Identität als Unsinn

Übertrieben? Wo doch alle nach Identität lechzen. Es gibt zwei I-Wörter,  wie der Jargon meint: I wie Insolvenz, I wie Identität.

Manche sind schneller und schreiben über ein Problem besser als ich. Zur Identität öffnet bitte schnell die Seite 55 der letzten ZEIT #7, vom 6. Februar: „Darf sie das?“ von Sarah Pines, und „Es geht um den Universalismus“ von Thomas Assheuer.

Es geht dabei um ein Problem, das in den USA viel massiver und gewalttätiger auftritt als noch bei uns. Kann ich mich in einen Menschen, eine Gruppe, eine Schicht, eine Klasse versetzen, der ich nicht angehöre? Können wir, z.B. als weißhäutige Nachfahren der Kolonialherren, uns in die andershäutigen Gegenwärtigen der Nachfahren der Kolonisierten, der Sklaven versetzen? Und dürfen wir dies, wenn die Gefahr besteht, dass wir diese weiter in kultureller oder gar politischer Abhängigkeit halten? Das sind im Kern Fragen, die anhand des Skandals um „American Dirt“ von Janine Cummins diskutiert werden. Lest erst einmal, ich mag das Problem nicht schlechter wiederholen als es dort beschrieben wird.

Es ist aber auch in Deutschland ein gegenwärtiges Problem, das über die politische Korrektheit hinausgeht (darf man Höcke Faschist nennen? Bejahung durch das Verwaltungsgericht Meiningen (2 E 1194/19 Me) ) Muss man ihn so nennen? (Ich denke, man muss), das über den künstlerischen Einzelfall hinausgeht (Vgl. https:/)/politicalbeauty.de/), darf ich mich in der Kunst in einen Menschen ganz anderer „Identität“ (als Zusammenfassung von differenzierbaren Merkmalen, nicht als Selbstverständnis) hineinversetzen? Darf sich ein Mann in eine Frazu versetzen, kann man die Welt durch die Augen eines Hundes betrachten, kann ich versuchen zu denken wie Stalin oder Höss gedacht haben?

Man kann bei der Empathie ansetzen. Sich in die Opfer hineinzuversetzen, ohne selbst Opfer zu sein – das scheint doch legitim, und gibt den Opfern, die selbst sich nicht (mehr) äußern können eine Stimme. Sich in Täter hineinzuversetzen, kann anderen Menschen verdeutlichen, nach welchen Motiven und Mustern diese Täter handeln oder was sie meinen. Beides ist Bestandteil der politischen Rhetorik, und natürlich immer schon der Kunst. Aber ist das sich-Hineinversetzen nicht ansteckend? Keine dumme Frage. Wenn man sich anstecken lässt, bedarf es schon der Immuntherapie oder von Gegenmaßnahmen. Dass Empathie in das Gegenteil des mit ihr Bezweckten umschlagen kann, dass man dies sogar wollen kann, ist ein Problem. Fritz Breithaupt, in seinem Buch die dunklen Seiten der Empathie“ beschreibt das Problem nicht nur ausführlich, er veranschaulicht es am Beispiel von Donald Trump schmerzlich genau (Breithaupt 2016, 213 : auf der letzten Seite wird erklärt, warum man Trump nicht wählen kann, obwohl seine Angriffe Empathie,  also ein Verstehen vor dem Einverständnis, verstärken)). Das ist keine Absage an Empathie, aber eine Warnung: ihr Ergebnis ist immer das Mitmenschliche, das Zwischenmenschliche, das man bezweckt, wenn man sich in die Situation von anderen hineinversetzt. Alles verstehen heißt alles verzeihen, ist ein Sprichwort. Und Menschen, ganze Gesellschaft, aus und in ihrer Vergangenheit verstehen, heißt ja nicht, dass man den Kolonisierern, Sklavenhaltern Tyrannen verzeihen soll, weil man sie (jetzt? Jetzt erst?) versteht, sondern wir müssen gefälligst darüber nachdenken, wie wir mit den Folgen der Untaten und den Nachkommen der Opfer umgehen.

Dazu ist eine universalistische Ethik nötig. Die ist gar nicht so einfach, wenn gleichzeitig die kulturelle Differenz, die Genese dieser Differenz, die Bedeutung der Unterschiede heraus- und bearbeitet werden müssen. Aber der Streit, nicht nur um American Dirt, geht ja schmerzhaft tiefer: kann man sich in eine andere Klasse von Menschen hineinversetzen und sie ausdeuten, härter: darf man das???

Wenn ich sage, wir dürfen, wir müssen, dann hat das Folgen. Ich muss am Text beweisen, dass ich es kann, und ich muss die Differenz zwischen dem Autor und dem Text deutlich machen. Peter Weiss hat einmal sinngemäß gefordert: Schreiben, als wäre man unter Folter, aber wissen, dass man es nicht ist. Das ist gegen die Folter gerichtet und nicht zur Sanierung der Psyche des Schreibenden.

Assheuer verweist auf den Unsinn des Vorwurfs der „spätkolonialen Aneignung“. Und er nennt hinreichend starke Beispiele, was unter diesem Vorwurf nicht möglich wäre – Tarentino dürfte nicht über Verbrechen an den Schwarzen drehen und Angehörige der Dominanzkultur könnten das Leiden mexikanischer Flüchtlingseltern nicht vorstellen und nachempfinden.

Vieles an der Identitätspolitik, von den rechtsradikalen Identitären bis zur Klassenidentität der Marxisten bis zur Geschlechteridentität von LGBTY, ist deshalb so fatal, weil es  ein Merkmal oder eine Merkmalsklasse hervorhebt und dogmatisch als  Zentrum aller Ableitungen behauptet, um das Unverständnis anderer Denk- und Verstehensordnungen festzustellen.  Dass das nicht funktioniert, z.B. in Bezug auf Gender, hat Edouard Louis eindrücklich, vielleicht gegen seine Intention beschrieben, und Slavoj Zizek kritisiert immer wieder das Verlassen der Klassenkonflikte, um Identitäten anderswo zu verorten.

Wir dürfen uns von dem Identitätsgerede nicht irre machen lassen. Wenn nur Anthroposophen über Homöopathie verständig reden dürfen, ist das ein Angriff auf die Vernunft. Wenn nur Gläubige über die unumstößlichen Glaubensinhalte reden und denken dürfen, ist das die Vorbereitung von Religionskriegen. Wenn die punktuelle, also flüchtige Gegenwart, uns verführt, unsere  Identität denen aufzubürden, die früher unter den Machtverhältnissen, unter Gewalt und Ohnmacht gelebt, agiert und gelitten haben, dann muss man alles zensieren bis auf den Stummel der Identität, der dann als Prothese der restlichen Tage auf Erden dient. Nur kann man Identität nicht ins Jenseits mitnehmen, und die Identitär-Korrekten sollen nicht wagen, sie aus dem Jenseits zu exhumieren.  

Zurück zur Kunst: Sarah Pines schreibt zum Schluss: „Und wie kann man zukünftig überhaupt noch schreiben? Die Schriftstellerin Doris Lessing riet einmal: Nur die Fantasie könne zur Wahrheit vordringen“. Jetzt versteht man auch, warum der Auschwitzüberlebende Imre Kertesz seine wichtigsten Texte unter der Variation „Ich, ein anderer“ verfasst hat. Daran ist nichts Unwahres.

Breithaupt, F. (2016). Die dunklen Seiten der Empathie. Berlin, Suhrkamp.

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