Glucken für die Polizei

Wie die Mutterglucken scharen sich Innenminister und Polizeigewerkschafter um ihre Polizisten, nach dem Saskia Esken eine Korrektur rechtslastiger Freiräume im deutschen Sicherheitsapparat angeregt hatte (so wirklich scharf war das ja nicht…aber es hat genügt, um die Herdenschützer aufzuschrecken). Nun ist die Theorie von den „Schwarzen Schafen“ plausibel, aber falsch: wenn ein schwarzes Schaf einen Menschen unrechtmäßig tötet, dann dürfen sich die Reihen um diesen Täter nicht aus Korpsgeist schließen, zumal, wenn dieser Korpsgeist das schwarze Schaf überhaupt erst hervorgebracht hat. Noch gefährlicher ist die gutgemeinte Abbild-Theorie, dass die Polizei oder auch die Bunderwehr nur die Gesellschaft abbilde, d.h. dass die Anteile an rechtsradikalen, faschistoiden, Nazi-affinen, ethnophoben, sexistischen usw. Gesinnungen sich bei den Sicherheitsorganen nicht anders verteilen als im Rest der Bevölkerung. Gut gemeint, weil man damit die jeweiligen extremen Tendenzen in der Bevölkerung verharmlost…

Wir brauchen die Polizei, ohne Zweifel, wir könnten auch einen guten Verfassungsschutz brauchen, und bei der Bundeswehr wäre es besser, wenn es keine nationalistischen Zellen gäbe. Wir wissen, dass die Polizei – schaut einmal auf den „Gewerkschafter“ Wendt und seine Aussagen wie disziplinarische Geschichte – viele unerklärte Gewalt- und etliche Todesfälle vertuscht, verdeckt und geahndet in ihren Reihen verbunkert. Wir wissen, dass der Verfassungsschutz besser belastendes Material schreddert als den Gerichten und Behörden übermittelt, um seine dubiosen V-Männer zu schützen anstatt uns Bürgerinnen und Bürger; wir wissen, dass es stramm rechtsradikale Zellen und Kommunikationsnetzwerke in allen Sicherheitsorganen gibt.

Warum also verharmlosen und verniedlichen? Damit sät man nur Misstrauen gegen diese Organe bei einer Bevölkerung, die vergleichsweise vertrauensvoll diesen gegenübersteht?

Ganz aktuell, ich muss da nichts ausgraben: (beides 10.6.2020)

https://www.tagesschau.de/investigativ/panorama/luebcke-verfassungsschutz-markus-h-101.html

https://www.tagesschau.de/investigativ/swr/ksk-soldat-101.html

Die deutschen Behörden, Justiz- und Innenminister gehen an die Öffentlichkeit nach der Devise:

Ei ja! – Da bin ich wirklich froh!
Denn, Gott sei Dank! Ich bin nicht so!

Wilhelm Busch 1872

Dankbar kann man die USA, ihren Rassismus und ihre unbewältigte Geschichte am Fall George Floyd angreifen, gut, dass unsere Polizisten besser ausgebildet sind, auf dem Boden des Grundgesetzes stehen und überhaupt mit diesen systemischen Tätern in den USA nichts zu tun haben (wollen). Übertreibt mal die selbstbewusste Heuchelei nicht. Ich könnte eine Liste der – erfreulicher, demokratischer Weise nicht verwirklichten – Verschärfungen der Sicherheitsgesetze und Schutzvisionen für die Exekutive anlegen, die uns vielleicht näher an die USA gebracht hätten…? Aber genau das wäre jetzt falsch. Je stärker sich PolizistInnen, VerfassungsschützerInnen, SoldatInnen von der gesetzlich ihnen aufgezwungenen Immunisierung gegen Kritik schützen, sich gegen sie verwahren, desto glaubwürdiger wäre jede vertrauensbildende Maßnahme gegen die fremdenfeindlichen, Profiling und Verbalinjurien innerhalb der Exekutive; abgesehen davon, dass die Verantwortlichen für alle Schreddereien, Vertuschungen und den Korpsgeist der Unangreifbarkeit endlich vor genau die ordentliche Justiz gebracht werden sollen, auf die wir ansonsten auch noch vertrauen können. Können, nicht müssen.

Finis terrae XXXVII: Der Zusammenhang

https://www.zeit.de/kultur/kunst/2020-06/ischgl-partytourismus-skigebiet-bildband?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

Lois Hechenblaikner: „Ischgl“. Steidl Verlag, 240 Seiten mit 2005 Fotografien, 34,- Euro.

Der Rezensent der ZEIT titelte: Schlicht und ergreifend widerwärtig.

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Was er beschreibt, ist nicht neu, und mir nicht neu. Mein letzter Skiurlaub liegt 15 Jahre zurück, und damals schon, ganz in der Nähe von Ischgl, im Ötztal, war es mit der winterlichen Schönheit nicht mehr weither. Romantisch ist nur die Erinnerung an die skifahrende Jugend, in der ich meine Skier tatsächlich durch massenhaften Naturschnee schleppen musste, nass und müde.

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Womit hängen die rückständige Macht und Ausbreitung des Pöbels zusammen? Mit einem teilweisen Versagen der Evolution? Mit dem Kapitalismus? Mit der Enthemmung durch Ziel- und Zukunftslosigkeit? Die klugen Linken sagen: mit all dem. Die klugen Rechten sprechen immer von Degeneration, wenn sie grad nicht selber dabei waren. Und die Gebildeten stellen fest, dass es solche Exzesse in allen Gesellschaften zu jeder Zeit gegeben haben – „irgendwie“. STIMMT ALLES NICHT. Bzw. Sind Wahrheitspartikel noch keine Wirklichkeit.

Im Vorfeld der wirklichen Katastrophen werden die Regeln außer Kraft gesetzt, die Gesellschaften zusammenhalten. In den „Letzten Tagen der Menschheit“ beschreibt Karl Kraus, sprach- und ausdrucksmächtig, das enthemmte Ischgl- und Ballermann-Verhalten bis in den Weltkrieg hinein, bis fast an sein Ende.

Aus der obigen Rezension:

Dem Band angehängt ist ein Kompendium von Presseaussendungen der Landespolizeidirektion Tirol von November 2018 bis Februar 2019: Körperverletzungen, schwere Körperverletzungen, Schlägereien und diverse Balkonstürze. Der Literaturkritiker Stefan Gmünder erzählt in seinem Delirium Alpinum überschriebenen Nachwort vom Fall eines Kunden, der einen Kellner dazu zwang, eine Champagnerflasche mithilfe eines brennenden Golfschlägers zu köpfen. Erst fing der Arm des Kellners Feuer, dann brannte plötzlich ein unbeteiligter Gast am Nachbartisch. Erstaunlicherweise landete die Sache tatsächlich vor Gericht und wurde äußerst mild abgeurteilt. Schließlich war es nicht mehr als eine „bsoffene Geschicht“.

Was Verbrecher wie Trump und Grenell machen, sind auch „bsoffene Geschichten“… (bei Diktaturen und aus den Fugen geratenen Gesellschaften würden wir nicht von Verbrechern sprechen, weil die Akteure dort dem System angehören, während die Trumpisten und ihre Gefolgschaft ja gegen ihre demokratischen Republiken ankämpfen).

Wie das zusammenhängt? Wenn die Bindungswirkung der solidarischen Kommunikation nachlässt, weil ihr Zweck – die Weiterentwicklung des guten Lebens – außer Sicht geraten ist, dann regiert ein carpe diem primitivster Unmittelbarkeit.

Ich hatte in einem Blog kürzlich das Loblied auf vieles in meinem Österreich geschrieben. Es hilft wenig zu mahnen: fahrt nicht mehr in die Alpen zum Skiurlaub, Ischgl ist nur ein Symbol. Wenn die Welt untergeht, ändern milde Urteil absaufender Gerichte auch nichts…

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Warum Trump und Grenell? Die beiden, auch Pompeo und diese ganze Blase, verhalten sich wie die Gäste am Vulkanrand der Skilifte. Sie entwerten alles, was unter zivilisierten Umständen Freude machen könnte – dadurch wird oft, falsch, mit Prüderie und Puritanismus geantwortet, und sie nutzen ihre Macht, um an sich vernünftige Menschen zum „Mitmachen“ zu bewegen. Das kann man auch psychologisch erklären, aber besser mit der angedrohten Gewalt. Unsere Regierungen bemühen sich um milde Urteile, damit wir den Schaden ein wenig begrenzen.

Aus Ischgl und dem milden Verhalten der zuständigen Regierung in Tirol kann man lernen, wie gut es sich am Abgrund leben lässt. Der Abgrund: der Klimawandel, nicht das Virus.

In einem anderen Land

Hemingways Roman A Farewell to Arms heißt leider auf Deutsch auch In einem andern Land, was heißt leider? Kulturvergleich und Krieg bzw. Gewalt sind oft zeitlos.

Ich musste für eine Woche nach Österreich, einige Tage „privat“, was ist schon privat ohne den Kontext von Gesellschaft, danach in einem Forschungsprojekt. Das Private hat mit Familie zu tun, und deshalb eine Woche Coronatests, Warten auf die Bescheinigung, um dann keinerlei Kontrollen im Zug zu erfahren, nur die Pendler zwischen Österreich und Bayern, nicht Deutschland, werden noch gefilzt. Und selten waren mir die Unterschiede zwischen beiden Ländern so krass und überdeutlich unter die Haut gegangen wie diesmal. Ich muss verallgemeinern, weil ich ja nur einen schmalen Ausschnitt wirklich sehe, aufnehme, aus den Medien hier erfahre.

Nach einer knappen Woche fasse ich zusammen: hier geht man disziplinierter mit den Auflagen zu CoVid um, die Ausnahmen sind so grauslich wie in Deutschland, sichtbar seltener. Auch in ländlichen und abgelegenen Regionen, weit weg von den Hotspots; hier sind die Züge geradezu unheimlich pünktlich, aber das schreibe ich der Tatsache zu, dass wir keine Pofallas und Mehdorns hatten; hier ist die Politik ähnlich gespalten wie in Deutschland, aber ganz anders, in Sphären geteilt, in denen die eine oder die andere Partei ihre Programme umsetzt, weniger dauernd Kompromisse macht, das ist manchmal gut, manchmal unsinnig; da das Essen in Österreich genuin besser ist als in Deutschland, esse ich hier ohne zu vergleichen. Schluss mit diesen Petitessen, die Medien sind auch gut oder ganz schlecht, da nehmen sich die Nachbarn nichts. Darum schreibe ich hier aber nichts, sondern:

Endlich nicht nur in der Ferne Berge, frisch beschneit (das wird nicht lange halten, aber der Anblick lässt die Trockenheit für einen Augenblick vergessen). Die Felder sind kleinteiliger und grüner. Da ist keine Heimatromantik dabei, sondern ein fast positivistischer Vergleichsblick. Alles ist kleiner, das sollte mich besonders in unserer Forschungsgegend erfreuen, dem so genannten Weinviertel, wo 6000 Einwohner schon eine kleine Stadt machen, es gibt über weite Flächen Rundangerdörfer und endlose Straßendörfer, die ihre alte Struktur erhalten haben, aber viele der Weinkeller sind funktionslos geworden, viele der alten kleinen Häuser nicht gut bewohnbar, und die meisten neuen Einfamilienhäuser so hässlich wie überall, aber stärker verdichtet. Wenig Zersiedelung, auch nicht alles voller billigem Massenwein, sondern eher bessere Produkte, dazwischen anderes Beackere, und manche der vielen kleinen Dörfer werden die nächsten Jahre nicht überleben, weil die Jungen oft wegziehen, in die Bezirksstadt oder gleich nach Wien, die Nordautobahn nach Brünn ist nicht weit. Erfreulich die viele Windenergie, die bis zu einer bestimmten Linie den Horizont füllt, sehr intensiv, und dahinter nichts. Vor 120 Jahren war das eine wichtige Gegend, nicht nur für Weinbau, dann verarmte das Dreiländereck zu Tschechien und der Slowakei, und heute ist man früh, bestimmte Fehler nicht gemacht zu haben, weil das Geld dafür fehlte. In

Bei unserer Projektarbeit sehen wir die unaufgeregte Befolgung der CoVid-Anordnungen, weder Zustimmung noch Ablehnung, das ist halt so, und der Mundschutz ist immer parat. Vielleicht schreibe ich demnächst einen Reisebericht.

Diese fünf Tage hatten aber eine andere Wirkung als die des abwechslungsfrohen Arbeitsreisenden. Die Stationen der Dienstreise haben jeweils eine Menge biographischer Assoziationen hervorgebracht, die aus der Erinnerung eben nicht „Heimat“ erzeugt oder befestigt haben. Sondern das, was man sich zu frühen Zeitpunkten anders, verändert oder verstehbar gewünscht hatte, taucht wieder auf und keineswegs sehnt man sich zurück, sondern vergleicht die Wunschorte mit dem jetzigen Zustand. Und da kommen Heimatgefühle auf. Nämlich so, dass man einerseits froh ist darüber, was sich in einer bestimmten Weise erhalten hat, und andererseits jetzt durchschaut, was sich schon früher hätte andern müssen, dass man sich etwa vorstellt, was es bedeutet hätte, hier und nicht in Wien zu wohnen, oder wie man sich in Gefahr begeben hätte, wenn man einen bestimmten Berg, Ziel von Projektionen, bestiegen hätte, um dazu zu gehören. Es ist nicht eine Rückkehr in frühere Lebensphasen, sondern ein Historienfilm, in dem man heute andere Rollen sich wünscht als man früher hatte. Ich sage man und nicht ich, weil ich mir oft andere Rollen nachträglich gewünscht hätte, zum Beispiel die eines genauen Beobachters…

So lerne ich auch, wie in den letzten hundert Jahren vier Männer gleichen Familiennamens Bürgermeister waren, warum je ein anderer zwischen 1934 und 1938 und zwischen 1938 und 1945 das Amt hatte; warum die frühere Bezirksstadt ihren Rang verloren hatte (man war gegen die Eisenbahn gewesen, um die Droschken zu schützen; heute ist das wirtschaftlich und touristisch ambivalent); warum die attraktiven kleinen Winzerhäuser und Keller schlecht bewohnbar sind, die neueren Einfamilienhäuser wiederum selten barrierefrei sind, und was das damit zu tun hat, dass jetzt für die Alten anders gesorgt werden muss, während viele Junge fortgezogen sind…Ist das wichtig?  Wenn interessiert es, muss es, – außerhalb eines bestimmten Forschungsprojekts interessieren?  

Während ich protokolliere, wie sich unsere Gesprächspartner das Leben im Alter wünschen und vorstellen, denke ich daran, wie schnell die Klimakrise diese Wünsche verdrehen oder zunichte machen kann, und was die nächsten zwanzig Jahre nicht überleben wird, an Struktur und Lebenswelt. Das thematisiert, bringt diese Menschen schnell dazu nachzudenken, was es bedeutet, dass viele Jüngere fortgezogen sind und Besuche keine Struktur mehr schaffen. Wenn ein Zugezogener, Ordinarius aus Wien uns genau erklärt, warum kleine Orte ohne Infrastruktur, Versorgung und Kommunikationseinrichtungen nicht überleben werden, gibt er etwa die Zeiträume an, die die Klimaforscher als entscheidend auch vorgeben. Und es fällt, zugegeben, schwer, dies zugleich zu denken, bei einem so guten Wein wie anderswo selten, und beim Anblick von ein paar jungen Menschen, die sich auf dem Platz, nicht Stadt, nicht Land, versammeln, und die wahrscheinlich bald nicht mehr hier leben werden.

In einem intensiven Gespräch kommen wir auf die Globalisierung zu sprechen, und hier ist das den Menschen ganz klar, was damit gemeint ist. Man könnte mit dem Philosophen Ernst Bloch sagen, dass die Heimat erst kommen und werden muss, damit man weiß, was man an ihr im Schlechten und im Guten gehabt hat. Und woher man kommt, ohne je hier gewesen zu sein.

Mayday

Mayday. Notruf, äußerst konventionell: https://de.wikipedia.org/wiki/Mayday_(Notruf). Am letzten Tag des Mai 2020.

Mayday. Unsere Notsituation ist heimtückisch. Das neue Lieblingswort heißt Normalisierung. Wenn eine Notsituation normal ist, dann ist der echte Ausnahmezustand erst eingetreten, wenn die Normalisierung wieder überwunden ist. Angeblich befinden wir uns jetzt in einem Ausnahmezustand, der endlich normalisiert werden soll, obwohl und weil viele Maßnahmen gerade jetzt so beibehalten werden, dass wir uns an sie gewöhnen.

Nein, nicht gleich wieder Corona.

Normalität hat viel mit Gewöhnung zu tun. Wir haben uns daran gewöhnt, dass der sexistische rassistische Irre im Weißen Haus angeblich Präsident der USA ist, dass sein Botschafter Grenell sich in die Innenpolitik der bundesrepublikanischen Bananenrepublik einmischt, dass diese Bananenrepublik sich nicht gegen die Versklavung von HongKong einmischt, weil das unseren Autoverkauf beeinträchtigen könnte…und an so viel haben wir uns gewöhnt, dass viele hoffen, sie würden in ein paar Wochen die Umgebung und die Umstände ihres Lebensstils nicht von der Zeit davor unterscheiden können. Diese Zeit davor war also normal?  Weiße Polizisten haben auch vor Januar überwiegend schwarze US Bürger ermordet, das ist schon lange normal; dass Diktaturen wie China und Russland weder internationale noch Menschenrechte achten, war normal, solange wir aus demokratischer Sicht solche Diktaturen als das Andere unserer Gesellschaftsform angesehen haben. Aber wir weichen vor diesen vor diesen Diktaturen zurück, weil sie mehr Macht besitzen, und wir weichen aus dem gleichen Grund vor Trump zurück.

 So nett sind wir auch zu anderen, wenn sie unsere Werte mit Füßen treten, weil wir ja nicht auf der gleichen Stufe mit ihnen stehen wollen und nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Wenn das in der Politik weltweit anerkanntes Grundprinzip wäre, was reg‘ ich mich auf.

Was mich aufregt ist, dass die deutsche Politik immer nur einen Gegner, einen Anlass zugleich bearbeiten kann. Gemengelagen, die nicht nur Kompromisse, sondern Konfrontation und Prioritäten verlangen, übersteigen die Fähigkeit dieser Regierung, wie übrigens auch von Teilen der EU. Nehmen wir die Bausteine China – USA – Trump – WHO – Hongkong – deutsche Wirtschaftsinteressen. Macht was draus…

*

Ich weiß, das ist etwas für Think-Tanks, für Regierungskonferenzen, für hochdotierte Beraterfestspiele – einerseits; andererseits ist es ein Komplex von Problemen, die durch Passivität oder Nichtbeachtung liegen bleiben, bis sie vergessen sind oder sich durch andere Eingriffe und die Aktionen von Anderen scheinbar von selbst lösen. Dann schreit man, oj Katastrophe!, wie bei den Toten im Mittelmeer, wie bei den Vergessenen allüberall, weil ja bei der Globalisierung nicht so schwierig ist, sie aus den Augen zu verlieren.

Normalisierung der eindimensionalen Lebens- und Handlungswege, das ist nicht nur Phantasielosigkeit. Der oft religiöse Wunsch nach Erlösung bedeutet ein Abgeben von Verantwortung, und bis die Macht eingreift – mit Polizeiknüppeln, Vollstreckungsanordnungen, Strafzahlungen oder Jenseitsversprechen – wird die größte Untugend geübt: Abwarten. Abwarten, bis man einschläft (und erlöst aufwacht), bis etwas, „etwas“, geschieht, das man weder herbeigerufen hat noch SO gewollt hat: aber immerhin, es tut sich etwas.

Der von der Polizei ermordete schwarze US-Bürger ist der Normalfall.

*

In solchen Zeiten hoffen viele Menschen auf Reinigung der Gesellschaft durch Gewalt, für manche ist Krieg ein Ausweg, für andere ein so genannter Endkampf. Diese Gedanken zeigen die Beschränktheit der Evolution. Aber SO beschränkt ist sie nicht, dass wir nicht handeln könnten, Widerstand gegen Gewalt, symbolisch gegen alle weißen Polizisten, real im dauernden Wälzen des Steins – wir müssen uns Sysiphos als Politiker vorstellen, ob er oder sie dabei glücklich werden, ist eine andere Frage. Steine gibt es genug, im Normalfall.

Irrsal und Wirrsal

Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.

Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal.

(Martin Buber, die fünf Bücher der Weisung, I, 1-2)

Das berühmte Tohuwabohu kann man also schön übersetzen, und es macht Sinn, es auf einen Zustand anzuwenden, der eben dieses Irrsal und Wirrsal von Anfang an fortgesetzt sieht. Wenn es schon so begonnen hatte, warum sollte es viel besser werden, mit und ohne Schöpfung? Naja, lange Zeit ist es ja besser geworden, mit Fischen und Vögeln, mit Palmen und Eichenwäldern, und gar mit sogenannten Menschen, die ja auch dem Irrsal entsprungen sind, evolutionär und ohne Rassengesetze.

Das Große Durcheinander (Tohuwabohu) ist eines im Hirn der Mächtigen und derer, die sie anbeten oder unterstützen, damit sie nicht selber denken müssen. Den Eindruck hat man schon in diesen Tagen, aber auch davor (und weil jetzt sofort einer kommt und sagt, so elitär dürfe man über die Armen im Geiste nicht urteilen, die wollen ja geführt werden, dann sage ich spontan: richtig, aber das wollen wir endlich ändern).

Alle tausend Jahre hofften (oder bangten) die Menschen auf den oder vor dem Weltuntergang. Der wurde durch Jahreszahlen und damit verknüpfte Ereignisse anscheinend wahrscheinlicher als in Zwischenräumen, in denen man schreckliche Naturkatastrophen, Seuchen und Börsencrashes leichter verdrängte. (Dass sich Nazis die Bezeichnung „Drittes Reich“ verbeten hatten, nachdem Klügere ihnen gesagt hatten, was es bei Joachim von Fiore bedeutet, sollte uns bei dieser Bezeichnung vorsichtig machen: Sehr verkürzt, deshalb nur von wiki[1], sagt Joachim voraus „Die Geschichte wird in drei Zeitalter gegliedert, welche er mit der Trinität in Verbindung bringt: Die Zeit des Vaters (Altes Testament), des Sohnes (beginnt mit dem Neuen Testament und endet nach seiner Vorhersage 1260) und die des Heiligen Geistes. Dieses dritte, glückliche Zeitalter werde von der intelligentia spiritualis erleuchtet sein und alle Freuden des Himmlischen Jerusalem (Offenbarung 21) bieten.“ Damit haben  sich viele mit Recht befasst, nicht zuletzt Ernst Bloch, und die Politik, Theologie und alle Utopielehren müssen sich damit befassen. Und so gibt es eine seltsame Minderheit, die halt meint, dass nach 1260 unser Jahr 2020 kommt…auf ein paar Tage kommt es nicht an.

Lasst die Flüchtlinge im Mittelmeer ersaufen, lasst die großen Dürren und Urwaldholzungen unsere Überlebenschancen noch mehr begrenzen, lasst die Nachtschwärmer sich mit CoVid krönen und anstecken tun sich die Menschlein sowieso mit Sex und Betrug und dem Streben nach Macht und Anerkennung, jetzt, aber jetzt, wo alles zu Ende geht, kommt das Zeitalter des Geistes. Da braucht es unsere Körper nicht, beatmet oder nicht, da denken wir uns glücklich.  Die Autoindustrie und die Agrarindustrie und die Börsen gehen voran, ihren Lobbys kann es nicht schnell genug gehen, denn die weniger schriftkundigen Nachfolger Joachims glauben, dass das vorherige Zeitalter schnell und wenn es sein muss, schrecklich, zu Ende gehen muss, bevor wir ins himmlische Jerusalem, oder wenigstens nach Bayern oder Thüringen, stapfen dürfen. Aber wir übersehen dabei nicht, dass man so knapp vor dem Ende den genauen Zeitpunkt leider nicht nach Wahlperioden erzwingen kann. Und dass diejenigen, die heute regieren, ohnehin nicht mehr mitbekommen, wie ihre Enkel in zwei Generationen ersticken werden, bevor der Himmelzuschlag für die Auferstandenen erfolgt (was passiert mit denen, die dort nicht landen? Die bleiben tot, so zumindest sagen es die Schriftkundigen).

Übrigens: noch ist  keiner, der im SUV in den Himmel aufgefahren ist, wieder zurückgekommen.


[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_von_Fiore. Lesenswert. ·  Ernst Bloch: Zur Originalgeschichte des Dritten Reiches. In: Ernst Bloch: Erbschaft dieser Zeit. Frankfurt am Main 1962, S. 126–145.

Nachtschatten

Ich würde gerne meine Kochrezepte mit euch teilen, aber ihre genaue Umsetzung in ein Abendessen erfolgt nicht nur nach Plan und Erfahrung, sondern auch Intuition. Dafür vermische ich meine Tomaten, Kartoffel, Auberginen und Paprika nicht mit Agitation; ein Menü taugt nur zur Verschwörung, wenn mindestens ein Gast daran stirbt (Knollenblätterpilze sind keine Nachtschattengewächse).

Irgendwann werden wir uns über Speisen und Getränke auch austauschen, zur Zeit fehlt die Fluktuation der überlebenden Gäste. Dafür sitzt die Politik am Tisch bzw. steht am Herd und schaut misstrauisch[1].

Eine so große Pflanzenfamilie, die auch Drogen und Zierpflanzen hervorbringt, nicht nur Pommes, erinnert mich an die Demonstrationen, die zur Zeit uns und die Medien im Gleichklang aufregen: Gegen die CoVId-Einschränkungen, gegen das Impfen, gegen den Eingriff der Regierung in, ja was? Gegen…

Als ich noch Uni-Präsident war, gab es eine Studentengruppe, die sich ANTI nannte. Nicht ungefährlich, laut, irrational, aber manchmal mit bedenkenswerten Forderungen, meistens nicht. ANTI KONNTE MAN NICHT BEGEGNEN. Man musste sozusagen konfrontativ von Raumschiff zu Raumschiff mit ihnen umgehen, bisweilen gab es ein gemeinsames Abendessen, das uns einander nicht näher brachte.

ANTI scheint ein Vorbild der z.T. biederen Demonstranten zu sein, deren Charakter ich als plebejisch bezeichnet habe, deren Anführer weitgehend rechtsradikal sind, aber – das ist das komplizierte NICHT NUR. Die Ebene, in der sich Verschwörer verbinden hat, mit Verlaub, etwas mit sexuellen oder esoterischen Allianzen zu tun, wo sich Menschen verbinden, die sonst mit einander wenig zu schaffen haben. Naja, es ist ja auch Mai. Aber wenn ich mir so eine Demo anschaue, dann gefriert beides: Lachen und Wut. Weil Widerstand ja auf Kaugummi stößt, und die bezeichneten Mesalliancen bei jedem Interview zerfallen. So ähnlich wie damals bei ANTI.

Verschwörung brauchen beides: FÜHRUNG (das hören nicht nur die ganz Rechten gerne) und VERFÜHRBARKEIT (das gilt für alle, die eigentlich nicht wegen CoVid demonstrieren wollen, aber es bietet sich, sozusagen als VERSCHIEBUNG ihrer Bedürfnisse an (das wäre psychoanalytisch nicht falsch beobachtet, wenn die Ursachen ihrer Proteste genauer unter die Lupe genommen würden). Und da stehen sie und greifen heraus, was ihnen nicht passt. Kann ja richtig sein. Muss nicht.

Wenn wir diese Klumpen von Unverstand auseinanderbrächten, könnten wir ganz schnell so unterschiedliche Bedürfnisse und Protestargumente finden, dass wir sogar Bündnisse einerseits, explizite Gegnerschaften mit harten Aktionen andererseits, meinethalben mit Polizei und Gerichten andererseits, erwägen dürften. Womit ich einen einfachen Satz kompliziert dargestellt habe: es gibt nicht die Verschwörungsagenten, weil es nicht die Verschwörung gibt: es sind VIELE unterschiedliche. Raus aus dem Nachtschatten.


[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Nachtschattengew%C3%A4chse#Bedeutung_f%C3%BCr_den_Menschen

Europäische Härte

Was Merkel und Macron ausgearbeitet haben, wird so nicht kommen, aber hoffentlich so ähnlich. Wenn man den Herrn Michelbach von der CSU hört, dann wird man unfreiwillig zum Marxisten und möchte den Staat nach dem Vorbild von Slavoj Zizek umgestalten, in meinem Fall den Europäischen Bundesstaat. 

WIE HÄNGT DAS ZUSAMMEN?

Zugegeben zwei komplizierte Sätze.

Sollen wir den am meisten bedürftigen europäischen Partnern helfen, oder sie durch Kredite noch stärker an die wirtschaftlich dominierenden EU-Staaten binden? Der Widerspruch in sich ist evident: die reichen Staaten (=Kreditgeber“) wollen/sollen den ärmeren sehr wohl/nicht vorschreiben, wie sie die Zuschüsse verwenden dürfen, was ein ökonomischer Nationalismus ist, der innenpolitisch genutzt werden kann – Michelbach (wir Deutschen waren doch schon so gut, wir müssen auch an uns denken). Nur keine gemeinsame Haftung, weil die ärmeren Länder ja unfähig selbst aus der Misere zu kommen.

Auf diesem Niveau haben manche Politiker die politische Ökonomie gelernt.

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Ich habe einen nicht zynischen Vorschlag, wie man die europäischen Werte und die Politik festigen kann und zugleich etwas Geld locker macht. Dem klerikofaschistischen Polen und dem faschistischen Ungarn bis zur Rücknahme ihrer letzten menschenrechtsverletzenden Gesetze und Beschlüsse alle EU-Gelder sperren und dieses Geld sofort in die Merkel/Macron Programmatik einspeisen.

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Die EU kann und muss aus der Krise ihren Weg zum europäischen Bundesstaat weitergehen und darf den nationalen, ethnopluralistischen und ethnozentrischen Staatsideologien nicht weiter nachgeben. Mitgliedschaft ist kein Wert für sich. Das sagt sich leicht am Feiertag. Aber wie steht es mit den nationalistischen Egoismen von Ländern wie Österreich, Schweden, Finnland…noch durchaus Demokratien? Wie steht es mit den Grenzregimen gegen Flüchtlinge und Armutsmigranten – Corona war da für Seehofer von Anfang an nur eine schmähliche Ausrede?

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Ich beobachte eine verstärkte Tendenz zum „Glokalismus“, wie Zygmunt Bauman die Tendenz beschrieben hat (vor mehr als 20 Jahren!), dass lokale Konstellationen in einer sich globalisierenden Ökonomie und (teilweise) Politik zu Bewegungen und Widerständen führen, die sich als Ursachen verkleiden und doch nur Anlässe für Erosion und Entgesellschaftlichung sind. Die Anti-Corona-Demos in ganz Deutschland, aber auch in gewisser Hinsicht die Gelbwesten in Frankreich und der Trumppöbel in den USA. Dieser Glokalismus kommt der plebejischen Demokratiekritik entgegen. Man will und darf gegen etwas sein, oft zurecht, aber man will partout nicht verantwortlich mitwirken. Das zerstört Innen- und Außenpolitik.

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Es kommen härtere Tage, so heißt ein Gedicht von Ingeborg Bachmann, Herbstmanöver ein anderes. Die schreib ich diesmal hier nicht auf, schon im Heraussuchen habt ihr Gewinn. Aber es kommen härtere Tage, so oder so, auf uns zu, wenn die lächerliche Ökonomie des Überfließens in die Wirtschaften der Normalen unseren Nachtisch versalzt. Wir brauchen Härte, um der Gewalt der lächerlichen Einzelinteressen entgegentreten zu können.  Das beginnt mit dem Durchsetzen der Masernimpfung, das geht zum Boykott der Auto- und Chemielobby, das breitet sich aus im Kampf gegen die Nationalisten im eigenen Land und muss auch Grenzen, die keine mehr sein sollten, überschreiten. Nichts davon ist einfach, vieles noch viel schwieriger als die genannten Beispiele. Aber wir müssen nicht lange suchen, um einen Anfang zu finden. Das ist nicht abstrakt: Die europäische Kommission muss handeln und wir müssen sie unterstützen: gegen Polen, gegen Ungarn, aber auch für den EuGH. Wer Zinsen auf Solidarität verlangt, kann auch im eigenen Land bekämpft werden.

Wer Zinsen auf Solidarität verlangt, kann auch im eigenen Land bekämpft werden.

Treue ohne Titel

Liebe Leserinnen und Leser meines Blogs! Ich hatte diesem Blog gestern keinen Titel gegeben – Pardon. Es ist ja eigentlich ein Brief…Danke für die Rückmeldungen.

Oft zieht Treue eine Grenze:  man will niemanden dazu holen in den Kreis der Lesenden, Kommentierenden und Kritisierenden…Nur so lernt man sich wirklich kennen. Meinen Blog kennt Ihr und ich merke das an der Statistik und den Rückmeldungen. Danke dafür. Jetzt habe ich eine Bitte:

Nach so vielen Beiträgen zu Corona und zu den Rechtsradikalen in allen Medien ist es an der Zeit, daran zu erinnern, wie viele andere und wichtige Themen es für die Welt gibt, damit sie uns erhalten bleibt, und das heißt auch unseren Enkeln. Ich habe mich bemüht, die immer einfließen zu lassen in meine Blogs, und die Linien von Finis terrae und Jüdischem Einspruch werden bleiben. Aber jetzt seid Ihr dran – und, bei neuen LeserInnen, erstmal: Jetzt sind Sie dran, Themenwünsche zu äußern.

  1. Schreibt mir bitte, als Kommentar zu diesem Blog, 1-3 THEMEN auf, von denen Ihr wollt, dass ich sie behandle. Das kann eine Herausforderung bei Themen sein, die ich von mir aus nie im Blog behandelt hätte, aber: das ist eine Folge der Treue.
  2. Bitte keine Vorschläge zu Corona und AfD, die kommen sicher auch wieder bei mir vor, aber es: es gibt eine Welt außerhalb der beiden Brennpunkte…
  3. Verbreitet diesen Blog bitte, ich habe nämlich keine sozialen Netzwerke von mir aus einbezogen. Das ist auch ein Thema…

Was die Themenfindung betrifft, eine wahr Wiener Kabarettgeschichte: Der berühmte Karl Farkas fragte sein Publikum nach einem Stichwort: er wolle darauf einen Reim machen. Bei den meisten Zurufen war es ihm einfach, einen Endreim zu finden. Dann rief eine Dame „Adonis“.  Frakas stutzte, es dauerte zwei Sekunden, dann reimte er: „Ist er auch kein Adonis /Hauptsach, dass es Mannsperson is!

So holprig können meine Antworten auf eure Zurufe auch ankommen.

Danke für eure Treue, und vielleicht kommen ja ein paar dazu….

Wir Sklaven

‘tschulgung! Wenn man jemandem auf den Fuß tritt. Oder sich vordrängt an der Kassa. Die Höflichkeit des Unabänderlichen, man tritt ja nicht zurück.

Ich hätte gestern beinahe einen Aufstand gemacht, als ich in eine Polizeischwerpunktkontrolle mit dem Rad hineinfuhr: natürlich auf einem Radweg, der aber ca. 50 m lang eine Einbahn ist, bevor er mehrspurig zu befahren ist. Mindestens 10 Delinquenten standen da, alle mussten 20 € zahlen (nicht schlecht für die Bullen, in 20 Minuten 10 € zur Aufbesserungen der maroden Finanzen…). Da ich bekanntlich àBlog! zu denen gehöre, die manchmal etwas akzeptieren, das sie nicht gutheißen, war mein Problem nicht der lächerliche Anlass…3 Polizisten, hauptsächlich jugendliche Opfer, während daneben auf der hässlichen Hauptstraße die Autos fröhlich die Geschwindigkeit übertreten und Lärm machen. Kein Grund zur Aufregung. Ein Zweistern-Kommissar lässt sich auf ein Geplänkel ein, nur deshalb, weil er meinen Ärger teilt, es aber nicht sagen darf. Nur als ich ihn frage, warum er keine Maske trägt, muss er lachen – Abstand sei ja 1,5 m eingehalten, naja. Ich hatte es eilig und erreichte meinen Zug, alles gut im Rechtsstaat. 

*

Manchmal wünscht man sich, dass die Polizei die Verschwörungstheorien und die damit verbundenen Demonstrationen besser im Griff hätte, um dann zu erkennen, dass die meisten Polizisten ja Teil der Verschwörung sind und von den Demonstranten angegriffen werden. Ein schwieriges Problem: würde z.B. völlig legitim und nachvollziehbar gegen die Grenzschließungen protestiert, also gegen Seehofers und anderer Fremdenfeindlichkeit, dann wird das regelmäßig mit Corona verteidigt und man hat schlechte Karten. Wird gegen die Restaurantschließung protestiert, ist das dann legitim, wenn man eine Studie heranzieht, wonach in Restaurants weniger angesteckt wird als durch Schulen und Kitas. Hä? Andere Studien sagen anderes, und das Lesen von Wissenschaft ist nicht einfach, selbst für Herrn Wieler nicht. An der Grenze stehen Polizisten, die sich von solchen Überlegungen freihalten müssen, sonst geht gar nichts mehr.

Corona hat für einen Augenblick Gott und die Gesetzmäßigkeit der Geschichte ersetzt; für die, die glauben; mit Corona kann ich alles begründen, selbst das Grundgesetz und die Freiheiten und ihre Einschränkung.

Borges hat in seiner Bibliothek von Babel (1941) eine hinreissende Überlegung skizziert,

… daß die Bibliothek total ist und daß ihre Regale alle irgend möglichen Kombinationen der zwanzig und soviel orthographischen Zeichen (deren Zahl, wenn auch außerordentlich groß, nicht unendlich ist) verzeichnen, mithin alles, was sich irgend ausdrücken läßt: in sämtlichen Sprachen. Alles: die bis ins einzelne gehende Geschichte der Zukunft, die Autobiographien der Erzengel, den getreuen Katalog der Bibliothek, Tausende und Abertausende falscher Kataloge, den Nachweis ihrer Falschheit, den Nachweis der Falschheit des echten Katalogs, das gnostische Evangelium von Basilides, den Kommentar zu diesem Evangelium, den Kommentar zum Kommentar dieses Evangeliums, die wahrheitsgetreue Darstellung deines Todes, die Übertragung jeden Buches in sämtliche Sprachen, die Interpolationen jeden Buches in allen Büchern… (https://deutschunterlagen.files.wordpress.com/2014/12/borges-bibliothek-von-text.pdf) (17.5.2020).

Abgekürzt kann ich behaupten, dass die Verschwörer ihre Ansichten mit Hinweis auf die Bibliothek von Babel immer untermauern wollen und können. (Beispiele genug, etwa Spiegel #22/16.5.20, S.32-34 u.a.). Das ist nicht neu, ebenso wenig, dass harmlose Verschwörer, die also ihrem Verstand und Denkvermögen nicht trauen, oft von strategischen Nazis und anderen Verbrechern gut instrumentalisiert werden. Das war im übrigen nicht nur bei der Genese der NSDAP vor 1933 und bis weit ins Himmlersche Denkuniversum so, und das ist bei autoritären Gesellschaften ebenfalls wirklich.

Warum die Geschichte mit dem klugen Polizisten zu Eingang? Der Mann tut mir leid, denn er durchschaut meine Kritik am Einsatz, wenn man doch die Polizei anderswo wirklich dringend bräuchte.

Dekonstruieren wir den Satz mehrerer Politiker, wonach „nicht alle“ Demonstranten sich von den Rechten instrumentalisieren lassen und „auf dem Boden der Verfassung“ stünden (DLF 17.5., 8.30). Nicht alle Nichtnazis sind Nazis, Identitäre, Systemfeinde usw. Sie Demonstrieren für ihre Freiheit und übersehen, dass es DIE Freiheit DES Einzelnen nicht gibt. Das heißt, es gibt sie schon, aber nur innerhalb der Gesellschaft, die dem Einzelnen bestimmt, frei zu sein. Das ist kein Kollektivismus, wie ihn manche gern hätten, aber wo steht, dass es nur Freiheit gibt, wenn man frei leben möchte; also was dazu treten muss…um diese Freiheit zu verwirklichen.

Und dazu gehört zum Beispiel, dass die Polizei bei Demonstrationen ohne Einhaltung der Regeln (akzeptieren, ohne befürworten), eingreift (Erfurt, Riesa, Stuttgart, Berlin), weil die Demonstration a) andere Bürger gefährdet und b) den Brunnen der Berufung auf die Freiheit vergiftet.

Das Demonstrationsrecht ist ein Produkt der Meinungsfreiheit, wenn es aber zum Widerstandsrecht werden soll oder will, muss es sich mit mehr legitimieren als dem Vergleich der Hygieneanordnungen mit Sklaverei: „Lieber sterbe ich im Kampf für Freiheit und Demokratie, als dass ich mein Leben als Sklave in der Diktatur verbringe“ (Koch Hildmann, Spiegel a.a.O. S.33).  Einen Sklaven fragt man nicht, ob man ihn leben lässt. Aber das Sterben des Herrn Hildmann können wir uns ja anschauen, in unserer Diktatur. 

Kann man auch weniger verbalradikal sagen, dass manchen die Anordnungen nicht passen. Womit wieder ganz oben im Text bin. Mir passt vieles an der Straßenverkehrsordnung nicht, aber wenn ich sie ändere, muss ich das politisch machen und mir gesellschaftliche Unterstützung und Sachverstand dazu holen. Oder ich schreibe eine Satire auf diese Ordnung. Aber daran halten sollte ich mich schon.

Im Augenblick wird alles mit Corona begründet: das ist illegitim, sachlich falsch und wenig wirksam, wo es keinen Zusammenhang gibt. Protest und Ablehnung auszudrücken ist ein Grundrecht, aber ernst genommen (NICHT akzeptiert) werden muss die Verschwörungstheorie dann, wenn sie ein Grundrecht nur für sich und nicht für die Mehrheit der Menschen im Land oder darüber hinaus beansprucht: Dann muss man gegen sie einschreiten, vielleicht mit Priorität vor der Fahrradschwerpunktverfolgung.

Lemminge und Maulwürfe

Auf großen Plätzen sammelt sich der Pöbel, ohne Mundschutz, Schulter an Schulter, und röhrt wie ein kollektiver, angeschossener Hirsch. Polizisten werden angegriffen, weil sie die Regeln für Demonstrationen durchsetzen wollen – sie resignieren.

Georg Kreisler vor langer Zeit:

Wir ham den Tierschutzverein, wir ham den Kinderschutz,
Wir ham den Fensterschutzverein, und der ist gar nichts nutz.
Wir haben außerdem den Mutterfreuden Schutzverband
und einen Schutzverband für’s teure Vaterland.
wir ham den Denkmalschutz, wir haben auch den Jugendschutz
und einen Schutzverband, der schützen soll vor Schund und Schmutz.
Doch es gibt jemand, den man überhaupt nicht schützt –
ich möchte hoffen, daß man mich da unterstützt:


Wenn ein Räuber überrascht wird
Und das Weglaufen vergisst:
ja, wer schützt den Polizist?
Ja, wer schützt den Polizist?

Und wenn sie protestieren ja, wer schützt die Polizei?
Was ist schon ein Revolver und ein Knüppel oder zwei?

Drauf und dran, packen wir’s an! Schützen jeden Mann!


Ja wir schützen jedes Tier, schützen Steuerhinterziehr,
schützen Volksdemokratien, schützen Schützenkompanien.
Jeden Tag sind wir beim Schützen frisch dabei:
Schützen wir die Polizei!

Das ist natürlich doppeldeutig, und wenn sich die Nazis und Wutbürger mit den Verschwörungstheoretikern, Klimaleugnern und Impfgegnern verbünden, dann haben wir genau die Gemengelage, die wir früher bekämpfen müssen als die Weimarer Demokraten die NSDAP: die ist ja auch nicht nur mit dem Messer im Mund dahergelaufen und hat geprügelt, sondern sie hat auf genau die Passivität der Bevölkerung gesetzt, die eben noch kein Volk ist, von dem das Recht ausgeht und zu dem es zurückkehrt.

Wenn sich Nazis von der AfD auf das Grundgesetz, gar die Freiheit, berufen um andere Bürger anzustecken und zu verunsichern, schaut das nach Chaos und Libertinage aus – aber dieser Pöbel verlangt ja eine Diktatur der harten Hand, jedes Mittel, Klima und CoVid, ist recht: Nur  muss diese Diktatur die Verschwörungstheoretiker schützen, die den Entzug der Freiheiten für die normalen Menschen durchsetzen.

Wir müssen uns schon überlegen, wann und wie die Polizei wen (=alle! Also auch uns) schützen soll, und wann wir sie rechtsstaatlich schützen müssen. Wenn die Nazis „Freiheit“ rufen, denken wir an Biedermann und die Brandstifter, und wenn wir „Freiheit“ sagen, dürfen wir nicht Beliebigkeit meinen.

Mir stößt im Augenblick auf, dass mit Corona begründet wird, was damit wenig zu tun hat (Grenzregime, Konsumrestriktionen) und dass zu wenig erklärt wird, und zwar so, dass die Menschen es a) verstehen und b) darüber diskutieren könne, und bereits im Verhaltenszwiespalt sich zu verzwirbeln. Es geht nämlich bei der Pandemie nie um die Einschränkung von Freiheiten (Ungarn, Polen, aber nicht nur die), sondern um ihr Bewahren und ihre Ausbreitung außerhalb des Kontexts von Corona. Dieses Außerhalb ist unsere Welt, unsere Lebenswelt. Nicht Freiheiten werden durch die Gesundheitsmaßnahmen eingeschränkt, sondern ihre Gültigkeit in Situationen, in denen die anderen Grundrechte auch mitreden wollen.

Lasst euch nicht beirren, wenn die Nazis Freiheit sagen.  Wenn doch, lest „1984“ oder bewerbt euch um ein Staatsamt im Ministry of Truth.

  • Wie die Lemminge stürzen sich die Menschen auf anscheinend gelockerte Lebensumstände; (Man kann ihnen nicht eine größere Infektionswahrscheinlichkeit voraussagen als sie bei den anständigen Menschen bewirken);
  • Wie die Maulwürfe untergraben die Verschwörer das gepflegte Feld, um es auch unansehnlich zu machen (Wenn die Nazis „Freiheit“ sagen, bleibt ein brauner Fettrand am Begriff? – ein Bisschen sollte man schon selbstbewusst die Sprache nicht den Gaulands und Kalbitzens überlassen)

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Schaut in der Mediathek den Film „Im toten Winkel“, der gestern in der ARD lief. Der Zusammenhang ist nicht Corona.