100 Jahre Faschismus, und seine Zukunft

Mussolini in aller Munde. Der Wahlsieg der Faschistin Meloni belebt das Geschichtsbewusstsein, dessen Verlust unter anderem zum Fortbestehen faschistischer Programme und Einverständnisse führt. Dazu hat klug Durs Grünbein in der SZ (28.10.22) geschrieben. Viele, auch Sekundärschreiber, zeigen zu diesem Wahlergebnis zwei Hauptseiten: den Unterschied der neuen Faschisten zum Nationalsozialismus und die Frage, wie man mit diesem Pack, das ja parlamentarisch legitimiert ist, umgehen soll. Fast allen ist eine seltsame Contenance eigen, als hätte MAN ohnedies mit einem Erstarken des Faschismus und einer rechten Hegemonie gerechnet, ohne Vorschau auf das Wie?

Man kann vieles erklären, das man nie richtig verstehen wird, zB. den Sie der Faschisten im ehemals sozialdemokratischen Schweden oder die Demokratiefeindlichkeit des ehemaligen DDR-Sektors der Bundesrepublik. (Ja, ich rechne das auch für eine Vorstufe faschistoider Grundhaltungen). Es gibt überraschend viele stimmige oder erwägenswerte Teilerklärungen für diesen Gesamttrend der so genannten westlichen Hemisphäre und seine Parallelen im globalen Süden.

Ich stecke für einige vereinfacht ausgedrückte Grund-Sätze Kritik ein, selten aber die Möglichkeit, sich in der Erwiderung ebenso kritisch auszutauschen; dazu gehören u.a.

  • die bewusste und nachdrücklich Analogie Hitler und Putin, und weitere strukturelle Hierarchien mit Xi und den anderen Diktatoren
  • die Zusammenhänge und Differenzen von Nationalsozialismus und den Faschismen
  • die Vermutung, dass es nicht die jeweilige soziale Lage ist, die die faschistoiden Trends befördert, sondern eher die Situation in Kultur und Politik (das ist mir wichtig, weil sich die Kapitalismuskritik auch verändert hat und verändern muss, zB. Wachstum vs. Klimapolitik).

Hier geht es nicht um mehr oder weniger nachweisbare Expertise versus Laienverstand, sondern um das Bewusstsein von praktischer Theorie. Praktisch, weil ich, weil wir uns ja verhalten müssen zu diesen Phänomenen des sich faschistoid verhärtenden „Westens“ und der relativen Hilflosigkeit gegenüber einem „Osten“, der noch weniger fassbar erscheint als früher (die Gabe auch von WissenschaftlerInnen und Intellektuellen, bei warnenden oder alarmierenden Texten wegzuschauen, ist einen eigenen Blog wert. Die Kassandrisierung der Warnungen, solange die Temperatur bei 20° liegt, habe ich immer als ärgerlich empfunden, und oft wurde ich selbst eben deshalb aus dem Diskurs genommen, was mich bis heute nicht beleidigt, aber ärgert).

Tenor: man wird sich irgendwie mit den Faschisten arrangieren („müssen“, sie sind ja in der EU, in der NATO, im Weltkirchenrat usw.). So gelingt es Kaczynski und Orban, so gelingt es den faschistischen Parteien, sich im Gewebe demokratischer Grundregeln festzusetzen, manchmal mit mehr, bisher meist mit weniger Erfolg.

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Die Medien wissen oft genau, was „die Politik“ mit diesen Phänomenen anfangen soll. Ich kann das bedenken, dazu zustimmen oder kritisieren. Aber die Frage ist, wie gehe ich, wie gehen wir damit um. Nicht mehr in diese protofaschistischen Länder auf Urlaub fahren? Familienstreit bei vielen vorprogrammiert. Bestimmte Produkte nicht mehr kaufen? Wenn wir wüssten, was von „dort“ wo drin ist. Cancel Culture zuspitzen, ausladen. Die Diskussion um russische Kunst und Kultur ist gespenstisch. Lest Sorokin. Natürlich ist die Frage falsch gestellt. Wie gehen wir damit um bedeutet eine Antwort nach der politischen (Neu)verortung von jeder/m von uns in der Zivilgesellschaft und gegenüber dem Staat. Wer nur sich antifaschistisch fühlt, ist kein Antifaschist, (Paraphrase Erich Fried), das antifaschistische Verhalten darf ja nicht taktisch angemessen sein, sondern sollte etwas mit unserer Wahrnehmung von Gesellschaft und Lebenswelt zu tun haben.

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Ein auf den ersten Blick seltsamer Ratschlag. Ich komme gerade aus Südtirol zurück, war da häufig und jetzt, bis zur Wahl am letzten Sonntag, wieder einige Wochen. Ich habe die Geschichte des Verhaltens der Südtiroler seit Tolomei 1906 über die Pariser Verträge 1919-23, über die Zeit Mussolinis, Hitlers, nochmals Mussolinis, dann die Nachkriegszeit (De Gasperi und Gruber), Attentate und Bomben, Kreisky, UN und Moro, nachgelesen. Auch was deutsch-freundlich, was österreichisch, was verlogen und was aufrichtig war…Nein, es geht hier nur wenig um Analogie bis heut, bis auf die Folgen der Wahl Melonis und die Schwächung der SVP. Es geht darum, wie die Menschen, Familien und Gruppen mit den verschiedenen Stadien der Faschismen, der Nazis, des Widerstands umgegangen sind.

Das Problem der „politischen“ Lebensführung hat uns 1968 +/- sehr bewegt und zu viel Unsinn in der Praxis geführt. Aber die Grundfrage war nicht falsch. Damals ging es auch stark um die Geschichte der Eltern und Großeltern. Scheinbar hat sich die friedlich umhegte spät- und Postmoderne davon emanzipiert, solange MAN ordentlich mit einander umgeht. SOLANGE, fein, aber WIE LANGE? ist das, war es, ist es? Hier geht die Antwort in das Detail, das sich in der persönlichen Diskursumgebung tatsächlich auswirkt, mit den Kindern, Freunden, Gruppen und Partnern….Kurz: Meinungen sollten überwunden werden, wenn wir nicht tatenlos uns überwältigen lassen wollen vom Dialog der Guten (Demokraten) mit den Bösen (Faschisten).

Man kann diese Frage kritisieren; u.a. weil ich ja hier NICHT darauf verweise, was für kluge Ratgeber und Anweisungen zur nicht protofaschistischen Lebensführung es gibt bzw. welche davon auf dem Markt sind. Aber das ist ja der Zweck dieser Überlegungen gewesen. Im Aufsuchen des Widerstands kann man auch lernen, sich zu entscheiden.

Betreten, Durchgang, Durchfall verboten…

Salzburger Elegie, möchte man sagen. Aber endlich regnet es, wenigstens für Minuten, und der Himmel entzieht dem Blau den Farbstoff. Ich bin auf der Durchfahrt und hab an sich wenig mit der Stadt zu schaffen heute, aber als Salzburger Staatsbürger (ja, da schauen die Wiener, wie der Wiener am Meldeamt vereinnahmt wird, obwohl bei vielen Einkäufen die Frage kommt: Sind Sie Wiener?). Man kann sich und seinen Dialekt halt nicht ablegen.

Am Morgen gehe ich mit den beiden Hunden meines gastgebenden Freundes durch die Wiesen und Villen am Stadtrand, entlang der Hellbrunner Allee und über die bis in die Universität hineinreichenden Freisaalgründe: ich nenne das, weil es fußläufige Empfehlungen sind. Bei fast jeder Hauseinfahrt eine Tafel: BETRETEN VERBOTEN! DURCHGANG VERBOTEN! EINFAHRT FREIHALTEN, AUCH GEGENÜBER (!, SALATSCHÜSSL FÜR MEINE KUH, KEIN KLO FÜR IHREN HUND,,,): das ist nicht so ungewöhnlich, die harschen Strafandrohungen schon eher, und die Wandersperre für Wiesenquerungen auf schönen Wegen ganz absurd. Salzburg hat 1803 mit dem Ende des liberalen Kirchenstaates (Fürsterzbischof, Primas Germaniae) seine Liberalität abgelegt und wurde ernsthaft konservativ bis ganz braun, konterkariert durch etliche Kulturgrößen, die das 20. Jahrhundert, abschnittweise glänzen ließen. Die so genannten Festspiele sind eine Mischung aus all dem. Und weil mein coming of age mit den Sommern in dieser Stadt ebenso verbunden ist wie spätere Kulturschizophrenie, gehe ich mit größerem Interesse durch die nicht von Touristen- und Parkplatzsuchenden verstopften Bezirke. es ist ja eine der schönsten Städte überhaupt, aber unheimlich durch die Salzburger, die Besucher, die Verunstaltungen (kein Wortspiel, Veranstaltungen gibts angeblich auch woanders).

Warum ich das überhaupt schreibe? weil mich die Verbotstafeln so genervt haben, die hier die Idylle noch mehr stören als anderswo, aggressive Kleinhäusler.

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Für meine Forschungen zum demnächst erscheinenden Buch über Mythos, Sex und Gewalt, setzt Salzburg sozusagen einen Legendeneintopf frei, aus dem sich Mythen herausfischen lassen, man glaubt gar nicht, wie viele sich da anordnen, als ob die vielen, die meisten Touristen darauf ausrichten. Warum wurden die Protestanten vertrieben? (Potsdam hat davon profitiert. https://www.sn.at/wiki/Protestantenvertreibung#), wie wurde Morat (wieder) zum Mythos (https://mythos-mozart.com/de/ueber-mythos-mozart)? Und wir rechts waren die Salzburger unter Dollfuss und Hitler? Und es ist dieses angeklebte Vergangene, das mich fast überall einholt und zu Salzburg wird es noch Gedanken geben müssen.

Die holen mich jetzt, eine Woche später, in den Bergen, im Ahrntal ein. Aus dem Gastzimmer sieht man auf den Friedhof und den südlichen Kircheneingang einer gotischen Kirche. Der Parkplatz ist vor der Sonntagsmesse ganz voll, und viele gehen, im Regen, an die Familiengräber, Kerzen auswechseln. Kaum jemand bleibt länger als eine halbe Minute, das Ritual ist der Grablichtbesuch vor der Messe.

Das hat mehr mit den Gedanken zur Geschichte von Salzburg zu tun als es den Anschein hat. Südtirol, dieses tirolisch-bairisch-österreichisch-italienische Alpinprezios erlaubt ähnliche Ausflüge in die politischen Kulturabgründe, nicht nur zwischen Italien und Österreich im ersten Krieg und danach, bis Bruno Kreisky die Autonomie über die UNO befestigen konnte. Die nostalgischen Österreicher vergessen ihre imperiale, vielleicht nicht koloniale, Geschichte als Herrschaft über Oberitalien, sie vergessen Bündnisse und Verrate und Niederlagen, die Alpen und der Isonzo, und wie es war, hat Karl Kraus besser als andere in den Letzten Tagen der Menschheit festgehalten, und heute noch findet man aufgetaute Leichen im schmelzenden Marmolada Gletscher. Und die „deutsch-österreichischen, tirolischen“ Terroristen der Nachkriegszeit, Georg Klotz u.a. (https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Klotz) und es hatte seit meiner Schulzeit immer neue Deutungen gegeben, und an der Oberfläche merkt man nichts. Oder doch, dass die Wahlplakate für die fascista Meloni runtergrissen und wieder angeklebt werden. Das Tal war ja auch für die jüdische Geschichte über den amerikanischen Sektor Österreichs für eine kurze Zeit ganz wichtig: https://www.sn.at/wiki/Krimmler_Judenflucht . (warum die Briten und Franzosen die Juden nicht rausgelassen haben…). Über Triest gings dann nach Palästina. An der Oberfläche merkt man nichts. Oder doch, in der Hotelbibliothek, und ab und an eine Gedenktafel, und die SVP (Südtiroler Volkspartei) ist heute nicht so rechtsdeutsch wie die Rechten in Deutschland, man kann die Dolomiten täglichen lesen. Das liegt alles unter den guten Wandertagen hier, unter der guten Kulinarik, der reichhaltigen EU Förderung der autonomen Provinz, unter der Gegenwart.

Es tut gut, sich an das zu erinnern, was in der Kindheit schon zur Erinnerung angeboten und nicht verstanden worden war, einschließlich des ultrakonservativen Andreas Hofer, der sogar dem Kaiser zu radikal war, und einschließlich der Wirklichkeit. Aber wenn man bestimmte Wege geht, ist das nicht nur Erinnerung. Und so gehts mir in Salzburg und in St. Jakob. Eben nicht „überall“.

Reisen & Urlaub & = nicht NICHTS aber

Liebe Blogleserinnen und -leser,

wenn ich in der nächsten Zeit nicht soviele Blogs schreibe, dann wegen beruflicher und urlauberlicher Reisen, die manchmal IT-dünner sind. Man wirtd sehen. Meine Bitten:

  • kommentieren Sie bitte die Blogs der letzten Wochen
  • schreiben Sie Themenvorschläge für meine nächsten Blogs
  • schauen Sie bitte auf jede4n Fall ab 28.9. wieder in meine Blogbox hinein. Dann weiß ich schon, dass es Überraschungen gibt.

UND HABEN SIE ES GUT UND GESUND.

Ihr/Euer Michael Daxner

Pullover & Angst

Jene Galaxie ist von der Erde etwa soweit fort wie die Empfindungen der Nächstenliebe von Wladimir Putin. Dieser wiederum ist Verursacher einer weiteren Sorge in diesem Land, nämlich im Winter aufgrund der Heizkosten daheim einen Pullover tragen zu müssen. Auf der Suche nach Energiequellen sind manche auf die noch herumstehenden und nicht abgeschalteten Atomkraftwerke gekommen“ (SZ, 3.9.2022).

Besser hätte ich Gemütslage des Groszen Deutschen Volkes nicht beschreiben können. Dass dieser Befund zu einer Verspottung der Grünen missbraucht wird, ist nicht weiter schlimm: so sind sie halt, die Liberalen. Aber die vom Pöbel geschürte Hysterie macht nicht nur denkschwach, sondern erst recht handlungs- und empathieunfähig.

Angst macht gefügig, weil man sich von der starken Stimme Hilfe und Rettung erwartet. Die Medien schüren die Angst, vor allem wenn sie fake news verbreiten; das schafft auch Abhängigkeiten von Verängstigten und Gefügigkeit bei ich-schwachen PolitikerInnen.

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Das Gegenteil von Angst ist nicht unbedingt Mut, schon gar nicht Übermut. Es ist die besonnene Abwägung der Wirklichkeiten, auch wenn man nicht alle Wahrheiten zur Hand hat. Man kann nicht alle Zusammenhänge wissen, verstehen und auf sein eigenes Leben hin konzipieren. Aber man kann Sektoren dieser Wirklichkeit sehr wohl verstehen und aneignen. Es kommt schon darauf an, die jetzige Situation verstehen zu wollen. Schließlich haben viele daran mitgewirkt, nicht nur bei Wahlen. Das geht nicht abstrakt. Wenn eine Ukrainerin sagt, ihr betrauert euren Wohlstand und wir unsere Toten, dann stimmt das SO nicht, aber es geht in die richtige Richtung. Außerdem sollte man wissen, worüber man sich aufregt.

Herfried Münckler hat heute im DLF eine beneidenswert klare Politikanalyse geliefert, die sowohl Widerstand als auch Abbau von Illusionen gut begründet. (DLF 4.9., 17.00-17.30). Darüber nachdenken und sich dann zum Handeln zu entschließen und sich etwas von Glaubensartikeln der eigenen Gesellschaft und Geschichte etwas zu distanzieren, je mehr Russland und China das Gegenteil aktiv betreiben. Plötzlich wird Oswald Spengler wieder aktuell, das hätte meine Generation nicht im Entferntesten angedacht. Und: man müsse den Preis für die gewalttätige Politik Russlands und Chinas höher und immer höher schrauben. Hört das an, bedenkt es.

Und: Annalena Baerbock hat Recht.

PAUSE.

In den Zwischenräumen kann man statt sich an die Stelle der haftenden Politik zu setzen, auch sich kräftigend reproduzieren: denken, essen, lieben und lesen und…nebbich? Gar nicht. Um sich zu ertüchtigen, bevor man die großen Singulare Mut und Widerstand schmiedet, muss man lebendig bleiben und nicht vor Angst zur Salz-Eule zu erstarren.

Es gibt den Krieg ja. Und der besteht nicht nur aus Kampf, Toten allenthalben und Verwüstung. Die Logistik, die Etappe, das Hinterland, die Schutzzonen….da sind wir, und nicht in den Kommentarkammern.

Das ist keine Lebensphilosophie und kein Rückzug ins Private, sondern Teil der Aufbauleistung. In diesem Krieg wird mehr von uns verlangt werden als höhere Steuern, mehr soziales Engagement, mehr Aufklärung und weniger wehleidiges Tragen der Pullover vom vorigen Jahr.

Zeit des Pöbels…

Als hätten sie drauf gewartet, die plebejischen, klassenübergreifenden Zukunftsfeinde. Jaha, jetzt hetzen wir Habeck und Baerbock. Stefan Aust von der Welt, immer gut für Absenken des Medienniveaus … gibts den überhaupt noch?“ und bei Baerbock will der Pöbel natürlich glauben, was die Putin-Fake-Produktion da verbreitet. Nicht nur den schlichten Oberschlicht-Liberalen Lindner wirds freuen, auch die ganzen Zögerer der alten Großparteien. Wie schön war doch die große Koalition, man hatte weder das Parlament noch die Kritik zu fürchten und hat sich russisch geölt und amerikanisch angebiedert. Das ist der Stoff für Politsatire, gewürzt durch das neue Bündnis von Linkspartei und AfD.

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Deutschland, erwackle.

Gegenthese: Habeck hat handwerkliche Fehler gemacht und sich unklug verteidigt. auch wenn das seine Ministerialfachleute waren, und auch wenn es keine optimale Lösung gibt, er hat sie schlecht vermittelt. Baerbock muss damit rechnen, dass ausländische Geheimdienste, die inländische Hetzpresse und natürlich die politischen Gegner ihre Worte nicht auf die Goldwaage, sondern auf den Augenschein legen. Und Lindner tut nichts anderes als seine Partei und alle Marktliberalen, nämlich die Reichen schützen und Freiheit für die Ärmeren zu deren Lasten und Verantwortung predigen. Hat man gewusst, als man diesen Inselfürsten in die Koalition nahm.

Deutschland, wackle.

Mir ist egal, welche Lesart jetzt „stimmt“. Meine Überschrift zum Pöbel bleibt. Denn beide Varianten sind unwürdig Anlass für hysterische Erregungsdebatten zu sein.

Wenn erst Angst geschürt wird und dann Staatsvermögen zur Besänftigung ausgehandelt wird, ist das fragwürdig. Dass Russlands Angriffskrieg auch unsere Ökonomie schwächen wird, hat man vom ersten Augenblick an gewusst, zumal im Energiesektor wir an Russlands Politik mit schuldig sind UND dazu im Inland viel versäumt haben (Seitenhieb: vor allem im dumpfdeutschen Baiern).

Solidarität besteht nicht einfach darin, Flüchtlinge aufzunehmen und die richtigen Waffen im Kampf gegen Russland zu liefern. Sie muss auch darin bestehen, die eigenen Lebensformen, den Wohlstand, vielleicht unsere Errungenschaften zu prüfen, – nicht wieweit sie verdient sind, das nehmen wir einmal an, nein, wieweit sie eingesetzt werden können, um im Verteidigungskampf – nicht nur der Ukraine, da gibts noch mehr bedrohte Gesellschaften – einen Beitrag zu leisten, den wir auch spüren. Wir müssen nicht „leiden“, aber Empathie und Mit-Leiden haben auch ihren Preis. Solange man es sich leisten kann, unverändert weiterzuleben, obwohl man hilft, solange hilft man zu wenig.

Das heißt natürlich, dass die Reichen und Wohlhabenden mehr Steuern zahlen müssen und dass die Armen entlastet werden müssen. Ein Lufthansapilot verdient 280.000 € und verlangt 16% mehr im Tarifvertrag für die nächsten Jahre: diesen Kampf müssen wir genauso aufnehmen wie den Schutz derer, die wir nicht durch Steuerentlastungen und Almosen absichern können. Krieg und Sozialpolitik sind enger verknüpft, als man gemeinhin von oben deklariert.

Und das bedeutet, dass man sich den vielfachen Diskursen des Pöbels entgegenstellen muss, anstatt allen ihre Freizügigkeit am Heruntermachen zu gönnen.

Zu den Anlässen: Welche der obigen Varianten richtig ist, steht auf einem Blatt. Welche schwer zu heilenden Angriffe auf Menschen hier aus den ideologischen Schreibstuben des Pöbels getätigt werden, steht auf einem andern.

Bitte umblättern.

Rechtsstaat, nicht Rechts-Staat

100 Milliarden für die Bundeswehr, damit wir ein Land verteidigen können, das ohnedies die 1,5° nicht einhalten kann und wie alle anderen zugrunde geht.

Unfähig Patientendaten zu digitalisieren, aus Datenschutzgründen.

Unfähig, Windräder zu installieren, angeblich aus Gründen der Rechtssicherheit und der Genehmigungsprozeduren.

Unfähig, innerhalb von Tagen eine Nachfolge für das 9 Euro-Ticket zu kreieren, angeblich aus … einem Knäuel von föderalen Gründen und wirtschaftlichen Erwägungen einzelner Akteure.

Nun kann man sagen, dass es in der Zeitenwende vor dem Untergang egal ist, mit welchen dummen Gründen NICHT gehandelt wird. Rechtstaat und Datenschutz sind, wie bei den beiden Beispielen zu Beginn, vorgeschoben. Das Recht verlangt lebende und überlebende Menschen, und nicht die Einhaltung von Bestimmungen untergeordneter rechtlicher und funktionaler Bedeutung. Natürlich muss das „JEMAND“ entscheiden. Zum Beispiel der so genannte Bundeskanzler Scholz mit seiner Richtlinienkompetenz.

Datenschutz, Verfahrenssicherheit, Transparenz…alles gute und richtige Elemente von Demokratie, aber ihre Verknüpfung muss an mehr gebunden sein als an die demokratischen oder auch sachzwingenden Verfahren, die es eben so gibt, weil es sie eben so gegeben hat, als vielleicht die Situation eine andere war.

Eine These: die Wahrheiten, die sich in den genannten Sektoren bis zur Erschöpfung analysieren, ausbreiten und kritisieren lassen, haben viel Studienmaterial produziert, sie haben nur leider mit der Wirklichkeit dann wenig zu tun, wenn man kausal die Herkunft ihrer Wirkungslosigkeit untersucht. (Mein Beispiel: seit 20 Jahren (!) hinkt Bayern mit der Bahnstrecke Rosenheim-Kufstein hinter her…die Enzyklopädie der Einsprüche und Hinhaltepolitiken zerstört alle Hoffnungen, die Alpen vom LKW Verkehr zu entlasten).

Ist es tatsächlich ein Makel an Demokratie, wenn man z.B. die Einsprüche gegen Windräder begrenzt oder das Bahnticket bundesweit verordnet. JA und NEIN. Ja, wenn die Maßnahme aus einem Machtanspruch heraus verordnet wird, nein, wenn sie dem übergeordneten Anspruch der Menschen dient und diese Überordnung vermittelt wird. Das ist m.E. einer größten Fehler des jetzigen Machtgefüges, dass die Vermittlung oft nicht einmal versucht wird. Der bloße Hinweis, dass so etwas rechtlich festgelegt sei, ist schon in der Syntax falsch.

Es gibt nicht wenige (hauptsächlich aus den ökologisch orientierten Wissenschaften und aus der Sicherheitspolitik), die vermuten, dass das Überleben – siehe oben – also 1,5° und Wasser und Nahrung und…etc. – nur mit eindeutig erlassenen Vorschriften und begrenzten Handlungskorridoren individueller Entscheidungen möglich sei, – wichtig: wenn überhaupt. Da also das Überleben auch bei richtigen, machtvoll erlassenen Handlungsverordnungen nicht zwingend, sondern nur wahrscheinlich gesichert werden könnte, wendet sich die neoliberale Freiheitsvariante erfolgreich und vehement dagegen, nach dem Muster: der/die Einzelne weiß unter diesen Umständen am besten, was richtig ist.

Und die daraus erfolgenden Handlungsoptionen, ggf. Anweisungen haben nichts mit dem Wettkampf der wissenschaftlichen Analysen zu tun, sondern mit der Frage, ob der Stand unserer gesellschaftlichen Evolution mit den Grundlagen unseres Zusammenlebens – zu diesen zählt die Überlebenswahrscheinlichkeit unserer nachfolgenden, wenigen Generationen – vereinbar ist. Ob also die Vorstellungen von solidarischer, republikanischer Demokratie mit Bedürfnissen und Ordnungsformen zusammengehen. Eine Frage, die beantwortet werden kann, ethisch, moralisch, alltagspraktisch, aber nicht aus den Analysen der bestehenden Systeme herausgelesen werden kann, weil es ja nicht um die schlechte Unendlichkeit der Fortschreibung des Vergangenen geht (wenn bei den Raketen von Elon Musk sich Menschen – reiche Menschen – auf andere Planeten „retten“ können, wenn das möglich wäre, dann wahrscheinlich zu spät).

Anders gesagt, einfacher und teilweise gegen die minutiös darstellende Zunft: wir WISSEN sehr viel genauer, was jetzt zu tun ist, als es uns die BISHERIGEN Regeln der Demokratie umzusetzen erlauben. Stattdessen wird jedem Gefühl, jeder Angst, jedem vereinzelten Einspruch nachgegangen, um dieses Handeln angeblich widerspruchsfrei und mehrheitsfähig auszudiskutieren, bevor es stattfindet.

Nehmen wir nur die Windräder und die Solardächer, nehmen wir nur die digitale Krankenakte. Wenn man sich die Argumente gegen ihre SOFORTIGE Umsetzung ansieht, dann wird man mit der rechtsstaatlichen Blockade der Verfahren konfrontiert, die im Geschichtssinn „rechts“ ist, dem Bestehenden Vorrang vor dem Möglichen zu geben.

Wenn die Anordnung von Windrädern im Wald schon „Diktatur“ ist, was ist dann der Krieg, in dem wir uns befinden, was ist dann das Asylrecht, das überall brüchig ist, was ist dann das Verhungern ganzer Völker, die wir unterstützen, indem wir ihre Feinde noch mehr isolieren als sie selbst? Die Wirklichkeit braucht auch neue Wahrheiten.

Nicht wissenschaftlich, aber doch: https://mail.yahoo.com/b/folders/1/messages/APpx-vUNrlXwYxGQ8QcYaB8zoKc?.src=ym&folderType=INBOX&offset=0&unblockNow=false (SZ von heute morgen).

Sterbenswörtchen

Todesnachrichten sind ein Ritual der Lebenden.

Gorbatschow ist gestorben und wird in den deutschen Medien meist gebührend und wohlgesetzt gewürdigt. Selten überbrückt gesellschaftliche Dankbarkeit politische Gräben so schnell und schnörkellos, das spricht für den gelungen Teil deutscher Selbstvergewisserung nach der Vereinigung, die ja maßgeblich durch Gorbatschwo bewirkt wurde.

Nachrufe also und Hinhacken auf die unwürdige Reaktion der abfallenden Sowjetunion und des „neuen“ Russland. auf diesen Menschen. Ich empfand ihn so angenehm, weil er nicht makellos und natürlich kein individueller Erlöser war. Einmal saß ich ihm bei einem Mittagessen gegenüber, ich war wegen der Beziehung unserer Universität zur Uni in Novosibirsk/Akademgorodok eingeladen. Das Gespräch dreht sich nicht um Politik oder Wissenschaft, sondern war eine von Bundespräsident Herzog gestaltete Feier. Ich empfand es als angenehm dass man/ich nichts sagen musste, Gorbi hat als Tischrede seine Politik erläutert und Fragen zu den Gästen gestellt, das wars. Da waren schon alle seine Erfolge und die gespaltene Baltikumpolitik und die fragile Zukunft sichtbar, und es war wie ein Einbruch von Realität ins Wunschdenken.

Was wir ihm zu verdanken haben, kann man nicht verkleinern, es wird nicht verblassen. Seltsam, dass Dank keine politische Kategorie (mehr) ist.

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Am Montag war auch Hans Christian Ströbele gestorben. Mit dem allerdings hatte ich mich gestritten über die RAF, dann viele Jahre ihn nur über die Medien verfolgt. Bis zu dem Tag, da er den Max Dortu Preis erhalten hatte. https://www.max-dortu-preis.de/rede_stroebele.pdf . am 22.10.2017 hat Ströbele über Max Dortu geredet, aber vor allem über die Beteiligung Deutschlands am Krieg in Afghanistan, am Krieg in Syrien und über seine Dankbarkeit gegenüber Edward Snowden, die er auch der Kanzlerin anempfahl. Ströbele war ein Parteifreund, aber kein Freund. Er war in vieler Hinsicht jedoch angenehm in der geradlinigen Argumentation, mit der er seine Meinung auf die politische Ebene verschob. Seine Preisrede beschloss er mit den Worten: „

Und ich bin ja kein Revolutionär, der zur
Waffe greift, sondern ich bin ein Mann, der mit Worten versucht hat, etwas zu
verändern und zu erreichen. Und das ist noch nicht erledigt.“

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Morgen ist der 1. September

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Hitler. Stalin. Putin

Es gibt – nicht nur deutsche – Geisteswissenschaftler, Historiker, Gescheite eben, die uns klarmachen, warum man Putin NICHT mit Hitler vergleichen soll. Warum Hitler und Stalin auch ganz unterschiedliche Systeme regiert haben. In Deutschland, dem Kombinat zweier untergegangener deutscher Staaten, hat dieser Diskurs einen besonderen Beigeschmack, kein G’schmäckle.

Im letzten Monat hat man die Bestie des Antisemitismus anhand der Documenta durchs Dörfchen getrieben, jetzt geht es um Karl May Winnetou, und wenn schon der deutsche Wald stirbt, dann waschen wir unsere Autos wenigstens, um nicht aufsehen zu erregen.

Das hat natürlich seine Gründe. Wir, dieses „Wir“ der gebesserten, der geläuterten Deutschen, lassen die Verbindungen zum Nationalsozialismus bestenfalls in der Wissenschaft, vielleicht noch in marginaler Kunst und Literatur, aber doch nicht im Alltag erlebbar, wirklich weiterleben, zumal wenn wir das im Westen doch bis zum Überdruss praktiziert haben; der Nachholbedarf der ehemaligen Ostdeutschen wird eher in Richtung auf Stalin geschoben, und zwischen dem und Hitler gabs doch wirklich keine Parallelen.

Ich denke, der Vergleich MUSS sein, auch und besonders um die Differenzen deutlich zu machen, aber auch die Parallelen. Und in diesem Vergleich darf, kann, soll man nicht Putin zugestehen, mit 500 Jahren, jedenfalls mit 200 Jahren Geschichtsfälschung zu operieren, wenn wir hier bei uns bestenfalls das Verhältnis zu Russland mit Bismarck beginnen lassen, oder mit dem Ersten Weltkrieg und schon gar mit dem Zweiten, und am besten mit 1989, wo sich der Osten befreit hat, damit ihn der Westen retten konnte.

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Ihr merkt, ich bin ungehalten. Putin verkauft seinen loyalen Russen den Angriff auf die Ukraine als einen a) gegen die Nazis, die nach seiner Auffassung sich besonders gelungen der Juden bedienen, b) gegen die Ungläubigen, dabei hilft ihm der Uhrendieb Kyrill, damit endlich wieder Gott ins Spiel kommt, c) gegen ein Land, das kein Staat ist, weshalb das Abschlachten auch kein Krieg ist, d) gegen den Westen, den es so wenig gibt wie umgekehrt den Osten, und e) gegen die Minderheit im eigenen Volk, die ihm in diesem National Bolschewismus so wenig folgt, wie damals eine Minderheit an Deutschen dem National Sozialismus gefolgt sind.

Zu a) muss man die Geschichte des russischen Antisemitismus, verstärkt durch b) die Rolle der orthodoxen Kirche, nicht nur in Russland, studieren, c) ist eine von vielen Geschichtsfälschungen, mit denen Diktaturen ihr Volk mürbe machen, mit mehr oder weniger Erfolg, auch die kleinen Tyranneien spielen da mit, wir haben solche in der EU und als Verbündete, d) wird gerne von den Liberalen bei uns bemüht, denn da ist ein Kalter Krieg auf dem Vormarsch, da kennen wir uns aus. Erinnert ihr euch, ich habe vor ein paar Monaten gesagt, entweder sind wir auch im Krieg und Teil desselben, dann gelten andere Regeln als wenn wir im Frieden uns als Vermittler zwischen am Aggressor und dem Opfer anböten; ich denke, wir SIND im Krieg; und e) ist eine Fortsetzung der hunderte Jahre langen Diktatur, von Gorbatschow zu kurz unterbrochen, und da unterscheiden wir uns heute in der Tat von den Diktaturen ausgeprägter Art.

Dass Putin mit dem Nazivergleich und dem Nazivorwurf sich rechtfertigt, verschafft ihm einen diskursiven Vorteil, weil wir – der demokratische Westen – ja das Unikat des Nationalsozialismus, noch mehr als jeden Faschismus‘, beanspruchen, daher Putin sozusagen eine strukturelle Differenz zu seinen Gunsten hat. Dass das Blödsinn ist, wissen wir, aber Deutschland ist in dieser Frage zu Recht oder zu Unrecht leise, zu leise. Denn wir haben uns am Faschismusbegriff und vor allem dem Faschismuskonstrukt der DDR sehr lange abgearbeitet, auch um unseren demokratischen Exzeptionalismus (jetzt sind wir WIRKLICH geläutert und gebessert) unter Beweis zu stellen (was überhaupt nicht nötig wäre, denn die Praxis bewiese es besser als jeder Diskurs).

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Ich habe schon mehrfach auf die Drei-Mächte-Konstruktion in Orwells 1984 hingewiesen. Ja, ja, ich weiß, die USA sind anders als Russland und China und die beiden sind auch nur teilweise analog. Aber, siehe oben, man MUSS vergleichen. Und sehen, worin sie sich ähneln und worin nicht. Man kann auch zur eigenen Unterstützung Hannah Arendt lesen, und wirklich genügend Vergleichsmaterial aktuell heranziehen.

Aber das bedeutet auch, die Toleranz der Friedenszeit nicht zum laissez-faire in Kriegszeiten herunterzuwirtschaften. Die Morde der Russen bei uns und in anderen Ländern, die Massaker jenseits der „Militäroperation“, das Verschleppen von Menschen in unmenschliche Verhältnisse, massenhaft, alles das lässt sich schon seit langem, jedenfalls seit Stalin und Hitler mitsamt ihren Satelliten, detailliert verfolgen und beschreiben (für irgendetwas muss auch die digitale Wahrnehmungspolitik tauglich sein).

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Nun werden einige einwenden, sie würden ja in der Schuldfrage ohnedies die gegenwärtige Hauptschuld Putin geben, nur die Anlässe seines Schuldigwerdens hätten wir, der Westen mitverursacht. Das war auch jahrelang ein gutes Entschuldigungsargument zur Begründung, warum die Nazis so erfolgreich waren. Aber wenn sie das konzedieren, dann könne man doch verhandeln. Als Kriegspartei können wir eigentlich nicht wirklich verhandeln, bzw. als was sollten wir verhandeln? Unsere politischen Oberschichten sind TEILWEISE, nicht alle, diejenigen, die die Feuersteine für die Brandstiftung durchaus mitgeliefert haben, übrigens natürlich unter Zustimmung des so genannten Volkes, das jetzt die kalte Jahreszeit mehr fürchtet als den Bombenhagel (die haben noch immer eine etwas veraltete Kriegsberichterstattung im Sinn, die ja nicht weit weg ist von dem, was die Russen in der Ukraine anrichten). Darum wird der Zustand nicht wirklich zu Ende ausgeleuchtet, nur ein wenig…

Wieviel Land, Menschen, Schicksale sind diejenigen bereit, Putin zu opfern, bei ihrer Münchner Konferenz, nur damit die Russen befristet Ruhe geben?

Ich weiß schon dieser Vergleich macht manche wütend, andere sprachlos. Egal.

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Egal vor allem, weil wir uns aus unserer ÖlGas-importrolle nicht als ernstgenommene Friedensstifter entpuppen können, ohne auch die jüngere Geschichte der Bundesrepublik nach 1989 kritisch zu beleuchten, etwa die Benachteiligung der baltischen Staaten und der Ukraine bei den Verbindungen mit Russland.

Was tun? Mich fragt niemand und darum sage ich dazu nichts. Aber ich kann etwas zu Kultur und Ethik sagen. Es muss im Krieg nicht immer und überall scharf geschossen werden, um die Wahrheit sichtbar zu machen. Und das kann jeder von uns, denke ich, im Alltag auch ohne darüber mit anderen als den Betroffenen zu reden.

Nachsatz: ich denke, man macht sich schuldig, wenn man Putin nicht mit Hitler vergleicht.

Post. Postismus. Postillion

Alles, was mit Post beginnt, ist zweifelhaft, von der deutschen Post über die Postmoderne und den Postillion bis zum POSTHUMANISMUS. Das ist eine intellektuelle und wissenschaftliche Be4wergung, die sich schon lange gegen die aufgeklärte Vorstellung von den Menschen als den Anführern der Geschichte für ihre Zukunft wendet und jetzt, angesichts des realen Endes unseres Lebens auf dieser Erde, philosophischen Auftrieb erhält. Es geht um einen Abstieg aus der Superiorität über alles und jedes, also der gesamten Natur, und den Versuch, sich mit allem in dieser Natur gleichzustellen. Für mich ist das nicht wirklich neues, das Peter Neumann in der ZEIT 18.8.2022, S. 45 da zusammenfasst, „Wenn wir erst weiche Wesen wären“, Pilze, Flechten, …, etwas schlecht verdeckte Ironie in einem instruktiven Artikel. Wogegen sich die PhilosophInnen des Posthumanismus wenden, weist Neumann zurück. „Der Mensch gehört zur Natur, aber er ist jederzeit mehr als nur Natur“. Nebbich. Aber wie sich das beweisen lässt angesichts unserer dominierenden Position, die nicht nur zu unserer, sondern vielleicht zur dauerhaften Verwundung der Erde führen kann?

Naja, ich bin kein Philosoph, und musste bei Harari auch lachen, der ein Szenario entworfen hatte, bei dem die IT die menschliche Intelligenz überholte. Und natürlich können die Theoretiker des Posthumanismus ja nur aus der Intelligenz der jetzt lebenden Menschen eine Vorstellung darüber entwickeln, wie wir ein „Zurück zur Natur“ bewerkstelligen, ohne die Einsichten in die Natur, der wir auch angehören, zu verlieren, also ohne Menschen zu sein.

Was mich aber schon lange fasziniert, habe ich in meinen Blogs schon öfter erwähnt: wenn wir am Ende der Evolution passiv der Erderwärmung und ihren Folgen, also der Unbewohnbarkeit der Erde – der Welt? – unterliegen, dann verfassen wir Szenarien, in denen wir beschreiben, was niemand mehr lesen, erleben und bedenken wird können, weil es die Menschen nicht mehr gibt, auch nicht den philosophischen Singular „Der Mensch“. Die Menschen = Uns. Das habe ich im letzten Blog zur Harpman, Haushofer, Streeruwitz ja ausgeführt. Ich füge dem hinzu, dass das kein Gedankenspiel ist, sondern schon melancholisch macht, für keine künftige Leserschaft oder Audienz zu arbeiten, und also nicht vergessen zu werden, sondern einfach im NICHT zu verschwinden, und dann ist es egal, ob einzelne Moleküle von uns oder vom Schimmelpilz in die Ewigkeit hineindauern, sie merken keinen Unterschied.

Ganz aktuell bedrückt mich, wie jetzt, schon ist fast alles zu spät, eine neue Form von Tierliebe, Naturnähe, Erdbezug unsere philosophische und religiöse Exzeptionalität – also die Ausnahmeposition – vor allem und allen anderen aushöhlt: wenn wir menschlich werden, obwohl es bald keine Menschen mehr gibt, ist es spannend, welche Spezies sich ohne uns weiter entfalten wird. Die Hoffnung wird nie eingelöst, aber sie beruhigt zum Abschied.

Frauen an Ende der Welt

Viele wenden sich ab vom Weltkrieg, unter anderem, weil sie noch nicht direkt betroffen sind, außer vielleicht durch die Gaskrise. Viele wenden sich ab von der verheerenden Trockenheit, da der Sommer für ihre Freizeit erträglicher scheint, und die Natur sich schon erholen wird. Viele überfordern sich im hektischen Bemühen, sich nicht überfordern lassen zu wollen. Die nerven besonders, verhelfen den Medien und Hobbyberatern aber zu Extraprofiten.

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Nehmen wir an, eine überirdische Droge, irgendetwas von Oben, lässt den Menschen einen Moment lang den klaren Blick auf das Ende der Menschen in absehbarer Zeit zu. Was tun, fragen sie dann, was tun in den Monaten und Jahren, die wir noch haben? Und mancher sinken in die österreichische Lethargie des „Da kannst eh nix machen“, auch wenn schon „etwas geschehen muss“, aber das Etwas ist nebulös.

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Wie es kommen kann, wird immer wieder beschrieben, und nicht zufällig von Frauen. Das Ende der Welt ist auch das Ende der Männerherrschaft, gemessen am Weltuntergang geradezu nebenbei.

Vor kurzem habe ich schon einmal Jacqueline Harpmans Buch erwähnt, wo die letzten 30 Frauen auf dieser Erde einige Jahre und Jahrzehnte nach ihrer Befreiung aus einem Gefängnis ihre Befreiung in Freiheit umwandeln, und die letzte Überlebende aufzeichnet, was bis zu ihrem Tod geschehen ist und wie selbst ihr Sterben bestimmt, wo nach ihr kein Leben mehr denkbar ist (Harpman 1998). Und, nicht zufällig, lese ich das großartige Buch von Marlen Haushofer „Die Wand“ wieder, 50 Jahre vorher geschrieben, hier schreibt nur eine Frau im lebendigen Gefängnis das nieder, was sie in den Tagen diesseits der unsichtbaren, undurchdringlichen Wand gelebt und erlebt hat, während jenseits, „Draußen“ alles erstarrt und unbewegt verharrt (Haushofer 2004). Die Motive sind parallel, natürlich ist 1963 vieles im Detail anders als 1996, aber eines ist gleich: hier schreibt eine Frau, wovon sie ziemlich sicher ist, dass nach ihr niemand diese Aufzeichnungen wird lesen, aber die Übertragung in den Text der Autorin bewirkt, dass die noch Lebenden ziemlich genau wissen, was auch noch kommen kann und wird, zu unseren (?) Lebzeiten. Es geht um ein ewiges Jetzt, nicht um eine gestaltbare Zukunft.

Haushofer, 1970 gestorben, war schon zu ihren Lebzeiten bekannt, aber im Schatten. Jetzt wird ihr wichtigstes Buch wiederentdeckt, aufmerksam verbreitet, natürlich durch die Frauenpolitik, aber nicht nur durch diese, genau wie bei Harpman. Wir können beide Bücher mehrschichtig lesen, existenzialistisch, psychoanalytisch, anthropologisch, aber immer unter dem Aspekt, dass die „letzte“ Frau auch eine, ihre Lebenswelt entwirft, in der die Männer keine andere als die erinnerte Rolle spielen können. Wenn, dann ist es eine anthropologische, weltzeitliche Schuldzuweisung an das männliche Geschlecht, – so nie explizit – es geht nicht um die konkreten Umstände der Gefangenschaft und Befreiung für eine Gruppe und um das zwangsweise neue Leben in der nicht idyllischen alpinen Welt für die andere Frau (ich habe den Begriff der eingesperrten, endgültigen Freiheit für sie erfunden, sie würde außerhalb der Wand die nicht mehr lebendig finden, die ihr die Befreiung verwehrt hatten).

(Es geschieht einiges mehr in diesen beiden Texten, aber das wichtigste ist mir doch: wenn der Lebenszyklus endet, bleiben die Frauen übrig, so wie sie zu Anbeginn alles hätten zum besseren wenden können. Was nicht geschehen ist, hat wohl damit auch zu tun, dass sich die Männer auf die Wahrheit gesetzt haben und die Frauen in der Wirklichkeit bleiben mussten).

Haushofer und Harpman seien in diesem Kontext ebenso empfohlen wie Ingeborg Bachmanns Gedicht „Alle Tage“ und ganz neu Marlene Streeruwitz‘ „Geschlecht. Zahl. Fall“ (Streeruwitz 2021).

Keiner dieser Texte ist deprimierend oder verbreitet Endzeitstimmung. Man liest was es braucht, um frei zu sein, frei zu leben, und dass das nicht unbedingt auch heißt glücklich zu sein.

Harpman, J. (1998). Die Frau, die die Männer nicht kannte. Hamburg, Hoffmann und Campe.

Haushofer, M. (2004). Die Wand. Hamburg, Claassen.

Streeruwitz, M. (2021). Geschlecht. Zahl.Fall. Frankfurt, Fischer.