Komm, promiss. Darauf hoffen wir.

Liebe Leserinnen und Leser meines Blogs,

ich könnte versucht sein, mit den sozialen Netzwerken, Leitartikeln des Wochenendes, Titelseiten-Aufmachungen der Journale und Grußbotschaften vom Papst bis zum Gschaftlshuber um die Ecke zu konkurrieren, und meine Weihnachts-/Chanukka-/Friedens-Botschaft hier zum Besten zu geben. Aber ich bin kein Botschafter, und es ist schon ein Kompromiss, dass ich mich gegenüber anderen so benehme, dass ihre Weihnachtsfreude und Rituale keinen Schaden erleiden; natürlich ist es auch nicht falsch, an diesen Ritualen soweit teilzunehmen, dass man nicht am Meeresgrund der tiefsitzenden Gefühle dahingrundeln muss, um sich der hiesigen Kultur zugehörig zu fühlen – oder eben nicht.

Der Kompromiss besteht darin, die Rituale – Schenken,  Beschenktwerden, keine christologischen Debatten anzetteln (wie der SPIEGEL), keine zusätzlichen Kontroversen zu den vorhandenen gerade heute aufs Tapet bringen (Die Situation in Betlehem am heutigen Abend und die israelische Besatzung, die Weihnachtsbäume und die Klimakatstrophe). Es gehört das zum notwendigen Repertoire beschränkter Wahrhaftigkeit, die noch nicht Heuchelei, aber eben nicht mehr Parrhesia ist (jene besondere nicht-rhetorische Wahrhaftigkeit, die dann wohl Folgen für einen selbst und andere hat).

Innerhalb dieser Einleitung: danke, dass ihr meinem Blog bisher gefolgt seid, ihn wohl regelmäßig lest; schade, dass ihr ihn nicht verbreitet (ich benutze keine sozialen Medien dafür, das ist ein wenig meine selbstgewählte Konzentration  auf die, die den Blog eben lesen und damit machen, was sie wollen). Mit diesem Dank verbinde ich alle guten Wünsche, zum heutigen Tag, zu den diversen Lichterfesten und meinet wegen Silvesterknallern. Neben, jenseits, vor und nach diesen Wünschen kann ich auch Briefwechsel, Mailbotschaften fortsetzen oder begründen, aber, wie gesagt, das Ritual ist eines, das weniger schadet als dem nützt, was wir Miteinanderimgesprächbleiben nennen. (Wort mit 28 Buchstaben, fürs Neujahrsrätsel).

*

Was mich in diesen Tagen umtreibt, sind nicht die Feiertage und die familiäre Reflexion des Eindringens gesellschaftlicher Umbrüche in die lange geübten Festtagsrituale. Dies, obwohl ich zB. gegenüber meinen Enkelinnen und Töchtern und der weiteren Familie eine gewisse Dankbarkeit für die nicht-überhöhte Praxis dieser Tage hege…die ist dann authentischer als die sich öffentlich entblößenden Ansprachen (hier wird es schon politisch, weil nur weniger dieser Grußwörterer die Kritik am Nationalistischen und an der Zukunftsblindheit auch tatsächlich und verständlich äußern). Darum finde ich die Kritik an Fridays for future so unsäglich, weil die zu Recht die Generation der Großeltern, mich, attackieren, dass wir ihre Zukunft vergeigen  (die Empörung kommt vor allem von denen, auf diese Kritik zutrifft).

Immerhin ist die globale Zivilisation in diesen Tagen geradezu endzeitlich ehrlicher als in weniger prekären Tagen:  die Klimaverbrecher haben in Madrid nicht einmal geheuchelt, dass sie Fridays for future widerlegen wollen; die Ökonomen kriechen gegenüber Trump, erdögan und den Saudis auf dem Bauch – bitte sagt nie hündisch oder duckmäuserisch, weil die Viecher ja nichts für menschliche Niedertracht können –  und anstatt Grenell rauszuschmeissen, verweist man auf diplomatische Gepflogenheiten, den Abgesandten des Herrschers anders zu behandeln als den der Unterworfenen; was zur Verachtung der Flüchtlinge zu sagen ist, habe ich im letzten Blog geschrieben: dazu kommt noch der Zynismus, dass man retten nur muss, wer in unmittelbarer Lebensgefahr ist – ach Seehofer, gut, dass es doch keinen christlichen Gott gibt. Bei solchen Beispielen wird mir klar, warum Hegel geschrieben hatte, das Einfachere sei das Abstrakte: wir verlieren uns in diesen konkreten Beispielen ja zu einem endlosen Lamento. Und diese Litanei nutzen die neuen Diktatoren, Trump besser als Putin oder Xi, zur Unterwerfung ganzer Gesellschaften – Darum ist der westliche Tyrann und seine Vasallen gefährlicher als die Tyrannen, von denen wir konkret nichts erwarten als dass sie ihre Untertanen funktional einsetzen. Trumps  Diktatur ist eben nicht an ein einfaches, an ein abstraktes Konzept gebunden, sondern seine Maßnahmen sind willkürlich und gerade dadurch widersprechen sie den Ordnungsprinzipien der Demokratie, des verhandelnden Republikanismus etc.

Holla, muss ich heute da anfangen zu philosophieren? Ich fürchte ja, deshalb, weil die besinnlichen Atempausen wie der Freigang der Gefangenen nur unsere reduzierte Fähigkeit zum Widerstand umso deutlicher zeigen. Deshalb bin ich heute nicht trüber aufgelegt oder deprimierter als sonst, ich sag ja nur, dass mich dieser Hinblick auch dann nicht verlässt, wenn ich Geschenke auspacke oder jemandem Glück wünsche. Vielleicht stärkt so etwas ja sogar die Kraft zur Opposition. Klar denken, solange man NICHT unter der Folter sich beweisen muss – und das natürlich nicht kann. Es ist auch eine Folter, mit ansehen zu müssen, was man ändern muss und so, so jedenfalls?, nicht kann. Deshalb meine Rubrik Finis terrae, aber die sagt eben nicht alles, weil es daneben Politik,Ökonomie, Kunst, Privatleben, verspätete Züge, erfreuliche Begegnungen , und alles mögliche gibt, was für sich nicht darauf hinweist, wie spät es ist. Deshalb haben Habeck und Greta Thunberg recht, und deshalb haben die Hinauszögerer, die auf das „Rettende“ warten, unrecht.

Also, meine werten Blogleserinnen und Blogleser, machen wir uns wieder einmal auf den Weg in eine Zeit, die auf geheimnisvolle Weise „Zwischen den Tagen“ heißt, was in einfacher Sprache nur heißt, vor Neujahr fangen wir nichts an, und nach Weihnachten fällt uns nicht ein. Da kann man getrost auch einmal nichts tun oder ins Theater gehen oder gar etwas lesen und hören, und dazu wünsche ich euch n+1 Gelegenheiten.

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