscheidung über Leben und Tod anstatt unentwegt vor sich hinzu dümpeln, zu atmen, aber ausweglos unlebendig nicht zu tun, was zur Entscheidung ansteht. Das war vor dem ersten Weltkrieg ganz häufig angesagt und später immer wieder…meistens, aber nicht immer ganz rechts oder ganz philosophisch verbrämt.

Es ist der Tod der tröstet und belebt · In dem wir einzig ziel und hoffen sehn …“ übersetzt Stefan George Baudelaire, 1901…Viele haben sich von der Todesattraktion abgewandt, als sie mit dem Sterben, und davor mit Hunger, Not und Unterdrückung konfrontiert waren.

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Im Tod eine Hoffnung zu sehen, weil man nicht tut, was man weiß, dass es notwendig ist, oder weil man sich nicht entscheiden kann, das zu tun, was am nächsten oder am Übernächsten liegt. So einfach machen es einem nur die Philosophen nicht, aber in der Politik wäre das schlimm genug; ist es.

Um den Tod zu umzirkeln, solange er nicht massenhaft da ist, Seuche oder Krieg, redet man sich die Kehle von Freiheit(en) heiß, die man nicht mehr begründen kann (lächerlich, sie mit Masken in Verbindung zu bringen oder mit der Entscheidungen des Einzeln, ob er andere anstecken, also töten, will oder nicht; oder auch, ob man den Krieg heranzieht, weil er ein freies Vorfeld für neue, frische Entscheidungen schafft – so oder so: lächerlich, Nordstream 2 noch im Gefangenenlager behalten zu wollen).

Das Sterben wird verdrängt, abgeschoben, auch, weil man weiß, es ist ein Weg ohne Umkehr, während der Tod ja als Murmeltier immer wieder aufgerufen werden kann, von den Jenseitsschwurblern und den Heldengedenksteinsetzern … nur die Toten können sich nicht wehren, die Sterbenden schreien wenigstens noch oder seufzen…

Oder einfach einmal das pathetische Gebrabbel der vernünftigen Praxisverweigerung abschalten; am besten beides.

Es ist den geneigten LeserInnen nicht entgangen, dass es in diesem Blog einen thematischen Bruch gibt. Mir geht es nicht um Covid oder die Ukraine, d.h. es geht mir schon um beides, aber dazu reicht ein momentaner Blog nicht. Mir geht es darum, dass mir bestimmte brandgefährliche Diskurse und Diskussionen auf die Nerven gehen, weil sie reale Gefahren schon als Farce abbilden, bevor die Wirklichkeit uns keine Wahl lässt.

Dazu gehört auch das Geschwätz von Freiheit, das den Begriff und seine Bedeutung auf das Ebene von Discountern und Pöbel herunterstuft. Da kann man gut nachhören, wie dem zu begegnen ist, – Lindner und der AfD zum Trotz.

Schale Freiheit – Nachdenken über einen zerfledderten Sachverhalt von Jean Pierre Wils, DLF 13.2.2022 9.30

Ernste Lage, sehr flach

Beim Diktat kommt es darauf an, dass die Schulkinder auch das schreiben, was angesagt wird.

Wenn eine Diktatur noch so viele Befehle erteilt, heißt das noch lange nicht, dass sie befolgt werden. Darum muss sie aufgerüstet sein, um ihre Befehle durchzusetzen – auf das Ergebnis der Befolgung hat sie nicht so viel Einfluss, da muss noch etwas dazukommen: die Nachhaltigkeit der Unterdrückung. Irgendwann geht diese in die Normalität über, ein wichtiges Forschungsgebiet und eine ständige Beunruhigung derer, die noch nicht in der Diktatur überleben. Oder der Widerstand zeigt sich erfolgreich, und dann wird die Diktatur (zu) schnell vergessen, man fühlt sich ja frei.

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Auf den Inhalt der erlassenen Dekrete kommt es nur marginal an. Auch die Festigung der Gewaltherrschaft kann nicht auf rationale Maßnahmen verzichten (es gibt leider Ausnahmen, die Enden in Massensterben, Verhungern und Auslöschung). Das rechtfertigt keineswegs „mildere“ Diktaturen, die mit einfacherer Unterdrückung ihre Ziele erreichen.

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Wenn bei uns Populisten und radikale an den Rändern und in der Mitte der Gesellschaft, also nicht nur die Nazis von der AfD, von Diktatur faseln und ihre Freiheit eingeschränkt sehen, wenn sie eine Maske tragen müssen, ist das eine Vorstufe einer anderen Art von Gewaltherrschaft, die im Ergebnis nichts anderes sein würde als die behauptete Diktatur.

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Dem treten wir entschieden entgegen. Die Leitung der Regierung unter Helena Lindenschloz hat den Streit, ob Hunde und/oder Katzen in die Covidregeln eingeschlossen werden sollen genutzt, um dem Bundestag ein 3monatiges Moratorium aufzuerlegen und die Demokratie, die ja nicht nur aus Wahlen, sondern auch Maßnahmen besteht, wieder zu beleben. Die Regierung erlässt 10 Dekrete, deren Reihenfolge nicht nummeriert ist, damit Verschwörer keine Hierarchie herauslesen können.

  • Die Einreise von US Republikanern, Angehörigen des KuKluxKlan, HipHop, und einer Gruppe geheimer Deutschenhasser, und von Familienmitgliedern von Donald Trump wird verboten.
  • Russische Bankkonten werden eingefroren, zur Hälfte gehen ihre Aktiva in Bundesbesitz über. Der amerikanische Dollar und die Feinunze Gold werden nicht konvertiert, sondern zwangsumgetauscht in Groschen, Piaster und DM.
  • Chinesische Muslime erhalten kostenlose Imamausbildung für beide Geschlechter an deutschen Hochschulen. Die dazu nötigen Stellen werden aus der Moscheesteuer bezahlt.
  • Das Heimatland jedes ausländischen Hackers wird mir sofortigem Handelsembargo für 6 Monate bestraft, unabhängig von der Auslieferung der Schuldigen. Diese werden zum biologischen Ernteeinsatz herangezogen. Damit weiß man auch gut marxistisch, dass Hacken von der Handarbeit im deutschen Boden kommt.
  • Motorboote auf Binnenseen, Einfamilienhäuser und Storchenfleisch werden verboten. Hingegen werden Paddelbretter, Holzhochhäuser und vegane Steakmenus subventioniert.
  • Die katholische Kirche muss den Zölibat aufrechterhalten, weil nur so der Spaß an der Unkeuschheit für die Kleriker gewahrt bleibt. Gleichzeitig wird der Ausschank von Most und Mate in Beichtstühlen verpflichtend gemacht.
  • Nordstream 1 + 2 werden zum Export von überschüssiger Biogülle umgepolt; Russland darf als Kompensation Gulagtränen in Matrioschkas senden. Natürlich darf die Gülle auch in die USA und Liechtenstein transportiert werden.
  • Das chinesische Sozialpunktesystem wird kopiert, aus Gründen der Transparenz werden die Punkte offen an der Kopfbedeckung getragen, aus Gründen des Datenschutzes darf man keinen Personalausweis mehr bei sich tragen, und aus Gründen der Überprüfung muss jederzeit das Handy mit einem Link zum Personenbegleitamtsschutzbeauftragten eingeschaltet bleiben.
  • Die Genderparität bei allem anstehenden Wahlen ist HLGBTY 3:3:1:1:1:1 bei den Kandidaturen einzuhalten. Ausnahmen werden durch das geheim tagende IFABRUMLYZ-Gremium betroffen (Preisfrage: wer weiß, wo die Abkürzung herkommt?)
  • Zu Cancel Culture, Woke und anderen Kulturerrungenschaften kommt noch das wichtigste: um Missverständnissen vorzubeugen, ist Lachen oder Lächeln über etwas verboten. Wer hingegen bei nichtlustigen Ansagen ernst schaut, begeht eine Ordnungswidrigkeit.

Alle demokratischen Parteien haben diesem Vorhaben begeistert zugestimmt und fühlen sich von der Nachdenk- und Abstimmpflicht befreit. Die nichtdemokratischen Parteien zitieren das Grundgesetz und schauen von der Tribüne zu.

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Aufgewacht, sehe ich die 10 Erlasse und drehe mich zur Seite. Wie sagen die Wiener: a so a Schaaaß. Dann sagen sie: Da muas was gescheng. Und dann: Konnst eh nix mochn.

Mein Gegner – kein Feind

Schon wenn man nicht reagieren muss, verliert der Terror der Aktualität (Améry 1971) an Macht. Ob ich heute nicht wahrgenommen werde oder erst morgen, ist keine ironische Selbstverkleinerung, es ist ein Kompromiss zwischen narzisstischen Phantasien des Ego und einer realen Aufmerksamkeitslücke zwischen mir und der Welt. Kompromiss, natürlich hat man etwas zu sagen, aber keine Macht darüber, von wem gehört und bedacht zu werden.

Wäre es doch nur eine Rezension zu Eva Menasses „Gedankenspiele über den Kompromiss“ (Menasse 2020), dann könnte man dieses kluge schmale Bändchen zerlegen, empfehlen und die verarbeitete Literatur (v.a. Margalit) weiterverfolgen. Genug, ich empfehle es  Was mich in diesen Tagen umtreibt, ist die kompromisslose Rhetorik der politischen und ideologischen Protagonisten, die reale Konflikte erst imaginierten, um sie dann mit Drohungen und Warnungen in die Wirklichkeit zurückzuholen.

In diesen Spielen haben Diktaturen und Mächtige mit Drohpotenzial (Atomwaffen) immer bessere Positionen als abwägende und angriffsschwache Beobachter oder Seitenakteure – was nichts darüber aussagt, welche Akteure in welcher Konstellation Recht haben und welche Unrecht. Das weiß man, oder man kann es wissen, und deshalb besteht das diskursive Spiel aus der Schuldzuweisung an die, die mit diesem Wissen nichts anfangen können. Eine Variation von Biedermann oder Die Brandstifter.  Dass die normale Stärke der Demokratien in der Schwäche liegt, diesen Schuldzuweisungen nicht ohne Selbstbeschädigung Kontra zu bieten, kann man an der EU im Verhältnis zu Ungarn, Polen, Slowenien, u.a. sehen. Diese Normalität gegenüber Diktaturen (Russland, China) und geschwächten Demokratien (USA) ist nicht haltbar, wenn es um die Lebenswirklichkeit der jeweils in diesen Ländern lebenden Menschen geht. Natürlich lebt es sich im Westen im Durchschnitt besser als in den genannten Diktaturen, und zwar nicht nur statistisch. Aber die Marginalisierten, die Ausgegrenzten, die in ihren wirklichen Freiheiten Behinderten bieten den Diktatoren Angriffspunkte, deren Objekte nicht zu widerlegen sind; während umgekehrt von außen, also von uns aus, der Angriff auf die Diktatur nur strukturell, „ganzheitlich“ erfolgen kann, wenn es z.B. um Meinungsfreiheit, Gulag, kriminelle Justiz usw. geht. Die einflussreichen „Influencer“ der Diktatoren benutzen die Meinungsfreiheit, um die Bedrohung denen zuzuschreiben, die sich gegen die Diktatur wehren – auf zwei Ebenen: in jedem Einzelfall der menschenunwürdigen Politik des Westens wird dies zum System verallgemeinert (Guantanamo, Republikanische Partei). Und die eigene Wirklichkeit wird verdeckt, geleugnet oder ignoriert (Uiguren, Memorial, Nawalny, Gulag, Donbass). Das ist eigentlich das Bild des Kalten Kriegs, das wir überwunden glaubten. Es funktioniert immer zugunsten der Diktaturen, weil wir uns nicht mit den gleichen Mitteln wehren können. Eine Erklärung ist nicht angenehm zu durchdenken: Die neoliberale Verkürzung der Freiheitsrechte auf die Bedürfnisse von einzelnen Menschen, die es sich leisten können, ist nicht die Freiheit, die man sich nehmen muss, weil sie einem niemand geben kann. Das Bündnis der Neoliberalen mit den Rechtsradikalen ist unausweichlich sichtbar, auch wenn man sich abwenden möchte.

Eine zweite Erklärung ist komplizierter. Norbert Frei hat die freien Angriffe des Antisemiten Reinhard (4.2.2022 SZ) gegen die Erinnerungskultur an die Shoah attackiert, öffentlich, mehrfach, auch bei honorigen Bildungseinrichtungen. Dahinter steckt nicht nur das Paradigma „Deutsche gegen Juden“, das bis heute fortlebt, sondern ein Strukturmerkmal übergreifender Art, das über Frei hinausgeht: Das Verlangen nach einer autoritären Ordnung gegen die Optionen und Kompromisse der Demokratie; bei all jenen, die sich in ihrer selbstischen Individualität eingeschränkt oder gehindert fühlen, und das als gesellschaftlichen, ja politischen Makel empfinden. Die Kompromisse der Demokratie sind aber kein nettes Treffen „in der Mitte“ der Auseinandersetzung (Alexander Kluge: „In Gefahr und höchster Not bringt der Mittelweg den Tod“). Sondern es geht erstmals darum, genau zu erkennen, wer oder was Gegner sind – und wer oder was Feinde. Und mit Gegnern kann und muss es Kompromisse geben, weil sie auf Augenhöhe der eigenen „Nichtabsolutheit“ (mein schlechtes Wort, pardon) agieren und ihre Diskurse jeweils alternativlos angeben (Menasse). Ich könnte das jetzt am Beispiel der EU Taxonomie entfalten, worin Deutschland eine wichtige Rolle spielt: das geht es aber nicht einfach um die Mehrheit für oder gegen Kernkraft, für oder gegen Gas; da geht es auch um die Macht dieses EU Mitglieds, um Herrschaftsansprüche auf dem Markt und die moralische Blödheit zu glauben, dass die eigene Überzeugung rational alle anderen mit Reue oder Unterwerfung ergreift, nur weil man selbst richtig liegt. Hier liegen komplexe Gegnerschaften vor, die eben moralisch kaum, und politisch nur mühsam auszugleichen sind. Es gibt im Konflikt mit Gegnern keine Alternativlosigkeit.

Menasse greift zurecht das Modell der „Farm der Tiere“ von Orwell als Beispiel der Gewalt durch Sprache auf, die Ungleichheit ontologisiert, zur unveränderlichen Seinswirklichkeit gewaltsam erklärt (Putin: „feindliche Agenten“). Die globale Konstellation erinnert an einen anderen Orwell: 1984, wo in jeder der drei Diktaturen schon kleinste Abweichungen brutal geahndet werden, wie wir das heute u.a. im wohlständigen China ja als normal erfahren. Sie erinnert, aber da haben sich gegenüber dem Modell Dinge verändert: Diktaturen wie Russland und China im Großen, gewalttätige Regime in Ost und West, Schwellen zur Diktatur in unserer unmittelbaren Nähe und innenpolitische Feinderklärungen haben ein anscheinend unübersichtliches Chaos geschaffen, das zu ordnen ebenso anscheinend ein Bedürfnis wie scheinbar eine Unmöglichkeit außerhalb gewaltsamer Eliminierung ist. Das kann man anhand der Ukrainekrise bis ins Detail verfolgen. Die Sprache der meisten Akteure geht dem Sterben voraus.

Sagt der Mensch am Schreibtisch: sind die alle wahnsinnig und drohen mit Atomkrieg, wo die Klimakrise ohnedies mit ihren Kindern, spätestens Enkeln aufräumt? Das ist logisch, aber nicht SO vermittelbar. Auch ein Problem. Die diskursive Abschwächung der Differenz von Gegnern und Feinden ist ein beliebter Trick von Scheinkompromissen.

Eine Anekdote, verkürzt, die Urheberin kann ich nicht mehr rekonstruieren. Eine junge Frau war sexuell bedrängt und vergewaltigt worden. Sie versucht sich wieder zu stabilisieren und macht einen Karatekurs zur Stärkung ihrer physischen Abwehrkräfte. Ihr Vergewaltigter verklagt sie als Bedrohung seiner Unabhängigkeit.

Klar?

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In der Globalpolitik wäre es angebracht, die eigene Selbstgewissheit, z.B. „zum Westen zu gehören“, oder sich wechselseitig Vertragsbruch und Angriffsvorbereitung vorzuwerfen, etwas abzurüsten. Die paar NATO-Militärs, die nach Osteuropa verlegt werden, können natürlich gegen die Russen nichts ausrichten, wenn die wirklich die Ukraine überfallen oder sich, wie die Krim, ein Stück Land aneignen. Die amerikanische Konferenz von 2021 hat natürlich keinen Zusammenhalt von Demokratien gegen den Westen bewirkt, – wenn man bedenkt, wer dabei war und wer nicht eingeladen war. Die olympischen Spiele sind nicht einfach eine chinesisch-russische  Showeinlage, peinlich genug, sondern auch Spielfeld für kriminelle Organisation wie das IOC, den teutschen Bach an der Spitze. Das letztere bedeutet für Deutschland u.a. sich von diesem Verein auch materiell zu distanzieren, also von der Gegner- zur Feinderklärung. Das ist kein Sprachspiel. Man tut es so wenig wie die sog. „Wirtschaft“ sich nicht aus den Uigurenprovinzen zurückzieht. Die EU weiterhin sollte sich von den USA als untergebenes Machtrevier lösen: die werden keine Feinde, sind aber vielfach Gegner, und keineswegs unsere Verbündeten in einem sicherheitspolitisch definierten Westen. Darum übrigens bin ich für eine europäische Verteidigungsgemeinschaft, und kein weiteres Ausbreiten der NATO….Die Botschafter von Putin nutzen genau diese Komplikation aus, das kann man im Schulterschluss der west-kritischen sogenannten Linken mit dem alten rechten Modell Kultur versus Zivilisation von vor hundert Jahren sehen (ha, da werden einige schreiben: Beweis! Beweis!). Ich halte dem entgegen: Nachdenken.

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Eine der Konsequenzen dieser Gedanken. Es kann und darf keine Symmetrie zwischen Demokratien und Tyranneien geben, seien die einen noch so defizitär, und hätten die andern nicht scheinbare Inseln der Freiheit, (die zB. in Belarus mi tausenden Toten und Häftlingen bezahlt wurden – o, ihr im Grundgesetz eingehüllten Kritiker des Westens und Freisprecher der Diktaturen). Man wünscht dieses Gesindel so wenig auf Urlaub in den Gulag, wie man Impfverweigerer nicht unbehandelt lassen möchte, aber genau diese Begründung wird unbarmherzig ausgenützt.

Deshalb hat der Kompromiss mit Feinden wenig Sinn.

Namenskrieg

Namenskrieg

  1. Einleitung: Ein Vorwort ist notwendig, denn ich will hier nicht die wissenschaftlichen Abhandlungen fortsetzen, die ich 1974 begonnen und dann abgebrochen habe. Die Onomastik wird viel seltener erwähnt als die meist biologische Nomenklatur, und sie hat ihren Platz in praktisch allen Sozialwissenschaften, aber auch in Spezialdisziplinen wie den Jüdischen Studien oder auch der Theologie. Wer trägt warum welchen Namen, der ja mehr als nur eine Bezeichnung ist, sondern oft eine Bedeutung, die oft nicht mit dem Träger identisch ist (Der Name der Rose), manchmal aber darauf genau abzielt: Michael = Wer ist wie Gott? Ich bin die Frage, nicht die Antwort. Da die Menschen sich und Dinge benennen können, die teuflischen Geister aber nicht, liegt es nahe, dass sich Gott ein Stück Ebenbild angeeignet hat. Darum geht es hier nur sehr am Rand, aber immerhin…
  2. Die Geschichte eines Ärgers: Namensgebung hat eine gesellschaftliche Geschichte, in die der Staat zunehmend eingegriffen hat und fast ein Monopol auf diesen Akt hat (ich erinnere mich nicht mehr an meine Namensgebung, als ich 5 Jahre alt war, und einen Namen an einen anderen abgeben musste). Namensgebung ist niemals nur privat. Am Namen erkennt man bestimmte Menschen, und wenn man sie kennt, kann man sie mit ihrem Namen ansprechen. An der Schnittstelle zur Öffentlichkeit werden Namen plötzlich politisch, historisch bedeutungsvoll, sie sind mehr als „sprechend“, sie sagen uns etwas, das die Straßenbehörde, meist nach Rats- oder Versammlungsbeschluss sagen will (sehen wir einmal von den langweiligen Vorstadtgassen ab, die dann Rosengasse, Lilienweg oder Eichenstraße heißen).

Straßennamen sind Teil einer politischen Erinnerungskultur. Der Ärger beginnt schon sehr früh. Straßennamen – da gab es eine Roonstraße  – Roon war Kriegsminister im 19. Jahrhundert. Jahnplatz – Jahn war ein Antisemit, auch schon als Turnvater. Karajanplatz – Karajan war ein Nazi (2x Parteimitglied) und ein guter Dirigent. Hunderte Beispiele in allen Gesellschaften. Mein Ärger: Sowohl die Geschichte der Namensgebung als auch der Kontext des Verlangens ihrer Tilgung werden kaum vermittelt. Wenn eine Gruppe oder Partei einen Namen tilgen möchte, kann das sehr vernünftig oder blödsinnig sein, wenn eine andere Gruppe oder Partei auf einem Namen besteht, kann das blödsinnig oder sehr vernünftig sein.

  • Zentralrat der Juden schaltet sich in Streit um Straßennamen ein: Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hat sich in den Streit um einen Straßennamen in der brandenburgischen Stadt Oranienburg (Oberhavel) eingeschaltet. Am Dienstag traf sich die Straßenbenennungskommission der Oranienburger Stadtverordneten und beriet darüber, ob eine Straße in einem neuen Wohngebiet weiterhin nach Gisela Gneist benannt wird. Ergebnislos, wie der Tagesspiegel in den späten Abendstunden erfuhr: Die Kommission fand zu keiner Einigung und keinem Kompromiss. Jetzt sollen die Stadtverordneten befinden. Gisela Gneist war nach 1945 in einem Speziallager der Sowjets interniert, von Mitte der 1990er-Jahre bis zu ihrem Tod 2007 Vorsitzende der „Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen 1945-1950“ – bewegte sich aber auch im Umfeld von Rechtsextremisten und diffamierte Historiker antisemitisch. „Alle Beteiligten sollten sich noch einmal zusammensetzen, um offen und sachlich über alternative Namensgeber zu diskutieren“, sagte Schuster dem Tagesspiegel. (Tagesspiegel online 19.1.2022)
  •  „Alternative Namensgeber“, Schuster meint sicher auch „Namensgeberinnen“, das sind solche die allgemein anerkannt werden. Sagt mir mehr als zehn, die allgemein jenseits aller Kritik, aber auch Verblödelung durch Kleinreden (Veilchenstraße oder Tannenweg, das kann man ja machen, unter den Linden). Alternative Namensgeber setzen auf andere politische Mehrheiten. Das kann, muss nicht, ein Indikator sich ändernder Erinnerungskultur und von Zustimmungs- und Ablehnungshierarchien sein.
  • Die Feuerbachstraße in Potsdam ist nach dem Maler Anselm F., und nicht nach dem Philosophen  Wenn man die Biographien, Beziehungen der beiden, Wirkungen studiert, kann man sich fragen wie? Warum? Der Eine ist nicht der andere. So ist das bei der Namensgebung immer. Bei der Müllerstraße ist das noch häufiger so. Manchmal wird das an Ort und Stelle erklärt, gut so, aber eben nur manchmal, zu selten.
  • „Umbenennung oder Kontextualisierung? Antisemitische Bezüge bei 290 Straßen und Plätzen in Berlin. Es ist der erste systematische Überblick über problematische Straßennamen. Berlins Antisemitismusbeauftragter hofft auf eine konstruktive Debatte“. (Tanja Kunesch) (Tagesspiegel 13.12.2021). Gute Überschrift. KONTEXTUALISIERUNG.
Wir kommen zur Liste der 290 Berliner Straßen und Plätze, deren Namen einen antisemitischen Bezug haben (Q: Studie von Felix Sassmannshausen für den Berliner Antisemitismusbeauftragten Samuel Salzborn). Empfehlungen zur Umbenennung sind gefettet, bei den anderen Namen wird zu weiterer Forschung bzw. einer Kontextualisierung geraten (etwa mit einer Erläuterung am Schild). Heute: Lichtenberg und Marzahn Hellersdorf. Wissen Sie, wo Sie wohnen? Lichtenberg:
Dönhoffstraße (August Graf von Dönhoff war Mitglied der antisemitischen Konservativen Partei); Eitelstraße (Wilhelm Eitel Friedrich Christian Karl von Preußen war Mitglied im antisemitischen Stahlhelm und in der antisemitischen Harzburger Front); Hauffstraße; Junker-Jörg-Straße (benannt nach Luther, verfasste antisemitische Schriften); Oskarstraße (benannt nach Oskar, Prinz von Preußen, Mitglied im antisemitischen Stahlhelm und in der antisemitischen DNVP); Rienzistraße (benannt nach dem Antisemiten Richard Wagner); Roedernstraße; Tannhäuserstraße (siehe Wagner); Waldowallee; Walkürenstraße (siehe Wagner).

Marzahn-Hellersdorf:
Cecilienplatz (benannt nach Cecilie, Kronprinzessin von Preußen, Schirmherrin des antisemitischen Bundes Königin Luise); Cecilienstraße (siehe Cecilienplatz); Eitelstraße (siehe Lichtenberg); Fritz-Reuter-Straße; Herderstraße; Jahnstraße (benannt nach Friedrich Ludwig Jahn, Elemente eines frühantisemitischen Weltbildes); Lohengrinstraße (siehe Wagner); Lutherstraße (siehe Junker-Jörg-Straße); Melanchthonstraße; Pestalozzistraße; Roedernstraße; Roseggerstraße; Strindbergstraße; Sudermannstraße.
  • Kontextualisierung zu fordern, ist richtig. Aber auch hiergelten Regeln, und gibt es Fallen.
  • Es kommt nicht unbedingt darauf an, wie man selbst die Namen auf Straßen und Plätzen findet. Geschmack muss man nicht immer begründen, aber wenn man ein historisch/politisch/soziales Urteil zu einem Namen hat, kann das relevant sein, zumal wenn der Name „prominent“ ist, d.h. über eine Gruppenanerkennung hinaus mit bestimmten Qualitäten assoziiert wird. Diese Assoziationen bedeuten bei manchen berühmten Namen, dass sich die Gesellschaft oder die Politik oder der Staat oder „alle“ mit ihnen assoziieren, ja, identifizieren. Bei anderen fragen sich viele: Wer? Oder, reflektiert, warum der oder die? Oder sie hängen gleich ihr Wissen und ihre Ressentiments an die Ablehnung oder Zustimmung. Hat diese private Meinung Folgen? Z.B. ich will nicht in der Hindenburgstraße wohnen, obwohl das Haus schön und die Miete niedrig ist? .
  • Aber so einfach ist es nicht. Nach wem werden Straßen in Israel benannt,  z.B. Rehov Heinrich Heine 94 Ma’Arav Yerushalayim? Und warum ist das im Kontext wichtig, mir zumindest?
  • Jüdisch sein, jüdisch leben ist ein ASPEKT in einem Leben, das niemals nur EINE Identität haben kann. Namensgebungen, zumal öffentliche, können gar nicht anders als einen wichtigen Aspekt herauszuheben, man kann ja nicht bei jedem Straßennamen alle Identitäten auflisten, wenn man sie denn kennt. (Dies eine Ermahnung an den Zentralrat). Und wie seltsam wäre es, Orte, Straßen, Gebäude nur nach Opfern zu benennen, oder auch nach abgeurteilten Tätern, oder nach den Namen, die zur E Literatur und Musik gehören, und manchmal doch zur U….Sinnvoll ist es, anstatt blind zu gendern, wirklich mehr Frauen als Namensgeberinnen wirken zu lassen, aber auch hier: Kontext und viele Identitäten.
  • Wer sich also (kultur-)politisch zu solchen Namen äußert, muss sich der Verallgemeinerung der vordergründigen Identität stellen. Mir wäre es wichtig, wenn alle Namensgebung immer mit Erklärungen versehen würde, Stolpersteine über und für alle Identitäten.