Abwärts GRÜN – Aufwärts GRÜN

Nun schlingst du in die Locken dein
Das grüne Band gefällig ein,
Du hast ja ’s Grün so gern.
Dann weiß ich, wo die Hoffnung wohnt,
Dann weiß ich, wo die Liebe thront,
Dann hab ich ’s Grün erst gern.

Aus: W. Müller, Die Schöne Müllerin,  1821, vertont von Franz Schubert

Grabt mir ein Grab im Wasen,
Deckt mich mit grünem Rasen,
Mein Schatz hat ’s Grün so gern.
Kein Kreuzlein schwarz, kein Blümlein bunt,
Grün, alles grün so rings und rund!
Mein Schatz hat ’s Grün so gern.

ebenda.

Keine bildungsbürgerliche Großmetaphorik, ich schleiche mich da nicht an, aber Schubert schadet nie, wenns um die melancholische Deutung der Zeit geht. Die Partei, der ich seit langer Zeit angehöre, wird zur Zeit, wie man so sagt, heruntergeschrieben, das Pferd wird gewechselt, mit dem man die Welt und unser Land besser machen soll. Wollte ich Wahlwerbung machen, gäb ich sie nicht in den Blog (so werde ich eher die Kopie eben dieses Textes verschicken).

Eine charismatische Parteiführung könnte aus den beiden Liedstrophen ein ganzes Programm machen (So, wie Müller es in allen Gedichten getan hatte, aus denen diese Strophen stammen). Wir Grünen haben darauf verzichtet zugunsten streng formalisierterAbläufe, die uns anscheinend gerechter machen als andere Parteien: aber nicht viel rationaler. Geschlechterfolgen bei jeder Redeliste und Nominierung, penible Verfolgung von transparenten Prozeduren bei Wahlen, Einsprüchen, Kontroversen. DAS HABEN WIR GUT GEMACHT, und wer uns von hier als Verbotspartei oder Spaßbremse verachtet, hat noch nicht so viel verstanden von dem, was sich auch in einer guten Demokratie weiter entwickeln soll. Die Geschichte mit Charisma und Rationalität ist komplizierter. Wir haben starke „Aufschläge“ gemacht Energie, Ökologie, Basisdemokratie, Gewaltfreiheit…ABER DENNOCH HABEN WIR VIEL VERSÄUMT. Versäumen ist etwas anderes als ignorieren oder falsch bewerten. Aus meiner Sicht, der ich kein Amt habe und nur einer Arbeitsgemeinschaft angehöre, also mit niemandem um irgendetwas konkurriere, sind die Versäumnisse leicht aufgelistet:

  1. Wir haben es nicht geschafft, Konfliktfähigkeit innerhalb der Partei herzustellen. Dass die beiden Flügel keine sind, sondern nach sozial-psychologischen Kriterien funktionieren und tatsächlich nur Aufstiegs- und Wahrnehmungspolitik darstellen, kann man leicht nachweisen – aber man merkt es den dauernden Kompromissen und dem Drücken um klare Aussagen an. KLAR HEISST ABER BEI UNS NICHT RADIKAL. Nicht dass ich plötzlich auf die radikale Karte als Ausweg setzte setzte. Radikal heißt nicht „extrem“ es heißt grundsätzlich und vor allem PRAKTISCH. So, wie ohne uns die Atomkraftwerke noch laufen würden wären wir da nicht radikal gewesen.
  2. Wir haben in unseren Wahlanalysen die Erfolge, die wir eingefahren haben, nicht als Grundlage weiterer Politik genommen. Im Funktionärs-Abgeordneten-Mitarbeiter*innen-Feld wird FORTSCHRITT, ÖKOLOGIE; PRAKTISCHE VERNUNFT, wie wir sie tatsächlich seit Jahrzehnten einbringen, von Vielen – nicht von allen – zu Unrecht als LINKS verkauft. Die Sehnsucht nach Zuordnung kann einen Erfolg, eine richtige Politik, nicht einfach für sich stehen lassen. Nur ist LINKS längst kein übergeordneter Rahmen mehr für irgendetwas. Und nicht gleich schimpfen:
  3. Wir sind keine LINKE Partei, sondern eine im besten Sinn bürgerliche, dem Citoyen verpflichte und – potenziell – so gar VOLKSPARTEI. Dass sich manches mit der Sozialpolitik der Linkspartei oder der SPD, manches mit der Justizpolitik der FDP, und manches mit dem Wertkonservatismus der CDU überschneidet, ist kein Wunder. (Ich lasse die CSU und die AfD hier raus, die kommen bei mir anderswo vor). Dass wir RotRotGrün werden wollen, finden viele Delegierte schick, ohne zu sagen, in welchem Wasser wir dann um Wähler*innen fischen. Dass wir ScharzGrün werden wollen, können wir nur damit begründen, i.d.R. von den Schwarzen besser in Koalitionen behandelt worden zu sein als von der SPD, aber auch mit einem ganz harten Argument: dass wir so weit von manchen Handlungsfedern der CDU entfernt sind, dass jede Zusammenarbeit tatsächlich bedeutet, dass sich auch die Schwarzen bewegen müssen. Viele haben noch nicht gemerkt, dass der geäußerte r-r-g Traum uns bei den letzten Wahlen mehr Stimmen gekostet als gebracht hat.
  4. Wir haben versäumt, eine gute Außen- und Friedenspolitik zu machen. Ich bin hier befangen, weil ich selbst mehrfach grundsätzliche Positionen in diesem Bereich eingebracht habe, die ziemlich unwirsch wegen zu viel Nichtübereinstimmung im Gesinnungsbereich und im erzkonservativen Friedenssprech weggewischt wurden. Deshalb hier ohne Details: die Partei hat aus einer empirisch widerlegbaren Gesinnungsethik seit 2007 keine wirkliche Außenpolitik gemacht (mit wenigen Ausnahmen auch hier, Ukraine, Kolumbien u.a.). Sie meint, mit Prinzipien ohne Realisierungschance darum herum zu kommen, die Folgen eines einfachen Sachverhalts zu bedenken: wer regieren möchte, muss mit mehr als einem Gegner umgehen. Das heißt nicht dass wir nicht ein gute Außen- und Friedenspolitiker*innen hätten aber wir haben keine grundlegende innerparteiliche Ausbildung die hier nicht nur Konfliktfähigkeit herstellen könnte (siehe oben), sondern vor allem Wissen und ein politisches Gedächtnis anlegte.
  5. Wir haben, vielleicht als einzige Partei, NICHT VERSÄUMT, den sogenannten Abgehängten und Modernisierungsverlierern und sonstigen Demokratiemüden nachzulaufen – weil es die z.T. nicht gibt. Hier gibt es viel zu bedenken, wenn wir nicht nachholend in den Fehler der Populisten-Versteher rutschen wollen. z.B. die einfache Tatsache, dass LINKS von und IN der Mitte auch dann links ist, wenn es die klebrigen postsozialistischen Worthülsen nicht mehr verwendet. Die Jugend im Land hat das längst durchschaut, darum sind viel weniger von denen bei der Partei als sie verdient(en), beide die Partei und die Jungen.
  6. Unser ÖFFENTLICHER AUFTRITT ist katastrophal, weil wir NUR ZU UNS SELBST SPRECHEN. Der harte Schlagabtausch ohne beleidigten Rückzug ist uns fremd geworden.  Da sagen wir zu vielen Gleichgültigkeiten lieber deutliches, und zu vielem das wichtig wäre, nichts.
  7. Was mich manchmal aufbaut ist die LOKALE Ebene, weil in vielen Kreisverbänden nicht gleich die Rede von grüner Beschlusslage ist (die kennen die meisten Mitglieder ohnedies nicht), sondern weil es einen breiten, oft konflikthaften KONSENS um bestimmte Probleme in Stadt und Umland gibt. Das ist, was uns oben fehlt: Konflikthafter Konsens – dort herrscht konsensueller DISSENS, und keiner gönnt dem andern die Deutungshoheit.

Warum ich das in einem Blog schreibe? Weil ich Wissenschaftler bin und nach wie vor Politik mache, aus dem Prinzip, den ÖFFENTLICHEN RAUM zu suchen, um VERNUNFT MIT PRAXIS zu verbinden (dabei ist es nicht so wichtig, WELCHES Politikfeld das jeweils ist, wenn es um den Zusammenhang des demokratischen Aushandelns von Antworten auf die Frage: WIE WOLLEN WIR LEBEN? geht). Wir lassen unsere BILDUNGSRESSOURCEN, bei denen wir so ziemlich allen Parteien voraus sind, ungenutzt; wir vertrauen auf Programm statt auf Empirie und Erfahrung, und wir verkennen, dass wir aus einer Position des ESTABLISHMENTS ohnedies handeln, also nicht gegen uns selbst anrennen können.

Ich schreibe das im Vorfeld eines Parteitags, inmitten von Wahlkämpfen und Personalentscheidungen, weil es durchaus die Möglichkeit gibt, dass jetzt und danach ein Ruck durch unsere Wählerschaft geht, die uns ja vergessen hat, ein Stück weit, jedenfalls.

Mir fehlt ein Plakat mit unseren Erfolgen seit 1985: wie haben wir diese Republik zum BESSEREN VERÄNDERT.

Mir fehlt ein Plakat, das Außenpolitik und Frieden so formuliert, dass Menschen das verstehen, wenn sie nicht wissen, welche Konflikte dahinter stehen (Die Reaktionen der Partei auf Gaucks Rede von 2015 sind ein gutes Beispiel für dieses Defizit).

Mir fehlt – wieder mit guten Ausnahmen! – ein TON in den Parlamenten, der Anerkennung und Kritik zugleich ausspricht. Mäkeln kann auch, wer nicht gewählt ist.

Muss ich das außerhalb der Partei den Menschen verkünden? Naja nicht den Menschen allen aber meinen Leser*innen. Ich denke ja. Schließlich haben wir ja benennbare Vorbilder, Kretschmann in BaWü, Habeck, Wazir und VIELE  andere, aber auch van der Bellen in Österreich. Und auch wenn ich für meinen Blog bewusst nicht über soziale Netzwerke werbe, muss ich doch jetzt befürchten, dass die einzige Partei, die seit zwei Jahrzehnten unsere Demokratie erneuert, verschwindet, zugunsten des sehr alten Erpressungsprinzips eines Züngleins an der Waage oder eine die Extremen an den Rändern stärkenden Großen Koalition.

Wir haben noch die Wahl.

 

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