Nackte Freiheit gibts nicht

Hermann Kuhn, mein kluger Bremer Freund ist 75 geworden. Zu seinen Ehren wurde ein Kolloquium veranstaltet, mit Helga Trüpel, UK Preuss, Lothar Probst und dem Jubilar. Am Ende seines Beitrags zum Antisemitismus sagt er:

„Bei der Betrachtung von Nutzen und Nachteil von Tabus und Ächtung in unserer Gesellschaft dürfen wir nicht vergessen, dass ein Tabubruch immer auch provokativ und im Namen der Freiheit auftreten wird und schon dafür Unterstützung bekommen kann. Wir kennen das doch selbst ganz gut. Gesinnungsaufsicht und Provokation leben eben voneinander“.

(Über den Nutzen und Schaden von Tabus in unserer offenen Gesellschaft – Kolloquium 7.3.2020)

Die letzten Tage haben einige dieser Provokationen hervorgebracht: Schäubles und Palmers Aussagen zur Problematik des Lebensendes und der Menschenwürde. Oder: die Duldung der amerikanischen Atomsprengköpfe im Rahmen der NATO bei gleichzeitigem Abrüstungsbegehren. Oder: die Auseinandersetzung welcher Staat (i.e. welches Gesellschaftssystem) nun das Coronavirus hervorgebracht oder gar gezielt eingesetzt hat (USA oder China) oder wen man lieber als andere sterben lassen kann (Nicht-Weiße in den USA, Minderheiten in vielen Ländern, Flüchtlinge auf den griechischen Inseln. Oder den unbedachten und unbedarften Spruch des Vosskuhle-Senats beim Verfassungsgericht über die nationale Vorrangstellung gegenüber dem EuGH…

Aber mal ehrlich: es gibt kaum eine kontroverse Auseinandersetzung, in der nicht eine/r dem/der anderen vorwirft, Tabus zu brechen…nicht jeder Tabubruch provoziert, oft geht er unbemerkt vonstatten. Der Vorwurf führt nicht selten zur schamvollen Reaktion und der Frage: warum eigentlich? oder: das wollte ich nicht. Ja, was dann?

Mir geht’s nicht um Tabus, da hat die Tagung viel Kluges und Wichtiges hergestellt. Sondern um Hermann Kuhns Hinweis, was geschieht, wenn Tabubrüche im Namen der Freiheit auftreten, oder wenn jetzt rechtsradikale Verschwörungstheoretiker sich auf das Grundgesetz bei ihren Demonstrationen ohne Maske und gegen die Verhaltensanweisungen berufen. Das ist keineswegs neu. Die „Republikaner“, ich meine die deutsche Neo-Nazipartei, haben den Begriff der Republik angeschimmelt, ohne wirklich jemanden zu verwirren (ab 1983). In Österreich war der VdU (Verein der „Unabhängigen“) (1949) ein von den demokratischen Parteien umworbenes Sammelbecken ehemaliger NSDAPler. Was heißt schon „unabhängig“. Der VdU war ein Vorgänger heutigen Nazipartei FPÖ.

Orwell hat in 1984 die Technik erläutert: The Ministry of Peace concerns itself with war, the Ministry of Truth with lies, the Ministry of Love with torture and the Ministry of Plenty with starvation. These contradictions are not accidental, nor do they result from ordinary hypocrisy: they are deliberate exercises in doublethink. (https://en.wikipedia.org/wiki/Ministries_of_Nineteen_Eighty-Four)

Mit diesem Doublethink kann der autoritäre Charakter jede geradlinige Ableitung guter Praxis aus guten Normen untergraben, instabil machen und im Endeffekt aushöhlen.

Auf dem Weg dahin sind wir schon lang, von „Entsorgung“ bis hin zum Verfassungsschutz unter HG Maassen. Aber andere sind da viel weiter. Faschisten wie Viktor Orban wehren sich entrüstet und kanzeln die Fake-News (=also die Wahrheit) über sie ab: wer kritisiert, lügt. Ministry of Truth.

Im Gegensatz zur Normen und Gesetzen gibt es bei Tabus keine klar umrissenen Kontexte, sie haben sich in der Lebenswelt festgesetzt, nach der Devise: Das tut man nicht, darüber redet man nicht, das darf man nicht denken. In dieser Konstellation ist es wichtig, dass das MAN anstelle der konkreten Personen tritt und alle diese Personen unter seine Hoheit stellt. Wer das stört oder zerstört, lanciert einen Angriff auf die Freiheit, d.h. die Freiheit der Macht oder die Freiheit der Ohnmächtigen, die nach ihr, der Macht, gieren. Wenn ein Tabubruch den zugehörigen Kontext auslöscht, zerstört, kann man ihn schlecht festnageln und dagegen angehen.

So einfach ist das.

*

Nachsatz: Wenn diese Zerstörung auch im Namen der Freiheit geschieht, so weist der fehlende Kontext auf die Provokation und Unwahrheit hin. Du sollst dem Teufel nicht glauben, auch wenn er die Wahrheit spricht (Garcia Marquez).

Immer dazu sagen, Freiheit wovon, Freiheit für wen, und wie.

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