Selbstdemütigung ist politisch, leider.

 

Der Faschist Viktor Orban hat eine Wahl demokratisch gewonnen. Dass es keine demokratische Wahl war, weiß jeder, und es ist auch belegt. Dass Antisemitismus und ein ethnisch gerahmter Fremdenhass die Bevölkerung anzieht, ist nicht nur die Ursache für Orbans stabile Herrschaft, sondern auch eine Folge dieser Herrschaft.

  • Gila Lustiger hat gestern (11.4.2018) im DLF richtig gesagt, dass die Willfährigkeit auch demokratischer Regierungen gegenüber diesem Orban schwer erträglich sei. Le Pen, Strache, Orban, Kaczinsky, alle in einer Klasse…man muss nicht buckeln, um auch mit solchen Autokraten Politik zu machen, was oft unvermeidlich ist.

Ich bin der Letzte, der dies in Abrede stellt. Man muss verhandeln, wo man Gewalt nicht anwenden darf oder kann.

Die Kanzlerin, von mir durchaus geschätzt, wie meine Leser*innen wissen, hat in ihrer Gratulation die Differenzen zwischen einer freien Gesellschaft, die wir noch sind, und einer unfreien, die Ungarn schon sind, heruntergespielt.  Demütigend sanft.

Seehofer, der Freund und Gastgeber  Orbans, hat sich erfreut geäußert und Orban den Rücken gestärkt. Also auch den andern Nazis, die Orban unterstützen, den Straches und Le Pens. Und so etwas ist unser Innenminister? Wie in Österreich  ja auch die Sicherheitsressorts mit Nazis besetzt sind, damit sich der dortige Kanzler fein raushalten kann. Seehofer und seine minder bemittelten Vasallen, Dobrindt an der Spitze, stehen für die neue  „Heimat“.

Da diese CSU Typen und ihre  Freunde  kein Schamgefühl haben, muss man sie nicht daran erinnern, dass sie nicht sich, sondern uns demütigen. Das Volk, vom dem alles Recht ausgeht; wir sind das Volk, das sich aus der Bevölkerung heraus als politische Legitimität konstituiert hat und jetzt das Recht hat, die politischen Begriffe der Herrschaft, nunmehr auch Heimat, mit zu definieren.

Uns demütigt der rote Teppich und die Soldatenband, die zu Ehren der Orbans spielt, wenn sie uns besuchen dürfen. Sie müssen uns nicht besuchen, man kann auch anders verhandeln.

Was Seehofer betrifft: looks like an Angel, speaks like an Angel…isn’t he an Angel?

Der Islamhass ist wirkungsvoll und herrschaftstechnisch klug, weil empirisch mit Anlässen und Fakten zu stützen. Deren Interpretation ist so fatal, wie die freche Inanspruchnahme des Jüdischen Erbes im christlich-jüdischen Abendland, die z.B. der Verkehrsexperte Dobrindt behauptet (Der Zusammenhang ist zu schwierig für ihn, ich bin für eine Integrationsklasse mit ihm). Seehofer und das Kabinett machen da einen Fehler: sie glauben, uns durch den Antisemitismusbeauftragten ködern zu können. Der Beauftragte gegen Menschenhass, nicht gegen die eine oder andere Religion, tut not, aber das ist kein Regierungsamt. Das ist unsere Nichtachtung des  so genannten Innen- und Heimatministers und seiner Truppe. Jeden Tag zu lesen:

ALLE TAGE

Der Krieg wird nicht mehr erklärt,

sondern fortgesetzt. Das Unerhörte

ist alltäglich geworden. Der Held

bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache

ist in die Feuerzonen gerückt.

Die Uniform des Tages ist die Geduld,

die Auszeichnung der armselige Stern

der Hoffnung über dem Herzen.

 

Er wird verliehen,

wenn nichts mehr geschieht,

wenn das Trommelfeuer verstummt,

wenn der Feind unsichtbar geworden ist

und der Schatten ewiger Rüstung

den Himmel bedeckt.

 

Er wird verliehen

für die Flucht vor den Fahnen,

für die Tapferkeit vor dem Freund,

für den Verrat unwürdiger Geheimnisse

und die Nichtachtung

jeglichen Befehls.

 

(Ingeborg Bachmann, 1957)

 

 

Tatort „Tatort“

Tatort „Tatort“

Ich weiß nicht, wie viele Tatort-Abende ich verbracht habe, viel Lebenszeit jedenfalls. Fast alle sind schrecklich, aber für mich professionell aufregend: Seismograph des Mainstreams, nicht der politischen Korrektheit, aber immerhin dessen, was das Wertesystem gerade hergibt. Keiner nimmt das Zusammenspiel der Justizagenturen, Beziehungskrisen im Polizeidienst und komischen Übermalungen von Tragik so richtig ernst, aber statt des nervenzerreißenden Thrillers wird hier die Physiotherapie der uns allen bekannten Stereotypen des vorstellbaren Deutschlands geboten.

Manchmal ein Ausreißer.

Nun, keine Rezension von „Unter Kriegern“ vom 8.4. Da darf ein Kind töten, da wird es erwachsen geformt und die regredierten Eltern und die Umgebung zeigen, gewollt wohl, etwas, das wir uns vorstellen können als Schwingungsseite unserer wirklichen Welt, und nicht der Realität, die bereits durch die Verhaltensmuster eingeengt ist, unter denen Zusammenleben hierzulande noch immer besser ist als anderswo.

Der Ausreißer macht schmerzlich deutlich, wie wir tolerant dem Mainstream der Abenddahindämmerung uns anvertrauen, weil wir ohnedies müde sind und die Spannung menschlichen, sozialen, physischen Elends uns gar nicht aussetzen wollen. Eine Leiche schreckt ja nicht, und grausiger als beim Industrieschlachter geht’s auch nicht zu.

Nun ist es nicht so, dass die populären Krimiserien, wie viele davon gibt’s mittlerweile eigentlich? nicht jene Prise Kritik enthielten, die dem Nachgeben an die Vorurteile einen Stolperstein in den Weg legten. Man weiß, dass der Mörder nicht der Gärtner, der Arbeitslose, der Schwule, die Unerfahrene, Unbedarfte ist, sondern der Repräsentant (seltener eine diesbezügliche Frau) des…Establishments.

Sollte die Erfolgsserie also mit allen Autor*innen ein heimliches Einverständnis haben, gegen eben dieses Establishment subversiv zu stänkern, gar dem Ressentiment mit seinesgleichen zu begegnen. Freuen wir uns nicht, Bundesgenossen im Kampf gegen die korrupten, bestechlichen, systemkonformen Ausnutzer unserer liberalen Ordnungen gefunden zu haben?

Gepriesen sei der Tatort und Polizeiruf 11 und der Kriminalist und und und. (Ich schaue die nicht alle und nicht immer, aber oft genug, um soziologisch eine Saite mitschwingen lassen zu können, die mir erlaubt, Deutschland lateral zu sehen).

*

Schaut euch in der Mediathek „Unter Kriegern“ an.

*

Es ist vielleicht wirklich interessant zu bedenken, dass Polizei SO nicht arbeitet, dass Staatsanwälte SO nicht agieren, dass Kommunikation SO nicht zielführend ist,  und dass dennoch ein Realismus entsteht, der in der Doku nicht entstünde, weil wir Zuschauer den Realitätsverlust selbst überbrücken, um uns in der Gesellschaftskritik auch noch wohl zu fühlen – und vielleicht gegen das Establishment aufzubegehren, kurz vor 22 Uhr (es bricht mit der nächsten Talkshow ohnedies wieder herein).

Dieser Anti-Establishment Subtext hält mich am Schauen, wo man aus Spannungsgründen längst eingeschlafen sein müsste. Das Establishment im Tatort ist meist das, was man als solches im Diskurs so bezeichnet, verwendete man den Begriff überhaupt. Nicht einfach „die da oben“.  Machtinhaber, die uns im Alltag hilflos erscheinen ließen, aber im Tatort zur Strecke gebracht oder wenigstens beschämt werden. Wer hat sie etabliert, wie können sie sich halten, warum sind sie besonders des Bösen fähig….? Räumt die Kulissen weg, zerdrückt die Stereotype, dann sieht man ins eigene politische Wohnzimmer, seinen Arbeitsalltag und entdeckt, dass die Figuren aus der Wirklichkeit geklaut sind; die wir kennen, aber auch nicht so konsequent bekämpfen.

DEUTSCHE VERGANGENHEIT GLOBALE GEGENWART

 

 

  1. SCHLUSS MIT DER VERHARMLSOUNG DER VERHARMLOSUNG

Wer in Deutschland irgendetwas mit dem Nationalsozialismus vergleicht, wird als Verharmloser kritisiert. Wer nicht vergleicht, verharmlost, was einen neuen Namen hat:

Rechtspopulistisch, nationalpopulistisch, nationalkonservativ, identitär….

Wir haben gute Medien; das haben nicht alle. Heute (9.4.2018) früh im Deutschlandfunk hielt der CSU Europaabgeordnete Marcus Färber eine Lobrede auf die ungarische Demokratie, dem Viktor Orban bescheinigend, dass der in einer einwandfreien Wahl eine legitime Mehrheit gewonnen hatte. Und schließlich würden Sozialdemokraten (in der Slowakei) und andere Demokratien (Rumänien, Tschechische Republik) ja auch gegen Flüchtlinge hetzen. Schlimm, aber geschichtsunkundig und wenig intelligent. Es ging im Grunde darum, die Ungarn in der EVP-Fraktion des EU Parlaments zu bestätigen. Immerhin…Polen sei viel schlimmer.  Färbers Angriff auf Georges Soros war, milde gesagt, antisemitisch aus dem Vorurteil, jüdische Banker hätten ja auch Angriffe auf die Demokratie durch ihr Verhalten gefördert oder verständlich gemacht.

Kurz darauf die Gegenstimme: György Dalós, der großartige Essayist und Autor: im Kern seiner Analyse steckt die Beschreibung Ungarns als „institutioneller Monarchie“, in der die formellen Anläufe das autoritäre Regieren geradezu befestigten: Der Staat beherrschat die Demokratie. Ein so gescheiter Satz: dahinter steckt, dass einem Demos, einem Volk, nicht gestattet wird, sich zu konstituieren – durch die faschistischen, völkischen, restriktiven Diskurse, und man sich dann auf die ethnisch eingegrenzte, nationale Bevölkerung stützen kann, um seine Mehrheiten gewaltsam auszuagieren.

  1. Ambiguität – ein Fremdwort für die Kritiker der Realität

Das Blut war noch nicht trocken, da hetzt die Nazipolitikerin Beatrice von Storch bereits gegen Muslime: „Wir schaffen das!“ höhnt sie. Sie muss das bald relativieren. Aber Polizei und andere Medien sagen sofort, dass es sich offensichtlich um keinen Amok mit islamischen Hintergrund gehandelt habe, dafür war ein Wahnsinniger der Täter. Dem Deutschen GESTEHT man die Pathologie zu, dem Muslim nur die böse Absicht.

In letzter Zeit werde ich oft wegen meiner Vergleiche der Jetztzeit mit den letzten Jahren von Weimar angesprochen und kritisiert. Das ist gut so, weil es Aufmerksamkeit auf mehrere Aspekte sich überlagernder Geschichte lenkt. Die NSDAP ist ja nicht 1933 entstanden, sondern hat einen langen Parteiprozess hinter sich, mit Abspaltungen, Personalquerelen usw., der AfD nicht unähnlich. Manchmal mit bemerkenswerten Ausreißern (vgl. lesenwert https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Dickel)

Und über die Widersprüche in einer Bewegung, die zur Partei wird…. Ich hatte böse Kommentare bekommen, als ich 1990 noch als Unipräsident vor ostdeutschen KollegInnen darüber sprach, dass die Nazis nicht umsonst national und sozialistisch verklammert hatten. Ideologien kann man nicht mit einem einseitigen und handgestrickten Antifaschismus aus den Angeln heben.  (Was keineswegs bedeutet, dass die sozialistischen Vorstellungen von der Gesellschaft immer so national verklammert werden müssen, wie das in der DDR der Fall war, und auch nicht, dass wieder auflebende Nationalismen dem Soz1ialstaat nützen oderschaden müssen).

Was die nationalen Bewegungen in ganz Europa, nicht NUR in den osteuropäischen Staaten, betrifft, kann man eines mit Sicherheit behaupten: je enger die nationalen Grenzen gezogen werden, desto ethnischer werden sie, desto weniger demokratisch werden die darin eingeschlossenen Ethnien.

Das gilt auch für Deutschland:

Die neue rechte Sammlung in der CDU/CSU, die AfD-nahe Sprache der Seehofers, Scheuers, Dobrindts und Spahns zeigt einerseits die Nähe dieser Individuen zu den autoritären undemokratischen Grundlagen des Nazis UND anderer autoritärer Bewegungen. In  Österreich,  wo die Nazis mittlerweile mitregieren, scheint eine seltsame Duldungsstarre zu sagen: wenn nichts Schlimmeres geschieht…

Dabei wird übersehen, dass das Schlimme ja nicht ZUERST UNS GESCHIEHT. Die Flüchtlinge werden konzentriert und abgeschoben – Christentum adé, Grundgesetz adè…aber wir sind nur moralisch betroffen, nicht „wirklich“ (ein weites ideologisches Feld). Die kriminellen Elemente in den Vorstandsetagen werden geschont, was sich noch bitter rächen wird – wir werden davon wenig spüren, wenn Rüstung Chemie Autos und Banken sich weiter verselbstständigen dürfen, aber Millionen anderer sind betroffen. Wir sind auch von dieser deutschen Demographie wenig betroffen, unsere Kinder, unsere Enkel schon, und mir macht der Antisemitismus weniger aus, weil ich mich wehren kann, als den Kindern. UND WER ERZIEHT DIE ANTISEMITEN? Wenn man die Vorurteile und den Schutz der RELIGION STATT DER MENSCHENWÜRDE  ansieht, dann kann einem zwar bitter werden, aber so richtig schlimm wird es für uns nicht…aber für andere.

3.

Als vor Jahrzehnten Enzensberger Saddam als Hitlers Wiedergänger bezeichnete, erhob sich, ich denke zu Recht, einiger substanzieller Protest. (Vgl. DER SPIEGEL 6/1991). Vor allem, weil er nicht verglichen hatte, sondern sich in Analogien der Rezeption von Scheusalen und Monstren geübt hatte, also unpolitisch und die Vergleichsmaßstäbe vernachlässigt hatte.

Ich will den gleichen Fehler nicht machen, habe mehrfach in Blogs und in Kontroversen mit der Grünen Linken deutlich gemacht, dass Vergleichen, Gleichsetzen und Gleichgültigkeit drei Dimensionen eines ständigen Abwägens von Wahrnehmung und Deutung sind.

Dass stärkere Demokratien, wie Deutschland, wohl hoffentlich auch Österreich, Norwegen oder die Niederlande, mit den Nazis (das sind keine neuen oder alte Nazis, es sind zeitgemäße Nazis) besser umgehen, also sie demokratisch wirklich bekämpfen, statt sich hinter der formalen Demokratie zu verstecken, kann ich nur hoffen – und wir sollten dazu beitragen. Schwächere Demokratien haben es da schwerer. Global gibt es keine Region mehr, die nicht von den Angriffen der völkischen Plebejer sicher ist. Deutschland ist da keine Ausnahme.

Und ich erinnere nur daran, dass Ossietzky richtig festgestellt hatte, dass es in der Weimarer Republik zu wenige Republikaner gibt, und bei uns gilt das auch – siehe Identitäre oder altpreußische Reaktionäre oder …; aber bei uns gibt es auch viele, die den Weg zum friedlichen Ambiente in der Abkürzung der Abschaffung der Demokratie durch „Illiberalität“ (Orban) oder „Identität“gehen wollen.

Eine Pointe erspar ich den Nationalen nicht: es fehlen jetzt schon Millionen für freie Arbeitsplätze. Wenn es darum geht, sie nur mehr mit Deutschen zu besetzen, dann wird unheimliche Stille herrschen im Land.

 

Die korrekte Universität

Die korrekte Universität – gibt es nicht. In Deutschland – anders als in einigen europäischen Ländern – sind Universitäten, oder weiter: der „tertiäre Sektor“ des Bildungswesens – nicht auf der Prioritätenliste öffentlicher Aufmerksamkeit und politischen Agenda.

ICH

Vor einem Jahr habe ich meine letzte hauptberufliche Lehrveranstaltung durchgeführt. Mein Abschied war für mich bedrückend, denn ich hatte das Studium -also Lehren und Forschen zugleich – immer als wichtigen Bestandteil meines akademischen Lebens aufgefasst.

Manches ist „moderner“ geworden, Power Point, Internetverweise und andere digitale Werkzeuge haben das Hochschulstudium sicherlich auch bereichert; Wikipedia ist nicht viel weniger brauchbar als die früheren Quellensammlungen.

Aber im Grunde sind die Studienbedingungen in ganz Deutschland schlecht. Sehr viel schlechter als sie sein könnten. Nicht nur die Überfüllung (Jüngst habe ich ein Proseminar mit 120 (!) auch hochschuldidaktisch analysiert – was geht hier vor?). Viele Studis sehen ihre Professor*inen in den wichtigen Veranstaltungen der ersten Semester so gut wie nie, dafür höchst spezialisierte forschungsorientierte Nachwuchskräfte (didaktisch naturgemäß wenig erfahren) oder Lehrbeauftragte in prekären Positionen. Systematische Beratung und die Betonung des „Nichteigentlichen“ Feldes der Universität wird vernachlässigt (guter Begriff von Ulrich Teichler, auch schon 30 Jahre alt, über die Hochschule als soziales und kulturelles Netz von Bedingungen, Wohnen, Essen, Beziehungen, Körper und Wahrnehmung, Überschreiten der Außengrenzen….).

Ich habe seit Mitte der 1980er Jahre viel dazu geforscht und publiziert (aber nie als “Hochschulforscher“, das ist ein Nebengleis zu dem ich jetzt nichts sage, wiewohl wir diese Forschung dringend brauchen und weiter entwickeln wollen). Gegenüber anderen Themen konnte ich mich über Auflagen, öffentliche Anerkennung – und eine gewisse politische Ausstrahlung nicht beschweren.  Aber meine Hauptargumente wurden von den strukturkonservativen Hochschulpolitikern – rechts wie links, studentisch wie professoral – zugunsten des Zauberworts deutscher Universitäten „Besitzstandswahrung“ abgewertet, ich sage „Besitzstandswahrung bei sinkender finanziellen Ausstattung und falschen Motivationen“.

Nach 2000 habe ich mich aus der aktiven Hochschulpolitik herausgehalten, bin viel stärker auf die Konflikt- und Interventionspolitik eingegangen – und zugleich gab es kein Entkommen. Im Kosovo (1999-2003) und in Afghanistan (2003-2025) habe ich immer auch Hochschulreform als intervenierende Variable guter Politik mitbetreut.

Aber ich halte mich nicht zurück mit der Frustration: wenn bei uns, im reichsten Land Europas, die Hochschulen hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben, wie solls dann bei den Armen am Rande gelingen?

REFORM?

Innen wird manches besser, ohne Zweifel. Bei manchen Hochschulen im uneigentlichen Teil. Aber die große gesellschaftliche Strukturfrage wird systematisch nicht beantwortet.

  • Was soll die wissenschaftliche Bildung und Ertüchtigung den Gesellschaften und ihren Träger*innen gleichermaßen bringen – das nicht außerhalb der öffentlichen Anstalten privat und marktorientiert gleichermaßen und besser produziert werden kann?

Bitte keine pathetischen Antworten. Wissenschaft im „Dienste der Gesellschaft“, i.e. auch der Natur, ist immer auch konkret. Wer hat die Macht, die Prioritäten zu setzen und die Forschungsfragen zu stimulieren, die Priorität haben müssen (- -> Blog Finis terrae).

  • Wissenschaft als Beruf widerspricht nach wie vor Tätigkeitshierarchien innerhalb des Hochschulsystems

Solange die beiden Systeme institutionell inkompatibel gestaltet werden, verlieren immer die produktiven Intelligenzen und Kapazitäten genau derjenigen, die generationenübergreifend ihre Tätigkeit in alle Bereiche diffundieren lassen sollen.

  • Fast alle relevante Forschung wird von Staats wegen aus den Universitäten ausgegliedert (in Max Planck, Helmholtz, Leibniz etc. Institute, deren Kooperationsmodelle stets zum Nachteil der Universitäten geraten, und das Studium behindern statt fördern).

Es scheint, dass dieser Weg der institutionellen Privatisierung von Steuergeldern fast irreversibel erscheint. Das Gerede von Forschungsuniversitäten und Exzellenzinitiativen ist eher palliativ als reformerisch, zumal föderaler Regionalismus hier weitere Ansätze zerstört.

  • Falsch verstandene Demokratisierung – i.e. Mitbestimmung bei Laufbahnen und Positionen – behindert die Wissenschaftsfreiheit und umgekehrt wird diese einseitig ständisch verkürzt auf die Verfestigung bestehender Machtstrukturen. Vom Politischen Mandat der Studierendenschaften über die Personalräte bei studentischen Hilfskräften bis zu der unausgetragenen Paritätenschlacht in den Gremien liegt da alles im Argen.

Wenn man darüber – und das asoziale Element der Gebührenfreiheit bei gleichzeitigem Recht auf Bildung  – mit einem Asta oder politischen Funktionärskader spricht, ist man an die ungewollte  Satire autoritärer Gesellschaften erinnert, mitten in der Marktwirtschaft.

 

KORREKT

 

Aus den genannten vier Punkten kann man, können wir, ein Reformkonzept machen, wenn wir es nur angreifen, einschließlich EUROPA und einschließlich „BOLOGNA“. Zu letzterem nur so viel: kaum ein Land hat die Intention und die Möglichkeiten des Bolognaprozesses so schlecht verstanden und umgesetzt wie Deutschland. Aus Standesdünkel und dem Irrglauben, das deutsche System sei besser als alle anderen.

AN DIESER STELLE….sprießen nun alle möglichen Vorschläge, Beschlüsse der Rektorenkonferenzen, Bund-Länder-Unverträglichkeiten usw.  Bei all dem werden einige ganz wichtige Tatsachen vergessen, sodass ich ohne Arroganz, eher betrübt, feststelle: Hochschulreform ohne diese Zutaten –

Ich will mich aber einem ganz schmalen Segment akademischen Nichtgenügens widmen, der falschen Korrektheit bzw. Inkorrektheit (es geht dabei am Rande um political correctness, aber wirklich nur am Rande). Korrekt heißt regelkonform.  Kein Berufungsverfahren erfolgt wirklich regelkonform. Die Begründung mag erstaunen, d.h. es gibt drei:

  1. Weil Universitäten langsame Systeme sind, können zwischen zwei folgenreichen Entscheidungen eine Vielzahl von Interventionen interessierter Akteure erfolgen. Bei Berufungen sind hier so viele persönliche, vorurteilsbehaftete, bewusste und unbewusste Druckmittel im Spiel, dass das Ergebnis entweder zufällig gut oder zufällig schlecht ist, mit der Demokratie der Regeln aber nichts zu tun hat.
  2. Weil Hochschulsystem (Machtverteilung in der Gesellschaft über formale Abschlüsse und Anerkennungsregeln) und Wissenschaftssystem (Ordnung von Wissen und Erkenntnis, Kritik der Realität, Entwicklung von Möglichkeiten) nicht abgestimmt sind, überwiegen formale Kriterien. Der lächerliche Zitationsindex und die Publikationsheuchelei überwiegend z.B. einer einzigen praktischen Seminarprobe; aber auch ein hochtheoretisches Überprüfen der tatsächlichen Qualifikation bei den Bewerber*innen unterbleibt.
  3. Opportunitätsprobleme überwiegen den Begründungsdiskurs: Genderfragen, Zusammenpassen oder Fremdkörperberufungen, etc. Die studentische Mitbestimmung ist absolut notwendig, darf aber gerade nicht als Ausdruck einer „Statusgruppe“

Dass die Ergebnisse passabel sind, liegt schlicht an der Zufallsverteilung, die natürlich immer auch gute und sehr gute Auswahlen ermöglicht, bzw. „gesetzte“ Kandidat*innen bevorzugt, deren Vorgeschichte relevanter als das Verfahren selbst ist.

Dieses Beispiel zeigt, dass falsch verstandene formalisierte Demokratie sich an die Stelle eines kontrollierbaren und nachvollziehbaren Vertrauens gesetzt hat, das auch bestimmte Regeln beanspruchen könnte.

Ein anderes Beispiel sind die oft kritisierten Examens- und Doktorarbeiten vor allem dort, wo die Themen in den Bereich wirtschaftlicher und finanzieller Anwendung hineinragen. Ironisch sage ich, dass es bei technischen oder naturwissenschaftlichen Forschungs- und Entwicklungsthemen wenigstens deutlich sichtbar wird, wessen Interessen und welche Interessen bei Themenvergabe, Forschungsinteressen, Verwertungsabsichten und nicht selten bei der Bereitstellung der Instrumente vorhanden sind. Das ist bei geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Themen nicht so deutliche, da müsste man eine Analyse der Subtexte im Diskurs zwischen Betreuer und Examinierten machen. Vor allem aber geht es auch um die Korrektheit der Ergebnisfindung und -bewertung. Und die sind im Wissenschaftssystem mit seiner impliziten Theoriefähigkeit, Kritik UND Empirie doch sehr unterschieden von den Profilen, die das Hochschulsystem den erfolgreichen Studierenden und Absolvent*innen nahelegt.  Dass es keinerlei Ausbildung der „Prüfenden“ gibt, ihnen aber eine teils pervers hohe Macht zuspricht, kommt dazu.

ICH

Ich habe mehr als 50 Doktorarbeiten betreut, mehr als 1000 Abschlussarbeiten (BA; MA, Magister, Diplom) und unzählige Hausarbeiten. In vielen Fällen als Ergebnis der Arbeit im Studium, in ebenso vielen mit unbekannten Zugewiesenen. Die Prüfungsberatung war immer so etwas wie eine Fastfood-Psychologie der Verfassung eines Menschen, dessen Lebenslauf auch, auch!, mit dem Prüfungsprozess zusammenhängt. (Mein erstes Drittmittelforschungsprojekt ging übrigens um Prüfungsforschung, und den Unsinn der Trennung von Studien- und Prüfungsordnung, wurde dementsprechend vom staatlichen Auftraggeber ungern entgegengenommen, 1978). Kann man  Vertrauen institutionalisieren? Man kann…mit allen Fallstricken, wie Sympathie, Abneigung, aber auch den Problemen, im Thema notwendigerweise sehr viel besser zuhause zu sein (v.a. bei Master und Diplom) oder sehr viel weniger (bei den meisten Doktorarbeiten, was ja geradezu systemnotwendig ist, wenn da wirklich geforscht wird). Dann werden ganz andere Dinge bewertet, Methoden, Bias, Relevanz, Schlussfolgerungen…all das, was Wissenschaft vom Common Sense unterscheidet, und was mit der neuen Kompetenz-Ideologie eingeebnet wird.

Ich habe auch unkorrektes Verhalten erlebt, Plagiate, indirekte Täuschungen, Bestechungsversuche. Aber nicht das waren die großen Probleme – die löst man relativ einfach auf, – sondern die kritische und aufrichtige Frage auf beiden Seiten: was soll dieses Verfahren in Bezug auf a) das Leben der Kandidat*innen, b) den Fortschritt der Wissenschaft? Die Antworten finden sich bei immerhin guten 10% dieser Arbeiten im Text, bei den meisten gar nicht.

 

GEBÜHREN UND DIE SOZIALE WIRKLICHKEIT

Die Stellschrauben an einem guten Universitätssystem sind

  • Studierfähigkeit
  • Vertikale Durchlässigkeit
  • Horizontale Wahlmöglichkeit
  • Didaktische Qualifikation der Lehrenden
  • Kommunikationsräume und lebensweltliche Vernetzung in der Hochschule
  • Gleichwertige Osmose zwischen dem Innen und Außen der Hochschule
  • Angemessene Ausstattung und damit
  • Finanzierbarkeit

Wohlgemerkt, ich habe hier nicht aufgelistet, was für die gesellschaftliche Funktion und die persönliche Lebenssituation der Beteiligten relevant ist, dazu gibt es – siehe oben – hunderte Bücher, Vorschläge, auch Gesetze und fachliche Regeln.

Als ich noch aktiv in der Hochschulpolitik war, konnte ich meine Hauptthese nicht ganz einfach vermitteln: die immer privilegierten Studierenden bekommen ihren Status (Bessere Chancen am Arbeitsmarkt, höhere Lebenseinkommen, größeres soziale und kulturelles Kapital) aus der Steuerleistung der überwiegend nicht akademischen, nicht privilegierten Mehrheit der Bevölkerung, – sozusagen als zinsfreies Start-up Darlehen für größere Macht. Mit anderen Worten: die nicht-studierte Arbeitnehmerschaft bezahlt die Studiengebühren pro Student*in indirekt.

Dem hatte ich ein Darlehensmodell gegenüber gestellt, wonach alle Studierenden – unabhängig von der Herkunft – ein reguläres Studiengehalt beziehen sollten, dass sie dann im Lauf ihres Lebens über die Steuer zurückzahlen. (Wer viel verdient, zahlt mehr…).

Die Kritik an diesem Modell liest sich heute wie ein buntes Satiremagazin. Darauf gehe ich nicht ein.

Aber ein Problem haben wir. Weil die Universitäten nicht das liefern, was sie sollten, wird die soziale Zukunft der Absolvent*innen und der meisten Lehrenden von den Privilegien entkoppelt, die ich genannt habe. Auf der Strecke bleiben nicht so sehr die Jobs (gemäß der neuen Spaltung sozial mit weiter Einkommensspreizung), sondern eben die Teilhabe an den sozialen und kulturellen Kaptalen, auf denen unsere Zivilisation auch beruht.

Auf dieser Ebene wird Hochschulpolitik längst nicht mehr diskutiert. Auch nicht in Effizienzmühle „Hochschulforschung“.

GLOBAL

Anderswo sehen Universitäten aus wie Universitäten. Manchmal privilegieren sie ausschließlich über den Status, der mit dem Abschluss verliehen wird. Weder Qualifikation noch Kompetenz reichen aus, um Arbeitsmarkt und Lebenshaltung nachhaltig zu verbessern.

Können diese Universitäten von unseren korrekten Hochschulen lernen? Ein Frage der globalen Innenpolitik.

 

Finis terrae XIX: Demokratie und Gewalt (Fast eine Einleitung)

Kritik erreicht mich, holt mich ein: ich würde ja nicht so leben, als wäre das Ende von allem so greifbar nahe; zugegeben, die Verwerfungen sind unübersehbar und alles wird schlimmer zur Zeit, nichts wird besser. Aber das reiche nicht, Apokalypse zu verbreiten.

Das ist ein Irrtum.

Apokalypse sowieso nicht, denn hinter dieser Welt ist ja keine Andere, und das Schreckliche ist nicht der Übergang zu einer andern,  besseren Welt. Die Entschleierung des Weltuntergangs muss nicht sein, der Untergang, unserer Welt, die ja nur das Habitat auf dem Planeten Erde ist, braucht keine Offenbarung. Aber ja, es muss eine Eschatologie geben. Die „letzten Dinge“ sind, wie die Leser*innen dieses Blogs mittlerweile wissen, die absehbare Überholung unserer Weiterlebensmöglichkeiten durch das, was wir angerichtet haben, wohl weil die Evolution zu langsam und zu wenig flexibel war und uns nicht zur Adaption an das Vernünftige gezwungen hat (was ja denkbar gewesen wäre, wenn wir unser intelligentes Design nicht dem transzendenten Gott oder der Wallstreet oder dem Politbüro überlassen hätten).

Das hat eine gute und eine schlechte Seite. Die schlechte ist natürlich, dass es so gut wie ausgeschlossen ist, im letzten Moment ein gattungserhaltendes Handlungsmuster zu finden; wer redet da von Rettung? Einfach Überleben oberhalb der Ebene des Existenzminimums. Homöstase, also Gleichgewichtszustände, auf dieser Ebene sind denkbar, aber nicht erstrebenswert. Das klingt grausig, ist es wohl auch, aber man soll es nicht mit einem vierten Zeitalter verwechseln: Gold, Silber, Erz und Eisen. Das letzte kehrt alles selbstverständlich Gute und Richtige des Ersten um: „Scham, Wahrheit und Treue flohen. An den Platz derer folgten sowohl Betrug als auch List als auch Hinterhalt und Gewalt und die verbrecherische Liebe zu besitzen nach“ (Ovid, Metamorphosen). Keine Lehre vom Verfall der Einen und Aufstieg der Anderen, keine Zyklen der Weltentwicklung, und kein Ende der Herrengattung durch Decadence, was endlich die Knechte zur verderblichen Herrschaft brächte – lacht nicht! Wenn man die Idiotien der neuen Nazis und Kulturpessimisten liest, die sich ausmalen, was geschieht, wenn es nur keine Deutschen mehr gibt, weiß man, dass ich das nicht einfach erfinde. Finden wir uns damit ab, dass essinnvoll und notwendig ist, sich damit zu „versöhnen“, dass es in diesem engen Schlauch keine Möglichkeit zur Umkehr gibt.

Das führt zur guten Nachricht: jeder Mensch weiß, dass er oder sie eines Tages sterben muss. Weiß man aber ziemlich genau, dass es nicht mehr lange dauern kann und wird, dann ist die Zeit bis dahin nicht nur mit Trauerflor behängt, sondern auch mit Freiheit und dem Bewusstsein, dass es ohnedies am eigenen Schicksal wenig ändert, wenn man das richtige oder vernünftige tut, woran einem die Umstände solange gehindert haben. Die Zeit der Freiheit war zwar immer schon angebrochen, vor allem, weil man nie genau wusste, wann sie zu Ende gehen würde, aber nunmehr ist sie umso kostbarer, als wir ja auch nicht wissen, wann die Erde an uns erschöpft sein wird, nur dass wir uns schon auf der abwärts geneigten Flugbahn befinden, wissen wir. Nicht: ahnen wir, vermuten wir. Wir wissen es.

DIE EINLEITUNG IST IMMER ETWAS SCHWERGEWICHTIG. DIE PRAXIS HINGEGEN PRAKTISCH.

Die Zeit der Freiheit ist die Zeit der Politik. Wenn der Klimaverbrecher Trump – unbehandelbar geisteskrank, aber bewusst, mächtig und nicht dumm, die Abgasnormen für Autos abschafft, dann ist das ein Missbrauch eben dieser Freiheit. Wenn der israelische Premier sich den rechtsradikalen Kabinettsmitgliedern unterwirft, um Flüchtlinge zu schädigen, so ist das Missbrauch dieser Freiheit. Genauso, wenn der deutsche Heimatminister Flüchtlinge konzentriert abschieben will. Ebenso, wenn…ich fordere meine Leser*innen immer wieder auf, die Beispiellisten zu ergänzen, weil sie unbegrenzt sind, weil jeder aus seinem Alltag hunderte, tausende Beispiele kennt, und doch nicht alle geeignet sind, daraus wirksame Politik zu machen. Es stimmt eben nicht, was die eingangs erwähnten Kritiker behaupten, dass die Nachhaltigkeit und Resilienz der Welt in den ungebremsten Katastrophenszenarien zerstört würde, weil man gar nicht mehr wahrnimmt, was früher alles schlechter war (wie der SPIEGEL in einer klugen Kolumne darstellt). Die Irreversibilität führt zu Heftpflasterpolitiken. Heute kam die Meldung bestätigt durch, dass in den letzten 20 Jahren 25% der Biomasse von Insekten ausgerottet wurde (Glyphosat etc.). Die Umweltministerin will jetzt die Bienen retten.

SO GEHT DAS NICHT.

Der Widerstand hat immer zwei Optionen. Gehen wir von seiner Legitimität aus, dann kann er über Risikoabschätzung sich entscheiden, einer Gefahr durch demokratische Veränderung durchsetzungsfähiger Regeln und Normen zu begegnen. Oder er bringt die Verhältnisse durch Gewalt zum Tanzen, selbst wenn die angewandte Gewalt in keinem kausalen Zusammenhang mit der bekämpften Gefahr steht. Gewalt ist einfacher, aber nicht deshalb schon immer falsch. Welche Art ihrer Anwendung gerade richtig erscheint ist so schwer herauszufinden wie das richtige Gesetz für den jeweiligen Gefahrenfall.

Beide Optionen lassen nur wenig brauchbare Prognosen über die Möglichkeiten zu, das Ende hinauszuzögern oder es zu beschleunigen (letzteres im Vorteil, aber wirklich erheblich?).

SO GEHT ES SCHON EHER.

Ganz viele Ratschläge beginnen mit der Forderung, Praxis vom Ende her zu denken. (In manchen Systemen heißt das dann, bei Eintritt des angestrebten Ziels so etwas wie Erlösung wahrzunehmen – siehe meinen Osterblog). Bei sehr praktischen Planungen kann das schon einmal Sinnmachen, aber stellt euch vor, man würde die Hinrichtung vom sausenden Fallbeil her denken: bräuchte es dann der Henkersmahlzeit? Umgekehrt hat man in Auschwitz und am sinkenden Schiff und im grausigsten Kerker oder verirrten Wildnis nicht nur seinen Elan Vital mobilisiert, sondern auch die Umstände ohne das sich abzeichnende Ende analysiert und bearbeitet. Nicht, weil man vor der Wahrheit davon gelaufen ist, sondern weil es sie nicht verbessert hätte, wäre man nicht verliebt, belustigt, abgelenkt, ermüdet oder aufgeregt gewesen, schlicht: wäre man nicht lebendiger gewesen als das sich abzeichnende Ende einem zumuten wollte (ganz zu schweigen von der ungläubigen Kontemplation als Schmerzmittel).

Lange Umschreibung der Aufforderung, im Kleinen die Trittsteine zu sehen, die dann zu Demokratie (Heimat) oder Gewalt (Auszug) führen, und auch zu entscheiden, wann welches von beidem angebracht ist. (Hinweis: Auszug i.S. von Exodus, weg von hier…nur weg).

WOZU DAS ALLES? Ich will euch nicht vertreiben.

Natürlich werde ich keine Blog-Philosophie schreiben und schon gar nicht die Düsternis heraufbeschwören, gegen die ich mich bei den Kulturpessimisten und Apokalyptikern so vehement wehre. Es kommen wieder hellere Texte. Aber ich muss mich ja rechtfertigen für diese Vorschau auf Finis terrae. Das Ende hab ich ja nicht erfunden. Und meine Bekümmernis, dass es mit der Evolution der überlebensfähigen Vernunft nicht so weitergeht, wie es müsste, um Finis terrae zu vermeiden, diese Verzweiflung duldet kein Herumreden. In der Freiheit der erweiterten Spielräume für Politik und Ausgestaltung der abschüssigen Zeit können wir, wenn nicht Trost, doch Genugtuung finden, unsere Enkel und Urenkel nicht an die Tyrannen von heute zu verraten. 

 

 

Fool’s Day

Wie Unrecht die Menschen den Anführern der AfD tun. An diesen charismatischen Persönlichkeiten arbeiten sich doch nur ungebildete und oberflächliche Menschen ab.

Nehmen wir doch einmal den Herrn von Gauland, der sein Adelsprädikat schamhaft versteckt. Schon sein Name gibt Anlass zu bösen Witzen. Bei Gau-Bickelheim oder Kraichgau rümpft ja auch niemand die Nase, aber nur weil er ähnlich dem ihm ähnlich Gauweiler heißt, denken sich die Menschen, sie könnten so spotten wie seinerzeit in Oberdonau über den Eileiter Gaugruber. Aber sein Auftreten, der noble Harris Tweed seiner Jacken, könnte uns schon  eines besseren belehren. In Wirklichkeit kommt Gauland ja aus einer britischen Einwandererfamilie und bezieht seine Sakkos aus dem Familienunternehmen

GAUL and WYDEL, gesprochen (Gool ‚n Weidl), Saville Row, London

Dorther kommen alle guten Kleidungsstücke, und sein Tweed ist aus feinst gewebten Hundehaaren. Das ist nicht so selten: bei Herzmanovsky-Orlando, im Maskenspiel der Genien (u.a. Wien 1958), findet sich ein Großbürger, mit einem ähnlichen Rock, der sehr attraktiv war, aber das schlechte Wetter durch einen signifikanten Geruch drei Tage im Voraus ankündigte. Die unauffällige Eleganz dieses wahrhaften Gentleman zeigt sich auch in seiner Diktion. Am 22.2.2018 betont Herr Gauland, die EU sei kein Ersatz für Deutschland. Das sagt ein feinzwirniger Nichtdeutscher. Dass Gauland kein Deutscher ist, lässt sich historisch und systematisch belegen. Ein Blick in Kluges Etymologisches Wörterbuch, 17. Auflage, 1957, S.129) macht schon klar, dass sich Gauland ausdrücklich für die Multikultur entscheidet: Hauptsache, man spricht die gleiche Sprache. Welchem Stamm gehört denn Gauland an? Man spricht von 6 Altstämmen und vielen Neustämmmen, und Gauland hat die Wahl, wechselnde Identitäten anzunehmen. Er stammt aus Chemnitz,  das auch einmal ein paar Jahre K‘Mx’Stdt hieß, aber ansonsten nichts dafür kann. Zurück zum Habit: dieser Neudeutsche, der sich völkisch gibt, aber keinem Volk angehört, ist natürlich weder deutsch-blütig noch deutsch-stämmig, nicht einmal stämmig. Wäre er der wichtige Politiker geblieben, der er in grauer Vorzeit einmal  war, vielleicht hätte er den Brexit aufgehalten… (weil man sich mit den vielen nichtbritischen Einwanderern, Polen, Juden, Russen, Deutschen (!) keine blaublütige Insel hätte verdienen können.

Frau Wydel, nur in Deutschland Weidel genannt, ist ebenfalls blaublütig, aber nicht so erzdeutsch wie Frau von St. Orch, sie lebt in Europa und möchte es deshalb zur Festung ausbauen (das haben ihr die österreichischen Nazis von der FPÖ voraus, die haben das schon früher propagiert). Sie ist die Geschäftsführerin des oben genannten Modehauses und kleidet Herrn Gauland immer so elegant ein, wie sie selbst erscheinen möchte. Das oben genannte Wörterbuch erlaubt uns, ihr eine deutschstämmige Herkunft zuzuschreiben, weidlich heißt ja auch jagdgerecht und der Weidling ist ein Fischerboot (ebda. S. 848). In meiner Kindheit war ein Weidling allerdings eine Rührschüssel zum Teigschlagen…klassisches Beispiel, keinen Namensbezug herstellen zu müssen. Sie redet deshalb weniger von „Deutsch“ als von „kulturfremd“. Das passt in das dumme Geschwätz von Leitkultur, und da wird sie auch des Lesens kundige Bevölkerungsteile ansprechen. Aber es könnte auch sein, dass sie vom Minnesänger Walter von der Vogelweidel abstammt, und dann verrät sie einen großen Dichter, von dem man auch nicht weiß, woher er wirklich kommt.

Der Hundehaaraufzug weht uns Regen und Schnee ins Gesicht. Aus der Zeit, in der alles anders war, bleibt nur Finks Krieg von Martin Walser (Ffm 1996), das Gauland, wiewohl es ein gutes Buch ist, selbst rezensiert hatte…Si tacuisses…

Nein, Leute, über die Namen mache ich mich nur lustig wegen der schrecklichen Assoziationen, die sie auslösen. Wenn man das Triviale mit dem Gewalttätigen vermengt, kommt das Völkische heraus, und der Weg zum Volk, von dem alles Recht ausgeht, wird immer weiter.

Wir können nicht auf Erlösung warten. Vom sehr Kleinen zum sehr Großen

Es ist nicht so, dass das Übermaß an Irrsinn und Gewalt einen abstumpft, und man sich auf niedrigerem Niveau mit der Herrschaft arrangiert, bis sie eines Tages weicht – weil eine größere Gewalt von außen oder von oben eingreift (?) oder wir anfangen zu murmeln „Ich liebe den Großen Bruder“ (1984).

1.

Im Kleinen kann man das große Unheil detailgenau studieren. Der gemeingefährliche Unsinn des Ostverstehers in Deutschland und deshalb von der Regierung beauftragten Hirte über die verständliche Fremdenfeindlichkeit und die primitive Grundverfassung der Ostbürger ist zwar vielen aufgestoßen, hat aber wenig Reaktionen hervorgerufen: wer ist dieser Schwachkopf schon, und was wird er bewirken, außer den Hass stabilisieren? Aber das passt natürlich anderen Vielen in die Befriedungspolitik, die eine selbst befriedende Verkleinerung der Welt ist.

Das heißt bei Seehofer und seiner achtkegeligen Männerriege Heimat. (Der Shitstorm ist gut dokumentiert, auch der Bezug zur Heimat wird einigermaßen hergestellt: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/horst-seehofer-ist-mit-seinem-maennerministerium-nicht-allein-a-1200300.html ).

Aber Heimat ist mein Lebens- und Forschungsthema seit meiner Dissertation über Ernst Bloch, deshalb lässt mich nicht ruhen, wie sehr sich sowohl Begriff als auch Kontext verschleifen, verblödeln oder aggressiv machen lassen. Bitte lest alle, wenn ihr mir folgen wolltet, den letzten Satz aus Blochs „Prinzip Hoffnung“ (1959 bei Suhrkamp, Frankfurt). Das ist einer meiner beiden Heimatbegriffe, Heimat an die zu errichtende Demokratie gebunden. Der andere ist die Topographie einer Kindheit, die Zukunft vor sich hat, eine Zukunft, von der ich noch nichts wusste, und von der ich erst spät lernte, wie viel Vergangenheit sie mit sich trägt.

2.

Seehofer ist eine uninteressante und inspirierte Charaktermaske. Als Deportationsminister fügt er seinem Repertoire auch noch die Konzentration von Flüchtlingen, ihre Abschiebung in Tod und Elend, eine unempathische Unmenschlichkeit hinzu – rhetorisch wenigstens, ob er das alles kann und darf, sollen wir einstweilen bezweifeln. Aber dem Hass bietet er, wie der Gute Hirte, eine christlich getarnte Plattform (so wie Ditib und die Salafisten diesem Hass eine islamisch getarnte Plattform bieten, oder Netanjahu eine jüdisch getarnte). Ethnie oder/und Religion, die Anrufung eines dogmatischen Prinzips, ist immer guter Standplatz für die Ausbreitung von Hass und Gewalt. Das macht die Ambivalenz des interreligiösen Dialogs aus:

Nun wird es Zeit, dass die andere Seite der Religion sich zum Widerstand entschließt. So, wie die Auseinandersetzung um die Potsdamer Garnisonkirche – siehe meinen Blog vom 22.3.2018 – die religiösen Menschen von den religiösen Ideologen  abspaltet, so kann das auch mit der schmählichen Inbesitznahme von Heimat durch Leute wie Seehofer, Mayer, Söder und die AfD, leider auch wie Mitglieder anderer Parteien, geschehen. Dafür lohnt es sich, zu handeln.  Es gibt eine friedensförderliche Seite von Religion, die nicht notwendig auf individuelle Glaubensüberzeugungen gegründet sein muss: Religion als ein praktikables Ordnungsprinzip von Gesellschaft wäre hier ein Ausgangspunkt. Das ist ziemlich „kühl“, oft pragmatisch und wenig metaphysisch. Aber auch Agnostikerfamilien schätzen die glaubensförderliche Bewusstseinsbildung bei ihren Kindern – wenn es gut läuft. (vgl. Verena Friederike Hasel, Zeit 14, 27.3.2018).

3.

Nun läuft es meistens nicht gut.  Völlig religionsentleert spielt sich an der Grenze zwischen Israel und dem Gaza ein scheußlicher Kampf ab, der nur mehr auf der Rechthaberei unrechtmäßigen Regierungshandelns auf beiden Seiten beruht (von der israelischen Bevölkerung weiß ich, dass sie mehrheitlich dieser Gewalt nicht zustimmt oder nahesteht, von der palästinensischen vermute ich es, gestützt auf viele Informationen).

Wenn man das JETZT, diese Woche, als Maßstab nimmt, dann ist die politische Analyse dieses „platonischen“ Konflikts eindeutig (platonisch, weil die Beteiligten die wirkliche Geschichte des Konflikts NICHT kennen, sondern nur in Segmenten aufrufen – und immer zu Zeitpunkten beginnen lassen, die jeweils Folge und nicht Ursache waren). Zum Begriff vgl. Avishai Margalith, der platonisch sonst nicht durchgehend negativ notiert).

Eben diese Ungleichzeitigkeit zwingt zur historischen Analyse. Und dann kann man auch erklären, warum sich etwa der Antisemitismus der arabischen, türkischen, maghrebinischen und meist islamischen Menschen in Deutschland abspielt. Alle wissen, oder können wissen, dass es ihn gibt, und zwar nicht als Minderheitenphänomen, sondern massiv, vielleicht in der Mehrheit, aber massiv und distanzarm. Die Erklärung, dass die Kinder dies von ihren Eltern hätten, ist belegt; die Vermutung, dass „Juden“ mit „Israelis“ gleichgesetzt werden, auch weil Israel sich selbst primär „jüdisch“ notiert, und nicht demokratisch, rechtsstaatlich, säkular – und vor allem, bei jüdischer Mehrheit, nicht ethnisch notiert, diese Vermutung ist provokativ, aber plausibel und auch belegbar. Umgekehrt erklären jüdische Nationalisten diesen Antisemitismus mit ethnischen oder religiösen Beweggründen, und nicht politisch, also auch geschichtsbewusst und in den Kontexten der Beziehungen. Daraus eine Gleichsetzung beider Seiten abzuleiten, verbietet sich – aber nur, wenn dieser historische Kontext entfaltet und mit seinen Subtexten auch fassbar gemacht wird.

(Auf einer etwas weiteren Stufe der Analyse: die Israelis schaden sich, wenn sie religiöse Begründungen für ihre Politik suchen – und scheinbar finden (mit der Bibel kann man dieisraelische Annexionspolitik und die ethnophobe Regierungsarbeit so gut widerlegen, dass sich jeder Rabbiner verkriechen muss, der das NICHT sieht). Aber das Argument muss sich mit den nationalreligiösen Blasphemikern auseinandersetzen, und nicht eine Politik kritisieren, die noch gar nicht „politisch“ ist; die Palästinenser schaden sich umso mehr, als der Islam nun keineswegs die Politik der Araber schon lange vor der Staatsgründung Israels bestimmt hatte; und sie täten gut daran, die anderen Spieler, v.a. Briten, Amerikaner, Türken, aber auch andere, in diesen Kontext einzubeziehen: das ist in Israel kontrovers bestens aufgearbeitet).

Für diesen Blog aber ist die Konsequenz denkbar klar und einfach: dem „islamischen“ Antisemitismus, der nicht islamisch, sondern arabisch und türkisch-national, muss man mit aller Härte entgegentreten und sich nicht auf die attentive Haltung zurückziehen, man dürfe hier keine anti-islamischen Ressentiments nähren, denn mit dem Islam hat dieser Antisemitismus wenig zu tun. Einiges allerdings schon, das ist eine verminte Grenze: er hat soviel mit der Religion des Islam zu tun wie der latente christliche Antisemitismus. Da muss man jetzt handeln, kann nicht warten.

4.

Solche Beispiele kann ich viele herbeiholen. Religion wird in die Politik hineingeholt, um entweder einer bestimmten gesellschaftlichen Stabilisierung oder Struktur ihre Unterstützung zu geben; oder als Opposition einer Erlösungshoffnung Ausdruck zu geben, wobei diese Erlösung durchaus im Diesseits und durch politische Intervention verweltlicht werden kann – oder sich messianisch-fromm auf die Ewigkeit jenseits der Zeit zu orientieren. Es wäre falsch, sich an den hohen Tönen der Erlösungsrituale (zu Ostern, etwa) oder der Erlösungsgewissheit im Dogma zu orineiteren. Die Realitäten –  beispielsweise – mit denen ich diesen Blog begonnen habe, sind angebracht, auf die Erlösungserwartung zu projizieren. Ich muss meine Gebete nicht mit „Herr“ beginnen, wenn die Erlösung darin besteht, dass es Abend wird, dass die Folter aufhört, dass der Durst und die Angst weichen.

Erlösungshoffnungen werden fast immer in charismatische Personen projiziert, die die bestehende Ordnung der funktionalen Gesetze aufheben. Darin sind Trump und Putinn sich geschwisterlich ähnlich.  Ohne die Menschen, meist keine Mehrheit, aber eben sehr viele, ohne diese Menschen können sie sich nicht lange halten, es sei – da liegt der Unglücksfall – sie festigten ihre Herrschaft gegen Recht und Gesetz, gegen das Gewaltmonopol des Staates (USA) oder als illegitime Ausweitung dieses Monopols (Russland) bis zu dem Extrem, an dem keine Rückkehr zur Demokratie mehr möglich ist. Deutschland 1933 ist ein Beispiel dafür. Die Charismatiker sind nie nur das.

Also dürfen wir es nicht so weit kommen lassen, und auch wenn wir nicht jeden Anlass zum Aufruhr nutzen dürfen und können, keiner ist so klein, dass wir da nicht hineinschauen können in die religiösen Ornate der unmittelbaren Herrschaft. Das bedeutet auch, dass die Religion eine Ordnungsmacht ist, aber nie die Herrschaft über noch so kleine Teile unseres Lebens erlangen darf, ebensowenig wie jede Ideologie, die schon zu Ende gedacht hat, was wir erst machen wollen.