Pullover & Angst

Jene Galaxie ist von der Erde etwa soweit fort wie die Empfindungen der Nächstenliebe von Wladimir Putin. Dieser wiederum ist Verursacher einer weiteren Sorge in diesem Land, nämlich im Winter aufgrund der Heizkosten daheim einen Pullover tragen zu müssen. Auf der Suche nach Energiequellen sind manche auf die noch herumstehenden und nicht abgeschalteten Atomkraftwerke gekommen“ (SZ, 3.9.2022).

Besser hätte ich Gemütslage des Groszen Deutschen Volkes nicht beschreiben können. Dass dieser Befund zu einer Verspottung der Grünen missbraucht wird, ist nicht weiter schlimm: so sind sie halt, die Liberalen. Aber die vom Pöbel geschürte Hysterie macht nicht nur denkschwach, sondern erst recht handlungs- und empathieunfähig.

Angst macht gefügig, weil man sich von der starken Stimme Hilfe und Rettung erwartet. Die Medien schüren die Angst, vor allem wenn sie fake news verbreiten; das schafft auch Abhängigkeiten von Verängstigten und Gefügigkeit bei ich-schwachen PolitikerInnen.

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Das Gegenteil von Angst ist nicht unbedingt Mut, schon gar nicht Übermut. Es ist die besonnene Abwägung der Wirklichkeiten, auch wenn man nicht alle Wahrheiten zur Hand hat. Man kann nicht alle Zusammenhänge wissen, verstehen und auf sein eigenes Leben hin konzipieren. Aber man kann Sektoren dieser Wirklichkeit sehr wohl verstehen und aneignen. Es kommt schon darauf an, die jetzige Situation verstehen zu wollen. Schließlich haben viele daran mitgewirkt, nicht nur bei Wahlen. Das geht nicht abstrakt. Wenn eine Ukrainerin sagt, ihr betrauert euren Wohlstand und wir unsere Toten, dann stimmt das SO nicht, aber es geht in die richtige Richtung. Außerdem sollte man wissen, worüber man sich aufregt.

Herfried Münckler hat heute im DLF eine beneidenswert klare Politikanalyse geliefert, die sowohl Widerstand als auch Abbau von Illusionen gut begründet. (DLF 4.9., 17.00-17.30). Darüber nachdenken und sich dann zum Handeln zu entschließen und sich etwas von Glaubensartikeln der eigenen Gesellschaft und Geschichte etwas zu distanzieren, je mehr Russland und China das Gegenteil aktiv betreiben. Plötzlich wird Oswald Spengler wieder aktuell, das hätte meine Generation nicht im Entferntesten angedacht. Und: man müsse den Preis für die gewalttätige Politik Russlands und Chinas höher und immer höher schrauben. Hört das an, bedenkt es.

Und: Annalena Baerbock hat Recht.

PAUSE.

In den Zwischenräumen kann man statt sich an die Stelle der haftenden Politik zu setzen, auch sich kräftigend reproduzieren: denken, essen, lieben und lesen und…nebbich? Gar nicht. Um sich zu ertüchtigen, bevor man die großen Singulare Mut und Widerstand schmiedet, muss man lebendig bleiben und nicht vor Angst zur Salz-Eule zu erstarren.

Es gibt den Krieg ja. Und der besteht nicht nur aus Kampf, Toten allenthalben und Verwüstung. Die Logistik, die Etappe, das Hinterland, die Schutzzonen….da sind wir, und nicht in den Kommentarkammern.

Das ist keine Lebensphilosophie und kein Rückzug ins Private, sondern Teil der Aufbauleistung. In diesem Krieg wird mehr von uns verlangt werden als höhere Steuern, mehr soziales Engagement, mehr Aufklärung und weniger wehleidiges Tragen der Pullover vom vorigen Jahr.

Zeit des Pöbels…

Als hätten sie drauf gewartet, die plebejischen, klassenübergreifenden Zukunftsfeinde. Jaha, jetzt hetzen wir Habeck und Baerbock. Stefan Aust von der Welt, immer gut für Absenken des Medienniveaus … gibts den überhaupt noch?“ und bei Baerbock will der Pöbel natürlich glauben, was die Putin-Fake-Produktion da verbreitet. Nicht nur den schlichten Oberschlicht-Liberalen Lindner wirds freuen, auch die ganzen Zögerer der alten Großparteien. Wie schön war doch die große Koalition, man hatte weder das Parlament noch die Kritik zu fürchten und hat sich russisch geölt und amerikanisch angebiedert. Das ist der Stoff für Politsatire, gewürzt durch das neue Bündnis von Linkspartei und AfD.

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Deutschland, erwackle.

Gegenthese: Habeck hat handwerkliche Fehler gemacht und sich unklug verteidigt. auch wenn das seine Ministerialfachleute waren, und auch wenn es keine optimale Lösung gibt, er hat sie schlecht vermittelt. Baerbock muss damit rechnen, dass ausländische Geheimdienste, die inländische Hetzpresse und natürlich die politischen Gegner ihre Worte nicht auf die Goldwaage, sondern auf den Augenschein legen. Und Lindner tut nichts anderes als seine Partei und alle Marktliberalen, nämlich die Reichen schützen und Freiheit für die Ärmeren zu deren Lasten und Verantwortung predigen. Hat man gewusst, als man diesen Inselfürsten in die Koalition nahm.

Deutschland, wackle.

Mir ist egal, welche Lesart jetzt „stimmt“. Meine Überschrift zum Pöbel bleibt. Denn beide Varianten sind unwürdig Anlass für hysterische Erregungsdebatten zu sein.

Wenn erst Angst geschürt wird und dann Staatsvermögen zur Besänftigung ausgehandelt wird, ist das fragwürdig. Dass Russlands Angriffskrieg auch unsere Ökonomie schwächen wird, hat man vom ersten Augenblick an gewusst, zumal im Energiesektor wir an Russlands Politik mit schuldig sind UND dazu im Inland viel versäumt haben (Seitenhieb: vor allem im dumpfdeutschen Baiern).

Solidarität besteht nicht einfach darin, Flüchtlinge aufzunehmen und die richtigen Waffen im Kampf gegen Russland zu liefern. Sie muss auch darin bestehen, die eigenen Lebensformen, den Wohlstand, vielleicht unsere Errungenschaften zu prüfen, – nicht wieweit sie verdient sind, das nehmen wir einmal an, nein, wieweit sie eingesetzt werden können, um im Verteidigungskampf – nicht nur der Ukraine, da gibts noch mehr bedrohte Gesellschaften – einen Beitrag zu leisten, den wir auch spüren. Wir müssen nicht „leiden“, aber Empathie und Mit-Leiden haben auch ihren Preis. Solange man es sich leisten kann, unverändert weiterzuleben, obwohl man hilft, solange hilft man zu wenig.

Das heißt natürlich, dass die Reichen und Wohlhabenden mehr Steuern zahlen müssen und dass die Armen entlastet werden müssen. Ein Lufthansapilot verdient 280.000 € und verlangt 16% mehr im Tarifvertrag für die nächsten Jahre: diesen Kampf müssen wir genauso aufnehmen wie den Schutz derer, die wir nicht durch Steuerentlastungen und Almosen absichern können. Krieg und Sozialpolitik sind enger verknüpft, als man gemeinhin von oben deklariert.

Und das bedeutet, dass man sich den vielfachen Diskursen des Pöbels entgegenstellen muss, anstatt allen ihre Freizügigkeit am Heruntermachen zu gönnen.

Zu den Anlässen: Welche der obigen Varianten richtig ist, steht auf einem Blatt. Welche schwer zu heilenden Angriffe auf Menschen hier aus den ideologischen Schreibstuben des Pöbels getätigt werden, steht auf einem andern.

Bitte umblättern.

Rechtsstaat, nicht Rechts-Staat

100 Milliarden für die Bundeswehr, damit wir ein Land verteidigen können, das ohnedies die 1,5° nicht einhalten kann und wie alle anderen zugrunde geht.

Unfähig Patientendaten zu digitalisieren, aus Datenschutzgründen.

Unfähig, Windräder zu installieren, angeblich aus Gründen der Rechtssicherheit und der Genehmigungsprozeduren.

Unfähig, innerhalb von Tagen eine Nachfolge für das 9 Euro-Ticket zu kreieren, angeblich aus … einem Knäuel von föderalen Gründen und wirtschaftlichen Erwägungen einzelner Akteure.

Nun kann man sagen, dass es in der Zeitenwende vor dem Untergang egal ist, mit welchen dummen Gründen NICHT gehandelt wird. Rechtstaat und Datenschutz sind, wie bei den beiden Beispielen zu Beginn, vorgeschoben. Das Recht verlangt lebende und überlebende Menschen, und nicht die Einhaltung von Bestimmungen untergeordneter rechtlicher und funktionaler Bedeutung. Natürlich muss das „JEMAND“ entscheiden. Zum Beispiel der so genannte Bundeskanzler Scholz mit seiner Richtlinienkompetenz.

Datenschutz, Verfahrenssicherheit, Transparenz…alles gute und richtige Elemente von Demokratie, aber ihre Verknüpfung muss an mehr gebunden sein als an die demokratischen oder auch sachzwingenden Verfahren, die es eben so gibt, weil es sie eben so gegeben hat, als vielleicht die Situation eine andere war.

Eine These: die Wahrheiten, die sich in den genannten Sektoren bis zur Erschöpfung analysieren, ausbreiten und kritisieren lassen, haben viel Studienmaterial produziert, sie haben nur leider mit der Wirklichkeit dann wenig zu tun, wenn man kausal die Herkunft ihrer Wirkungslosigkeit untersucht. (Mein Beispiel: seit 20 Jahren (!) hinkt Bayern mit der Bahnstrecke Rosenheim-Kufstein hinter her…die Enzyklopädie der Einsprüche und Hinhaltepolitiken zerstört alle Hoffnungen, die Alpen vom LKW Verkehr zu entlasten).

Ist es tatsächlich ein Makel an Demokratie, wenn man z.B. die Einsprüche gegen Windräder begrenzt oder das Bahnticket bundesweit verordnet. JA und NEIN. Ja, wenn die Maßnahme aus einem Machtanspruch heraus verordnet wird, nein, wenn sie dem übergeordneten Anspruch der Menschen dient und diese Überordnung vermittelt wird. Das ist m.E. einer größten Fehler des jetzigen Machtgefüges, dass die Vermittlung oft nicht einmal versucht wird. Der bloße Hinweis, dass so etwas rechtlich festgelegt sei, ist schon in der Syntax falsch.

Es gibt nicht wenige (hauptsächlich aus den ökologisch orientierten Wissenschaften und aus der Sicherheitspolitik), die vermuten, dass das Überleben – siehe oben – also 1,5° und Wasser und Nahrung und…etc. – nur mit eindeutig erlassenen Vorschriften und begrenzten Handlungskorridoren individueller Entscheidungen möglich sei, – wichtig: wenn überhaupt. Da also das Überleben auch bei richtigen, machtvoll erlassenen Handlungsverordnungen nicht zwingend, sondern nur wahrscheinlich gesichert werden könnte, wendet sich die neoliberale Freiheitsvariante erfolgreich und vehement dagegen, nach dem Muster: der/die Einzelne weiß unter diesen Umständen am besten, was richtig ist.

Und die daraus erfolgenden Handlungsoptionen, ggf. Anweisungen haben nichts mit dem Wettkampf der wissenschaftlichen Analysen zu tun, sondern mit der Frage, ob der Stand unserer gesellschaftlichen Evolution mit den Grundlagen unseres Zusammenlebens – zu diesen zählt die Überlebenswahrscheinlichkeit unserer nachfolgenden, wenigen Generationen – vereinbar ist. Ob also die Vorstellungen von solidarischer, republikanischer Demokratie mit Bedürfnissen und Ordnungsformen zusammengehen. Eine Frage, die beantwortet werden kann, ethisch, moralisch, alltagspraktisch, aber nicht aus den Analysen der bestehenden Systeme herausgelesen werden kann, weil es ja nicht um die schlechte Unendlichkeit der Fortschreibung des Vergangenen geht (wenn bei den Raketen von Elon Musk sich Menschen – reiche Menschen – auf andere Planeten „retten“ können, wenn das möglich wäre, dann wahrscheinlich zu spät).

Anders gesagt, einfacher und teilweise gegen die minutiös darstellende Zunft: wir WISSEN sehr viel genauer, was jetzt zu tun ist, als es uns die BISHERIGEN Regeln der Demokratie umzusetzen erlauben. Stattdessen wird jedem Gefühl, jeder Angst, jedem vereinzelten Einspruch nachgegangen, um dieses Handeln angeblich widerspruchsfrei und mehrheitsfähig auszudiskutieren, bevor es stattfindet.

Nehmen wir nur die Windräder und die Solardächer, nehmen wir nur die digitale Krankenakte. Wenn man sich die Argumente gegen ihre SOFORTIGE Umsetzung ansieht, dann wird man mit der rechtsstaatlichen Blockade der Verfahren konfrontiert, die im Geschichtssinn „rechts“ ist, dem Bestehenden Vorrang vor dem Möglichen zu geben.

Wenn die Anordnung von Windrädern im Wald schon „Diktatur“ ist, was ist dann der Krieg, in dem wir uns befinden, was ist dann das Asylrecht, das überall brüchig ist, was ist dann das Verhungern ganzer Völker, die wir unterstützen, indem wir ihre Feinde noch mehr isolieren als sie selbst? Die Wirklichkeit braucht auch neue Wahrheiten.

Nicht wissenschaftlich, aber doch: https://mail.yahoo.com/b/folders/1/messages/APpx-vUNrlXwYxGQ8QcYaB8zoKc?.src=ym&folderType=INBOX&offset=0&unblockNow=false (SZ von heute morgen).

Sterbenswörtchen

Todesnachrichten sind ein Ritual der Lebenden.

Gorbatschow ist gestorben und wird in den deutschen Medien meist gebührend und wohlgesetzt gewürdigt. Selten überbrückt gesellschaftliche Dankbarkeit politische Gräben so schnell und schnörkellos, das spricht für den gelungen Teil deutscher Selbstvergewisserung nach der Vereinigung, die ja maßgeblich durch Gorbatschwo bewirkt wurde.

Nachrufe also und Hinhacken auf die unwürdige Reaktion der abfallenden Sowjetunion und des „neuen“ Russland. auf diesen Menschen. Ich empfand ihn so angenehm, weil er nicht makellos und natürlich kein individueller Erlöser war. Einmal saß ich ihm bei einem Mittagessen gegenüber, ich war wegen der Beziehung unserer Universität zur Uni in Novosibirsk/Akademgorodok eingeladen. Das Gespräch dreht sich nicht um Politik oder Wissenschaft, sondern war eine von Bundespräsident Herzog gestaltete Feier. Ich empfand es als angenehm dass man/ich nichts sagen musste, Gorbi hat als Tischrede seine Politik erläutert und Fragen zu den Gästen gestellt, das wars. Da waren schon alle seine Erfolge und die gespaltene Baltikumpolitik und die fragile Zukunft sichtbar, und es war wie ein Einbruch von Realität ins Wunschdenken.

Was wir ihm zu verdanken haben, kann man nicht verkleinern, es wird nicht verblassen. Seltsam, dass Dank keine politische Kategorie (mehr) ist.

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Am Montag war auch Hans Christian Ströbele gestorben. Mit dem allerdings hatte ich mich gestritten über die RAF, dann viele Jahre ihn nur über die Medien verfolgt. Bis zu dem Tag, da er den Max Dortu Preis erhalten hatte. https://www.max-dortu-preis.de/rede_stroebele.pdf . am 22.10.2017 hat Ströbele über Max Dortu geredet, aber vor allem über die Beteiligung Deutschlands am Krieg in Afghanistan, am Krieg in Syrien und über seine Dankbarkeit gegenüber Edward Snowden, die er auch der Kanzlerin anempfahl. Ströbele war ein Parteifreund, aber kein Freund. Er war in vieler Hinsicht jedoch angenehm in der geradlinigen Argumentation, mit der er seine Meinung auf die politische Ebene verschob. Seine Preisrede beschloss er mit den Worten: „

Und ich bin ja kein Revolutionär, der zur
Waffe greift, sondern ich bin ein Mann, der mit Worten versucht hat, etwas zu
verändern und zu erreichen. Und das ist noch nicht erledigt.“

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Morgen ist der 1. September

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Hitler. Stalin. Putin

Es gibt – nicht nur deutsche – Geisteswissenschaftler, Historiker, Gescheite eben, die uns klarmachen, warum man Putin NICHT mit Hitler vergleichen soll. Warum Hitler und Stalin auch ganz unterschiedliche Systeme regiert haben. In Deutschland, dem Kombinat zweier untergegangener deutscher Staaten, hat dieser Diskurs einen besonderen Beigeschmack, kein G’schmäckle.

Im letzten Monat hat man die Bestie des Antisemitismus anhand der Documenta durchs Dörfchen getrieben, jetzt geht es um Karl May Winnetou, und wenn schon der deutsche Wald stirbt, dann waschen wir unsere Autos wenigstens, um nicht aufsehen zu erregen.

Das hat natürlich seine Gründe. Wir, dieses „Wir“ der gebesserten, der geläuterten Deutschen, lassen die Verbindungen zum Nationalsozialismus bestenfalls in der Wissenschaft, vielleicht noch in marginaler Kunst und Literatur, aber doch nicht im Alltag erlebbar, wirklich weiterleben, zumal wenn wir das im Westen doch bis zum Überdruss praktiziert haben; der Nachholbedarf der ehemaligen Ostdeutschen wird eher in Richtung auf Stalin geschoben, und zwischen dem und Hitler gabs doch wirklich keine Parallelen.

Ich denke, der Vergleich MUSS sein, auch und besonders um die Differenzen deutlich zu machen, aber auch die Parallelen. Und in diesem Vergleich darf, kann, soll man nicht Putin zugestehen, mit 500 Jahren, jedenfalls mit 200 Jahren Geschichtsfälschung zu operieren, wenn wir hier bei uns bestenfalls das Verhältnis zu Russland mit Bismarck beginnen lassen, oder mit dem Ersten Weltkrieg und schon gar mit dem Zweiten, und am besten mit 1989, wo sich der Osten befreit hat, damit ihn der Westen retten konnte.

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Ihr merkt, ich bin ungehalten. Putin verkauft seinen loyalen Russen den Angriff auf die Ukraine als einen a) gegen die Nazis, die nach seiner Auffassung sich besonders gelungen der Juden bedienen, b) gegen die Ungläubigen, dabei hilft ihm der Uhrendieb Kyrill, damit endlich wieder Gott ins Spiel kommt, c) gegen ein Land, das kein Staat ist, weshalb das Abschlachten auch kein Krieg ist, d) gegen den Westen, den es so wenig gibt wie umgekehrt den Osten, und e) gegen die Minderheit im eigenen Volk, die ihm in diesem National Bolschewismus so wenig folgt, wie damals eine Minderheit an Deutschen dem National Sozialismus gefolgt sind.

Zu a) muss man die Geschichte des russischen Antisemitismus, verstärkt durch b) die Rolle der orthodoxen Kirche, nicht nur in Russland, studieren, c) ist eine von vielen Geschichtsfälschungen, mit denen Diktaturen ihr Volk mürbe machen, mit mehr oder weniger Erfolg, auch die kleinen Tyranneien spielen da mit, wir haben solche in der EU und als Verbündete, d) wird gerne von den Liberalen bei uns bemüht, denn da ist ein Kalter Krieg auf dem Vormarsch, da kennen wir uns aus. Erinnert ihr euch, ich habe vor ein paar Monaten gesagt, entweder sind wir auch im Krieg und Teil desselben, dann gelten andere Regeln als wenn wir im Frieden uns als Vermittler zwischen am Aggressor und dem Opfer anböten; ich denke, wir SIND im Krieg; und e) ist eine Fortsetzung der hunderte Jahre langen Diktatur, von Gorbatschow zu kurz unterbrochen, und da unterscheiden wir uns heute in der Tat von den Diktaturen ausgeprägter Art.

Dass Putin mit dem Nazivergleich und dem Nazivorwurf sich rechtfertigt, verschafft ihm einen diskursiven Vorteil, weil wir – der demokratische Westen – ja das Unikat des Nationalsozialismus, noch mehr als jeden Faschismus‘, beanspruchen, daher Putin sozusagen eine strukturelle Differenz zu seinen Gunsten hat. Dass das Blödsinn ist, wissen wir, aber Deutschland ist in dieser Frage zu Recht oder zu Unrecht leise, zu leise. Denn wir haben uns am Faschismusbegriff und vor allem dem Faschismuskonstrukt der DDR sehr lange abgearbeitet, auch um unseren demokratischen Exzeptionalismus (jetzt sind wir WIRKLICH geläutert und gebessert) unter Beweis zu stellen (was überhaupt nicht nötig wäre, denn die Praxis bewiese es besser als jeder Diskurs).

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Ich habe schon mehrfach auf die Drei-Mächte-Konstruktion in Orwells 1984 hingewiesen. Ja, ja, ich weiß, die USA sind anders als Russland und China und die beiden sind auch nur teilweise analog. Aber, siehe oben, man MUSS vergleichen. Und sehen, worin sie sich ähneln und worin nicht. Man kann auch zur eigenen Unterstützung Hannah Arendt lesen, und wirklich genügend Vergleichsmaterial aktuell heranziehen.

Aber das bedeutet auch, die Toleranz der Friedenszeit nicht zum laissez-faire in Kriegszeiten herunterzuwirtschaften. Die Morde der Russen bei uns und in anderen Ländern, die Massaker jenseits der „Militäroperation“, das Verschleppen von Menschen in unmenschliche Verhältnisse, massenhaft, alles das lässt sich schon seit langem, jedenfalls seit Stalin und Hitler mitsamt ihren Satelliten, detailliert verfolgen und beschreiben (für irgendetwas muss auch die digitale Wahrnehmungspolitik tauglich sein).

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Nun werden einige einwenden, sie würden ja in der Schuldfrage ohnedies die gegenwärtige Hauptschuld Putin geben, nur die Anlässe seines Schuldigwerdens hätten wir, der Westen mitverursacht. Das war auch jahrelang ein gutes Entschuldigungsargument zur Begründung, warum die Nazis so erfolgreich waren. Aber wenn sie das konzedieren, dann könne man doch verhandeln. Als Kriegspartei können wir eigentlich nicht wirklich verhandeln, bzw. als was sollten wir verhandeln? Unsere politischen Oberschichten sind TEILWEISE, nicht alle, diejenigen, die die Feuersteine für die Brandstiftung durchaus mitgeliefert haben, übrigens natürlich unter Zustimmung des so genannten Volkes, das jetzt die kalte Jahreszeit mehr fürchtet als den Bombenhagel (die haben noch immer eine etwas veraltete Kriegsberichterstattung im Sinn, die ja nicht weit weg ist von dem, was die Russen in der Ukraine anrichten). Darum wird der Zustand nicht wirklich zu Ende ausgeleuchtet, nur ein wenig…

Wieviel Land, Menschen, Schicksale sind diejenigen bereit, Putin zu opfern, bei ihrer Münchner Konferenz, nur damit die Russen befristet Ruhe geben?

Ich weiß schon dieser Vergleich macht manche wütend, andere sprachlos. Egal.

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Egal vor allem, weil wir uns aus unserer ÖlGas-importrolle nicht als ernstgenommene Friedensstifter entpuppen können, ohne auch die jüngere Geschichte der Bundesrepublik nach 1989 kritisch zu beleuchten, etwa die Benachteiligung der baltischen Staaten und der Ukraine bei den Verbindungen mit Russland.

Was tun? Mich fragt niemand und darum sage ich dazu nichts. Aber ich kann etwas zu Kultur und Ethik sagen. Es muss im Krieg nicht immer und überall scharf geschossen werden, um die Wahrheit sichtbar zu machen. Und das kann jeder von uns, denke ich, im Alltag auch ohne darüber mit anderen als den Betroffenen zu reden.

Nachsatz: ich denke, man macht sich schuldig, wenn man Putin nicht mit Hitler vergleicht.

Post. Postismus. Postillion

Alles, was mit Post beginnt, ist zweifelhaft, von der deutschen Post über die Postmoderne und den Postillion bis zum POSTHUMANISMUS. Das ist eine intellektuelle und wissenschaftliche Be4wergung, die sich schon lange gegen die aufgeklärte Vorstellung von den Menschen als den Anführern der Geschichte für ihre Zukunft wendet und jetzt, angesichts des realen Endes unseres Lebens auf dieser Erde, philosophischen Auftrieb erhält. Es geht um einen Abstieg aus der Superiorität über alles und jedes, also der gesamten Natur, und den Versuch, sich mit allem in dieser Natur gleichzustellen. Für mich ist das nicht wirklich neues, das Peter Neumann in der ZEIT 18.8.2022, S. 45 da zusammenfasst, „Wenn wir erst weiche Wesen wären“, Pilze, Flechten, …, etwas schlecht verdeckte Ironie in einem instruktiven Artikel. Wogegen sich die PhilosophInnen des Posthumanismus wenden, weist Neumann zurück. „Der Mensch gehört zur Natur, aber er ist jederzeit mehr als nur Natur“. Nebbich. Aber wie sich das beweisen lässt angesichts unserer dominierenden Position, die nicht nur zu unserer, sondern vielleicht zur dauerhaften Verwundung der Erde führen kann?

Naja, ich bin kein Philosoph, und musste bei Harari auch lachen, der ein Szenario entworfen hatte, bei dem die IT die menschliche Intelligenz überholte. Und natürlich können die Theoretiker des Posthumanismus ja nur aus der Intelligenz der jetzt lebenden Menschen eine Vorstellung darüber entwickeln, wie wir ein „Zurück zur Natur“ bewerkstelligen, ohne die Einsichten in die Natur, der wir auch angehören, zu verlieren, also ohne Menschen zu sein.

Was mich aber schon lange fasziniert, habe ich in meinen Blogs schon öfter erwähnt: wenn wir am Ende der Evolution passiv der Erderwärmung und ihren Folgen, also der Unbewohnbarkeit der Erde – der Welt? – unterliegen, dann verfassen wir Szenarien, in denen wir beschreiben, was niemand mehr lesen, erleben und bedenken wird können, weil es die Menschen nicht mehr gibt, auch nicht den philosophischen Singular „Der Mensch“. Die Menschen = Uns. Das habe ich im letzten Blog zur Harpman, Haushofer, Streeruwitz ja ausgeführt. Ich füge dem hinzu, dass das kein Gedankenspiel ist, sondern schon melancholisch macht, für keine künftige Leserschaft oder Audienz zu arbeiten, und also nicht vergessen zu werden, sondern einfach im NICHT zu verschwinden, und dann ist es egal, ob einzelne Moleküle von uns oder vom Schimmelpilz in die Ewigkeit hineindauern, sie merken keinen Unterschied.

Ganz aktuell bedrückt mich, wie jetzt, schon ist fast alles zu spät, eine neue Form von Tierliebe, Naturnähe, Erdbezug unsere philosophische und religiöse Exzeptionalität – also die Ausnahmeposition – vor allem und allen anderen aushöhlt: wenn wir menschlich werden, obwohl es bald keine Menschen mehr gibt, ist es spannend, welche Spezies sich ohne uns weiter entfalten wird. Die Hoffnung wird nie eingelöst, aber sie beruhigt zum Abschied.

Frauen an Ende der Welt

Viele wenden sich ab vom Weltkrieg, unter anderem, weil sie noch nicht direkt betroffen sind, außer vielleicht durch die Gaskrise. Viele wenden sich ab von der verheerenden Trockenheit, da der Sommer für ihre Freizeit erträglicher scheint, und die Natur sich schon erholen wird. Viele überfordern sich im hektischen Bemühen, sich nicht überfordern lassen zu wollen. Die nerven besonders, verhelfen den Medien und Hobbyberatern aber zu Extraprofiten.

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Nehmen wir an, eine überirdische Droge, irgendetwas von Oben, lässt den Menschen einen Moment lang den klaren Blick auf das Ende der Menschen in absehbarer Zeit zu. Was tun, fragen sie dann, was tun in den Monaten und Jahren, die wir noch haben? Und mancher sinken in die österreichische Lethargie des „Da kannst eh nix machen“, auch wenn schon „etwas geschehen muss“, aber das Etwas ist nebulös.

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Wie es kommen kann, wird immer wieder beschrieben, und nicht zufällig von Frauen. Das Ende der Welt ist auch das Ende der Männerherrschaft, gemessen am Weltuntergang geradezu nebenbei.

Vor kurzem habe ich schon einmal Jacqueline Harpmans Buch erwähnt, wo die letzten 30 Frauen auf dieser Erde einige Jahre und Jahrzehnte nach ihrer Befreiung aus einem Gefängnis ihre Befreiung in Freiheit umwandeln, und die letzte Überlebende aufzeichnet, was bis zu ihrem Tod geschehen ist und wie selbst ihr Sterben bestimmt, wo nach ihr kein Leben mehr denkbar ist (Harpman 1998). Und, nicht zufällig, lese ich das großartige Buch von Marlen Haushofer „Die Wand“ wieder, 50 Jahre vorher geschrieben, hier schreibt nur eine Frau im lebendigen Gefängnis das nieder, was sie in den Tagen diesseits der unsichtbaren, undurchdringlichen Wand gelebt und erlebt hat, während jenseits, „Draußen“ alles erstarrt und unbewegt verharrt (Haushofer 2004). Die Motive sind parallel, natürlich ist 1963 vieles im Detail anders als 1996, aber eines ist gleich: hier schreibt eine Frau, wovon sie ziemlich sicher ist, dass nach ihr niemand diese Aufzeichnungen wird lesen, aber die Übertragung in den Text der Autorin bewirkt, dass die noch Lebenden ziemlich genau wissen, was auch noch kommen kann und wird, zu unseren (?) Lebzeiten. Es geht um ein ewiges Jetzt, nicht um eine gestaltbare Zukunft.

Haushofer, 1970 gestorben, war schon zu ihren Lebzeiten bekannt, aber im Schatten. Jetzt wird ihr wichtigstes Buch wiederentdeckt, aufmerksam verbreitet, natürlich durch die Frauenpolitik, aber nicht nur durch diese, genau wie bei Harpman. Wir können beide Bücher mehrschichtig lesen, existenzialistisch, psychoanalytisch, anthropologisch, aber immer unter dem Aspekt, dass die „letzte“ Frau auch eine, ihre Lebenswelt entwirft, in der die Männer keine andere als die erinnerte Rolle spielen können. Wenn, dann ist es eine anthropologische, weltzeitliche Schuldzuweisung an das männliche Geschlecht, – so nie explizit – es geht nicht um die konkreten Umstände der Gefangenschaft und Befreiung für eine Gruppe und um das zwangsweise neue Leben in der nicht idyllischen alpinen Welt für die andere Frau (ich habe den Begriff der eingesperrten, endgültigen Freiheit für sie erfunden, sie würde außerhalb der Wand die nicht mehr lebendig finden, die ihr die Befreiung verwehrt hatten).

(Es geschieht einiges mehr in diesen beiden Texten, aber das wichtigste ist mir doch: wenn der Lebenszyklus endet, bleiben die Frauen übrig, so wie sie zu Anbeginn alles hätten zum besseren wenden können. Was nicht geschehen ist, hat wohl damit auch zu tun, dass sich die Männer auf die Wahrheit gesetzt haben und die Frauen in der Wirklichkeit bleiben mussten).

Haushofer und Harpman seien in diesem Kontext ebenso empfohlen wie Ingeborg Bachmanns Gedicht „Alle Tage“ und ganz neu Marlene Streeruwitz‘ „Geschlecht. Zahl. Fall“ (Streeruwitz 2021).

Keiner dieser Texte ist deprimierend oder verbreitet Endzeitstimmung. Man liest was es braucht, um frei zu sein, frei zu leben, und dass das nicht unbedingt auch heißt glücklich zu sein.

Harpman, J. (1998). Die Frau, die die Männer nicht kannte. Hamburg, Hoffmann und Campe.

Haushofer, M. (2004). Die Wand. Hamburg, Claassen.

Streeruwitz, M. (2021). Geschlecht. Zahl.Fall. Frankfurt, Fischer.

Russen auf Semmel/Brötchen

wer in Wien aufwächst, weiß was Russen sind. In Deutschland sagt man Bismarckheringe zu diesen eingelegten Fischen, die natürlich importiert werden, meist aus Deutschland. Die politische Korrektheit verbietet die Verwendung des Wortes in irgendeinem politischen und kulturellen Zusammenhang, kulinarisch sind nur geringe Konflikte aufgetreten – bis vor kurzem. Jetzt sind Russen aggressive Kriegspartei gegen die Ukrainer, nach denen kein Fisch im Volksmund benannt ist. Und schon der Vergleich eines stolzen imperioalistischen Volkes mit einem Hering führt zu möglicher Anklage mit Gulag-Androhung. Es gibt ja bekanntlich auch keinen Krieg, hat der Führer im Kreml dekretiert, also darfst du auch nicht Krieg sagen. Als mir vor ein paar Tagen an einem Imbiss eine Russensemmel angeboten wurde, wollte ich schon die Korrektur anmahnen, dann war mir aber klar, dass ers vielleicht eine Provokation eines gute getarnten Spion gewesen sein könnte, und außerdem wissen meine deutschen Freunde ohnedies nicht, was eine wirkliche Semmel, gar eine Kaisersemmel ist, sowenig die Wiener etwas mit den verschiedenen Brötchensorten anfangen können. Und kaisersemmel würde ja zu Bismarck besser passen als zum Russen, ob mit oder ohne Zwiebel und Wacholder und Senfkörnern. Also kauf ich mir keinen Fisch, sondern ein veganes Würstchen, das dem Urfleisch so nahe steht wie der Leberkäs der Leber und dem Käse, jedenfalls aber Semmel-geeignet. Die Entpolitisierung des Begriffs hat den Konflikt um politisch korrekte Sprache überhaupt erst in mir aufgewühlt. Denn da 25% der empathielosen Österreich gegen die Sanktionen sind (Zeitungen 20.8.), möchte ich vermittelnd vorschlagen, die Sanktionen zu beenden, dafür dürfen wir wieder Russen sagen ohne gleich blau anzulaufen. Das wäre Realpolitik und ein Beitrag zu allgemeiner Entspannung. Und ich bin ohnehin in einem Monat ohne r, also kann man Fische nicht braten oder einlegen, gäbe es überhaupt noch Russen aus der Ostsee.

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Eigentlich gut, wie sprachsensibel die Menschen geworden sind vom Tollen Hecht wird so wenig gesprochen wie vom Backfisch, nach dem Mann der Fotrelle fragt niemand, und die Fischgrete kommt nach der neuen Rechtschreibung nur im Faust vor.

Als Ergebnis meiner insgesamt gelungenen Umerziehung zum Gebrauch grammatischer Fallstricke fühle ich mich befreiter denn je. Wer wollte schon Heringe mit einem Diktator vergleichen, ich meine Bismarck.

-reich: die Nachsilbe der Zeit

Österreich war immer regenreich (Salzburg), ärztereich (Stadt), und Österarm war immer bedürftig, wenn es um Ärztemangel, Lehrlingsmangel, Anstandsarmut und soziale Deklassierung geht. Sprachspielreich gehört zum Reichtum, Empathiearmut zur unendlichen Kritik, die das Land vor den Unterwerfungsriten des deutschen Nachbarn und den Aufgeblasenheiten der östlichen Diktaturen absetzt. Es gibt nichts, worüber man sich nicht aufregen kann, um dann, zurücksinkend ins Ruhekissen, festzustellen, dass man eh nichts machen kann.

Die Tradition von sexuellem Missbrauch, Folter und dummen Jenseitsversprechen hat die katholische Kirche nie daran gehindert, schöne Kirchen zu bauen; und die Verschlamptheit von Politik und Wirtschaft hat Österreich nicht daran gehindert, mehrheitlich wohlhabend, kulturell dynamisch und kontrovers, also gut, und einigermaßen umweltbewusst so reich zu werden, dass Österarm aus dem Blick geraten ist. Da sitze ich Wien an einem sehr heissen Morgen, verärgert über alle möglichen Widrigkeiten meiner Projektarbeit, und genieße doch die herrliche Stadt, deren Misslichkeiten alle wahrnehmbar an der Oberfläche liegen und die keine Zeitwende braucht, um an ihre dunkle Unterseite zu gemahnen. Soweit das LOBLIED.

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Ich wartete ein paar Minuten auf meinen Arbeitskollegen und sitze im schattigen Resselpark, mich auf eine Besprechung vorbereitend: Viel Polzei um die Unterführung zu den U Bahnen, am drogt ja hier zentral. An meinen Parktisch setzt sich eine mittelschwangere junge Frau, und in Sekunden, weiß ich, was jetzt kommt. Höfliche Nebensitzanfrage, und ob ich mich Wien auskenne. Und dass sie ihre kranke Mutter besuche, mit Krebs im AKH liegt. und ob ich Arbeit für sie habe, Putzhilfe oder irgendetwas. Meine Vorahnung bestätigt sich. Die Bosnierin mit einem Touristenvisum muss sechs Wochen durchstehen, dann kann sie zurück, muss sie zurück in ihre Heimat auf einen gutbezahlten Job als Lehrerin. Nichts an der Geschichte in gutem Deutsch vorgetragen stimmt so richtig. Sie bekommt keine Hilfe bei der Caritas, weil sie kein Flüchtling ist. Auch beim Roten Kreuz. Ich frage wo sie wohnt. Bei ihrer Mutter. Was das Problem wirklich sei (Bingo, das hatte ich gewusst): ob ihr Geld für eine Mahlzeit geben könnte. Was möglich und wirklich wurde, und ich mache mich vom Acker, als sie Anstalten macht, sich an mich zu hängen.

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Im Kleinen, im Individuellen, habe ich mich wie die Politik der Lindners & etc. verhalten. Almosen nach Unten, solange es die eigene Situation nicht einschränkt oder beeinträchtigt. Mehr als Adressen von NGOs anbieten und ein wenig Geld…das Muster ist ewig, und anstatt mich zu vergewissern, dass das jedenfalls nicht falsch oder unwürdig war, blieb ein Gefühl strukturellen und politischen Unbehagens. Wie denn auch nicht. Ich glaube, die Fokussierung erfolgte über das Touristenvisum. Bei Flüchtlingen wäre der karitative Spielraum vielleicht größer gewesen, bei erkennbarer Notlage – keineswegs in diesem Fall – hätte ich vielleicht sie an jemanden Hilfsfähigen verweisen können. Unvermittelt habe ich eine Form von österarm getroffen.

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Es war nicht einmal ein Vorfall, ein Ereignis, kein Event. En passant ein Blick in die noch nicht vernarbte soziale Wahrnehmung. Eingangs habe ich einen Hinweis auf die Differenz zu Deutschland gegeben und frage jetzt: ist es nicht überall gleich? Nicht ganz, und diese Differenz ist oft ums Ganze. Das „Schicksal“ der jungen Frau war wie ein Vorzeichen eines im ganzen unerfreulichen Arbeitstages. Und der wiederum ging übergangslos in eine Musikveranstaltung im Wiener Rathaus, wo tausend Menschen sich einer Gedenkveranstaltung an Bronner & Kreisler (beide 100…) mit Liedern und Anekdoten präsentierten, das war öster-reichisch, und wenn man in der Millionenstadt doch eine Reihe von Menschen kennt und erkennt, dann kommt Öster-arm in den bejubelten Texten vor, nicht im eigenen Leben. so geht Kultur auch.

Vor uns dörren die Bäume, nach uns nichts

Schlechte Zeiten bringen selten gute Menschen hervor, gute auch nicht. Ob jemand schlecht oder gut ist, hängt nicht nur von den Zeiten ab; gewiss aber ist, dass die Umstände die Situationen und ihre Machthaber in die Extreme treiben. Weiß man das, braucht man sich darüber nicht aufzuregen, Aber natürlich über anderes umso mehr. Ohne Aufregung verkommen die Menschen wie die Bäume, wenn zuwenig Wasser sie am Leben hält. Nur aufgeregt, ersaufen wir, – das merkt man an den Medien. Und Mittelweg gibts auch nicht, der bringt nach Alexander Kluge den Tod. Also: nicht auf-, nicht ab-regen. Die Wirklichkeit erregt genug.

Ist euch aufgefallen, dass gerade die Ukraine und Russlands Vernichtungsfeldzug an den Rand gedrückt wird, dass das lange unterdrückte Afghanistan wieder auftaucht, weil die meisten Rettungsaktionen schon versäumt wurden und man darüber trefflich sich betrüben oder streiten kann; dass Covid immer mehr seinen Interpreten in die Schuhe geschoben wird, aber das große, mächtige Deutschland zu rückständig ist, um eine brauchbare Statistik nach drei Jahren zu liefern; und dass über Klima und Klimapolitik und Krisenbewältigung nicht wirklich gesprochen wird, sondern über AKWs, Kohle und 19° oder 20° Zimmertemeperatur queruliert wird.

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Gut, habt ihr also bemerkt. Ich rede zu mir selbst, ich habs auch gemerkt, und ich habe aufgehört, die Antworten niederzuschreiben, zu analysieren und zu kommentieren. Wie eine herrliche impressionistische Etüde flirren die Erklärungen herum, und nur auf eine sanfte weitere Frage: Und was jetzt, was ist zu tun? gibt es natürlich keine Antwort.

Natürlich? Aus der Beobachtenden-Rolle derer, die nicht am Krieg kämpfend teilnehmen, sondern legistisch, – und das sind WIR – kann man kommentieren oder eben nichts dazu sagen. Und die Kommentare entlasten, solange man nicht genau sagt, was jetzt GETAN werden soll. Der Optativ regiert die Medien.

Wenn man nicht handeln kann, also ohnmächtig ist, hilft die Poetisierung der Ohnmacht wenig. Sie aber geschieht dauernd, zum Beispiel dadurch, dass andauernd globale Bezüge hergestellt werden dafür, was unter welchen Umständen getan werden sollte, aber nicht kann, solange bestimmte intervenierende Variable nicht geändert werden. Das verschafft manchen Kommentierern sogar noch Aufmerksamkeit.

Vor meinem Fenster verdorren die Baumkronen. Ob die Bäume dieses Jahr überleben, weiß ich nicht. Aber was soll ich dazu sagen? Am besten nichts. Denn der Klimawandel beginnt nicht dort bekämpft zu werden, wo man seine Folgen und Entwicklungen sieht, sie sagen über die Ursachen des Saharastaubs bei uns und den Gletscherschwund wenig bis nichts aus. Und nimmt man Ursachen ernst, dann muss man in die Politik eingreifen, und dann sollte man die Hälfte der marktliberalen und der bürokratischen Menschen sofort absetzen, aber wiederum die Frage: Wie? Absetzen reicht nicht, wenn wir niemanden haben, der weiß und zugleich fähig ist zu handeln, das hat unser Kompetenzschwachsinn im Bildungssystem ebenso beschleunigt wie die Hoffnung, es zeige sich noch einmal etwas „Rettendes“. Dass ich nicht lache.

wenn wir uns abere für bestimmte Aktionen zusammentun, dann fordern wir die Macht, auch oft die Gewalt, heraus. Weil die Kommentare ja die Macht nicht überzeugen, sondern wenn überhaupt nur uns selbst, sollten wir die Formen des Widerstands und nicht die der diskursiven Übereinstimmung diskutieren und verbreiten. (Vieles an diesen Kommentaren zu den Kommentaren kommt mir so vor die die Reitspuren der Prärie am Jacinto (Charles Sealsfield 1905). Da reitet einer auf seinen eigenen Spuren im Kreis und freut sich, dass immer Hufe seiner Richtung zustimmen, irgendwann kommen wir da schon raus. Nein, kein spontaner Aufstand gegen die Autorität des Staates oder die Privilegierung korrupten Politikhengste: erstens können wir den nicht, zweitens führt er nur zu einer systemischen Erneuerung durch noch ärgere Typen, und drittens sagt der Aufstand, wenn er denn gelänge, noch nicht, WIE wir dann die angesprochenen Probleme lösen. Handeln ohne Aufstand, schwebt mir vor. Nicht Re-ob -form oder -volution. Verweigerung der politischen Korrektheit, bestimmte Situationen auch nur in Erwägung zu ziehen. Das hat eine Verzichtseite, gewiss, die aber nicht deckungsgleich mit einer Verstärkung der Armut ist (das gilt für warme Kleidung genauso wie für Fleischverzicht); es hat auch eine befreiende Seite, weil wir tun, was wir für richtig halten, und nicht was man tut. Man, das sind nicht nur Lindner, Woelki, und wie sie alle heißen, listenweise. Das sind die Zusammenklumpungen dessen, was die Zivilisation als Kultur uns aufzwingt….

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Ich will jetzt erklären, warum ich mit dieser alten, vielleicht konservativeren Widerstandsformel agiere. Ich weiß schon, wo sie nicht sinnvoll ist und wo sie vielleicht wirkt. Aber sie ist ein Mittel zu fragen, wo wir, jede und jeder einzelne von uns, „eigentlich“ in dieser Vertikale der Macht leben und handeln reden. Es ist wie eine Autoimmunerkrankung der Demokratie, der Solidarität und vor allem der Vernunft. Wir WISSEN, was für Unsinn im Winterpelz der Realpolitik nistet (für alle oben geschilderten Umstände: WASCHMIR DEN PELZ ABER MACH MICH NICHT NASS; das gilt für Empathie, Selbstbeschränkung, und Abschleifen des Widerstands. Beispiel 1: der Kampf gegen Antisemitismus wird in einen falschen Kontext zum Kampf gegen den Postkolonialismus gebracht, und die Opfer der Anschläge und der unwürdige Disput um die Entschädigung der OlympionikInnen von 1972 verblassen gegen die Documenta 15 (da ist die Situation so flach, dass sich jeder Dumme zu Wort melden kann und meldet). Beispiel 2: Keine Coronamaßnahme kann darüber hinwegtäuschen, dass ausgerechnet in Deutschland kaum empirische Unterlagen über das Pandemiegschehen vorhanden sind und öffentlich gemacht werden. DARUM und nicht wegen des Disputs sind andere Länder besser dran. Beispiel 3: AKW Verlängerung. Wie dumm müssen Menschen sein, wenn sie nicht ohnedies schon verstrahlt sind, dass sie die Energieknappheit gegen die Folgen eines Nuklearunfalls und gegen die Beseitigung der strahlenden Überreste aufrechnen?

Dämmert es den meisten noch nicht, dass wir SO ODER SO weniger wohlhabend und bequem leben, ab morgen, ab übermorgen, und wenn mein Baum vor dem Fenster verdorrt sein wird, dann ist da sein Zeichen für die Wirklichkeit. Wir. Und die anderen, die vielen? alles noch schlimmer. Und deshalb, gerade deshalb nicht opti/pessi/mistisch herum stammeln.

(Nebenbei spart das Papier und Strom).

Lacht nur.

Was man weiß, muss man nicht immer anschauen und anhören. Da kann man eben doch etwas machen, und nicht bei allem müssen wir fragen, ob es denen gefällt, deren Solidarität auf Almosen reduziert ist und die nur die Gegenwart ihrer Hinfälligkeit beachten. Das sind die, die Luthers Apfelbäumchen pflanzen, weil die Welt untergeht. Soll sie ohne Apfelbäumchen weiter bestehen?