Finis Terrae IV

Die Fortsetzung hält sich bei Vorworten auf.

Gibt es aus der Verzweiflung einen Ausweg, der in tätige Hoffnung mündet? Keine Frage für Politikwissenschaftler oder Soziologen, möchte ich meinen, und doch: sie ist unabwendbar. Wenn Aron Bodenheimer über Mozart schreibt, er sei ein trostloser Tröster, geht das in die gleiche Richtung. Er ist so wenig untröstlich, wie es seine Hörer sein sollen, nur man kann auch getröstet werden, weil und wenn der andere keinen Trost hat, trostlos ist. Verzweiflung ist die Sackgasse des sich Einrichtens in der Ausweglosigkeit einer so fremdbestimmten Situation, dass man sie besser erträgt als gegen ihre Windsmühlen und Geisterbahnfiguren zu kämpfen. Das ist leicht getan und noch leichter in der Kulturkritik gesagt. Hermann Hesses Steppenwolf fällt mir ein: : „Der Blick war viel eher traurig als ironisch, er war sogar abgründig und hoffnungslos traurig; eine stille, gewissermaßen sichere, gewissermaßen schon Gewohnheit und Form gewordene Verzweiflung war der Inhalt dieses Blickes. …“ (Der Steppenwolf, 1931, Fischer, S. 18). Bei Hesse dreht sich dann alles ins Rad des Wiederkehrens ein, und antibürgerlich ist heute noch nicht einmal ein Lockmittel. Sich der Politik, dem öffentlichen Raum zu verweigern, ist kein Widerstand, keine Resilienz, es ist der Ersatz von Handeln durch Meinung und Stimmung. Die Depression ist hier eine politische Pathologie, die in der scheinbaren Ausweglosigkeit so etwas wie das frühneuzeitliche sich Abfinden mit dem Fegefeuer sieht, ein wenig Trost, dass es nicht die Hölle des Kriegs ist.

Zu diesem Trost gehört ein Blick ins Feuilleton. Dort und nicht bei den politischen Nachrichten, findet sich eine Dichte der Reflexion, des Nachdenkens über unseren Zustand, der fälligen Kontroversen, wie sie lange nicht auffällig war. Philosophisch, politisch, alltagsklug – das gehört zum Trost, dem richtigen Text im falschen: denn obwohl die Nahtstellen zur Politik, zur Praxis und den Praktiken, zur „Agency“, wie es neuerdings heißt, deutlich sind, unmissverständliche Aufforderungen – gehe hin, tue desgleichen, oder gehe hin, und lerne – obwohl die Schlüsse darauf hinweisen, wo die Mauern der Sackgasse dünner, permeabler sind, dringt solcherart Überlegung noch nicht einmal in die politischen Spalten der gleichen Sendungen und Zeitungen, selten auch in die Kommentarseiten. Den Trost beständiger machen hieße auch: politischer lesen und hören. Ich beginne Listen anzulegen, was aufbewahrt werden soll, um dieses Lesenlernen zu erleichtern. Auch darin besteht die Verantwortung, sich im Verzweifeln nicht zur Ruhe zu legen. Ach, wir Schildkröten!

Als ich vor 15 Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft erwarb, eitle Vorsorge für ein bestimmtes politisches Amt, sagte mir ein guter Freund: du weißt, dass du damit auch die Verantwortung für die deutsche Geschichte auf dich nimmst? Ich sagte, das sei mir klar. Ja, aber die Haftung, wo es gar nicht mehr um persönliche Verantwortung geht. Beim armenischen Genozid haften alle Rechtsnachfolger des Deutschen Reichs, nicht schwierig, worin auch immer diese Haftung sich materialisiert. Bei der Shoah scheint die Aufarbeitung der Geschichte hier besser zu gelingen als anderswo, aber die Archive zur Beziehung mit Israel und des Judenmörders Globke (ich nenne ihn so, wer nicht in den Genuss seines Rassekommentars für Mischlinge o.ä. kam, musste umso eher sterben, ich will ihn so nennen), bleiben unzugänglich. Ich hafte, wofür ich schon deshalb nicht verantwortlich bin weil ich dagegen kritisch und mit Verstand ankämpfe: außenpolitische und menschenrechtliche Fehlhaltungen. Aber worin kann sich diese Haftung praktisch ausdrücken – etwa darin, die Geschichte lebendig zu halten, aber ihre Deutungen nicht voluntaristisch dort einzusetzen, wo es angezeigt ist, und sie dort gegen den die Evidenz des Gegenwärtigen einzutauschen, wo man aus lauter Schaum und Versäumnis fast erstickt, nicht handeln kann?

Die Staatsbürgerschaft innerhalb der EU, des staatenbündischen Europa, erschien mir schon damals marginal. Zu Unrecht, wenn wir die heutigen Debatten anschauen. Also ein weiteres Vorwort. Um an die Grenzen der Welt zu gelangen, die uns so deutlich vor Augenstehen, muss man dennoch durch viele Ländern gehen – was manchen lieb wäre: durch viele Nationalstaaten. Halbgebildete mutmaßen über den Sinn von Grenzen und Begrenzungen, sie vermischen so viel es geht, um die Politiker zu verwirren. Eine meine Lieblingsbeschäftigungen ist die begriffliche Auseinanderklauberei: Borders, Boundaries, Delineations, Frontiers…allesamt Grenzen. Welchen Begriff man wählt, verwendet, setzt im Deutschen denn ein wenig mehr „Kontextualisierung“ voraus als im Englischen, so wie bei Liberty und Freedom. Aber hier wird es halt wirklich hart: es geht um Tote, Überlebende, und um das künftige Schicksal derer, die oft aus Zufall nicht tot, ertrunken, gebombt, verblutet oder dem Wahnsinn überantwortet sind: Welchen normativen Rahmen überantworten wir die Kontexte?

Eine mögliche Antwort, die mich sowohl die geforderte Trostlosigkeit annehmen lässt als auch zum politischen Handeln drängt ist eine wichtige Klärung: Themen und Probleme auseinanderhalten; die erwünschte Normalität gegenüber dem perpetuierten Ausnahmezustand vorziehen.

Das Erste erscheint einfach. Aber es ist schwierig z.B. klar zu machen, dass Flüchtlinge keineswegs das Problem sind, sondern ein Thema, das vom Problem abgeleitet wird oder zu ihm führen kann. Das Problem ist die deutsche Außenpolitik, die Legitimation dieser Politik vor der Bevölkerung, aber auch vor den Lobbys, die unsere Regierung teilweise entmachtet haben (Waffen, Wirtschaft, Bündnisse etc.). Das Problem ist auch die EU Integration, deren Schwächen nicht mit dem nachholenden Nationalismus spättotalitärer Regierungsführung zugeklebt werden können. Flüchtlinge sollten schon deshalb kein Problem sein, weil die Probleme, die sie tatsächlich schaffen, unterhalb der Grenze von Herausforderung für unser Gesellschaftssystem liegen. Aber zum Zweiten:  für die Politik erscheint es einfacher, sich Legitimation durch die Ausrufung dauernder Krisen und dauernden Ausnahmezustands zu verschaffen. Das wiederum ist in der Außenpolitik manifest, in anderen Politikbereichen latent, oft nur als Stimmung wahrnehmbar: wenn behauptet wird, dass es Zurück zur Normalität ja wohl nicht gäbe….als ob das jemand wollte. Normalität ist ja nicht nur der durch die Quantifizierung der Welt entstehende Normalismus (wir danken Jürgen Link zu wenig für diese Überlegungen), sondern Normalität sollte ja vor allem die unablässige nachhaltige Dynamik der Konfliktbewältigung sein, also nie eine Wiederherstellung von Vergangenheit und vermuteter Stabilität.

Schon das Einüben dieses Zusammenhangs ist schwierig. Aber genau darin liegt auch die politische Chance des Umkehrens aus der Sackgasse der trostlosen Verzweiflung. Die Ideologisierung der Probleme, die darin besteht, aus Ihnen ein unübersehbare und bedrohliche Flut von Themen zu machen.

Das ist sozusagen ein Einschub, der ein wenig meine Arbeitsweise mir selbst deutlich macht: ich schreibe da nicht einfach als ein grantiger Citoyen und auch nicht als ein entmutigter Humanist, sondern als ein Wissenschaftler, dem seine eigenen Denkweisen angesichts einer von ihm mit verantworteten Wirklichkeit zum Problem geworden ist. Thema: Flüchtlinge, zum Beispiel.

Vor einigen Tagen sprachen Seehofer und andere bayrische Landvögte den Opfern des Hochwassers ihr Beileid und ihre Betroffenheit über 8 Ertrunkene aus. Das ist gut und richtig so, wie denn auch nicht. Am gleichen Tag ertranken 800 Flüchtlinge vor den Küsten der sicheren Herkunftsländer im Maghreb bzw. Libyens. Am gleichen Tag erfahren wir, wie viele der glücklich geretteten und bei uns angekommenen Flüchtlinge ihre Familien erwarten. Sympathie, Mit-Leiden reicht nicht. Können wir uns vorstellen, von einem Unwetter heimgesucht, um Haus und Hof gebracht worden zu sein, auf die Hilfe unserer Dorf- oder Hilfsgemeinschaft angewiesen zu sein? Sicherlich, und hier kann man Vertrauen fast verallgemeinern. Versetzen wir uns in einen der Flüchtlinge auf dem Schlauchboot. Können wir das ohne unseren Wortschatz zu erweitern? Wir können es ohne Sentimentalität. Es geht einfach darum, wie viele Menschenleben weiter bestehen und wie viele nicht. Das hat etwas mit der Politik zu tun, für die wir mit haften, weshalb es für die Sackgasse zu früh ist.

(Finis terrae V folgt, aber vorher eine ausführliche Rede zu Asyl und Ausnahmezustand).

 

Ohne Gott, bitte.

Vor dem Brandenburger Tor demonstrieren so genannte „Deutschtürken“ gegen die Armenienresolution des Bundestags. Sogenannt nenne ich sie, weil sie entweder türkische Deutsche sind, also Deutsche, oder Türken aus der Türkei. Darum geht’s mir aber nicht. Sollen sie demonstrieren. Was mich stört sind zwei Slogans „Allahu Akbar“ und „Groß ist die Türkei“. Vor allem in Verbindung mit einander. Gott ist groß, meinetwegen. Ihn für eine politische Einzelaussage oder einen Event groß sein zu lassen, ist entweder komisch oder gefährlich. Ich tendiere zum Zweiten. Gott als Zeugen für eine politische Meinung anzurufen, ist nach religiösen Geboten, die für alle drei monotheistischen Religionen gelten, blasphemisch; und säkular unsinnig, weil die Anrufung der Größe Gottes ja den Argumenten der Protestierer keinen Mehrwert verschafft. Blasphemisch, das kann man etwa am Zweiten Gebot der Gesetze vom Sinai genau studieren, und immerhin hat der Prophet die auch studiert –  für irgendeinen weltlichen Zweck darf man Gott nicht in Anspruch nehmen (ich finde selbst das „so wahr mir Gott helfe“ der Eidesformel für völlig unangemessen, schon gar in der Öffentlichkeit).

Viele Politiker haben in den letzten Tagen Drohungen, Schmähungen und andere Angriffe wegen der Resolution auszuhalten gehabt. „Allahu Akbar“ erinnert mich in diesem Zusammenhang mit der christlichen Gewaltgeschichte: „Deus lo vult“, „Gott will es“, damit hat in Kreuzzugszeiten (1095 erstmals) gerechtfertigt, was nicht zu rechtfertigen war. Aber wenn Gott dahinter steckt….Das „Es“ stört mich, weil es alles beinhalten kann, was der Macht gefällt: auch Gewalt, Demütigung und Rechtlosigkeit.

Die Unverschämtheit der besagten (kleinen, unwichtigen) Demonstration liegt nicht in der Sache: sollen die ewig Gestrigen gegen die Geschichte mobil machen, wir werden uns zu wehren wissen (Cem Özdemir hat das übrigens im DLF am 2.6. sehr gut gemacht). Aber mich stört die Anrufung Gottes als Einmischung in die Öffentlichkeit einer Auseinandersetzung, in der kein Gott etwas zu suchen hat. Und wenn dann die große Türkei dadurch noch größer gemacht werden soll, müsste uns das nicht interessieren.

Vor so einem instrumentalisierten Gott muss man alle Menschen schützen, die sich unter den Schutz der Glaubensfreiheit begeben, den unsere Verfassung und unsere öffentliche Moral ihnen verspricht, versprechen muss.

Finis Terrae III

Um sich der Situation zu nähern, in der wir verzweifeln müssen, um weiter leben zu können, um als Menschen im öffentlichen Raum handeln zu können, als Personen kenntlich zu sein, kann ich keinen Kompromiss erkennen, bevor ich nicht weiß, zwischen welchen unvereinbaren Positionen er geschlossen wird. Der Erdögan kommt mir in die Quere, die aktuelle Demütigung der Demokratie lässt daran zweifeln, ob nicht das darüber hinausgehende Nachdenken nur eine besänftigende Arabeske ist. Aber nein, ich versuche mich zu widersetzen. Carl Améry hat einmal vom Terror der Aktualität gesprochen, und so schiebe ich diesen Alptraum von Tagesverletzung weg von mir, wissend dass er mich morgen bei einer politischen Veranstaltung und in ein paar Tagen an der täglichen Arbeit wieder einholen wird. Ganz punktuell ist dieser Einbruch in unsere begrenzten Freiheitsräume ja ohnedies nicht, da die EU-Kommission auch mit anderen Diktatoren und Mördern freundliche Abkommen zur Flüchtlingsabschiebung treffen möchte, wohl in der Annahme, dass jeder doch am besten dort stirbt, woher er oder sie kommt.

Der Zeitstrahl in die bessere Zukunft ist jedenfalls weiter geknickt, was sich vielleicht auflösen oder umlenken lassen wird. Dass es soweit kommen musste, ist folgerichtig, und die Spiegelhälften der totalitären europäischen Grundvoraussetzungen nähern sich wieder erschreckend an. Das 19. Jahrhundert galt als ewig, weil es in das 20. so weit hineinragte, dass es nicht zu Ende gebracht wurde, und jetzt setzen sich die Formen des letzten Jahrhunderts, die Zeit auch vor dem Zweiten Weltkrieg, vor dem Kalten Krieg, vor der Entkolonisierung bei uns fest. Ich sage bewusst nicht „wieder“, vieles hat nie aufgehört, unter der Hoffnung durch zu tauchen, mit angehaltenem Atem. Schrecklich, dass es nur wenige Verschiebungen an Begriffen und Metaphern geben muss, um die Nivellierung unserer europäischen Schweinwelt („Werte“) und aller irgendwie opportun erscheinenden Diktaturen und Mordregime zu bemänteln; schrecklich, dass lächerlich geringe Zahlen – 3 Millionen Flüchtlinge – schon ausreichen, um die Masken von unseren zufriedenen Gesichtern der Mitte zu erodieren.

Nicht wirklich souveräne Nationalstaaten besinnen sich darauf, dass sie als Nationalstaaten vielleicht besser führen als in Staatenbünden, schon gar als der Bundesstaat, der wir längst sein müssten, um die Krise des dissoziativen Zerfalls abzuwehren. Es gibt Gründe, warum die osteuropäischen Länder nach zwei Diktaturen dem Sirenenruf des ethnischen, religiösen, faschistoiden Nationalismus nachgeben, Gründe, die man weder billigen noch dulden sollte, die man aber verstehen muss, um sie bekämpfen zu können. Und es gibt gar keinen Grund, warum Länder wie Österreich, die Niederlande oder die Skandinavier sich in einen Nationalismus einüben, der ihnen nur schaden kann; die Politik muss man so wenig respektieren wie die Ängste der Bürger vor den imaginären Flüchtlingen. Beide Nationalismen sind nicht einfach Rückfälle, sie signalisieren die Normalität einer Evolutionsstufe von Rechtsstaat und Freiheit, die nirgendwo so gefestigt ist, wie man sie beim Betriebsausflug ins bessre Land seit den 60er Jahren gesehen hätte. Die USA sind so wenig unser Verbündeter in Sachen Freiheit und Werte wie die Anrufung Europas noch irgend einen tieferen Sinn ergibt angesichts der Prioritäten des Zusammenhalts, als da sind Abwehr und Rückzug aus den bereits erreichten Standards abgebauter nationalstaatlicher Souveränität.

Der Nationalismus geht der Nation voraus. Er kann dem Staatenbund nicht vorausgehen, weil der nicht einfach aus Nationen besteht. Deshalb lehnen ihn die meisten der EU Gegner auch ab. Berufen auf eine Demokratie, der die Mehrheiten müde sind und deren Repräsentanten sich in schlechtem Beispiel überbieten, hilft wenig. Vor allem kann die Demokratie mit Mehrheitsentscheidungen zu Deutschtum, Türkentum, auch Europäertum, nichts anfangen; was fehlt, ist eine republikanischer Grundton in allen politischen Denkakten, auch für die Schaffung eines „Europäischen öffentlichen Raums“. Vgl. auch Finis terrae II. Da dieses Anliegen weder neu noch originell ist, kann es leicht durch alle möglichen ideologischen oder auch kleinstteiligen Aktionen und Diskurse verdeckt werden, als wäre es nicht die Grundlage für die Aktivierung demokratischer Prozeduren. Die Verachtung dieser Prozeduren, die Abkürzung durch die Selbstzuweisung der Position des „Volkes“ – wir sind es, auch wenn wir gegen es sind: Pegida, AfD, aber auch mancher Stammtisch der Mitte, und in ganz vielen Interessengruppen, Vereinen und der Basisorganisation des Volkes als sich vergessen fühlende Bürgerinnen und Bürger  – diese Verachtung ist eine Trotzreaktion, die nicht verstehen will, was für Mühe Demokratie im Gegensatz zu Unterwerfung macht, machen muss.

Wie das alles zusammenhängt, ist nicht einfach, aber leistbar zu vermitteln. Die Selbst-Entmächtigung der Demokratiemüden durch die falsche, aber eingängige Behauptung, „die Politik“ würde sie nicht wahrnehmen erregt auch bei mir Wut, aber gespalten in die Verzweiflung darüber, dass sich die politischen Mandatare nicht wehren und in die Aggression, die auf das Mitleid und Verständnis derer hoffen, die nichts dazu tun, diesen Entsolidarisierungsprozess zum Programm zu machen. Man kann das auch Stimmungsdemokratie nennen (Heinz Bude ist ein verlässlicher Analytiker). Oder auch Teilherrschaft von Gefühl und Empfindung, kontrafaktische Entmachtung der Vernünftigkeit von Argumenten und Prozeduren. Dadurch, dass viele Politiker*innen sich nicht gegen ihre Entmachtung durch den Volksmund wehren, ja, diesen sogar als legitimen Ort von Angst quasi in eine Verständniskoalition bringen, entmündigen sie ihre Handlungsfähigkeit[1]. Die müssen sie aber haben, wenn sie gewählt werden als Garanten der Durchsetzung der Regeln, die wir uns selbst geben. Statt von den Politikern zu fordern, was ihres Amtes ist, fördern wir sie durch ihre Auslieferung an Lobbys und die Angst der Übeltäter.

Das Volk ist keine Volksgemeinschaft. Die meisten Kritiker der Situation beklagen, dass die Menschen  – viele Menschen – das Gefühl für Zugehörigkeit, „belonging to“, verloren hätten. Man kann aber einer Volksgemeinschaft nicht zugehören, oder ihr beitreten, weil sie schon schicksalhaft einen in die Hierarchie – meist rassistisch, aber auch kulturell und sozial – einordnet. Man ist schon eine Karteikarte (Im Bericht über die neuen Nazis Götz Kubitschek und Ellen Kositza haben das Bender/Bingener (16.4.2016) gut herausgearbeitet, vor allem, wie Wahlen und Demokratie den „einheitlichen Volkswillen privatisieren“ (das geht auf Carl Schmitt zurück). Der Demos, das Volk, auf dessen Souveränität Demokratie aufbauen, ist niemals eine Volksgemeinschaft, weil die Vergesellschaft erst dadurch geschehen kann, dass die Menschen sich selbst zugehören. Das ist die Bedingung für Republik. Und daran fehlt es.

Aron Bodenheimer, Freund, gelehrter Analytiker und aufbegehrender jüdischer Gelehrter, hat an entscheidender Stelle von unserem Stamm gesagt „Teilnehmen und nicht dazu gehören“. Dieses Schicksal kann ich verallgemeinern: die Zugehörigkeit kann nicht verliehen werden, aber die Teilhabe sollten wir erarbeitet, wo immer wir sind. Den Raumschaffen, dessen Öffentlichkeit unsere Vergesellschaftung mit einbezieht, nicht unser Wir dem Sie der Macht entgegenstellen. Nun hilft das nicht gegen die Verzweiflung und es hilft nicht unbedingt für die weitere Analyse. Oder doch: wenn wir in viele, scheinbar unendlich viele, Zugehörigkeiten uns aufspalten lassen, aus dem scheinbaren Pluralismus der Eigenartigkeit jeder Besonderheit, und jede Eigenart ihren unverrückbaren Platz in einem göttlichen oder auch nur parteipolitischen Heilsplan hat, dann steht uns niemand mehr nahe, der sich dieser Besonderheit unterwirft. Die Bescheidung auf die kleinstmögliche Zelle der Vergemeinschaftung erfordert für diese totalitäre Autorität über die Gruppe, wir da draußen sollen, dürfen an nichts teilhaben, was drinnen geschieht. Das ist das Ende der Weltgesellschaft, das sich hier im Kleinen abzeichnet. Noch nicht festgefügt, aber im Wachsen.

Es würde zu weit gehen, zu behaupten unter diesem kosmopolitischen Blickwinkel gäbe es „kein“ Polen, Ungarn Deutschland, aber die Bedeutung dieser Bezeichnung geht nicht annähernd im Blickwinkel auf, unter dem wir Unterschiede wahrnehmen. Das gleiche gälte für politische und kulturelle Systeme, die plötzlich als gleich und mit Eigenart versehen würden, egal wie unmenschlich, uneffektiv und ungerecht sie seien. Dieser vermeintliche Pluralismus bedeutet nichts anderes, als dass jeder Machthaber in seinem Bereich herrschen kann, wie er will. Trivial?

Erst die Einmischungspflicht, die Teilhabe, ermöglicht Analyse, Verständnis und vielfach auch die Erklärung. So geht’s weiter, und ermöglicht eine Fortsetzung.

[1] Diesen Absatz lese ich gerade durch, als auf einer Parteiveranstaltung der Grünen in einem Vortrag genau dieser Sachverhalt empirisch belegt für das kleinteilige Ressentiment gebracht wurde. Die Gegenwehr über Kommunikation ist ein überzeugender Beitrag gegen die Resignation. Und es wäre gut, reagierten Politiker schnell auf vorausschauende Vorbereitung auf Flüchtlinge, die noch kommen werden. Stattdessen bekommt man Dank ohne Anerkennung. Der Vortrag der Vertreterin Frauke Postel von „Tolerantes Brandenburg“ (16.4.2016) sollte im Detail nachgedacht werden, als starke Dosis gegen die Verzweiflung, auch in der Verteidigung der repräsentativen Demokratie. wenn die Volksgemeinschaft sich der Plebiszite annimmt, dann fällt mehr als nur das Verbot der Todesstrafe, dann fällt die Europäische Vorstellung eines friedlichen Staatenbundes.

Nazis? Nicht schon wieder…

 

  1. Ein Problem: Wissenschaft und Satire.

Satire darf alles. Ich bleibe bei Tucholskys Satz, und zwar ohne Abstriche. Über Geschmack streite ich, jederzeit, aber nicht über die Freiheit ihn zu verletzen. Denn die Beleidigung trifft nicht die Menschenwürde, sondern die Ehre. Und Ehre ist eine analytische Kategorie, die eine Variable bezeichnet, des einen Ehre ist des andern Schande, und oft steht Ehre für Macht oder ersetzt Ohnmacht. Satire verweist auf die Wirklichkeit, die oft anders nicht zu sehen ist als durch ihren Angriff.

Wissenschaft darf auch alles. Sie verweist ebenfalls auf die Wirklichkeit, ihre Ergebnisse sind aber nicht dem Augenschein, sondern der Analyse und Theorie geschuldet, also der Wahrheit. Wissenschaft muss beleidigen, wo sie das angreift, was – aus schlechten Gründen oder Unwissenheit oder Täuschung, – für wahr gehalten wird. Sie ist aus den gleichen Gründen angreifbar, darf nicht beleidigt reagieren, wenn sie angegriffen wird, muss sich wehren, wenn ihr Versuch der Wahrheit kompromittiert wird.

Wie nun, wenn wissenschaftliche Begriffsbildung schärfer zuschlägt als Satire? Wenn man, mit guten und argumentierbaren Gründen Tabus bricht, Menschen so charakterisiert, dass sie entweder reagieren müssen oder nach dem Staat und dem Strafrecht schreien?

Populäre Beschimpfungen stammen nicht aus der Wissenschaft: „du bist behindert“, „du Opfer“, und dergleichen mehr stammen aus unserer jüngeren Geschichte und werden verabscheut, aber kaum kritisiert, nicht geahndet…sondern als populistischer Jugendjargon oder rechtes Idiom abgetan. Anders ist es seit einigen Jahren, als „Antisemit“ zum nicht-hintergehbaren Schimpfwort wurde. Versuch dich wehren, wenn dir einer das A-Wort entgegenschleudert, öffentlich gar, und du aus der Verteidigungsposition kaum sagen kannst, was du gerade gesagt hast. Wenn Antisemiten dieses A-Wort gut einsetzen, immunisieren sie ganze Gruppen und die Politik gegen den Antisemitismus und zerstören die notwendige Gegenwehr.

Wie ist das nun mit einem Gegenwort, „du Nazi“, mehr noch als „du Faschist“? (Die zweite Person „Du“ ist noch und immer eine zusätzliche Herablassung, die bei „Sie“ in der Anrede beleidigender und schärfer ist, weil man das gegenüber für voll nimmt). Das kann man doch nur sagen, wenn man begründet, jemand rede/handle wie ein Nazi oder er/sie handle als Nazi.

Als Wissenschaftler muss ich auf diese Differenz achten, aber in beiden Fällen muss ich von Nazis sprechen, wenn ich die begründbare und belegbare Vermutung habe, dass die Person wie und als Nazi spricht und handelt. Kein Vertun. Die Beweislast liegt bei meinen Argumenten und ob sich der Angegriffene verteidigt, und wie, kann mir erstmal egal sein: ich muss meine Aussage begründen, und auch, warum und wozu ich sie mache, genauer: wenn ich sie an die Öffentlichkeit wende, dann impliziert das auch meine Auffassung vom politischen Raum, indem sich nicht nur die Meinungsfreiheit konstituiert, sondern auch die Wissenschaftsfreiheit und Kritik und die Adressaten des Denkens ausgehandelt werden.

  1. These

Wenn man von Nazis spricht, haben viele die Assoziation von stämmigen im Nacken ausrasierten Schlägertypen und einer unflätigen und pöbelhaften Ausdrucksweise; deren Rede schon versprach, was sie dann ja auch eingelöst hatten. Die Feinfühligeren, die Gebildeteren unter den Nazis waren nur in ihren Kreisen sichtbar und wirkten nicht minder nachhaltig. Aber ihr Bild ist unscharf geworden, war nie präzise: zu viel Gemeinsames gab es in der Wortwahl, als dass man im Nachhinein auf den Inhalt hätte geachtet. Die politische Bildung und viel Aufklärung haben diese Vorstellungen einer Nazi-„Oberfläche“ verfestigt, sodass oft gar nicht mehr darüber nachgedacht wird, was eigentlich genau diese Leute damals gesagt, was genau sie angekündigt und was sie verwirklicht hatten. Verfolgen wir die Strategien der Nationalsozialisten nach und binden wir sie in damalige Diskurse ein, die nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa stark entwickelt waren, dann können wir vergleichen und werden viele Ähnlichkeiten erkennen. Wenn sich einer ausdrückt wie ein Nazi, argumentiert wie ein Nazi, die gleiche Logik anwendet wie ein Nazi, was ist der dann, oder die?

Es wäre naiv, die Bezeichnung auf oberflächliche Erscheinungsformen, Kleidung etwa, Leitbegriffe o.ä., zu reduzieren. Heute kommen Nazis natürlich ganz anders daher als in den zwanziger Jahren. Analytisch kommt man nicht umhin, die FPÖ in Österreich, die ungarische Regierungspartei und ihre Konkurrentin Jobbik und auch die AfD in Teilen als nazistisch zu bezeichnen, wobei die Abgrenzung zum totalitären Staatsbegriff oft unscharf ist (Faschismus will den gewaltsamen Staat, die völkischen Nazis wollen gerade die Herrschaft jenseits des Staats). Und entsprechende Traditionslinien lassen sich bis in die Hetze mancher „christlich-sozialen“ Parteivorständler und anderer Lautsprecher der Volksparteien, dort allerdings in der Minderheit, verfolgen. Jedenfalls ist der Begriff „rechts-populistisch“ verharmlosend, ja, beschwichtigend und außerdem unscharf, denn Populismus hat ja auch seine elitenkritische Seite. Und die ist natürlich bedenkenswert, wenn sich die Eliten im Wegschauen, Verharmlosen oder aber auch Verteidigen von Positionen üben, die Teil der Probleme und nicht ihrer Lösung sind.

Samuel Salzborn aus Göttingen ist einer der Wenigen, die diese historische Linie beim Namen nennen und verfolgen (FR 8.4.2016,2-3). Aber natürlich gibt es viel artikulierten Widerstand gegen das Wiedergängertum völkischer Ressentiments. Nicht nur das Feuilleton, auch die Reportagen und Kommentare der freien Medien bei uns sind besser geworden im Widerstand, auch hier mit bedauerlichen Ausnahmen. Nur wagt man die Analogie nicht oft auszusprechen, es erscheint undenkbar, dass sich wiederholt, was sich damit verbindet. Der Stacheldraht zwischen EU Mitgliedsländern, der Orban-Seehofersche Geifer, die christlich-nationalistischen Ausfälle in Polen, das stumpfe Ustascha-Revival, all das hätte ich vor drei Jahren zwar für denkbar, aber kaum für vorstellbar gehalten. Brüssel schweigt dazu, wie zu vielem Wichtigen. De Maizière wäre zu wünschen, in der Zeitmaschine als Hugenotte an den Grenzen Preussens zurückgewiesen zu werden; die rassistische Hetzjagd der CSU auf einen nicht-weißen katholischen Pfarrer ist nicht vor Gericht, sondern am Biertisch gelandet. Wiederkehr aus Einzelbeispielen summiert? Methodisch ist das möglich, aber nicht einfach.

Mir geht es nicht um die immer wieder notwendige Auflistung und Aktualisierung der deutschen und europäische Nazi-Novellen. Es gibt genügend Widerstandskraft, dass wir nicht „noch gibt es sie“ sagen müssen. Wir haben das Kabarett und die „Lügenpresse“, die man wieder so richtig mögen kann; aber wir sind in der Sphäre der politischen Öffentlichkeit zu unentschlossen zu sagen was ist. Als passte zwischen die CSU und den Rand tatsächlich noch jemand. (Ob das „Rechts“ im alten Schema ist, muss neu gedeutet werden…).

Übrigens: in den USA darf man sich wieder weigern, Schwulen etwas zu verkaufen, aus christlicher Gesinnung. Nur im vorzivilisierten Mississippi, auch in Carolina wird das vorbereitet. Man sollte den Botschafter einbestellen. Soweit zur Freundschaft.

  1. Antithese

Mit diesen Ausführungen lasse ich mich genauso instrumentalisieren, wie es die AfD und die Rechten in der Politik gerne wollen. Ich lasse mich von Einzelfällen, die verabscheuungswürdig, aber eben nicht repräsentativ sind, in die Falle locken, in dem ich den Nazi Höcke für die AfD und die bayrische Priesterverfolgung für die CDU nehme und dann den Schluss von der Wiederkehr der Nazis vorschnell ziehe.

„In Wirklichkeit“ ist das alles nicht so fürchterlich. Habe ich nicht selbst vor einigen Jahren – in wissenschaftlichem Zusammenhang – geschrieben, 15% für eine rechte Partei (also tatsächlich rechts von der CSU) sei in Demokratien normal und noch mehr sei verkraftbar, weil und wenn es eben eine Demokratie sei? Was machen denn die Rechten wirklich? Sie kritisieren Missstände, die die Regierenden verniedlichen oder ignorieren, sie schauen dem Volk aufs Maul, was die Regierenden tunlichst nicht tun, sie regeln im Lokalen, wohin die Herrschenden nicht kommen? Und im Übrigen ist der Rest des anstehenden Parteiprogramms so inhaltsleer wie die Programme anderer Parteien. Wir sind überheblich, wenn wir der AfD nicht glauben, sie nähme die Ängste des Volks nicht ernst. Und dass sie lieber Deutsch als muslimisch sein wollen, ist das gute Recht einer ethnopluralistischen Gesellschaft (Vorsicht: der Begriff hat es nicht positiv in sich).

Machen wir also gute und verständliche Politik, dann erledigen sich die rechten Ausreißer von selber, so wie das die Linke auch getan hat und noch tut. Gehen wir auf die Menschen zu, hören uns ihre Sorgen und Ängste an. Das Volk will nicht nur seinen Besitz bewahren, es will klare Regeln und angemessene Strafen für Regelverletzer haben, und das Eigene soll nie schlechter dastehen als das Fremde. Ist denn das nicht, mit winzigen Variationen, das im Normalmodus unserer Gesellschaft fast jeder sagen könnte, jeder Sozialdemokrat, Grüner, Christsozialer, Liberaler? Naja, Unterschiede muss es geben dürfen, weil es sie gibt. Und was die Nazi-Analogie betrifft, so ist der Vergleich absurd: es geht ja nicht um die Judenvernichtung, auch nicht um die Vernichtung von Flüchtlingen oder Muslimen, sondern nur darum, dass sie nicht so zahlreich bei uns das zerstören, was wir so beispielhaft – aus der Geschichte haben wir gelernt – aufgebaut haben. „Wir“, das Volk.

  1. Keine Synthese, und Kompromiss wobei?

Meine Antithese greift auf, was ich jeden Tag höre, in der S bahn, auch im Gespräch mit ansonsten eher angenehmen Gesprächspartnern, was ich lese in den Analysen der Medien und der Wissenschaft. Aber die Antithese ist ja nicht, was gesagt wird, sondern was es bedeutet, dass es heute und so gesagt und getan wird.

Zwischenruf: was ich damit meine, ist auch vorbildlich in der dreiteiligen Fernsehserie „Kudamm 56“ im ZDF abgebildet worden. Das war die Generation, in die ich hineingeboren wurde, und deren Kinder eben heute das Volk repräsentieren, und deren Enkel auch schon da sind im Konflikt. Ich konnte 1968 schreiben, dass wir nur 23 Jahre vom Kriegsende entfernt sind und 35 Jahre von der Machtübernahme; ich konnte 1989 schreiben, dass es nach 1968 fast so weit ist, wie von dort zum Krieg, und heute ist es verständlich, dass viele EU-Bewohner nach 1989 viel mehr Abscheu vor dem Kommunismus haben als vor den Nazis, die Halbwertzeiten der Erinnerung sind nur in der Wissenschaft leicht aufzubrechen; oder ist heute überhaupt noch in ein Geschichts“bild“ einzubauen, wenn man nicht weiß, wonach man sucht? Und deshalb auf Erzählungen zurückgreift, die unwahr, aber attraktiv sind („christliches Abendland“, Volksgemeinschaft geht vor Staatsmacht, Abgrenzung schafft Identität).

Ich habe schon mehrfach darauf hingewiesen, dass die Nazis seit ihren Anfängen zwei Diskurse besonders gepflegt hatten: zum einen die Kritik an der Demokratie genau dort, wo deren „Schwachpunkte“ eigentlich die Stärke republikanischen Staats- und Gesellschaftsverständnisses sind: die differenzierte und egalitäre Meinungsbildung mit dem Ziel, dass sich eine Republik Regeln gibt, an die sich Mehrheiten und Minderheiten halten, weil und nicht obwohl sie demokratisch zustande gekommen sind. Zum andern aber die Kritik an tatsächlichen Missständen, die – isoliert und überhöht dargestellt – nur beseitigt werden können, wenn die Verfahren beseitigt werden, die angeblich zu ihrem Bestandteil gehören. Solche Punkte sind nicht willkürlich aufgegriffen, Wissenschaft, aber auch genaues Hinsehen, kann sie oft erkennen: die Begründungen für die ausländerfeindliche Maut, die  Obergrenzendebatte über Flüchtlinge, die ständige Drohung mit Gewalt und Strafen (Schießbefehl, Sozialleistungsverweigerung etc.), und immer wieder der Besitzstand an imaginären Gründen für die eigene Zufriedenheit bzw. Unzufriedenheit mit den Herrschenden im „System“. Der Begriff taucht auch wieder auf.

Die Müdigkeit an der Demokratie, die europaweit um sich greift, schlägt uns oft den Widerstand gegen den Blödsinn der Nazis aus der Hand. Von Weimar sagt man, es wäre eine Republik ohne Republikaner gewesen, bei uns ist jedenfalls der Duktus der Gleichgültigkeit gewachsen gegen beides – das liberale tua res agitur, kümmere dich um das, was dich angeht, und zwar öffentlich, wo es hingehört – und die demokratische und solidarische Einsicht, dass niemand aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden kann.

Die Konfrontation mit der Nazi-Analogie ist wichtig. Sie mag manche befremden und andere reizen, und wieder andere beleidigen. Das nehmen wir in der Wissenschaft auf uns, wie die Satiriker sich mit Karl Kraus sagen müssen: Satiren, die der Zensor versteht, werden mit Recht verboten. (Fackel 309/10). Und wer weiß, vielleicht sehen manche den Nazi-Vergleich mit Erschrecken, wenn sie lernen, was die Nazis wirklich gesagt und getan haben.

 

 

Finis Terrae II

Dass man verzweifeln kann, ist noch kein großer Schaden. Aber Verzweiflung ist ebensowenig eine politische Kategorie wie Dankbarkeit, Freundschaft, Ablehnung. Die ethnische, religiöse, historische „Nichtübersetzbarkeit“ von Standpunkten ist ein Schutzschild, um Konflikte auf der Ebene von Missverständnis oder Feindbilderklärungen scheinbar zu entschärfen, in Wahrheit aber weiterzutragen. Ressentiments, wie Huntingtons „Kampf der Kulturen“, sind keine überwundene Rechtfertigung schlechter Politik. Wenn ich jetzt etwas an der Politik, d.h. an der „Situation“ verzweifle, heißt das nur, dass ich (noch) nicht zusammenbekomme, was wie große, bedrohliche Problemtrümmer um mich herumfliegt.

Unter der Oberfläche eines dissoziierenden politischen Systems, der EU, erkenne ich eine unerwartete Bewegung: einigen der Scharfmacher innerhalb dieses Systems scheint der Druck zuzusetzen, dass sie „zu weit“ gegangen seien (Seehofer mit seinem „Unrechtsstaat“), und sie keilen jetzt an anderen Fronten, wie der Sozialpolitik. Andere suchen ihr Heil in der Zuspitzung der Krise, wie Österreich und die Westbalkanländer. Das alles bringt die Fronten durcheinander, die sich ja auch unter dem Satz „Diese EU brauchen wir nicht“ zusammenfassen lassen. Eine andere EU bedeutet nicht automatisch ein anderes Europa, und ein anderes Europa ist nicht gleich ein besseres. Das wenigstens sollten wir als Ausgangsbasis ernst nehmen.

Die Ultrakonservativen haben sich immer schon des Abendlandes bemächtigt, und dann Europa darunter subsumiert. Das ist historisch weitgehend falsch montiert, aber der Alltagsverstand will es so. Nation Europa (1951 bis 2009) ist der programmatische Titel einer vielbeachteten rechtsextremen Zeitschrift gewesen.Jörg Haider, gegen den es wenigstens noch EU Sanktionen gab – (zu Recht umstrittene Reaktion auf die damalige FPÖ) – hat bei Alain der Benoist gelernt, war gegen den Islam aber für einen frühen EU-Betritt der Türkei und hat sich das Präfix Neo- vor der faschistischen Zuordnung verdient; auch den intellektuell aktiven Andreas Mölzer sollte man sich zu Gemüt führen, um die Variabilität des europäischen Diskurses bei den Nationalen zu erkunden. Ich nehme zwei Österreicher, weil der Kurs dieses Landes zwischen den verschiedenen Varianten dieses Diskurses auch heute (Flüchtlinge), aber schon früh tiefer in die abendländische Orchestrierung von anachronistischen, populistischen und opportunistischen Politiken geradezu „transparent“ ist. Europa…Auch die Paneuropa-Union des Richard Coudenhove-Kalergie kommt aus Österreich, allerdings ganz im Gegenteil zur reaktionären Politik eine durchaus ernsthafte Vision nach 1945.

Das Abendland ist kein Ermächtigungsbegriff, sondern einer der Bemächtigung: es bemächtigt sich, je nach Deutung, im Nachhinein der anti-aufklärerischen, der mythischen Überlegenheitsvorstellung einer Kultur, die schwierig zu dekonstruieren ist, aber eines ganz gewiss nie war: völkisch-christlich. Aber wichtiger erscheint mir, dass diesen abendländischen Bildern meist ein Bedürfnis nach einer Zugehörigkeit zu einem größeren, von „der Geschichte“ legitimierten Zusammenhang  eignet, der über die eigene lokale oder politische Bedeutungsarmut oder einen Verlust (das“Reich“ ist nicht mehr…) hinweghelfen soll. Die nationale Spielart kommt schnell einer pauschalen, aufgeklärten (und oft verklärten) Positionierung als Okzident oder „Westen“ in Konflikt, und „Europa“ ist da keine einigende und versöhnende Brücke.

Dieser zweite Schritt beginnt mit der Verzweiflung. Er soll ein wenig so enden: wenn man an Finistèrre, Land’s End, steht, gibt es keinen Zweifel – das eine hat jetzt ein Ende. Ob jenseits des Wassers ein anderes festes Land zu finden sei, weiss man nicht sogleich. Es gibt für ganz viele der grausigen Ereignisse der letzten Jahre und Tage eine Fülle von Erklärungen und Analysen, das wenigstens ist geschehen, und gut so. Aber was da steht, ist ein wenig der Rückblick des Engels der Geschichte, nur sind wir nicht dieser Angelus Novus.

Die Anerkennung der Ambiguitäten unserer Situation geben uns noch keine Ansätze zur Lösung der Probleme und zur Regelung der Konflikte, sondern eher die Vermutung und Befürchtung, dass es lange so bleiben wird, dass die Jahrzehnte der Hoffnung nach 1989 nun wieder vorbei sind. Aber wir können mit dieser Anerkennung dennoch beginnen, weil sie uns zeigt, wie diese ambigen Verhältnisse uns mehr als eine Wahrheit eröffnen, um die Tragweite unserer Probleme endlich auch zu verstehen.Dann können die Erklärungen – und viele sind gut, schärfer und besser als seit langem – zu Praxis werden, zum Handeln nicht angesichts einer Niederlage oder eines Versagens, sondern des Umsonst.

*

Was für Konsequenzen müssen wir daraus ziehen, dass in den Kellern des Westens weiterhin gefoltert wird und jeder ernsthafte Whistleblower unter lautem Jubel der Zuschauer ins Gefängnis geht (wenn man ihn nicht beseitigt)? Ich rede von unseren Gesellschaften, nicht von denen, die auf Folter und Gewalt sich gründen. Wir reden davon, dass wir natürlich Freunde nicht aus der Kritik ausnehmen, aber wir tun es nicht.

Die Debatte um Erdögan ist ein Vorspiel einer Auseinandersetzung, die uns nicht erspart bleibt: uns zu durchleuchten, wenn uns die richtige und scharfe Analyse unserer Gegner und Gefährder keinen Schritt weiter bringt. Keine billige Selbstkritik, bitte. Ambiguität heisst, dass es gilt, mehr als eine Wahrheit auszuhalten und zu bewältigen – Versuch des Türkeivertrags und Ankündigung des Regimewechsels in diesem Land. Das Gleiche gilt im Verhältnis zu Ungarn, wo der Faschist Orban das Parlament ausgeschaltet hat. Ungarn ist noch Mitglied der EU, aber auch hier muss Regimewechsel ein erklärtes Ziel sein. Das sind Beispiele einer Ausrichtung von Politik, die aber nicht so abgehoben sein sollte, dass man sie verfolgt, während die Leute gröhlen „Recht hat er doch!“. Vorschnell niemals vom Pöbel sprechen, auch wenn er sich so gibt: wie haben ihn so werden lassen, weil uns unsere Stabilität wichtiger ist (ach ja, manche könnten jetzt sagen, sprich aus, dass der Markt, die guten Geschäfte wichtiger waren, aber so einfach ist es nicht. Nicht alles, was die Bürger nicht verstehen, ist schon deshalb neoliberal). Unser engster Freund, der Folterstaat USA mit seinem Rassismus und seiner Folter und seiner Ungleichheit lässt seine Freundschaft uns in jeder kritischen Stunde spüren, und dann befassen wir uns lieber mit denen, die noch fürchterlicher sind, und sehen uns selbst nicht.

Nein, ich fange jetzt keine Litanei und keine Klage an. Aber dieser komplizierte Vorgang der gesellschaftlichen Selbstverortung ist ja deshalb so geschwächt, weil wir diesen Ort nicht mehr im öffentlichen Raum verhandeln, aus fatigue de democracy oder einer Faulheit, die die Unterwürfigkeit unter das jeweilige normative System geboren hat. In andern Worten, wer man selbst gesellschaftlich ist, ist noch nicht durch den Status ausgemacht, den man in dieser Gesellschaft hat, sondern durch die Distanz und Nähe zum Ort, von dem aus man sich in ihr sieht. Diesen Raum an der Abrisskante des festen Bodens unter unseren Füßen zu gewinnen oder wieder zu gewinnen, lohnt.

 

 

 

 

 

 

 

Österreichs Armut

Man kann schon erschrecken, hört man die Vulgarität in Kanzler Faymanns Verteidigung seiner Politik der Abschottung, gar nicht zu reden von der Innenministerin. Nun, Faymann gilt mehr als das Produkt der rechts-nationalen Kronenzeitung als der sozialdemokratischen Partei. Aber das erklärt nicht die seltsame Politik einer Regierung, die wie wenige andere die „Stimmungspolitik“ (Heinz Bude) verkörpert. Stimmungen in Österreich sind nicht selten den ideologischen Leichen im Identitätskreller geschuldet. Weil viele nicht wissen, wer sie sind, überbieten sie sich in verbalradikalen Äußerungen des „Als Ob“. Nein, sie wollen nicht das liebenswerte Alpenland sein, sie wollen auch nicht geachtet werden, weil sie mehr Avantgarde und Kritik in ihrem Land hervorbringen als es der Größe und politischen Bedeutung zukäme. Es wäre in der Tat komisch, von einer nationalen Identität der Österreicher zu sprechen, legte man beispielsweise die völkischen Maßstäbe der AfD an oder die Windungen, die die Rechtsradikalen und Nazis zwischen „Deutsch“ und „Österreichisch“ als Identitäsfaktoren produzieren.

Versuchen wir es anders. Österreich hatte als eines der wenigen Länder zwei rechte Diktaturen hintereinander ertragen und gemacht: der faschistische Ständestaat war den Nazis ein Dorn im Auge. In dieser Dollfussdiktatur wurde z.B. Bruno Kreisky so traumatisiert, dass er mit dem ehemaligen SS-Mann Peter, damals FPÖ Obmann, eine Koalition einging. Es kann nicht beruhigen, dass es banal ist, die Nazis als schlimmer als die Dollfuss-Schuschnigg-Ära zu bezeichnen. Die Vertreter dieser Ära hatten nach 1945 leichtes Spiel sich auch als Opfer der Nazis in die neue, sozialpartnerschaftliche und einigermaßen stabile Demokratie einzufinden, dazu war man ja als erstes Opfer des Nazismus geradezu verpflichtet. Das erlaubte eine beispiellose Verdrängung, die viel länger als in Westdeutschland wirkungsvoll einen Neuanfang simulierte, der in vielen Bereichen keiner war.

Dies Land, aus Bedeutungsverlust nach dem Ersten Weltkrieg geboren, konnte nur den Bedeutungsgewinn in den letzten Jahrzehnten dadurch gewinnen, dass es eine beispiellose Gleichzeitigkeit unpolitischer kultureller Virtuosität neben einer aggressiven, kritischen, auch produktiven kulturellen Opposition hegte. „Störungszonen“ heißt die großartige Ausstellung des Wiener Aktionisten Günther Brus, zur Zeit im Gropiusbau in Berlin: da kann man gut sehen, wie dieses Land noch in den 70er Jahren mit seiner verleugneten Geschichte jonglierte.

Die österreichische Gemeinheit, sich als Gastgeber der Visegradländer zu gerieren, zeigt die Wunde „Bedeutungsverlust“ viel deutlicher als andere Akte. Für einen Augenblick wurde Osteuropa wieder von Wien gemacht. Dass gerade Ungarn, Polen, die Slowakei, Kroatien, und die andern neu-nationalistischen Länder partout nicht „Ost-„, sondern „Mittel-“ Europa sein wollen, heisst auch, nicht von Wien oder gar Berlin und Brüssel regiert zu werden. Werden sie ohnehin nicht…Damit wird eine vertretbare wenn auch falsche Antwort auf die Arroganz gegenüber den Neuen und ihrem Nachholprozess gegeben, aber keine vertretbare Haltung zur österreichischen Geschichtsverdrängung.

Es wäre gut, nach Faymann und Mikl-Leitner immer gleich einen Blick auf den Widerstand gegen dieses Kartell zu werfen. Das macht ein wenig Mut, das Ende der österarmen Opfermentalität doch noch zu erwarten.

Wichtiges Postscriptum: es stimmt, dass Österreich im Gegensatz zu seinen Nachbarn sehr viele Flüchtlinge aufgenommen hatte, bevor der abrupte Schwenk in der Politik einsetzte. Das macht diesen Schwenk wider besseres (Ge)wissen umso schmerzhafter.

 

 

Diaspora, Ghetto,Parallelgesellschaft

Afghan*innen in Deutschland

In Deutschland leben ungefähr 125.000 Menschen afghanischer Herkunft. In den letzten Jahren sollen ungefähr die gleiche Größenordnung an Migrant*innen und Schutzsuchenden ins Land gekommen sein. Die genauen Zahlen sind weniger wichtig als die Größenordnung. Wir sprechen von einer afghanischen Diaspora, wie wir von einer jüdischen, türkischen, in anderem Kontext muslimischen, Diaspora sprechen. Ich will hier keine Kurzfassung der afghanischen Migrationsgeschichte nach Deutschland schreiben. Da die afghanische Flucht und Einwanderung nach Deutschland in den letzten Jahren erheblich angewachsen ist, möchte ich vielmehr einige Begriffe klären, die im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise politisch aufgeladen den Diskurs bestimmen.

Begriffsklärung hilft.

Diaspora – die Bedeutungsverschiebungen des Begriffs und seiner Vorgänger sind zunächst Verallgemeinerungen aus einer historischen Tatsache: Vertriebensein, Flucht, also von einem Ort, nach anderswohin, an einen andern Ort, in ein anderes Land, überall hin. Religiöse und ethnische Bedeutungen verbinden sich in dem Begriff, der anfangs wohl am besten als „Zerstreuung“ übersetzt wird. Der Gegensatz von Heimat und Exil bietet sich an, scheinbar einfach, in Wirklichkeit ganz kompliziert: Was war Heimat, wo war sie, was bedeutet sie im Exil? Die Antworten hängen damit zusammen, ob man aus Armut, vor Krieg und Gewalt, wegen Naturkatastrophen oder aus anderen Gründen – Befreiung? – geflohen ist. Und sich vielleicht nach der Rückkehr und der alten Heimat sehnt, aber offenbar doch nicht heimkehren kann. Der Bedeutungswandel deutet sich schon früh an: wo sich in der Zerstreuung größere Gruppen von Geflüchteten und Vertriebenen zusammenfinden, sich organisieren, vielleicht eine Vertretung oder Lobby bilden, dort spricht man eher von Diaspora als bei der ungleichmäßigen Verteilung von Individuen oder einzelnen Familien. Außerdem kommt es darauf an, ob und wie die Ankommenden oder sich im Exil Ansiedelnden von der Aufnahmegesellschaft oder der Herrschaft im Zufluchtsstaat wahrgenommen, bewertet und behandelt werden. Der Begriff wird im 20. Jahrhundert erweitert und setzt Abgrenzungen gegenüber anderen Strukturen von Flüchtlingen in Gang, die den ursprünglichen Anlass, die Vertreibung der Juden aus Palästina, in den Hintergrund treten lassen. Wichtig ist die Unfreiwilligkeit des Fluchtanlasses, die gemeinsame Mythenbildung über den Ort, den man verlassen musste, und eine von dort ausgehende Identität. Rückkehrvisionen oder Abfinden mit Exil, Assimilation oder Separation im Aufnahmeland sind weitere Abgrenzungskriterien.

Ich lasse einmal symbolische Diasporen, wie die „wissenschaftliche“ Diaspora, beiseite. Schwerpunkte, die politisch besonders wichtig sind, liegen im nationalen, ethnischen und religiösen Bereich. „National“ heißt, dass eine große Gruppe von Menschen z.B. ihre Staatsbürgerschaft verliert und vertrieben wird, „ethnisch“ bedeutet, dass eine als Volksgemeinschaft sich konstruierende Gruppe eine andere Vertreibt oder diese besiegt wird und auswandert, analog sind religiöse Vertreibungen weltweit ein Fluchtgrund. Nun sagen die Fluchtursachen aber wenig darüber aus, ob sich eine „Diaspora“ in einem oder mehreren Ankunftsländern ausbilden kann, ob dies überhaupt angestrebt wird. Das ist auch eine Frage von Anzahl und Organisation. So kann man nach einiger Zeit im Leben der Diaspora die Fluchtgründe – als „Wirtschaftsflüchtlinge“ oder ausgebombt oder nach einer Naturkatastrophe – nur mehr in den Narrativen, aber nicht unbedingt im Lebensstil oder dem Habitus der Diaspora erkennen.

Und eine ganz wichtige weitere Frage muss schon aus aktuellem Anlass besonders deutlich gestellt werden: wenn Menschen nicht vertrieben werden, sondern vor Armut, Unfreiheit, Zukunftslosigkeit von sich aus fliehen, können diese in einem Aufnahmeland nicht auch eine Diaspora bilden? Ich behaupte, dass soziale Gründe mindestens ebenso wichtige Fluchtmotive sein können wie religiöse oder kulturelle. Vieles vermischt sich, und was über den eigenen Fluchtkontext gesagt wird, kann ja auch eine Subjektivierung eines ganz anderen, objektiveren Zusammenhangs sein, z.B. die Selbststilisierung als Opfer oder aber als Märtyrer. Nicht jede Fluchtgruppe bildet im Exil eine Diaspora: dazu muss sie eine Mindestgröße und eine kohärente Beständigkeit aus Abgrenzung entwickeln. D.h. sie muss auf ihrer „Andersheit“ in bestimmten Teilen bestehen, sich aber im Rahmen dieser Besonderheit weitgehend integrieren. Wichtig für jede Diaspora sind die virtuelle und reale Kommunikation untereinander und die nie endgültig beantwortete Frage, ob Rückkehr oder intendiertes Bleiben die Maxime von Identitätserhalt sein soll. Ferner wird die Diaspora-Wirklichkeit stärker durch die Umgebungskultur – „der Islam gehört nicht zu Deutschland!“- als durch den bloßen Willen der Betroffenen bestimmt.

Problematisch ist die Eingrenzung von Diaspora auf eine religiöse oder weltanschauliche Diaspora: Es gibt eine muslimische Diaspora in Deutschland, repräsentiert z.B. durch den Zentralrat der Muslime (dem gehören 3oo Gemeinden an, Dachverbände, Einzelpersonen), – „der Islam gehört zu Deutschland!“ -aber erfasst nicht alle Muslime in Deutschland. Ähnlich verhält es sich mit der afghanischen Diaspora – da gibt es mehr als 40 nachweisbare Vereine und Organisationen, keine Dachorganisation, einige herausragend aktive Gruppen, eine relativ hohe Integration seit längerer Zeit und viele weitere soziale und kulturelle Merkmale in einer breiten Varianz. Die Schnittmengen mit den Muslimen, aber auch mit Berufsverbänden, politischen Ausrichtungen, Assimilations- und Abrenzungsgruppen sind vielfach und nicht sehr gut erforscht. Die Vereine und Organisationen folgen bisweilen sozialstrukturellen und ethnischen Besonderheiten ihrer Herkunft z.B. ethnisch: Paschtunisch versus Tadschikisch, das betrifft die beiden größten Gruppen; die Selbstdarstellung der zunehmenden Anzahl von Hazaras, der größten schiitischen Minderheit in Afghanistan, ist Deutschland ist schon deutlich politischer, weil sie auf ihre lange Diskriminierung, die Verfolgung durch die Taleban und die noch immer nicht gelungene Emanzipation hinweisen).

Andere Flüchtlingsgruppen stoßen nicht auf eine bereits mehrere Generationen alte Diaspora. Auch ist „muslimisch“ alleine eine Bestimmung, die noch keine Vereinheitlichung oder Meta-Diaspora erlaubt: im Gegenteil, Konflikte zwischen geflüchteten Afghanen und Syrern, Afghanen und Albanern usw. sind in den Aufnahmelagern und Unterkünften häufig und nicht einfach zu erklären.

Ghetto

Wenn sich z.B. besonders viele Afghan*innen in Hamburg aufhalten, dort Familien(verbünde) haben und auch in anderen Orten eher verdichtet leben, hat dies mit dem oft populistisch oder ungebildeten Ghettobegriff wenig zu tun: dazu gehört die erzwungene Begrenzung von Aufenthaltsort und -bedingungen.  Wenn solche Begrenzungen verordnet werden, bedeutet das immer auch ein Ausgrenzen aus der eigenen Rechtsordnung (Freizügigkeit), aber vor allem der Anlage einer bestimmten Sozialstruktur über Generationen und oft über Herkunftsdifferenzierung hinweg. Würde man homogenen Flüchtlingsgruppen gemeinsame verdichtete Wohngebiete neu zuweisen, wäre dies jedenfalls keine Ghettobildung. Im Gegenteil, es wäre eine zusätzliche, wenn auch neuartige Chance der Integration. „Selbstghettoisierung“ ist immer möglich, dazu braucht es keiner Diaspora, sie ist ein soziales Phänomen, das man auch deutschen Gruppen feststellen kann.

Der Ghettobegriff wird deutlich abwertend und/oder angstbesetzt verwendet. Er ist eng mit dem Kontrollbedürfnis verbunden: wenn selbst mit Zwang oder Anreizen Immigranten an bestimmten Orten zusammenzieht, kann man sie auch besser beaufsichtigen und kontrollieren. Wenn diese Gruppen aber sich selbst abschirmen und unzugänglich machen, bedeutet das für den Staat oder das imaginäre Auge des Mehrheitsvolks Kontrollverlust. Diese Phänomene treten bei der afghanischen Diaspora so gut wie nicht auf. Wieweit allerdings die Menschen in die Gesellschaft unauffällig diffundiert sind, wissen wir teilweise auch nicht. Jedenfalls sind die Afghan*innen in Deutschland keine

Parallelgesellschaft

Auch dies ist ein angst- und aggressionsbesetzter Begriff. Es kann keine Gesellschaft parallel zu der Gesellschaft geben, der eine Teilgruppe angehört. Gemeint ist eine Gemeinschaft oder soziale Gruppe, die für sich andere Normen, Werte, Verhaltensvorschriften beansprucht als sie die Rechtsordnung oder die internalisierten Regeln der Gesellschaft vorgeben. Der Begriff wird gerne auf große Migrantengruppen angewandt (Türken), könnte aber auch in mikrosozialen Zusammenhängen verwendet werden, wie bei der Sport- und Kirchengerichtsbarkeit. Zur Zeit wird rhetorisch und ideologisch die Parallelgesellschaft immer dort befürchtet, wo tatsächlich unvereinbare normative Systeme sich mit dem System konfrontieren, um dessen Aufnahme und Rechtsschutz sie eigentlich ansuchen: am Beispiel der angeblichen Gewohnheitsrechte („Ehrenmord“, Diskriminierung von Frauen und Mädchen, Zwangsheirat“ oder einer privatistischen Interpretation der Shari’a kann man dieses Problem gut verfolgen – es hat aber mit Parallelgesellschaft nichts zu tun. Eine echte Parallelgesellschaft gibt es nur wo zwei Gesellschaften getrennte Herrschaftsräume errichten und die jeweilige Unzugänglichkeit mit Gewalt beschützen oder dulden (z.B. Kosovo als Teil von Serbien 1989 bis 1999). Problematisch ist der Begriff, weil es um die normative Einheitlichkeit des Rechtsstaats geht und nicht – wie von Kritikern desselben oft behauptet – um eine Verweigerung kultureller und sozialer „mitgebrachter“ Rechte. Wo es Grauzonen gibt, die auch die Afghan*innen in Deutschland gibt, ist unklar, sollte aber untersucht werden, z.B. wenn jetzt viele neuankommende Migrant*innen und Flüchtlinge auf die „etablierten“ afghanischen Gemeinschaften stoßen.

Exil

Wir dürfen nicht vergessen, dass alle Menschen, die hier im Land Schutz gesucht haben und sich hier aufhalten, unter welchen Lebensumständen auch immer, im Exil sind, d.h. sie sind unfreiwillig hier. Es gibt eine Wanderung und Migration, die bewusst auf Abschied und Nimmerwiederkehr setzt. Sie kann die ähnlichen Migrationsgründe haben wie die Geflüchteten, die Vertriebenen, die Verbannten, aber für sie steht der Aspekt der Befreiung noch vor dem hauptsächlichen Fluchtgrund, dem Überleben und der Bewahrung von Würde. Beide können sich überschneiden. Aber Exil trägt immer den Stachel bei sich, der heißt: Heimkehr, jetzt oder zukünftig. Oder die Hoffnungslosigkeit, niemals heimkehren zu können, mit oder ohne der Hoffnung, dies auf die Kinder und Kindeskinder weitergeben zu können. Das alles wird nicht so kühl diskutiert, sondern in vielfache Narrative, in Erzählungen, Legenden, Traditionen, Rituale eingebettet. Es entsteht in jedem Fall eine Exilkultur – nicht nur high culture – in den Künsten, im Sport, bisweilen in der Politik. Es wird nicht mehr lange dauern bis wir eine Mehrzahl afghanisch-stämmiger Politiker*innen („mit Migrationshintergrund“!) haben werden.

Das Problem des Exils beschäftigt nicht nur die Historiker. Es geht um sehr lange Wellen von Identitäten, die immer unter Frage stehen: den Wunsch nach Heimkehr in die alte Heimsat wachhalten oder gar zu realisieren versuchen, oder die neue Heimat als die eigene zu akzeptieren, und nur mehr die Herkunft in die Identitätskonstruktion einzubeziehen. Für beides gibt es bei den Afghan*innen in Deutschland viele Beispiele. Es kommt natürlich darauf an, wie die dominante Umgebungskultur – sie hat ja kein Monopol, „deutsch“ ist ja auch nur ein gar nicht so starker Oberbegriff – mit dem Exil der Immigranten umgeht. Von der Willkommenskultur bis zur Politik des menschenunwürdigen Verjagens gibt es hier eine Vielzahl von Spielarten, die alle Empathie-abhängig sind und im negativen Fall auf populären Ressentiments beruhen (Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus, AfD-Volkskunde), aber auch das Verwechseln von „Dazupassen“ und „Dazugehören“. Das Eigene und das Fremde, das Vertraute und das Ungewohnte, mit allen Abgründen unbewusster und verdrängter Absicherungen und Übergriffe (Sexualität, Körperlichkeit, Ästhetik, Traditionen, Rituale…). Das irreführende Wort „Ethnopluralismus“ trifft die Menschen im Exil härter als andere „Ausländer“. Es meint: Türken in die Türkei…

Wir müssen uns mit der Exilsituation der afghanischen Diaspora sehr ernsthaft beschäftigen – und wir können hoffen und fordern, dass diese Diaspora sich damit auch verstärkt auseinandersetzt.

Nachsatz: Hätten Sie, geneigte Leser*innen die folgenden bekannten Afghan*innen in Deutschland er- und gekannt?

(Ich habe die Liste aus Wikipedia. Ich kenne einige von ihnen und mindestens dreimal so viele Afghan*innen, die meisten in Berlin und Hamburg, die auf dieser Liste nicht vorkommen, und dazu noch eine Menge Student*innen und Wissenshaftler*innen). Was heißt schon „bekannt“? Es bedeutet, dass zugeordnet werden kann, dem Prädikat „afghanisch“. Wie, darüberentscheiden Personen , und dabei wiederum spielt die Umgebung, also die Diaspora und ihr Verhältnis zu unserer Gesellschaft eine wichtige Rolle.

Aktivierung der Diaspora

Seit mehreren Jahren kommen sehr viel mehr Afghan*innen nach Deutschland, als Asylsuchende, als Schutz Begehrende, als Hoffnungsvolle, als Überlebende, als Flüchtlinge vor Armut, Diskriminierung und Hoffnungslosigkeit, das heißt: Zukunftslosigkeit.

Many emigrants gamble their hard-earned savings, sell off their properties or borrow money to pay human traffickers, according to Thomas Ruttig, a senior researcher at Kabul-based research institution Afghanistan Analysts Network. (…)

“The high number of Afghans becoming refugees is definitely worrying and represents a brain drain, but also reflects a drain of confidence in the current government and its ability to successfully tackle the multiple crises Afghanistan is facing,” Ruttig said. (Voice of America, 29.12.2015)

Um es hier ganz deutlich zu sagen: ich halte die vom Bundesinnenminister verkündete und wohl geplante „Rückführungspolitik“ von solchen Afghan*innen, die weder Asyl noch subsidiären Schutz „geniessen“ (Art. 16 GG), für menschenrechtswidrig und hoch riskant. Die so zurückgeführten (abgeschobenen) Afghan*innen laufen Gefahr für Leib und Leben, es droht zusätzliche Entfremdung von ihren Familien und in ihrer sozialen Umgebung. Selbst wenn sie gut ausgebildet sind und beruflich Fuß fassen könnten, müsste man für ihren Schutz und ihre Wiedereingliederung Sorge tragen können, wozu weder die derzeitige Entwicklungszusammenarbeit noch kurzfristige politische Maßnahmen beitragen können.

Umgekehrt muss man sich schleunigst mit der Drohgebärde befassen, die Afghan*innen, die eine Migration nach Deutschland erwägen – sofern sie noch im Land sind, und nicht schon auf dem Weg durch den Iran oder die Türkei – von ihrem Vorhaben abzubringen. Wer von den verantwortlichen Politikern weiß eigentlich, warum diese Menschen weg wollen, wo doch Deutschland so viel Geld dahin gezahlt hat (de Maizière 28.10.2015; etwas pragmatischer und milder am 1.2.2016, da werden den Heimkehrern Gelder in Aussicht gestellt; die Gerichte sehen das ohnedies anders). Das AA hat eine Studie zur Erforschung von Fluchtursachen in Auftrag gegeben – sehr verdienstvoll, mehr davon wird notwendig.

Aber noch eines ist wichtig: die afghanische Diaspora ist noch zu passiv in der derzeitigen politischen Misere. Ich spreche bewusst nicht von einer Krise, denn die Migranten – und Flüchtlingszahlen sind pragmatisch und finanziell relativ einfach zu bewältigen, es geht um die politische Konstellation und den Zusammenhalt der europäischen Gemeinschaft – und um die neuerwachten nationalistischen, fremdenfeindlichen Ressentiments, die wir wohl zu Unrecht überwunden geglaubt hatten. Sollen wir also der Diaspora sagen, was sie zu tun habe? Nein. Aber wir können raten und kooperieren.

Grundsätzlich muss man jetzt fragen: wäre es nicht sinnvoll, wenn die afghanische Diaspora in Deutschland mit einer Stimme spräche, also einen Dachverband oder ähnliches anstrebte? Dann hätte man Ansprechpartner für eine Reihe von Fragen, die für die Diaspora auch wichtig sind, z.B. Konfliktprävention für die möglichen Zusammenstöße zwischen „alteingesessenen“ und „neuankommenden“ Afghan*innen. Dagegen spräche, dass sich so eine Organisation möglicherweise von den Rändern her radikalisieren könnte oder gar gespalten die internen Konflikte, v.a. ethnische, in die Politik einbrächte. Ich weiß die Antwort nicht, möchte dies aber doch thematisieren. Die Diaspora kann viel dazu beitragen, dass die Deutschen sehr viel mehr über ihr Land wissen: Immerhin sind wir dort nicht nur symbolisch politisch über 100 Jahre engagiert, sondern seit 2001 massiv an einer militärischen und politischen Intervention beteiligt. Zur Zeit beruht noch sehr viel am deutschen Afghanistan-Bild auf Erfindungen, Halbwahrheiten als Folge von Halbbildung und Fehlinformationen (Ach, Sie kommen aus Afghanistan; dann sind Sie Paschtune? Ach, Sie sind Paschtune? Dann sind Sie wohl Taliban?). Einiges ist besser geworden, auch daran haben einige Diasporavereine einen besonderen Anteil. Umgekehrt ist es wichtig, dass Deutschlandbild der Menschen in Afghanistan kritisch zu begleiten und in vielen Fällen zu korrigieren. Ich habe hier selbst viel dazu gearbeitet, diese Fehleinschätzungen, Überhöhungen und Unterbewertungen kann man oft erklären, aber nicht selbst bereinigen. Und schließlich sollte die Diaspora mehr über sich selber wissen, nicht im individuellen Sinn, sondern als gesellschaftliche Gruppe: immerhin eine große Diaspora. Ich denke mir immer, wie gut Ansiedlungsprojekte für Flüchtlinge gelingen könnten, wenn sie durch eine Diaspora unterstützt würden (wo es gar keine gibt, ist das schwieriger): da kann die afghanische Gruppe sicher vorangehen.

Viele aus dieser Diaspora kümmern sich jetzt und jetzt schon um Flüchtlinge, – und das muss hervorgehoben werden – neben ihrer fortgesetzten Arbeit an humanitären Projekten in ihrem Land, v.a. bei Schulen und Kliniken. Aber bei dem „Sich kümmern“ geht es nicht nur um soziale Betreuung, um kulturelle Orientierung; es geht ganz stark auch um ein normatives Zurechtfinden in dem Staat, der durchaus mehr Empathie mit den afghanischen Menschen, die ankommen wollen, bei seinen Bürgern als bei den meisten Politikern demonstriert.

Nachsatz: ich habe bewusst keine der mir bekannten Diaspora-Organisationen und keinen meiner afghanischen Bekannten in Deutschland zitiert. Es ging mir nicht so sehr darum, Vorbilder und richtige oder kritikwürdige Verhaltensweisen hervorzuheben – das steht mir nicht zu; sondern, wie der Titel sagt: über Diaspora und Exil zu reflektieren, und damit einen Rahmen für die Diskussion mit den Afghan*innen in Deutschland. Aber wer hier mitdiskutieren will, findet ein weites Feld.

 

Einige leicht zugängliche Quellen, die keineswegs Forschungen und Fachliteratur ersetzen.

www.afghanistan-analysts.org Afghanistan Analysts Network: sorgfältig edierte Informationsquelle, zum Flüchtlingsthema u.a. Thomas Ruttig – auch wichtig zur Rückwärtserschließung der Ereignisse der letzten Jahre. Vgl. auch Thomas Ruttig: An „Afghan Exodus“; Facts, figures, trends. 14.11.2015 (wordpress)

http://www.de.wikipedia.org/wiki/afghanistanstaemmige_in_deutschland, ges.10.3.2016

Zu Diaspora: Jüdisches Lexikon, Frankfurt 1987 (1927): Band  II, „Diaspora“ –> „Galut“, 880-888

Zu Diaspora: http://www.en.wikipedia.org/wiki/diaspora, ges. 11.3.2016

Muslime: http://www.zentralrat.de/2504/php, ges. 11.3.2016

Hazara: http://www.hazara-online.com/de/mehr-info-ueber-hazara.htm

 Ich gebe gerne Auskunft zu Literatur und Ansprechstellen. 12.3.2016

 

Weiterlesen

Wer will in die Wissenschaft?

Ich zeige hier eine Rezension. Das macht einer am Anfang seiner wissenschaftlichen Laufbahn, oder ein ganzes Leben oder sehr selten. Für mich gilt das erste Verfahren, ich war ganz stolz auf das Erscheinen einer bösen Besprechung von Heideggers Rektoratsrede im „Argument“, damals mein Leibblatt. Wie wird jemand hauptberuflich Wissenschaftler*in?  So altmodisch fragt nur, wer den Betrieb kennt und hinter sich hat. Beratungsliteratur, ja, aber irgendwie kippt das Altmodische ins Brandaktuelle, wichtig für die, deren Sprache noch nicht den Ausweis bringen muss, dass man „drin“ angekommen ist. Voilà:

Michael Daxner

Rezension:

Astrid Kaiser: Reiseführer für die Unikarriere – Zwischen Schlangengrube und Wissenschaftsoase.

Opladen&Toronto 2015 (Barbara Budrich).UTB 4453. ISBN: 978-3-8252-4453-8

Nach ihrer Pensionierung schreibt eine Hochschullehrerin eine Anleitung für künftige Wissenschaftler*innen einen Ratgeber (11), und sie bezieht den Untertitel auch auf den großartigen Film „The Snake Pit“ (1948). Da dieser Film sich nachhaltig auch auf mein junges Leben ausgewirkt hatte (ich hatte mit 10 über ihn gelesen, und ihn mit 15 gesehen), kann ich die subjektive Herangehensweise von Astrid Kaiser teilweise nachvollziehen, deshalb diese Anmerkung. Der Reiseführer ist ein Ratgeber für den wissenschaftlichen Nachwuchs (einem heute auch offiziell verpönten Begriff), und er geht von der erziehenden und betreuenden Aufgabe langjähriger etablierter Hochschullehrer*innen aus. Er ist geschrieben für Menschen, die sich schon entschieden haben, die Reise anzutreten, und die bekommen Ratschläge: viele sind realistisch und erfahrungsgesättigt, manche sind nur gut gemeint, wie alle moralischen Hinweise im Abschlusskapitel 14 („Bloß nicht“). Solange das Buch subjektiv erfahrene Regeln des Hochschulsystems verarbeitet, ist es schon deshalb lesenswert, weil es nicht von der Warte des allwissenden Hochschulwissenschaftlers ausgeht, der mit der Beschreibung auch gleich eine Begründung für seine Urteile liefert. Andererseits zieht Kaiser die Grenzen zwischen den Systemen (Wissenschaftssystem, Hochschulsystem, moralisches System, wirtschaftliches System) nicht klar. Die Reise geht in der Tat nach dem Prinzip vor, dass man sich erst einmal taktisch richtig in der vorhandenen Arbeitslandschaft der Wissenschaft orientieren und verhalten sollte, mit der Reform sozusagen „oben drauf“). Dass das ethische Bedenken provoziert, weiss Astrid Kaiser und schreibt darüber im Epilog (199-200).

In den ersten Kapiteln wird eine Phänomenologie der Universität geliefert, die die Reisenden und ihr Ziel einander näher bringen sollen. Kaiser reizt die Schlangenrguben-Metapher voll aus, um sich um die Befunde der Hochschulforschung zu drücken, und verlegt sich auf eine institutionelle Ethnologie. Bevor die Hochschulforscher hier kritisch einhaken, eine Überraschung: ich habe fast alles, was den state of the art in dieser Hochschulforschung heute ausmacht, wiedergefunden; nur eben subjektiv und sehr persönlich kontextualisiert, Astrid Kaiser „betreut“ ihre Leser*innen sozusagen im Coaching, das sie selbst kennt und über Jahrzehnte durchgeführt hat. Sie generiert eine Befindlichkeit und in den künftigen Wissenschaftler*innen keinen theoretischen Metadiskurs zur Herstellung der unabhängigen Variable Hochschulsystem für die Karriere der Professorin X. Für mich nicht schwierig, die Anschlussfähigkeit dieses metaphernreichen Texts zu prüfen. Manches kenne ich (wir waren lange Zeit an derselben Universität), manche habe ich sogar selbst erforscht, beraten haben mich wenige. Aber ich kann mir eines vorstellen, und darum ist das Buch wichtig: die heutigen Einstiegsbedingungen für Wissenschaftler*innen sind erheblich schlechter als zu meiner Zeit. (Als ich 1974 H4 Professor wurde, bekam ich als „Ausstattung“ zwei Ratsstellen und zwei Studentische Hilfskräfte zugeteilt. Ich fühlte mich „geachtet“ und wollte meine Privilegien ex post “verdienen“). Davon klingt in den Kapiteln 2-5 einiges an. Die ethnologische Beschreibung der Stammeskultur einer Hochschule erinnert an die Zeiten, als die Hochschuldidaktik unter Ludwig Huber sich endlich von den selbstgewählten Mythen verabschieden wollte, und ein neues Vokabular für Fachkulturen erfinden und Habitusforschung zulassen konnte – arg von der reinen Wissenschaft kritisiert. Kaiser braucht darauf nicht einzugehen, sie sitzt in ihrer Praxis und coacht die Neuankömmlinge. Die Ratschläge ab Kapitel 6 sind meist mehr, oft weniger brauchbar. Sie taugen nicht zur Herstellung eines strategischen Karriereplans, sondern bestimmen eher die Taktik in einer volatilen Umgebung. Die Insidertipps sind eine Wunderkammer: alle 17 Ausstellungsstücke sind für sich recht brauchbar. Manche hätte man verknüpfen und ausführen können. Wer all das für sich zurechtschneidet, wird tatsächlich besser fahren. Die Tipps verbinden eine sehr spezifische Sicht des akademischen Habitus mit der Erfahrung von eingesetzter oder potenzieller Macht. Es geht oft um Hochschulinnenpolitik, und weil es nicht so explizit ist, kann der kritische, vorsichtige Diskurs vielleicht verinnerlicht werden.

Astrid Kaiser vertritt in einem erklärbaren Sinn die Bedachtsamkeit und den Wagemut, derer es heute bedarf um in der Schlangengrube des Hochschulalltags Karriere zu machen. Mir geht sie manchmal zu sanft um mit den sozialen Abgründen, die im Aufstiegskampf gerade der jungen Wissenschaftler*innen Verhalten auch den eigenen Motiven entfremden. Vieles hat ihr Leitstern Wolf Wagner schon 1992 geschrieben, was nur zeigt, wie langsam langsame Systeme wie die Hochschule sind. Manches kann man nicht oft genug immer wieder neu lesen. Astrid Kaiser lässt sich nicht auf den politischen Kampf um/gegen die heutigen Probleme ein, wie Bibliometrie Aberkennung der Leistung in sorgfältiger Lehre, oder die ganze Exzellenzhysterie. Aber das muss sie nicht, sie berät die nächste Generation – und hofft, dass die Halbwertszeiten der Erfahrung nicht noch kürzer werden.

Finis terrae I

Dies ist der erste von mehreren Artikeln, die ich schreibe, um Ruhe zu gewinnen, die mir Politik erlaubt. Politik ist nicht Meinung, sondern Denken, sagt Alain Badiou. Ich bin von Meinungen eingekreist, die Zustimmung oder Ablehnung provozieren, aber nichts bewirken als sich zwischen die Wirklichkeit und mich zu schieben. Seit Jahren denke ich darüber nach, wie ich diese Montage aus Nicht-Zusammengehörigem festhalten kann. Die Plattitüde, dass alles mit allem zusammenhänge, lässt sich nicht einfach durch eine Welt unverbundener Einzelereignisse ersetzen, sondern nur dekonstruieren, wenn gezeigt wird, wo und was womit zusammenhängt. Und zwar nicht aus einem Modell abgeleitet, sondern immer auch empirisch auffindbar.

Mein Antrieb ist die Müdigkeit, mir immer das Gleiche in Variationen anhören zu müssen, weil die Korridore für Fragen und Antworten schon gesteckt sind. Bei der DGAP ist der Korridor ein anderer als in BAG Frieden der Grünen oder den Diskussionen im universitären Forschungsbereich und im parlamentarischen Ausschuss oder bei der Verleihung von Friedenspreisen: Das Verständnis wird immer in die Bahnen des Legitimen gelenkt. Das ist subtiler als politischer Korrektheit, nicht minder wirkungsvoll.

Derweilen ertrinken wieder Kinder vor Lesbos, erfrieren Syrer im ungarischen Stacheldraht, werden Jugendliche ihrer Mobiltelephone vom dänischen Staat beraubt, müssen Afghanen begründen, warum sie nicht in ihr Land zurückkehren können und wollen, und und und.  Genau auf diesen Katalog haben die gewartet, die mir jetzt entgegenhalten: Reden Sie nicht, tun Sie etwas. Wenn Sie nichts Produktives schaffen, verhindern Sie wenigstens etwas. (Empört Euch!)

Ich kann die toten Kinder im Gedächtnis bewahren ohne über sie zu schreiben. Ich kann über die Verantwortlichen und die Beiläufigen nachdenken, ohne mit Moral, also mit Schuld, anzufangen. Ich kann meiner Empathie befehlen, sich in ambige Situationen zu begeben. Alles, was mich im Augenblick umtreibt, ist ambig, hat wenigstens zwei Wahrheiten, ist nicht dialektisch, kennt keine Synthese, sondern verharrt in einem fast kristallinen Und statt Entweder-Oder. Meinen früheren Versuchen, der Schrift von Jaspers einen dritten Titel zu geben, nach seinem Aufschlag von 1932 (5. Auflage!) und der Suhrkamp Neuauflage des Titels (1982 ff.), habe ich längst eine Absage erteilt, jetzt sage ich zu dem vorläufigen ersten Kapitel: zur ambigen Situation der Zeit. Aber angeregt haben mich nicht einfach die „Inhalte“ und Aussagen, sondern der Wandel dessen, was diese Situation  in unserer Zeit sein kann, die Erkennbarkeit und Deutbarkeit. Weil vorher alles zu einfach gemacht wurde, bis es einfach erschien, ist es jetzt kompliziert und erscheint zu kompliziert.

Also zur Ambiguität: mein Freund und Kollege Florian Kühn hat mich in dieser Kategorie geschult, an unserem gemeinsamen Thema Afghanistan. Es wäre besser, wenn die gut ausgebildeten jungen Afghan*innen im Land blieben und eine neue Mittelschicht stärkten, es ist aber so gefährlich, dass eben diese potenzielle neue Elite nach Westen flieht, weil sie keine Zukunft für sich sieht. (Das hat ein Journalist, Stefan Klein, in der SZ, am 15.2.2016 in der SZ zusammengefasst, und das habe ich miterforscht seit drei Jahren). Es ist ein gutes Beispiel, weil es nicht mehr pragmatisch und schon gar nicht durch einen Kompromiss zu bereinigen ist. Noch schwieriger wird die Lösung des Problems der Beziehungen zur Türkei. Eine ansatzweise Diktatur, ein NATO-Partner, ein Schlüsselland für die Nahostpolitik, ein ungeliebetr EU-Kandidat; man kann leicht sagen, dass man mit der Türkei als Partner für die Flüchtlingsregulierung nichts zu tun haben möchte und sollte. Nur, mit wem sonst? Mit Putin, mit Assad, mit der irakischen Regierung? Gar angesichts der Uneinigkeit in der EU.

Zwei Beispiele für Ambiguität. Ich habe keine Scheu, diese Sachverhalte auszudiskutieren, aber der Preis in der Kommunikation darüber ist hoch: man muss immer tiefer graben, um auf die realen Ursachen jedes einzelnen Konflikts und seiner Anschlussfelder zu kommen, und je mehr man findet, desto sensibler wird reagiert oder an weiterer Erkenntnis gehindert.Dem Problem könnte man philosophisch begegnen und bliebe im Wort stecken; auch der Appell an der guten Willen bliebe folgenlos, weil sich dieser zu gerne an das Machbare im Umfeld der Macht anschmiegt oder diese von aussen attackiert. Und weil sich so viel dem gesunden Menschenverstand anscheinend verschliesst, muss man vorschnellen Phrasen der Art „Wie wir wissen…Es ist doch klar…“ Abstand nehmen.

Jeder andere Zugang, denke ich, ist davon bestimmt, was ich weiss, und wovon ich weiss, woher ich es weiss. Damit kommt immer der subjektive Faktor ins Spiel, der sich der Generallösung so lange verweigert, bis sich seine Schlussfolgerungen verallgemeinern lassen, also teilbar, mitteilbar und verhandelbar sind im öffentlichen Raum. Und der mich zwingt, Ich zu sagen, wenn ich am analysierten Man (ver)zweifle.

Wo es viele lose Enden gibt, kann ich ausprobieren, was geschieht, wenn ich einige auswähle. Ich beginne dort, wo mich Probleme unabhängig vom Terror der Aktualität (Carl Amery) schon lange beschäftigen.

Aus meiner Konflikttheorie leite ich eine Aussage ab, die mir politikfähig erscheint: weil viele Konflikte völlig entbettet sind, fehlt die Kraft der Konfliktparteien, sie untereinander auszuhandeln, einzugrenzen und zu regulieren, auch wenn die Probleme bleiben, die Ausgangspunkt dieser Konflikte waren. „Entbettet“, ein Begriff von Georg Elwert, sind Konflikte, bei denen es keinen gemeinsamen Vorrat an Regeln bei den Konfliktparteien gibt. Die Schwäche der Vereinten Nationen, die offene Missachtung der internationalen Konventionen und des Völkerrechts, sind Anzeichen für diese Entbettung. Zur Konflikttheorie gehört die Erkenntnis, dass es zwar gut ist, Konfliktursachen zu kennen, aber aus diesem Wissen lassen sich nicht Massnahmen zur Regelung dieser Konflikte oder gar zur Problemlösung  praktikabel ableiten. (Einer der best untersuchten Konflikte, der zwischen Israel und seinen Nachbarn, kommt einer Regelung durch noch so viele Analysen keinen Schritt näher).

Wir können einen Grund dafür ganz klar bei den neuen autoritären Systemen – die ich nazistisch, neofaschistisch oder totalitär nennen werde – erkennen. Wenn dem Volk das Recht nicht passt, dann muss das Recht gebrochen werden, tönt es aus der klerikofaschistischen Partei PIS in Polen, im Parlament. Dieser Satz hat gleich zwei Gründe: zum einen ein Anwachsen des Völkischen im Nationalismus; und eine Fatigue de democracy, eine Müdigkeit, auf die Pascal Bruckner schon vor Jahren hingewiesen hatte, damals eher als Warnzeichen für die politische Kultur, heute als empirisch genau beschreibbarer Tatbestand. Schliesslich ein Phänomen, das ich die Wiederkehr der Religion nenne, als ob sie nicht seit je in der Politik dagewesen wäre. Ich denke aber, dass der religiöse Überbau heute vielfach zersplittert und zerfasert, die der zerbrochene Spiegel der Schneekönigin, über alles und jedes seinen Mehltau legt und damit schwer zu brechende Tabuzonen schafft. Erlösend wäre, Slavoj Zizek ernst zun nehmen: „Aber ist Religion nicht immer eine Art Mantel, nicht der Kern der Sache? Ist sie nicht tatsächlich ein Modus, in dem einzelne Menschen die Umstände ihres Lebens betrachten, auch weil sie keine Möglichkeit haben, einen Schritt zurückzutreten und Dinge so zu sehen, wie sie „wirklich sind“? (Spiegel 3/2016, 129).

Ich bleibe bei diesen Anfängen. Ich könnte auch andere nehmen, die Globalisierung, das Klimaszenario, die Wohlstandsverwahrlosung des globalen Nordens und die Hoffnungslosigkeit des globalen Südens, die Digitalisierung usw. Ich könnte auch gleich beim transzentalen Katastrophismus ansetzen und mich fragen, ob es wert sei, an der Erhaltung unserer menschlichen Zivilisation mitzuwirken, anstatt unseren Übergang in eine posthumane Spezies abzuwarten. Und ich versage mich einem Kulturpessimismus, der in seinen Spielarten immer Elemente der Entbettung, der völkischen Begrenzung, der Retrospektive bei sich trägt, was alles mit gelassener Einsicht nicht zu verwechseln ist.

Noch zwei Sätze, die zur Subjektivierung gehören: Verzweiflung ist weder Empörung noch Resignation, sondern nur das Nichterscheinen zur Hand liegender Auswege. Und, wichtiger, die Ursachenforschung darf nicht in den unendlichen Regress münden, d.h. wir beantworten so lange jede Erkenntnis und die Frage warum? bis wir zum Anfang zurückgekehrt sind. Bei aller historischen Notwendigkeit gibt es den Augenblick, bei dem zu verweilen wir uns nicht leisten können.

Nachsatz zu diesem und weiteren Teilen dieses Essays: sehr oft zitiere ich Journalist*innen, die ich als wirkungsvollere Akteure und Bundesgenossen empfinde als die meisten Politiker. Ich mag die Lügenpresse.

(Teil 2 folgt)