Global am Ende der Welt?

Langsam hat sich die Globalisierung als umfassende, fast alles bestimmende Dimension in unsere Diskurse zur Zukunft der Welt eingefunden. Sie wurde nicht eingesetzt oder konstruiert, zusammengesetzt aus Einzelteilen, sie war erst allmählich, und dann immer da.

Schnell fanden sich Propagatoren ihrer Vorzüge und ihrer Nachteile.

Globalisierung löst die obsolet gewordenen Nationalstaaten ab, ohne Nationalismen keine Ethno-nationalismen, keine lokale Demokratie ohne die aller anderen, keine Information, die nicht allen zugutekommt, „He’s got the whole world in his hands“, wie es im Gospelsong heißt.  Die ganze Welt, das ist doch was. Keine Grenzen der Digitalisierung, keine Reisebeschränkungen, keine Ware, die nicht überall produziert werden kann, überall hin transportiert wird, und überall konsumiert werden kann. Dass das möglich sein wird, dafür sorgt der global notwendige soziale Ausgleich.

Da sehen andere das ganz im Gegenteil: wenn irgendwo eine Lieferkette unterbrochen wird, wenn ein Sender abgeschaltet wird, wenn ein Land ein anderes überfällt, wenn die Menschen einer Region die einer anderen schon gar nicht verstehen, wenn sich die Religionen nicht vertragen, obwohl alles gleich sein muss, um gleich und gerecht zu sein…nein, das geht gar nicht.

Die Antiglobalisten haben in diesen Tagen anscheinend mit fast allen Argumenten Recht, die Globalisierer können nur darauf verweisen, dass sie die Zukunft im Prinzip global oder gar nicht gestalten können. Klimawandel als Paradigma.

DAZU, liebe Leserin, lieber Leser, gibt es sehr viel und ziemlich eindeutige Literatur.

Ich will einen anderen Aspekt herausholen. Globalisierung ist ein überwiegend vom Westen geprägter Begriff, und bekanntlich ist der Westen bislang von klugen Leuten leichter zu definieren und differenzieren gewesen als der „Osten“ oder der „globale Süden“, die „“ zeigen ja, noch steht der Begriff für uns nicht fest. Das ist in diesen Tagen doppelt wichtig: wir können zB. über die Fehler des Westens uns ausbreiten, die schließlich den Angriffskrieg der Russen gegen die Ukraine provoziert haben, aber wir wissen, trotz so genannter Geheimdienste, nicht wirklich, was im Osten vor sich geht. Wirklich nicht? Das andere Beispiel ist mir heute wichtiger: Unter Global verstehen wir einigermaßen richtig, dass es um die ganze Erde geht. Was ist die Gegenseite, nicht unbedingt das Gegenteil, von Globalisierung?

Die Entdeckung der Lokalität ist nicht wirklich neue, frühe und präzise Globalisierung-Kritik hatte auch ihre Stärke und wirkt bis heute: Zygmunt Bauman ist dabei ein ganz Großer, ein Anreger (Bauman 2001)(Bauman 2005) u.a. Der schöne Begriff der Glokalisierung stammt m.W. auch von ihm.

Der etwas zu platte Slogan „Global denken, lokal handeln“ weist auf ein wichtiges Problem: was bedeutet es für Inter-Nationalität, wenn es nationale und regionale Verdichtungen von Produktion und Auslieferung gibt, wenn Transaktionskosten gesenkt werden, wenn transnationale Verträge gekappt werden?

Auch hier quellen die Dokumentationen und Analysen über, aber es gibt einen ins Unbewusste abgedrängten Aspekt. Bedeutet am Ende die Renationalisierung, die Lokalisierung, die Verdichtung der Kommunikation nicht einen neuen Nationalismus? Bede3utet sie nicht die Stärkung von Autokratien und lokaler Personalisierung, das Ende des Kosmopolitismus – der sich dann auf die boomenden Urlaubsreisen in die unpolitischen Enklaven der Hotelstrände beschränkt?

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Und vor allem: was bedeutet diese Entwicklung für das Klima? Will man sich lokal sanieren, muss man oft naturgeschützte Landschaften kleinteilig angreifen? Und der globale Süden kommt als Rohstofflieferant so unter die Räder wie Zulieferungen aus den schlimmsten Diktaturen, wenn nur die nationale Wirtschaft nicht stockt? Ich mache die Fragezeichen, weil es hier um Fragen geht, um Fragen, die die Diskurse längst stellen und oft ethnonational beantworten. Man kann das auch globalen Rückschritt nennen, zu dem auch schon Corona eingeleitet hat.

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Das sind Fragen, zu denen es keine Antworten gibt, an den Stammtischen oder in der dünnen Luft der Regierungsspitzen in Floskeln darum herumgeredet. Der Krieg der Ukraine ist auch einer, der unsere Humanität leicht abschwächt, gerade weil sie ein noch von fast allen geteiltes Objekt hat (die aus der Ukraine Geretteten): win-win, sagt nicht nur die Wirtschaft. Sie sagt das zur Rettung, sowie sie ihre Laufbänder laufen sieht, ohne den täglich 300 Covid-Toten die gebührende Achtung und Hilfe (im Gesundheitswesen) zu gewähren.

Die „alte“ Globalisierung ist so oder so zu Ende. Die neue kann nicht mehr stabil sein, wenn Staaten sie ohne Rücksicht auf ihre Gesellschaften aushandeln. Kosmopolit ist, wer die Welt in seine oder ihre Gesellschaft hereinholt und sie an Ort und Stelle wiederfindet und dann wiederum hinausführt. Fridays for Future also nicht nur klimabezogen, sondern auch Lebensqualität und Kommunikation im Fokus; das geht nur mit Menschenrechten, und streng traditional, ohne die Abspaltung der Ökonomie von der Politik, wie jetzt, zur Zeit, üblich und manchmal notwendig.

Dazu kommen weitere Fragen: warum werden der Osten und der Süden meist von denen in Gedanken mitgetragen, die den Westen eher kritisch sehen? Das ist nicht nur eine Frage der Prioritäten in der Forschungspolitik, sondern gehört zum Alltag sich politisch verstehender Alltagsmenschen? Die Diktaturen aller Ecken betrachten solche Gedanken als Gefahr, sie zensieren, verbieten, strafen…das zeigt, dass etwas Wahres dran sein muss. Umgekehrt, sie lügen selbst nicht, darum steckt auch in ihren Aussagen kein Stückchen Wahrheit, wie Hannah Arendt sagen würde, nein, sie lügen nicht, sie sind nackt wie der Kaiser oder Zar. Oder, im Falle Putins, wie Hitler oder Stalin. Und viele haben verlernt, ihren ausweichenden und besänftigenden Zweifeln zu misstrauen, die das berühmte „Hinterheristmanklüger“ schon als Entschuldigung gelten zulassen. Wiedergutmachung ist das keine.

Nachsatz: ich zitiere hier nicht die umfangreichen Belegstellen. wer schnell lesen will und kann: Bernd Ulrich: Sieben auf einen Streich, ZEIT24.3.2022, S. 4. Über die Verzahnung der Krisen, deretwegen es kein Zurück gibt, weder zur Normalität (sagt Ulrich) noch zur Globalisierung (sage ich)

Ohne Antworten zu leben, macht schlaflos.

Bauman, Z. (2001). „Identity in the globalising world.“ Social Anthropology 9(2): 121-129.

Bauman, Z. (2005). Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne. Hamburg, Hamburger Edition.

Taleban ohne Moral, AfghanInnen ohne Regierung

Seit der gewaltsamen Machtübernahme durch die Taleban hat sich der Westen weggeduckt und viele haben gehofft, dass die ökonomische Krise des Landes und ein Lernprozess der Taleban die Situation humanitär und sozial verhandlungsfähig machen würde. Auch war klar, dass es keine unmittelbar wirksamen militärischen Mittel gegen das scheinbar religiöse Regime gibt, also trotz alledem: verhandeln statt schimpfen, die Opposition (die gibt es) und die Zivilgesellschaft (die gibt es) stärken. Und: wir haben es in der Hand, mit den Taleban eine Linderung der entsetzlichen Hungersnot gegen rechtsstaatliche und kulturelle Erleichterungen auszuhandeln.

Nun haben, im Schatten des russischen Krieges gegen die Menschen in der Ukraine, die Taleban den gegenteiligen Kurs eingeschlagen. Frauen und Mädchern werden weiter diskriminiert, und zwar unter Berufung auf den Islam.

Deshalb habe ich oben geschrieben: „scheinbar“ religiös sei das Regime. Kein Regime der Welt darf sich auf die Religion oder gar einen Gott berufen, wenn es die Menschenrechte einschränkt. Keines – das gilt auch für Christen und andere, die Gott vorschieben um gewaltsam Menschen zu unterdrücken. DAS ist in der Tat eine rote Linie, dass man nicht mit Rücksicht auf einen Regimegott (Kyrill in Moskau, das gilt auch für dich) Konzessionen in Menschenrechten und Duldung von Unterdrückung macht.

Nur unter dieser Prämisse darf udn soll mann verhandeln. Aber es muss einem auch klar sein: die Geflüchteten aus Afghanistan soll man nicht schlechter oder weniger humanitär behandeln als die aus der Ukraine oder dem Jemen oder….UND mit den Taleban muss man weiter verhandeln, siehe oben; weil sonst nicht ein paar tausend Menschen verhungern, sondern Millionen.

Auch das ist „Deutschland“

Ist es zum Verzweifeln oder zum hilflosen Lachen? Herr Scholz, der gerne Kanzler spielt, war mitverantwortlich für die Energiepolitik mit Russland, jahrelang verantwortlich mit in der GroKo. Und jetzt geht es ihm um Arbeitsplätze, sagt er, dabei meint er die deutsche Industrie. Was das Proletariat zu den sicher kommenden Einschränkungen einer harten Energiepolitik gegenüber Putin sagt, soll er den ArbeiterInnen überlassen, da hatte schon Marx mehr Recht als der empathielose Scholz. Scholz ist fast so schrecklich wie Lindner. Das heißt nicht, dass man nicht mit so einer Regierung leben kann, es wäre ein Missverständnis, immer die Optimaten oben und sich untergeben zu fühlen. Aber es gibt eine deutsche Beschämung, keine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 100 km/h, kein autofreier Tag, kaum Brennstoff-Reduzierung. Ist die Behauptung so irre, dass Wohltätigkeit oder gar Gewinn (ukrainische Arbeitskräfte statt deutscher Geburtenausfälle) immer nur geht, wenn man keine Opfer bringt (sacrifice), um nicht selbst Opfer zu werden (victim). Warum versuchen Scholz und Lindner nicht, sich und uns beim Wort zu nehmen?

Tagesspiegel online 28.3. – das muss ich wörtlich zitieren: 

Kurz nochmal zurück zu Andrij Melnyk – für die FAZ (Sonntagszeitung) hat Livia Gerster ein beeindruckendes Portrait des Botschafters geschrieben – darin auch folgender Absatz über deutsche Spitzenpolitiker:

Am Morgen hatte Putin die Ukraine überfallen, am Nachmittag saß Robert Habeck bei ihm auf dem grünen Ledersofa und war „am Boden zerstört“. Bitter und beschämt, weil er sich von seiner Partei kleinkriegen ließ, als er im Sommer Waffen für die Ukraine gefordert hatte. Es war ein grundlegend anderes Gespräch als jenes mit Verteidigungsministerin Christine Lambrecht, die hauptsächlich besorgt war über ihr öffentliches Bild. Oder das mit Finanzminister Lindner, der mit „so einem höflichen Lächeln“ dasaß und redete, als sei die Niederlage der Ukrainer längst besiegelt. „Euch bleiben nur wenige Stunden“, habe er gesagt. Waffen zu liefern oder Russland von SWIFT auszuschließen sei sinnlos. Stattdessen wollte er nach vorn schauen, auf das, was Lindner für vorn hielt: eine von Russland besetzte Ukraine mit einer Marionettenregierung. Melnyk sagt: „Das war das schlimmste Gespräch in meinem Leben.“ …Das öffentliche Bild von Christine Lambrecht (siehe oben) hat übrigens eine kleine, kosmetische Auffrischung bekommen – nur einen Tag nach Kriegsbeginn saß die Verteidigungsministerin um 10 Uhr morgens gut beschützt von ihren Bodyguards in aller Ruhe im Tiefgeschoss der Friedrichstadtpassage zur Maniküre bei „Le Nails“. Um 11 Uhr ging‘s dann nach nebenan in die „Galeries Lafayette“. Stilfragen (siehe oben) lassen sich in Kriegszeiten eben auf die eine andere Art regeln. Es kommentiert Jean-Paul Sartre: „Ins Exil gehen heißt, seinen Platz in der Welt verlieren.“

Das möchte man gar nicht mehr im Detail wissen, wie manche deutschen Politiker ihre Situation nur wichtig, aber nicht ernst nehmen.

In Wien sagt meine verehrte Kollegin Marlene Streeruwitz deutlich:

Hier nur der Anfang, der aber Programm ist:

„Krisen offenbaren unseren Selbstbetrug“

„Die Pandemie hat unsere Selbstflucht schonungslos offengelegt“, sagt die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz in einem ausführlichen ORF.at-Interview zum Stand der Gesellschaft. Auch den momentanen Ukraine-Krieg sieht sie als eine Form des Ausgeliefertseins an narzisstisch gestrickte Eliten. Dringend sollten die Menschen die demokratische Kontrolle über ihr Leben wiederherstellen. Und auch in einer Gesellschaft der täglichen Mitbestimmung leben. Die Öffentlichkeit habe man privatisiert, mit den Folgen, dass das Büro und der Ort des Wohnens zu einer Einheit zusammenfielen – und wir „in einem Dauerstress gehalten werden“.

Online seit gestern, 11.42 Uhr

Geplant war ein ausführliches Interview mit Marlene Streeruwitz zu den Folgen der Pandemie und dem Wandel von Öffentlichkeit und Privatheit. Doch bevor das Gespräch fertig verschriftlicht war, begann der Ukraine-Krieg, und es drängten sich noch mehr Fragen an die Autorin auf. Streeruwitz sieht beide Krisen als Ausdruck für eine Situation, in der Menschen klein gehalten werden. Und über Jahrzehnte mitgemacht haben, sich klein halten zu lassen. Schonungslos geht sie mit der scheinbaren Euphorie der 1980er und 1990er Jahre ins Gericht, die dazu geführt habe, jede Form der Mitbestimmung abzudrängen. Ja, man habe sogar das Private insofern privatisiert, als man auch in diesem Bereich in der Pandemie zeigte, dass das Wirtschaftssystem weiterlaufe. „Unsere kleinen Fluchtmöglichkeiten haben sich als das herausgestellt, was sie sind. Wir sind erwischt, habe ich den Eindruck“, sagt die Autorin.

Im Mai will Streeruwitz alle Erfahrungen der letzten zwei Jahre, aber auch der gegenwärtigen Wochen in Buchform aufgeschrieben haben. Das Interview liest sich wie ein Rahmen und eine Rahmung dieser Arbeit.

Das gesamte Interview

Frau Streeruwitz, wie geht es einer Gesellschaft, die permanent mit Meta-Narrativen der Angst zu leben hat? Zuerst ist unser Leben von SARS-Covid bedroht, jetzt lauert im Hintergrund die Atombombendrohung Putins. Was macht das mit uns?

Streeruwitz: Es werden Metaschicksale dekretiert, die unsere Kleinrealitäten außer Kraft setzen. Die Macht über uns wird offenkundig. Das Metaschicksal setzt unsere Rechte und auch die Pflichten aus und lässt uns den Stress des Ausgeliefertseins als Beschäftigung. Es sind psychotische Welten, in die wir da verfrachtet werden, und es wäre der richtige Zeitpunkt, sich gemeinsam diesem Ausgeliefertsein zu entziehen. Zum Beispiel in einer Durchsetzung von Klimapolitik, die die Welt nicht als Besitz von Eliten betrachtet, sondern sich den demokratisch aufgefassten Grundrechten aller widmet. Das wiederum hieße, das Leben darin ernst zu nehmen, dass die natürlichen Ressourcen nicht dem kapitalistischen Prinzip der Profitmaximierung unterworfen werden können. Unsere Rede muss dann „grün-grüner-grün“ heißen. Der Superlativ muss aus dem Spiel genommen werden.

Bücher zum Thema

„So ist die Welt geworden“ ist beim Wiener Verlag Bahoe Books erschienen. Im Mai 2022 erscheint von Streeruwitz auch bei Bahoe: „Handbuch gegen den Krieg“.

Wie stellt sich für Sie innerhalb dieser zwei fundamentalen Krisen das Verhältnis von Politik und Bevölkerung dar?

Ich fände die Ruhigstellung des einen Prozents an Elite einen guten Schritt, sich des Prinzips solcher Maximierung in narzisstischen Persönlichkeitsstörungen der Eliten zu entledigen. Wie wir eben demokratische Kontrolle über unsere Umstände herstellen sollten. Das wiederum hieße, das demokratische Verantwortungssubjekt geworden zu sein. Das wiederum ist in den Umständen unserer Beschulungen, die wir gerade erleben, sehr schwierig. Wir müssen ja unsere inneren Welten neu denken, wenn die Welt insgesamt gedacht werden muss zu ihrem Weiterbestehen. Natürlich sollten wir zu so einem demokratischen globalen Handeln längst fähig sein und deshalb alle diese Krisen jetzt gar nicht erlebt haben. Dass Angst beherrschend eingesetzt werden kann, muss umfassend kulturell bekämpft werden. Wir müssen uns selbst retten. …

Das ist ein langes Interview, mit vielen Facetten. Bitte lest es, lesen Sie es ganz.

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Manchmal verliert einer wie ich die Lust zu kommentieren. Es kommt immer nur die Persiflage dessen heraus, was man SO nicht haben will und anders besser machen KANN.

 
   
  

Lust am kleinsten Übel?

Wenn es um den Krieg geht, dann werden die Maßstäbe wackelig. Es entsteht eine Lust am kleinsten Übel, weil der Krieg uns noch nicht zum persönlichen Handeln zwingt. Gottseidank, sagt man da, wenn er uns zwingt, ist es ja zu spät. Wozu ist es dann zu spät?

Fragt eure Eltern und Großeltern, manchmal auch euch selbst, wenn ihr zurückkehrt aus Gegenden, wo der Krieg ist oder sich menschennah an den Davongekommenen reibt.

Natürlich ist es, die kleineren Übel zu wählen, um den größeren zu entgehen. Fraglich ist nur, ob das so linear, so folgerichtig funktioniert.

Einfache Beispiele: die Rechtsstaatsbrüche von Polen, die Nationalismen von Ungarn, die autokratischen Verbrechen der Türkei – das alles wird in Kauf genommen, weil diese Regierungen jetzt gegen Putin sind und tatsächlich für die Ukraine einstehen. Das ist richtig so, für den Moment, es wird nicht haltbar sein. Aber es hilft (vielleicht), das noch Schlimmere zu verhindern oder zu bremsen, es ist schon schlimm genug.

Kompliziertere Beispiele: plötzlich wird der Klimawandel in die zweite Reihe gerückt, weil es um das Aufrechterhalten unseres Wohlstands und unserer Freizügigkeit. Wohlgemerkt: unserer Lebensumstände. Nicht nur die Neoliberalen, die Arbeitsplatzfokussierten, die Pflanzenvergifter usw. sehen ihre Chancen, es gibt ein „Umdenken“, ein Schattenwerfen auf das, was als richtige Politik eigentlich längst, alternativlos meistens, erkannt wurde.

Mir geht’s darum, dass es möglich – vielleicht wahrscheinlich – sein wird, dass sich nicht nur der so genannte Lebensstandard absenken muss, damit wir und unsere Nachkommen überleben, sondern dass das mit dem Krieg weniger zu tun hätte, als jetzt aus allen Lautsprechern dröhnt. Oder aber, es gibt den Krieg bei und mit uns, dann wird die Zerstörung der Erde nur beschleunigt, die Richtung ändert sich nicht. Ich hoffe, das ist nicht der Fall, aber es ist möglich.

Im Schatten des Krieges sich auf die Nachkriegszeit einstellen, wie das die NATO und EU machen, ist eine Sache. An unsere Lebensumstände denken eine ganz andere.

Ein Hinweis: Großbritannien hatte erheblichen Anteil am Krieg gegen Hitler und an unserer Befreiung. Trotzdem, vielleicht auch deshalb, gab es nach 1945 eine erhebliche Wirtschaftskrise, rationierte Lebensmittel und Kälte.(https://de.wikipedia.org/wiki/Nachkriegszeit_in_ Grossbritannien). Und wenn es uns ähnlich trifft?

Klar sagt sich das aus dem wohlsituierten Bürgertum leichter als aus dem Prekariat. Aber wozu haben wir eine sozial orientierte Mehrheit in der Regierung? Und vor allem: dass Solidarität mit anderen – Ukraine, Afghanistan, etc. – einem selbst etwas mehr abverlangt als man „automatisch geben“ würde, versteht sich, sonst ist es nur Tauschwertpraxis im ganz normalen Kapitalismus.

Ein giftiger Einschub: die sogenannte FDP wehrt sich dagegen, was allen Bürgerinnen und Bürgern zugemutet werden kann, auch solche Lächerlichkeiten wie ein Tempolimit auf Autobahnen oder gar autofreie Tage. Das ist die Partei, die viele Coronatote, nicht nur aus den eigenen Reihen allerdings zu verantworten hat, und die alles unter dem Wort „FREIHEIT“ verkauft. Nur, Lindners Freiheit wird an keiner humanen Börse gehandelt.

Es wird uns treffen. Kurzfristig so, dass die vorgebliche „Einheit“ rasch Sprünge bekommen wird. Trotzdem muss ein Tempolimit her – das ist mehr als nur eine Metapher – und trotzdem muss man den wieder aktiven Kriegsgewinnlern Gegnerschaft antun, jetzt schon. Dann können wir ja wieder anfangen darüber nachzudenken, welche Lebensumstände wir denn auf der abschüssigen Bahn zum Klimakollaps leben wollen und glauben, leben zu können…am Getreideimport und den Brotpreisen leiden die Armen dieser Welt und keine Deutschen.

Ich soll nicht Man sagen. Man kann Ich sagen

Viele verstecken sich hinter dem WIR. Was können wir schon tun? Was sollen wir davon halten? Auch MAN kann helfen, da kann man nichts machen, man hat das schon so gesehen. ICH  sagt MAN selten, wenn es brisant wird, wenn MAN beim Wort genommen wird, und kein WIR in Sicht ist, das einen selbst entlastet.

Keine Sprachspielereien, wann ICH eher eine Frechheit ist.

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Robert Habeck hat vor einigen Tagen gezeigt, dass hinter den Aussagen seiner politischen Funktion, für das gesellschaftliche und staatliche WIR, ein angegriffenes, zu Gefühlen fähiges ICH steht, das sich einem Ziel, einem Zweck unterordnet, der uns meint, die Bürgerinnen und Bürger Deutschlands. Es ging um die Energieversorgung, die Abhängigkeit von russischem Erdgas und Öl, um Energie. Was aber Habeck so nahebrachte, war nicht einfach das wichtige Thema: es war der Mensch, der nicht selbstvergessen seine Pflicht abspult, sondern zeigt, was das mit ihm konkret macht – ob wir uns das anschauen wollen oder nicht.

Ähnlich agiert Annalena Baerbock, die ja nicht einfach ein Land nach „Außen“ vertritt, sondern uns. Wobei die Frage der Verhinderung eines weiteren Kriegs, vielleicht eines Weltkriegs, sehr viel wichtiger ist als ein Beziehungen zwischen Staaten abzuwägen und abstrakt von Diplomatie zu sprechen. Da spricht keine „Atlantikerin“ mit den Amerikanern oder in der EU, da spricht auch keine, die nur „deutsch“ ist, sondern eine, die mit Verantwortung trägt, für die viel bedrohteren Länder im Baltikum und europäischen Osten, und vor allem für die Menschen in der Ukraine, denen man nur indirekt und nicht unmittelbar mit Waffen hilft.

Die beiden machen Hoffnung. Sie verbarrikadieren sich nicht hinter der scheinbar sachlichen Leere des Kanzlergesichts von Scholz oder hinter dem neoliberalen Zynismus eines Lindner. Sie sind auch nicht so geschäftig wie einst Genscher, der sich selbst immer am nächsten Flughafen begegnet ist. Baerbock und Habeck zusammen sind eine Hoffnung, auch wenn sie, so wie wir ansehen müssen, was der Diktator Putin anrichtet.

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Wie sehen wir einen Massenmörder, der näher an Hitler und Stalin ist als zur Zeit andere Diktatoren und Autokraten? Wie sehen WIR ihn, nicht: wo ordnet MAN ihn ein. Macht er etwas auch mit UNS? Werden wir aggressiver, militaristischer, ängstlicher, irrationaler…Wieso ER? Er ist nicht allein, aber er dominiert seine Umgebung, solange die davon profitiert, dass sie zu ihm hält. Der Rest landet im Gulag (das sind KZs) oder im Gefängnis oder anderswie im Abseits. Er hält, wie Hitler und Stalin damals, die zusammen, die um ihn sind, nicht nur ihn zu stützen, sondern von der Macht zu profitieren, die sie aus ihm ableiten.

Diese Fragen können, sollten aber nicht Gegenstand jener vorschnell selbstbewussten Privatredereien werden, plötzlich kennt sich JEDE(R) aus, wo MAN jahrelang weggeschaut hat. Das nicht zu bedenken und zu ändern, ist die Situation zu ernst.

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Habeck und Baerbock, weiter so, auch wenn es für die AdressatInnen der Botschaften nicht immer angenehm ist. Weiter so heißt noch nicht, das wir nicht noch viel schlimmeres vor uns haben. Das muss man nicht an die Wand malen, aber wenn Putin nicht nur Ultraschallraketen gegen Menschen einsetzt, sondern auch taktische Atomwaffen? Was aber, wenn die ausgehungerte Ukraine noch viel mehr Geflüchtete schickt und wir sie aufnehmen MÜSSEN? Was aber, wenn…wegschauen gilt so wenig wie sich durch Verzweiflung wehrlos machen.

Glücklich ist, wer vergisst.

Glücklich ist, wer vergisst / was nicht mehr zu ändern ist. (Die Fledermaus, 1974, die einzige Operette, die es in der Wiener Staatsoper geschafft hat).

Nebbich, was zu sehr Plattitüde wird, kann gar nicht mehr ernsthaft reflektiert werden. Der abwesende Gatte wird betrogen, weil er abwesend ist, nicht zu ändern. Vieles dazu kann persönlich, privat variiert werden, und auch ohne Betrug ist dieser Satz bedenkenswert, so wie Hannah Arendts Reflexion der Lüge Der „Kern der Wahrheit“ in der Lüge, der Kern der Wirklichkeit im Willen…(Arendt 2002)

Gilt das hier individuell ausgefaltete Bonmot auch für Politik, Gesellschaft? Nur wer vergessen will, darf sich erinnern. Hundertmal von mir variierter Leitsatz meines Freundes Aron Bodenheimer. Warum soll man vergessen wollen?

Mir geht es um die großen und kleineren Kriege und Gewaltsysteme, um Jemen, Syrien, Afghanistan, aber auch um Skripal und andere russische Verbrechen, um Assange und andere amerikanische Verbrechen…Auch die große Politik landet irgendwann bei den einzelnen Menschen und schafft dort Tod und Unglück. Arendt sagt mit Recht, in jeder Lüge ist ein Stück Wahrheit, aber eben nur ein Stück, und das Ganze ist unwahr. In allem Vergessen lauert ein Stück Wiederaufnahme des Verfahrens, und wenn es herauskommt, ist es die Wahrheit. Die Mechanismen des Wieder-Erinnerns sind im bürgerlichen Alltag meist das „schlechte Gewissen“ (immer ein Stück Wahrheit drin) oder Druck von Außen (Folter oder Sanktionen). Aber bleiben wir beim Gewissen: Polen, Ungarn und andere, haben sich ausgesprochen schäbig zu Geflüchteten aus Belarus verhalten, zumal wenn die aus Afghanistan oder Syrien gekommen waren. Jetzt machen sie es „wieder gut“, und wer wollte sie dafür tadeln? Aber nichts ist ungeschehen, das nicht aufgerufen und abgearbeitet ist. Es kommt wieder. Deutschland in Afghanistan und Deutschland mit den afghanischen Geretteten (wenn sie hier sind) und Deutschland mit den im Stich Gelassenen – das wird durch noch so heftiges Wohltätigkeitsgeschrei nicht vergessen. Dass die Politik es vergessen will, außer Frage. Und viele Opfer der deutschen, amerikanischen, russischen Afghanistanpolitik sind nicht zu ändern, also wieder zu beleben. Die sind nicht zu ändern, aber auch nicht zu vergessen.

Arendt, H. (2002). Denktagebuch. München, Piper

Ein paar Wiener.

Da will ich schreiben, wie der Frühling in Wien die Stadt auch bei heftiger Arbeit und düsterer Stimmung schön macht. „Im Prater blühn wieder die Bäume“, naja fast, zwei drei Tage noch. (es muss nicht Peter Alexander sein, der das singt, aber ja, das kannte man) https://www.lyrix.at/t/robert-stolz-im-prater-bluh-n-wieder-die-baume-9bf

Da will ich schreiben, warum das Sterben um einen herum in Wien ein wenig anders als anderswo. „Der Tod, das muss ein Wiener gewesen sein“…(Georg Kreisler/Topsy Küppers…das war noch eine Sozialisation) oder…“Frag mi net, was für eine Numero der Tod hat“. (http://musecat.ru/music-album/ijhdcji/Helmut-Qualtinger-Singt-Schwarze-Lieder)

Da hebe ich zum wievielten Mal zum Lob der Straßenbahn und der Würstelstände und der Museen und der Ausstellungen an, und verabrede mich in dem einen Café, um ins andere zu gehen, und im dritten wieder auf die Freunde zu treffen. (Café Rathaus, Bräunerhof, Eiles, Schwarzenberg, mehrfach).

Und wen bitt’schön sollen diese Erzählungen interessieren, wenn rundherum alles sich zersplittert und auflöst?

Gerade deshalb. Nicht, weil es bleibt, oder gar tröstet. Sondern weil es zeigt, dass im Unglück die Stadt einem die Gelegenheit bietet, sich auszuruhen und zu sammeln, ohne gleich die Wirklichkeit zu verdrängen, die kommt ohnedies immer und überall durch die Poren … zum Beispiel, dass österreichische Kultur (Dirigenten, Komponisten, SängerInnen etc.) seit Kanzler Schüssel, nicht erst seit Sebastian Kurz, von Putinesken Oligarchen gesponsert werden, Ukrainekrieg hin oder her, davon rücken die Salzburger Festspiele und andere nicht ab…Ist ja nur Kunst.

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Die Berichte aus Wien wollte ich gerade beginnen, da kommt heute die nächste traurige Nachricht. Erhard Busek ist am 13. März gestorben. (geboren 1941). Mich triffts, wir gerade in der Mitte zwischen Freundschaft und guter Bekanntschaft waren, und obwohl ich ihn vor zehn Tagen nicht am Telefon erreicht hatte, um ihn wieder zu sehen, wie schon vor Wochen vereinbart. Busek war viel in seiner Laufbahn, ÖVP natürlich, aber doch Gegenspieler zu Schüssel, Wissenschaftsminister (da haben wir bisweilen verhandelt), Chef des IDM (Institut für den Donauraum und Mitteleuropa, da habe ich Seminare gehalten), und in der afghanischen Flüchtlingsproblematik ist er mir noch vor einem Jahr beigesprungen. Nach einem Skiunfall hatten wir auch über den Wintertourismus geredet. Aber Nachrufe sollen andere schreiben, ich erinnere Wienerisches. Wenn wir uns ab und an gesehen haben, dann meist zum Frühstück im Hotel Imperial verabredet. Einfacher geht es nicht. (https://en.wikipedia.org/wiki/Hotel_Imperial) – Einem der teuersten und besten Hotels der Stadt, weil aber das Frühstück kein Buffet hat in dem Raum, in dem wir uns getroffen haben, war das petit dejeuner billiger als in den meisten Touristentempeln – zwei Eier im Glas, mit Schnittlauch, zwei Schalen Café (Schalen bitte, nicht Tassen), – und man hat geredet und ich habe etwas von Österreichs Politik gelernt. Erhard war freundlich, immer konzentriert, scharfzüngig und – was Österreich betrifft, resigniert (als hätte er nicht seinen Beitrag gegen die Vernebelung der Vernunft durch zuviel Heurigen und Korruption geleistet). Schade, wieder einer, den ich im April nicht besuchen kann. (Lest einmal: Oliver Schreiber: Österreich die angezählte Republik. In: Falter 4/22, 14).

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Loben hat auch seine Grenzen, mittlerweile kenne ja alle das Verkehrsnetz und die Vorzüge von Straßenbahn, Ubahn und Bus. Du siehst vor allem, was dir sonst fehlt, in allen Stadtteilen und den meisten Straßen Geschäfte, kleine, kleinste, dazwischen die schnöden Supermärkte, die es auch in Deutschland hat, aber hier so viele Klitschen, von denen man nicht weiß, wovon sie leben, aber sie tun es schon seit langem und immer noch: etwa rund um die Davidgasse im 10. Bezirk, früher ein Arbeiterrevier, da kann man die Kleinteiligkeit des Immigrantenviertels studieren. Formal ist das Land wohl feindlicher und abweisender gegenüber Ausländern, aber in situ ist das ganz anders, mir scheint es besser zu gehen mit den Türkinnen, Albanerinnen, Liberianerinnen und sonstigen Innen der zweiten, dritten Generation. Das ist kein nostalgisches Schönreden, danach ist mir gar nicht.  Aber ein zunehmend wachsender Groll auf Deutschland macht mich wach, hält mich aufmerksam. Ich laufe durch die endlose Davidgasse nach Osten zur Laxenburger Straße, die ein Muster für dieses Gemisch aus kleinen und großen Geschäften, Abriss und Neubau, Verkehr und Beruhigung ist. Die Bestattungsunternehmen auf der anderen Straßenseite konkurrieren mit der städtischen Bestattung im neugotischen Amtshaus, man denkt an Wolf Haas. Hochzeitskleider und schmale Smokings, die an Istanbul denken lassen. Und bei Smoking denke ich an eine ganzseitige Hommage an den Wiener Frack, der bei manchen Bällen noch immer getragen wird, und hier ist es eine unverhüllte Werbung für Knize, bei dem ich vor 20 Jahren meinen besten Anzug gekauft habe, Knize am Graben, nicht in Favoriten, ich war auf Urlaub aus dem Kosovo da. Wie so oft, war damals der Urlaub oft ein Wochenende. Jetzt substituiere ich meine Spaziergänge mit dem Hund mit langen Wanderungen durch eine Stadtlandschaft, die aus Unwahrscheinlichkeiten besteht. Geht man an der Laxenburger weiter, kommt man zum Südbahnhof, pardon, seit Jahren der Hauptbahnhof, anders als Berlin fertiggestellt und überdacht, Zugang zu einem Quartier aus mittleren Hochhäusern. Büroflächen, Hotels und dazwischen Grün für Spielplätze. Das wäre nichts Besonderes in einer Großstadt, aber da waren einmal Süd- und Ostbahnhof über Eck, da waren Bahnflächen und der unwegbare Übergang zum alten Arsenal, das jetzt auch reaktiviert ist als Museums-, Wohn- und Arbeitsquartier. Nicht alles schön, aber seltsam urban auch hier. Gehst du nach der anderen, abfallenden Seite, querst du eine große Kreuzung (da bin ich, aus Baden kommend, immer in den D eingestiegen, zur Innenstadt), und jenseits des Gitters: das Belvedere. Einer schönsten Barockpaläste, aus dem 17. Jahrhundert, mit einem Park zur Stadt, der einem diese Schüssel verdichteter Hauptstadt nahebringt, mit der Nadel des Steffl in der Mitte und den scheusslichen Türmen des AKH als Ausrutscher vergangener missratener Modernisierung. Im Gegenlicht des Nachmittags sieht man sie eh nicht, wenn sich der Schatten über den Kahlenberg legt. Da gehe ich runter zum Unteren Belvedere (Dali-Freud-Ausstellung!) und werde von einem grantigen Wiener angeschnauzt, weil ich einen Schritt im Rasen stehe. Recht hat er ja eigentlich, weil ich neben der Tafel stehe, wo genau dies wegen der Frühjahrsblumen verboten wird. Unten, an der Talsohle angekommen, kann man erkennen, was auch die Urbanität ausmacht: das eine Stockwerk höher als in den meisten Innenstädten, und dass es keine Stadtautobahnen ins Zentrum gibt, und dass Grün nicht unnötig die Häuserdichte am falschen Platz lockert (die Parks sind schön genug). Wer von da auf die Innenstadt zugeht, kommt notwendig am Russendenkmalvorbei, das zum Dank an die Befreiung durch die Rote Armee kurz nach dem Krieg eingeweiht wurde, Hinter den Kolonnaden hat es seinerzeit einen scheußlichen Sexualmord gegeben, das hat das Kind erinnert. Heute ist die Rückwand blau-gelb ukrainisch drapiert, aber am Monument vergreift sich niemand.  Ich treffe gute Freunde um 5 im Café Schwarzenberg am Ring , um 5, das Konzert beginnt um halb 8. Gegenüber, im Café des Hotel Imperial, habe ich früher mit Erhard Busek immer gefrühstückt, das nenn ich Spleen, aber ohne Busek wäre ich nicht ins IDM gekommen, um über den Balkan zu lernen, und ohne IDM hätte ich nicht meinen Projektpartner hier kennengelernt, dann würde ich auch nicht in Favoriten, nahe meiner Trostkaserne, bei ihm wohnen…vor zwei Wochen war ich nicht traurig, aber jetzt, wegen Busek. Ich sitze im Schwarzenberg, abgegriffene Messingtischplatten, wie damals. 1967/68 gabs am Vormittag Uni oder Revolution, am Nachmittag Revolution oder Umziehen, und am Abend sind wir, keineswegs nur ich, auf den einen oder andern Ball gegangen, schon korrekt, also keine Verbindungsbälle oder erklärt rechtsradikale Tanzvergnügungen, aber halt Apothekerball, Zuckerbäckerball usw. Und danach ins Schwarzenberg, das machte um 6 in der Früh auf. Dazwischen also nach 4, durch den Burggarten oder irgendwo. Dann erst wurde entschieden, wann und wo man schwarz und weißablegte, und wann man wieder mit der Uni und der Revolution weiter machte. Nach der Jause im Schwarzenberg hinüber zum Musikverein, Violinkonzert von Alban Berg, Bruckner #7, zu schön, und diesmal verweise ich auf früheres Lob der Akustik im Musikverein, heute macht das Boulez in Berlin oder die Elphi, aber vor 140 Jahren…Keine Nostalgie kann aufkommen, die Ukraine bildet den grauen Vorhang des Tagesablaufs, sehr unerbittlich. Aber die Kommentare machen diesen Schleier auch nicht transparenter.

Wenn man von meinem Domizil im 10. Bezirk nach Süden weiter den Wienerberg hinaufgeht, kommt man an der Trostkaserne, benannt nach einem früheren, nicht dem faschistischen, Starhemberg vorbei, o Jugend, o Wachtmeister Soucek mit Familie, Gefreiter Himsel, Korporal Krbusek…die kenn ich noch, und das Haus meiner Freundin, die mit mir die Opernabende geschmückt hatte, ich in der lächerlichen Uniform für die Gratiskarten…so habe ich gelernt, was ich als Junger davor versäumt hatte. Geht man noch weiter, auf den breiten Rücken der Anhöhe, die die Schüssel begrenzt, die Wien so sinnvoll umgibt und einhegt, über die Raxstraße, durch eine Siedlung aus den 30ern, ergänzt um die 50er, dann Schrebergärten, Blick nach Süden, sehr hell, bei gutem Wetter bis zur Rax (darum heißt es hier ja auch Raxstraße), und nach Südwesten an die Thermenlinie, die Hügel sind de facto das Ende der Alpen. Ist aber jetzt egal, ich gehe ins Grüne, Hundeplatz, dann die Ziegelteiche, jetzt Badeseen, unten dann Autobahnen, Wohnsilos und Industrie, aber hier oben die Ruhe jenseits des Hauptkamms zur Stadt. Nur der Wasserturm und die Stele der Spinnerin am Kreuz verraten die Stadt, gleich dahinter wieder der soziale Wohnungsbau, der ja nun wirklich besser als anderswo seit 100 Jahren die Stadt so anders gut macht. Ein paar Hochhäuser am Kamm, wir sind ja schon weiter…Man kann sich hier erholen und mit Hunden reden oder mit HundehalterInnen. Es ist Frühling, kalt und windig.

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So könnte ich weiterschreiben, jeden Abend, und dabei das Gedächtnis prüfen, welche Erinnerungen sich beim Anblick oder Flanieren einstellen, und welche ich provozieren muss. Aber ich bin ja nicht mein Touristenführer durch Wien. Ein paar Tage später unterbreche ich meine Projektarbeit tatsächlich, aber als Stadtführer gehe ich, geht man ganz anders vor und mit der Stadt um. Da sortiert man aus dem, was man parat hat, das heraus, was den Geführten wichtig und interessant erscheinen soll, und dieser normative Ansatz unterscheidet die, die Stadt mögen, von denen, die sie um der Wiederholung dessen willen zeigen, was ohnehin im Baedecker steht. (Vor 30 Jahren hatte ich einmal eine Studigruppe hier, unendlich viel gelaufen in vier Tagen, und am fünften durften sie in die Innenstadt. Da kam es zu einem Kollaps, weil einige es nicht ertrugen, dass da noch ein Platz und noch einer und noch einer, und niemals derselbe war. Abbruch, Eis essen, Prater).

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Das ist jetzt zehn Tage her. Ohne Ukraine, ohne Covid, ohne die Neoliberalen, die in beiden Ländern ihre Chance wittern, über Öl und Gas die Klimapolitik zu torpedieren, ohne die objektiven Umstände (siehe: alles, was der Fall ist), wäre jetzt ein weiteres Loblied auf Wien richtig, weil man sich in diese Stadt versetzen kann, ohne gleich lebensendlich hier zu wohnen, was aber ansprechbar ist. Busek grätscht herein, und schiebt eine neue Kulisse der Erinnerung vor. Wen man alles nicht mehr sehen, treffen, sprechen kann, und erst die belebte Kulisse macht die urbane Erinnerung aus, die Personen, die aus der Anonymität heraustreten und sich wieder in diese zurückziehen. Nicht zufällig fahren die Schnellzüge gen Westen, sobald sie Wien verlassen, durch einen sehr langen Tunnel unter dem Wienerwald durch, und wenn sie wieder ans Tageslicht kommen ist das Österreich, aber nicht Wien.

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Man kann sich jetzt das ansehen: https://orf.at/stories/3252513/

Neuer ANFANG: fast schon vorbei

Ich habe zwei Wochen keinen Blog geschrieben. Ich werde mich heute – und ab heute – wieder regelmäßig im Blog äußern, allerdings – siehe den letzten Blog – nur selten analytisch oder gar belehrend zu Ukraine und Covid. Warum das mir wichtig ist, erkläre ich und bitte euch, wieder regelmäßig zu diesem Blog zu greifen. Am besten den letzten vom 22. Februar als Vorwort lesen.

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Angst, Betroffenheit, Aktualität und medial überaus wirksame Ereignisse erzeugen Laienexperten (bewusst in der männlichen Form, das sind fast immer Männer, man möchte sie in „“ setzen…). Das ist so beim Terrorismus, bei Covid, und beim Krieg, vor allem aber an Politiken, die entweder schwer verständlich sind oder mit denen wir BürgerInnen anscheinend zu wenig zu tun haben (–> Elitendiskurs, –> abgelegt, abgehängt werden, o wir Gelbwesten und Neoliberale Überflieger….).

Natürlich verfolge ich Ereignisse, kontroverse Deutungen und Beobachtungen, bin oft nahe an Gefühlen oder Wutausbrüchen oder Resignation, ABER das bringt mich gerade dazu, mich nicht oder selten oder nicht-öffentlich zu äußern. Und zwar nicht, weil meine Meinung zu den Aktualitäten falsch oder dumm wäre, sondern weil sie mitwirkte das zu verdecken, das AUCH da und wichtig und aktuell ist, und von Putins Krieg und dem Covidchaos in den Subtext, ins Unterbewusste abgedrängt wird.

Klimaschutz, Syrien, Afghanistan, Mozambique und x+1 andere Kriegsländer, Hunger, Klassenspaltung…war da was? vielleicht, aber wenn man die Nachrichten seziert, kommt all das fast nur mehr als Funktion des Ukrainekriegs vor. Das ist brandgefährlich und beruhigt nur die Autoritären und die Neoliberralen, die jetzt schon daran denken, wie sie aus der Krise aussteigen werden, sie, und nicht die vielen Menschen. (Doch zwei Beispiele: Weizenknappheit bei uns wird die Preise steigen lassen, bei uns, was ist mit den armen Ländern? Die Freiheit von Maske und Regeln wird mehr Menschen sterben lassen oder Long Covid verbreitern, aber die gesunden Marktdödis stört das nicht, der Tod gehört zu ihrer Risikorechnung).

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Dreht die Sache einmal um: wer kann mitreden, wenn es um Ursachen und Auslöser des Kriegs geht, und um die Intervenierenden Variablen dieser Situation. Manche Experten und mehr Expertinnen (siehe oben) gefallen sich darin, Verantwortliche zu identifizieren. Die ganz Dummen mit dem Singular: Der Westen ist schuld. Oder: Putin ist geisteskrank (Analogien zu Hitler und Stalin tunlichst abgebogen). Oder es geht um Aufarbeitung einer Geschichte, wonach die Ukraine russisch wäre – oder eben nicht (der letzte Punkt verführt mich zu galliger Historiographie: Schlesien ist unser! Wer sind wir – Österreicher, Tschechen, Deutsche, Geflüchtete…mehr noch gefällig). Fazit dieser Umkehrung: Der Kontext der Schuldzuweisung incl. der Mitschuld und Mit²schuld bestimmt den Diskurs, und was zur Seite abfällt, verdrängt wird, dem Vergessen anheimfällt – kommt hier nicht vor. auch in den guten Medien unterbelichtet. Einigung besteht nur, die Nebenwidersprüche einmal beiseite zu schieben, die polnische Unrechtsjustiz, den ungarischen Regierungsfaschismus, … , der Kontext macht tolerant.

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Die scheinbare Einigung der EU ist doch etwas Gutes im Schlechten? Ja, momentan. Schon beim Erdgas und beim EU Beitritt zerfällt sie, ? Nebenwiderspruch ?

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Individuelle, sozio-psychologische Analogien sind oft in der dogmatischen Politikwissenscht verboten. Schon deshalb ein Versuch, dagegen zu halten. Stellt euch eine Person (m,w,d etc. egal), die hochemotionale Beziehungen in Masse gehabt hat und sich spontan „verliebt“. Wie diese Person meint, mit Haut und Haar (und der, die, das muss es sein). Ich bin versucht, ES zu schreiben, wie bei Faust in Bezugs schöne Gretchen. Nun sagt die allgemeine Meinung, in solchen Situationen wird nicht mit früheren Liebschaften verglichen, jetzt ist alles anders. Was aber geschieht, wenn die Erinnerung an alle diese Liebschaften „davor“ nur im Unbewussten darauf lauern, verglichen zu werden? auch die neue Verliebtheit geht den Weg aller vorherigen.

Davor: DDR, Ungarn, Afghanistan, Georgien, Krim, Donbass; Davor: Vietnam, Afghanistan, Lateinamerika.

Noch weiter davor die Vergleiche von Hitler mit Stalin, von beiden mit Putin, mit Hintersassen wie Erdögan, Kadyrow, etc.

Noch weiter davor: ethnische Überlegenheit und Unterlegenheit als – oft kirchlich gesegnete – Schicksalsgemeinschaft.

Sonst noch was?

Das Unbewusste und das Unterbewusste tauen beide auf, drängen sich ans Licht. Davon haben die, die jetzt leiden, getötet werden, töten müssen dürfen sollen können nichts, vieles vom deutschen Bildschirm aus dem warme Caféhaus und der expertoaffinen Gesprächsrunde heraus. Empathie und Sympathie einfach einmal nicht auf Staaten verteilen, sondern auf Gesellschaften, und da auf Menschen. Einfach? Schon kursiert wieder „Der“ Russe.

Nachwort: versteht das nicht falsch. Ich habe eine eindeutige MEINUNG zu den Ereignissen, aber eine Meinung wird nicht durch Verbreitung zur WAHRHEIT, sondern durch PRAXIS, z.B. Spenden, Unterkunft öffnen, und vor allem sich darüber im Klaren sein, was man beiseite legen muss, oder nicht, um aus der Meinung Politik zu machen.

Terror der Aktualität – Angst vor der Wirklichkeit

Oft zitiere ich Jeran Améry mit dem Terror der Aktualität; was allzunahe liegt, verdeckt, was vielleicht wirklich wichtiger oder auch bedrohlicher. ist Die rhetorischen Kriegsvorbereitungern zur Ukraine decken sich nur teilweise mit wirklichen Interessenkonflikten, und wer sich ein wenig distanziert von der auch voyeuristischen Hysterie wird die Gefahr nicht leugnen, aber sich nicht der Risikoprognose hingeben. Im Schatten dieser Krise verblassen die Klimagefahren, die Risiken, dass es uns in zwei, drei Generationen so nicht mehr geben wird, und das „anders Geben“ vielleicht unlebbar wird…auch verdceckt diese Krise andere Gefahren, die ebenfalls hunderttausende Tote bedeuten können – ich greife nur heraus: Das Verhungern von Menschen in Afghanistan, im Jemen. Das menschliche Hirn ist noch nicht so entwickelt, sich von der instinktiven Befassung mit dem Naheliegenden, mit der anscheinenden Aktualität, zu lösen.

Die Gleichzeitigkeit der Themen und Probleme überfordert, und so wird symbolisch gereiht. Das entfernt uns von der Wirklichkeit. Oft sind die privaten Meinungen zu Krieg und Frieden ähnlich unsinnig wie die Covidleugnung oder die – im größeren – die Klimablindheit und die Insensibilitätä gegenüber Korruption und Lüge.

Wenn wir die Interessenkonflikte im Fall der Ukraine analysieren, dann gibt es kaum einen Bereich, in dem die internationalen Akteure nicht alle entweder wirtschaftiche und machtpolitische Interessen durch scheinbare moralische und ideologische, auch nationalistische oder bündnissorientierte durc h Überdecken (coating) aufsetzen. Wir haben den Diktaturen – und Russland ist eine Diktatur – nichts als eine brüchige Demokratie entegegnzusetzen, und die ist der Fokus. Das gilt auch für die angemessene Distanz zu den USA, die ja leicht reden haben jenseits des Atlantik, und das gilt in Zuzkunft auch für die NATO, der wir eine europäische Vergteidgung entegensetzen müssen, die wird auch teuer, und kostet mehr als 2%. Aber man kann nicht alles haben. Jetzt aber steht nur eines an: Helsinki II.

Ich mache keine Prognosen, ob und wann welche Annektionen geschehen, wann und wie welche Drohung wirkt, wann und wie welches Unternehmen seine Dividende über die Menschenrechte durchsetzt (scheinheilig sind sie alle). Aber ich bekämpfe die Hysterie aus politischer Aktualität, in mir und und um mich herum. Das politische Coronavirus ist gefährlicher als Covid.

Komm, süßer Tod, und stirb nicht.

So ein trauriger Titel…? Nein, gar nicht traurig. Wenn jemand stirbt, ist es für diesen Menschen fast immer nicht besonders schön, nur selten eine Erleichterung oder eine Erlösung, und für die anderen meist etwas, das man so genau nicht wissen will. Deshalb hat man ja den Tod. Den gibt es zwar nicht, aber füllt die Gedichtsammlungen, Romane, Religions- und Gesetzestafeln, die Bildergalerien und vieles im Alltag, bis hin zur Todesstrafe (obwohl man gerade den Tod nicht bestrafen kann).

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In diesen Tagen der reifen Covidpolitik geht es den meisten Politikern, aber auch den Impfgegnern und Verschwörern, und schon gar dem protestierenden Pöbel nicht ums Sterben, also nicht um das Leid konkreter Menschen, das sie mitverursachen (ob sie das so wollen oder nicht, hat wenig zu sagen). Längst hat der Diskurs abgehoben und lungert über uns herum wie eine große, graue Wolke. Eines macht mir, wenn ich das schreibe, Sorge: was immer man dazu sagt, knallt wie eine Schleuder zurück, und sagt man nichts, gilt es als Einverständnis mit sehr viel dummen Sprüchen. Die ich längst nicht mehr sammle…

Nun wird von einem weiteren Tod gesprochen, der auch näher an ein massenhaftes Sterben heranrückt, hinter einem Vorhang, auf dem Kriegsgefahr grell aufgemalt ist. Man soll nicht so tun, als wäre der Aufenthaltsort von hunderttausenden Soldaten der Russen und zehntausenden des Westens weit ab von jeder Gefahr, solange sie jeweils dort bleiben, wo sie sind. Denn in fast jedem denkenden Menschen gibt es hier Assoziationen, aus den Geschichtsbüchern oder aus der Erinnerung, und wenn es bei den Zeitzeugen, den wenigen, dann noch Erleben war…1914, 1939, 1968, oder ganz einfach bestimmte „Ereignisse“, die wahlweise als Krieg, Gegenwehr oder Ordnung bezeichnet werden. Auch eine Assoziation kann Gewalt vorbereiten oder zurückdrängen, es kommt also darauf an, in welchem Kontext man sie durchdenkt.

In manchen Diskursen erkenne ich die moderne Fassung des gordischen Knotens: Lieber Krieg und die Entscheidung über Leben und Tod anstatt unentwegt vor sich hinzu dümpeln, zu atmen, aber ausweglos unlebendig nicht zu tun, was zur Entscheidung ansteht. Das war vor dem ersten Weltkrieg ganz häufig angesagt und später immer wieder…meistens, aber nicht immer ganz rechts oder ganz philosophisch verbrämt.

Es ist der Tod der tröstet und belebt · In dem wir einzig ziel und hoffen sehn …“ übersetzt Stefan George Baudelaire, 1901…Viele haben sich von der Todesattraktion abgewandt, als sie mit dem Sterben, und davor mit Hunger, Not und Unterdrückung konfrontiert waren.

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Im Tod eine Hoffnung zu sehen, weil man nicht tut, was man weiß, dass es notwendig ist, oder weil man sich nicht entscheiden kann, das zu tun, was am nächsten oder am Übernächsten liegt. So einfach machen es einem nur die Philosophen nicht, aber in der Politik wäre das schlimm genug; ist es.

Um den Tod zu umzirkeln, solange er nicht massenhaft da ist, Seuche oder Krieg, redet man sich die Kehle von Freiheit(en) heiß, die man nicht mehr begründen kann (lächerlich, sie mit Masken in Verbindung zu bringen oder mit der Entscheidungen des Einzeln, ob er andere anstecken, also töten, will oder nicht; oder auch, ob man den Krieg heranzieht, weil er ein freies Vorfeld für neue, frische Entscheidungen schafft – so oder so: lächerlich, Nordstream 2 noch im Gefangenenlager behalten zu wollen).

Das Sterben wird verdrängt, abgeschoben, auch, weil man weiß, es ist ein Weg ohne Umkehr, während der Tod ja als Murmeltier immer wieder aufgerufen werden kann, von den Jenseitsschwurblern und den Heldengedenksteinsetzern … nur die Toten können sich nicht wehren, die Sterbenden schreien wenigstens noch oder seufzen…

Oder einfach einmal das pathetische Gebrabbel der vernünftigen Praxisverweigerung abschalten; am besten beides.

Es ist den geneigten LeserInnen nicht entgangen, dass es in diesem Blog einen thematischen Bruch gibt. Mir geht es nicht um Covid oder die Ukraine, d.h. es geht mir schon um beides, aber dazu reicht ein momentaner Blog nicht. Mir geht es darum, dass mir bestimmte brandgefährliche Diskurse und Diskussionen auf die Nerven gehen, weil sie reale Gefahren schon als Farce abbilden, bevor die Wirklichkeit uns keine Wahl lässt.

Dazu gehört auch das Geschwätz von Freiheit, das den Begriff und seine Bedeutung auf das Ebene von Discountern und Pöbel herunterstuft. Da kann man gut nachhören, wie dem zu begegnen ist, – Lindner und der AfD zum Trotz.

Schale Freiheit – Nachdenken über einen zerfledderten Sachverhalt von Jean Pierre Wils, DLF 13.2.2022 9.30