Die stille Post der Zukunftslosigkeit

In meiner Jugend, also in der Jugend, die wirklich weiter zurückliegt, war der Hinweis, jemand oder etwas sei „unmodern“ fast ein Schimpfwort, während oft zum Prädikat „modern“ gesagt wurde: das verstehe ich nicht. Was also dann?

Der großartige journalistische Essayist Kurt Kister schreibt am 6.10. in der SZ:

Die Moderne nämlich, mit der sich Habermas und Kollegen so ausführlich beschäftigt haben, hat in den letzten zwanzig Jahren eine technologiebedingte, enorme Beschleunigung erfahren, sodass sie sich selbst einschließlich der Postmoderne längst überholt hat. Leider hat diese Beschleunigung keineswegs nur zur weiteren Verbreitung von Vernunft und Kompromissfähigkeit geführt, sondern in einer Art Gegenreaktion auch bei vielen Leuten die Neigung zu Irrationalismen gefördert – das reicht vom „Querdenken“ über Autoritarismus à la Orban bis hin zur präsidentgewordenen, trumpischen Zusammenballung nahezu aller gegen die Beschleunigung der Moderne gerichteten Vorurteile.

Diese Beschleunigung konnte immer beides sein: Demokratisierung und entgrenzte Verbreitung allen Blödsinns dieser Welt, und nicht selten beides zugleich.

Die Gegenreaktion kann Widerstand bedeuten, oder in einer besonders wirksamen Dialektik so zur Moderne gehören, wie der Teufel zur Gotteskonstruktion,  oder die Aushöhlung der Demokratie durch ihre eigenen Verfahren (man wählt ihre Abschaffung, nicht erst einmal).

Mit diesen Thesen könnte ich ganze Semester an der Uni gestalten und auch noch die Rückwirkungen auf den Alltag und kleine, weniger umfassende Beweisketten mitteilen. Mache ich vielleicht noch, heute aber fällt mir nur auf, dass das „Unmoderne“ einen seltsamen Reiz auch auf anscheinend aufgeklärte, „moderne“ Menschen ausübt, als eine Art habitueller Nostalgie.

*

Im Feld der ganz großen politischen Philosophie – dem Postkolonialismus – ist mir aufgefallen, wie ausgerechnet der so angefeindete Achille Mbembe (Mbembe 2018) – angeblich Antisemit, angeblich anti-europäisch – schon sehr früh (2006) die Probleme, auch die Dialektik ausgebreitet hat: Übrigens unter ausdrücklichem Bezug zum jüdischen Denken, zu Bloch und Benjamin…also Vorsicht mit der selbstbezogenen Zuschreibung der eigenen Position (anti-kolonial und anti-antisemitisch) zur aufgeklärten Moderne. Mbembe: Humanität ist nicht abgeschlossen,  sie kommt zum Vorschein, wenn die kolonialen Figuren der Unmenschlichkeit – ich sage dazu nur: die Diskussion um Denkmäler und Straßennamen… – und der „rassischen Differenz“ weggeputzt sind. Nur dann lässt sich so etwas wie globale, universale Gleichheit (Brüderlich-Schwesterlichkeit im heutigen Sprachgebrauch) herstellen. Zum Unmodernen, das mir auffällt, – und das ist die Verbindung – gehört die Sucht, das Gute im Schlechten, das Wichtige und Richtige im Vormodernen, das gesellschaftlich Brauchbare vor der Demokratie zu verorten und gar zu beschönigen, und es mit den Fehlern der Gegenwart zu begründen.

Das kann man am Kitsch der restaurierten Innenstädte sehen, am scheinbar authentischen der Herkunft, die eine Identität, die jetzt zerfällt, oder an der fast genüsslichen Auflistung von Dysfunktionalitäten in der Demokratie. Ganz schnell ist man dann bei dem, was uns die Moderne genommen hat, was uns die Postmoderne nicht geben konnte, also bei Verlust

Kisters Kritik an der unkontrollierten Beschleunigung ist dabei auch wichtig: Sie kann zur Moderne beitragen insofern sie eine Zukunft heranrückt, in der die Wiederholung des immer Gleichen nicht mehr geschieht, und sie kann an ihrem Abbau mitwirken, wenn sie uns keine Zeit lässt, den Atem nimmt, an der Gestaltung dieser Zukunft mitzuwirken – und die Irrationalismen in den Händen der gewaltsamen Herrscher belässt (das hatten wir vor der Moderne auch schon, tausende Jahre lang, und danach auch noch – nur nicht immer, und oft widersprochen und im Widerstand bekämpft).

*

Wieviel man bei Mbembe lernen kann, sieht man  am unverschämt offenen kolonialen Erbe des Wiederaufbaus der à Potsdamer Garnisonkirche. Am Widerstandsprojekt „Lernort Garnisonkirche“ bin ich auch beteiligt, nicht nur um dieses Erbe aktiv zu bekämpfen, sondern auch um zu zeigen, wie und wo der Kolonialismus sich in seiner „post-„Form bis heute hält und oft nicht einmal versteckt (http://lernort-garnisonkirche.de/). Der „Post-ismus“ sagt ja nicht, dass etwas vorbei ist; nur dass es so, wie es einmal war, auch nicht mehr geht. Im Volksmund nennt man das Heuchelei, aber die Monumente neu zu bedeuten, ist oft eine besonders ungute Art, den Zugang zur Zukunft zu beschränken.

Mbembe, A. (2018). What is postcolonial thinking? Widening the Context. G. Frederiksson, Nellen. Vienna, Eurozine: 165-173.

Den kulturellen Postismus meine ich ausdrücklich nicht (https://de.wikipedia.org/wiki/Postismus) – aber dass viele Menschen gerne „post-“ einem Begriff voranstellen, ist ein oft taktisches Manöver um vom wirklichen früheren Geschehen abzulenken.

Ent-Schreckt Euch!!!

Nestroys Kometenlied ist angesagt: https://omasgegenrechts.at/die-welt-steht-auf-kein-fall-mehr-lang/ Was die Omas gegen Rechts in Wien versuchen, ist wichtig: vor dem Weltuntergang haben nur Angst diejenigen, die wirklich ans Jenseits glauben…

Ratgeber heißen auch so: https://www.bbk.bund.de/DE/Ratgeber/Handeln_in_Katastrophen/Handeln_in_Katastrophen_node.html

Da fällt es auf uns nieder: καταστροφή –

*

Den Utopien Schreckensszenarien entgegenstellen, ist so alt wie die Menschheit; der Hoffnung das „Ja, aber“ zur Seite zu stellen, gebietet nicht nur die Vernunft; Katastrophen kommen meist ohne das erwartete Szenarium, sie haben noch unbekannte Regisseure.

Es gibt eine Menge Desaster-Historien, die Geschichte der Katastrophen verweist immer auf die Ähnlichkeit mit „heute“, wobei die Ausdehnung des Schrecklichen in das „Morgen“ natürlich der besonders besorgniserregende Geist hinter dem Vorhang ist. Vgl. ZEIT GESCHICHTE 5/20 …“Und was die Menschheit aus ihnen gelernt hat – von der Antike bis heute“. DIE Menschheit – nicht etwa die Menschen, alle, die nicht-weißen (Black Lives Matter) oder die nicht-gesunden, die nicht-satten, die unglücklichen Menschen…

Mich beunruhigen die beiden Brennpunkte Katastrophe und Erlösung gar nicht. Aber mich verstört nachhaltig dieses „Dazwischen“, das den einen Irrsinn mit dem andern zu überdecken sucht. Trump hat mit allem, was er tut unrecht, und mit dem meisten, das er für richtig glaubt. Aber er hat Recht, wenn er fordert, Corona soll nicht das Zentrum und der Angelpunkt unserer Diskurse sein. Diese Wahrheit macht ihn nicht besser, sollte uns aber aufwecken.

Zum Wesen der meisten Katastrophen gehört, dass ihre Nachwirkungen meist unter die Haut gehen (subkutan), sich aus den Diskursen nur scheinbar verabschieden (Subtext) oder mit einiger Gewalt auf Ebenen verschoben werden, wo wir uns stark fühlen – wir suchen das heruntergefallene Geldstück immer dort,  wo Licht hinfällt, obwohl es unter das dunkle Sofa gerollt ist. Fast alle Katastrophen sind auch Abschiede: Lissabon war ein typischer Verlust des liebevoll-vorsorgenden Gottes, die Pest und Cholera haben jeweils die Marktautomatismen erschüttert und den Staat auf den Plan gerufen, die Forschung hat die Verschwörung – leider nicht ganz – ins Abseits geschickt.

Konstant ist die Suche nach den Schuldigen, im Zweifel sind‘s die Juden, und nach dem individuellen, persönlichen Ausweichen. Obwohl es sich nicht leichter stirbt, wenn ich weiß, wer mich angesteckt hat, und unter welchen Umständen, die vielleicht trotzig-angenehm waren?

Je stärker man sich an haltende Katastrophenumgebungen gewöhnt, desto weniger persönlich nimmt man die Wahrscheinlichkeiten, selbst in den Strudel und ins schwarze Loch gezogenen zu werden. Das gehört ins Reich der Psychologie. Ins Reich der Politik gehören die Strudel jenseits des Klassen- und Geschlechter- und Arbeitskampfes: Klima, Flucht, Hunger und Krieg. In meinem Geschichtsbuch zu den Katastrophen steht auch der Dreißigjährige Krieg, nicht nur der Erste und der Zweite Weltkrieg. Dieser wirklich große europäische Vernichtungskrieg zeigt, wie detailliert Katastrophen wirklich sind, anders als Infektionskrankheiten oder Erdbeben, die das auch sind, aber nicht zeigen.

Eine Katastrophe ist, wenn wir nicht mehr auf das Geschehen schauen können, sondern mitten drin in der Wahrscheinlichkeitsrechnung verfangen sind, wann und wie es uns erwischt, wobei uns die Statistik so wenig hilft wie der Hedonismus einer jugendlichen Coronaparty in Kreuzberg. Nur: eigentlich dürfte man vor diesem Szenario keine Angst haben. Vorsicht, Kritik an den Maßnahmen und Konzentration auf das, was uns ohnehin mehr betrifft –  ja, aber keine Angst.

Angst ist das schärfste Schwert der willkürlich Herrschenden, der Unaufgeklärten und der Jenseitsgläubigen (es gibt auch andere Ängste, ich weiß, hier aber keine Psychologie). Politisch geht es darum, die Interessen wirklich auseinanderzuhalten. Und wenn die Corona-Übersterblichkeit noch für viele Jahre steigen sollte, vielleicht 5% übersteigt – was ist das gegen mehr als 1,5° Temperaturanstieg?

*

Merkt ihrs? Mir geht es nicht um das reale Krankheitsgeschehen, da verhält man sich so vernünftig es geht und nicht so bequem es gerade ansteht. Und damit aus.  Es geht mir um einen Diskurs, der monothematisch alles so dominiert, dass man die Welt vor lauter Viren nicht mehr sieht. Dabei sind diese Viren IN der Welt. So ungefähr wie die redeflüssigen in Boccaccios „Decameron“ sollten wir von dem „Anderen“ reden, was uns hierzulande für unser Leben noch und immer wieder wichtig erscheint. Die Wirklichkeit ist ohnedies nicht zu verdrängen oder zu vergessen, aber sie ist kein gleichmäßig gebügeltes Leintuch, wollte schon schreiben: Leichentuch, sondern hat ihre Landschaft wie alles andere auch.

*

Dies  ist keine verkappte Predigt zur Lebenspraxis. Ich verlange aber, dass die vielen anstehenden Probleme der Gesellschaft in Politik und Kultur nicht dauernd „Im Lichte von CoVid“ betrachtet und geformt werden sollen, sowenig wie Fukushima und Tchernobyl die ausschlaggebenden Argumente gegen die Kernenergie geliefert haben. Katastrophen beschleunigen manchmal den Erkenntnisprozess – hoffentlich.

Ein schöner Herbst

Ein schöner Herbst – Reisebericht Ahrntal 2020.

Gerade als ich das Reiseblatt fertig geschrieben hatte, las ich: Ed Vulliamy: Will Covid Change Italy? New York Review of Books 24.9.2020, 82-85. Man versteht sehr viel mehr von Italien nach diesem kurzen Artikel – und damit auch, auch!, von Südtirol.

Das ist nicht einfach ein Tagebuch, dazu wäre ein solches zu privat. Auch bin ich kein Influencer, der doch zu Recht das Ahrntal und den Bühelwirt in Sankt Jakob anderen empfiehlt; unter anderem, weil man sich um Besucher dort keine Sorgen machen muss.

Ambiger Beginn, sehr mehrspältiges wird hier neben einem Reisebericht aufgeschrieben, der ein letzter sein könnte, was Ahrntal betrifft, was nicht zuletzt vom Hund abhängt. Wir haben wirklich nicht gewusst, wie unser Hund Fia auf das neuartige Ambiente der hohen Berge, der Kühe und anderer Tiere (Gemsen, Hühner, Ziegen) reagiert. Der Hund unserer Freunde kennt sie ja…nun, das ist sehr gut gegangen.

Vorspiel: Zwei Tage in Innsbruck, im Stadtteil Mühlau: die Reichen haben hier mehrgeschossige, wohl teure Domizile in den Berg gebaut, zu hoch hinaus, meist aber nicht so schlimm wie im verhüttelten Tal. Ich begehe das neue Hangbiotop, Fuchsloch (Ischgl!) https://www.natopia.at/muehlauer-fuchsloch/, mit vier Libellenarten, vier Amphibienarten, einer Ringelnatter, Fröschen und sonst ganz schön. Auf dem Rückweg an einem modernen Links-Parteiwürdigen Garagenkonzept mit 30 Garagen für mehrere wohl Zweitwohnsitze in mehreren Häusern vorbei, mit großer Solaranlage und von unten nicht zu sehen – gut oder schlecht? Insgesamt immer mein Problem: wir argumentieren innerhalb unserer privilegierten Zone. Und da lebt es sich hier besser als in Deutschland, schöner, gesünder und vor allem mit Ausblick (theoretisch könnte ich die Brenner-Tunneleinfahrt von hier sehen, so bleibts es bei der Bergiselschanze von Zaha Hadid, und einer kleinen Kuh- und Schafweide direkt vor dem Haus, mitten in der Stadt).

Noch eine Stunde, ich werde die eremitische Zwischenetappe überwunden haben, wir treffen alle am Innsbrucker Hbf zusammen, um zu erproben ob Südtirol sechs Menschen und zwei Hunde in Quarantäne nimmt.

Das Ahrntal.

Einen Reisebericht schreiben, der nicht nur der eigenen Erinnerung dienen soll, ist nicht einfach, weil man gerade das weglassen muss, was einen sonst im Gedächtnisland bewegt und festhält: Gipfel, Markierungen, Meereshöhen, Ratschläge fürs nächste Mal. Wir kommen in diesem Jahr bestens zu sechst an, der Bühelwirt ist unverändert, die Wirte arbeiten sich freundlich & krumm, Schulbeginn für drei Kinder und eine Erstkommunion. Dazwischen noch der ganze lange Geburtstag, das alte Zimmer, der Hund hat wenig Gewöhnungsschwierigkeiten, macht aber für uns alles anders. Rücksicht auf Fia und Thematisierung des Hundes sind gleich zwei Komponenten, die den Urlaub verändern. Natürlich auch für die Freunde, die erstmals hier sind und sich mit dem alten Quartett über unterschiedliche Themen auch gut verstehen. Der Rahmen passt also. In den Rahmen gefüllt werden muss zunächst das Bühelwirtsessen, vorzüglich wie stets, aber auch besonders, zB. mit Mozzarella gefüllte Tomaten auf grünem Basilikumbrot, oder herrlichstes Rindfleisch. Und Käse. Und…Hausgemachte Torellonie mit Wildfüllung, Rosmarintaglierini, Wildkräutersuppe, Schlutzkrapfen, Kalbswangerl…

Am Montag steigen wir bei bestem Wetter zur Bärentalalm hoch, einmal taucht Mopsa, der andere Hund, aus dem Wald auf, weil die Forstsstraße nahe ist, Fia läuft sich ein. Die muss viel trinken, und manchmal ruhen, dann ist alles in Ordnung. Sie ignoriert die Lamas, bellt ein wenig bei einer Kuh, sonst nicht aufregend. Leider zu spät um weiter zu gehen, wir laufen den steilen Wasserfallweg hinunter. Die ersten von vielen Saunen, hygienisch und abständig. Vier Stunden Gehzeit ist die untere Norm.

Der nächste Tag bringt neues. Vom Bergwerk in Prettau den Knappenweg hoch, dann zur Brugger Alm, steil und schön durch den Wald, und oben dann ziemlich eben und sehr lang zur Stegeralm, dazwischen eine Kuhpanik von Birgit, filmreif wegen Fia, ich halte mich einfach zurück.  Die Alm wäre nett, gäbe es nicht eine gemischt einheimisch-touristische Party rund um einen entsetzlichen Zitherspieler. Dessen Schlageradaptionen sind nur überzuckert, aber seine Heimatlieder gehören zu dem Tirol, das weiter unten noch einmal aufgerufen wird. Wir hätten ein paar Schritte weiterlaufen sollen, dann hätte es einen steilen geraden Abstiegsweg zur Stegerbrücke gegeben, so trotten wir lange eine ganz schöne Forststraße ins Tal, das letzte Stück Im Tuol über vorbildlich gemähte Wiesen.

Der Geburtstag beginnt mit der Torte, geschenkt und getrunken und geblümt wird am Abend, sie freut sich schon, alles besser als befürchtet. Wir steigen schnell und entschlossen zum Hühnerspiel hoch, würden ja vielleicht noch zum Mooskopf wollen, aber langsam zieht es sich zu. Im Rekordtempo in 40 Minuten (!) ins Tal, dann verzögert sich der Regen doch bis zum Abend, dazwischen können wir noch einkaufen (endlich ein neuer Anorak für mich, die Freunde kaufen montanofile Schuhe, so geht’s).

Am 17. Laufen wir den Sonnenweg talaus. Falken, kleine Wolken, es ist kühler geworden. Der Windbruch wird gequert, dann ins Keilbachtal. Der Hund verlangsamt den Fortschritt, man schaut genauer. Pionierpflanzengewirr, der Abrutsch über dem Bach, unersteigbare Sandwand. Die Voppichler-Kapelle überladen mit Gold, weil er unerwartet aus dem Zillertal zurückgekommen war (hier sollten die Übergänge schwierig sein, weiter hinten im Tal sind sie einfacher…). Drei trockene, verfallende alte Mühlen, schade. Ungern schaut man ins Tal,  wo alles zugebaut wird, eine Schachtel neben der andern. Eigentlich wollte ich zum Keilbachmoos, aber Birgit stürmte schon entschlossen einen Weg zum (kleinen) Kellerkopf (=Köpfle), der durchaus schön und teilweise sehr steil war und kurz vor dem Anstiegssattel im Bruchwald endete. Den gleichen Weg zurück.

Die Konversationen sind anders, viel dreht sich um die DDR (Merkels Geschichte, bereichert durch die Erfahrungen der Freunde (Journalistenzeit und Erlebnisse in Wissenschaft und Politik); Afghanische Bekanntschaften;  es dreht sich viel um Essen und um Einkaufen.  Ich halte mich (nicht auffallend) zurück und schalte meine Paralleldenke ein – man kommt gar nicht dazu, alles zu verarbeiten, was man in dieser Abgeschiedenheit noch nicht versteht: Israel  (die nichtdemokratischen Araber verbünden sich protrumpisch gegen die depperten Palästinenser, als ob sie sie damit vom Hals bekämen. There will be blood). Corona, die Zahlen steigen, steigen wie von weit, als reiften in den Zellen ferne Viren (schlecht). Hauptsächlich aber Vergangenheiten.

Leider heute Gruppenausflug zur Wollbachalm, ich würde diesen schönsten aller Tage gerne für etwas Hohes und Neues genutzt haben. Aber dann ist es doch ganz gut. Den üblichen Weg hochgelaufen, die Hunde sind fröhlich und wenn man so langsam geht, wie das die Gruppe kann, sieht man viele Details. Die Alm ist unverändert schön, leider wird im Tal nach oben der Bach begradigt, Baustellen. Schön wird das nicht, ein Stück Weideland dazu gewonnen. Zwei Paraglider segeln hoch, es ist warm. Schön frühherbstlich.

Tag für Tag. Berichtenswert für euch LeserInnen sind die Eintragungen in mein Tourenbuch nicht, für mich ein Anhaltspunkt über viele Sommer seit fast 70 Jahren. Im Tourenbuch keine subjektivierten Schmonzes, und besser realistische anstatt idealer Zeit- und Aufstiegsangaben.

25.9. Finale

Letzter Tag am Bühel, die Freunde sind abgefahren, gottlob mit unserem Gepäck, wir sind erleichtert: nur der Hund und zwei kleine Rucksäcke bleiben. Der angekündigte Regen kam pünktlich gestern Abend, nachdem wir noch in Weissenbach teilweise auf der Gögealm waren, ich nach einem Sturz am Vortrag auch auf der Almstraße, eher langsam mich in die zeitweise Behinderung einfindend. Der Sturz war am Asphalt und nicht im Felsen geschehen, lächerlich also und nicht heroisch, immerhin habe ich mich noch 4 km bis Steinhaus geschleppt, bevor wir heimgeholt wurden und ich mich eisgekühlt regenerierte. Nein, der Hund war nicht schuld, obwohl ihr Gezerre hin zu den Hühnern Anlass der Verrenkung war. Vor ein paar Tagen hätte es uns mit Fia viel schlechter gehen können, als der Hund einer vor uns aufspringenden und zu Tal eilenden Gams nachspringen wollte und nur ein scharfer Haltbefehl den Hund ab- und uns am Weg hielt. Das hat schon Nachwirkungen. Unmittelbar war die Erleichterung groß, auch die Vorsicht, die uns eine seilversicherte Stelle mit den Hunden nicht ratsam erscheinen  ließ, sodass wir erst zu Tal nach Prettau und von dort, ein paar Meter weiter pomali auf die Stegeralm doch wieder aufstiegen, um die vor ein paar Tagen bemerkten Gamswürste zu kaufen. Der Wirtsvater (war der der Zitherspieler?) der ruhetäglichen Hütte war da und Birgit bewerkstelligte Hollersaft und Wurstkauf. Diesmal keine Kuhbegegnung mit dem Hund, hätten wir jetzt nicht brauchen können.

Am Dienstag hatten die Frauen die neuen Freunde nach Bruneck zur Heimfahrt gebracht und wahrlich schönes und schmackhaftes eingekauft, was anderswo durch ein weniger schönes Ambiente nicht so wertvoll erschienen wäre. In der Zeit sind Tom und ich mit den Hunden von Kasern über unzählige Serpentinen aufgestiegen, und von der Starklalm zum Biotop „Wieser Werfa“ und dann langwierig, aber nicht langweilig die Almstraße nach Prettau hinunter. Warum heißt das Biotop so? Es steht ganz viel  im Internet, nur nicht, was Werfa heisst…(ausser, dass es mit „Werfer“ zusammenhängt, Wieser ist ein Familienname). Aber das Biotop ist wirklich schön, auch jetzt, wo die meisten Lurche schon abgetaucht sind und nur mehr wenige Blumen im Moos/Moor blühen. Man könnte jetzt zum Waldnersee gehen, eher durch eine Steinwüste, die auch schön ist, aber da wir immer so spät loskommen, war es jetzt zu spät. Macht nichts, der Preis des Gruppenrhythmus und vor allem der zeitraubenden Hunde hat vieles verändert: z.B. wo hinaus man besser nicht mit ihnen geht, aber auch, was zu betrachten man jetzt sehr viel mehr Muße hat. An diesen letzten sonnigen Tagen zähle ich sieben Schmetterlingsarten, fast alle bei uns im Norden nicht (mehr) sichtbar, und es gibt auch einiges sonstige Getier. Dichte Heidelbeermatten, nur mehr hier oben wirklich blauträchtig, ein Murmeltier pfeift. Was mich daran erinnert, dass wir abendelang Diskussionen über Existenz und Wesen des Pfeifhasen hatten (https://www.google.com/search?client=firefox-b-d&q=Pfeifhasen) hatten.

Dreizehn Tage wandern, das Wort Bergsteigen ist dieses Mal nicht wirklich angemessen, aber andere Qualitäten gewinnen an Gewicht. Die Ironie der Altersgerechtigkeit ist selbst Thema, aber nicht nur ironisch: wo wir überall schon oben waren, wenigstens ein Teil von uns, kann uns ja niemand nehmen, und es ergibt sich eine andere Frage: wenn wir jedes wieder kommen, ist der Riss zwischen dem, was wir schon kennen, und dem „Neuen“, das wir kennen lernen wollen, breiter: das Neue verlangt nach Wiederkommen, wir haben schon für nächsten September gebucht, die Geburtstagsfeier wird wieder in diese Zeit fallen und wahrscheinlich wird das Wetter ähnlich gut sein.

Nur ob und wie die Corona-Verhaltensregeln bleiben, sich ändern oder vergessen werden, ist ungewiss. Das allerdings ist ein ständiger Basso continuo bei fast allen Gesprächen. Auch hier in Südtirol können wir, Ort für Ort, die Zahl der Neuinfizierten wie die der Genesenen  verfolgen, uns über Reisewarnungen echauffieren, die Franzosen bedauern, uns über reisende Verwandte Sorgen machen und die Covidiotenparties zugleich beschimpfen und beschütteln. Ganz ablenken kann man sich hier nicht, und die Disziplin im Bus und an der Rezeption ist vorbildlich. Der Abend teilt sich aber in zwei ganz andere Hälften: die kulinarisch schwer zu übertreffende beim Bühelwirt, so ausgezeichnet und vielfältig, aber auch ideenreich, dass das allein schon eine Ratgeberspalte füllen müsste (die Selbstverständlichkeit eines erstklassigen Hotels hat mehr als die Küche zu bieten, aber hier zeigt sich eine Routine des Herausgehobenen, die sich deutlich von einzelnen Ereignissen abhebt, also keine Eventkultur … Kommentare zu Speis&Trank, incl. Assoziationen mit der eigenen Kulinarik bzw. unserer Erfahrung damit in anderen Ländern, das ist die eine Hälfte. (Die Weinempfehlung gilt nur für uns: ein weißer Cuvée, Contessa, von Manticor, und ein Vernatsch von Girlan, nicht am oberen Ende der Preisskala…). Die wöchentliche Weinprobe fällt wie das Salatbuffet den strengeren Kontaktregeln zum Opfer, aber die Produkte können wir beim Geburtstag nachholen, auch das an der Erwartungskippe zum „nächsten Mal wieder“. Die tägliche Menüauswahl, am Vortag angekreuzt, hat sich ausnahmslos bestätigt, bis hin zum vegetarischen Angebot und einer ganzen Skala seltener Süßspeisen. Wie schön, dass der Alpenhauptkamm Italien und Österreich zusammenbringt, so wie Fulda und Werra in der Weser, nur grandioser. Und was die Nachtischvariationen betrifft…Sie haben aber auch einen besonderen Küchenchef hier, einen ziemlich jungen und erfindungsreichen. Ich will hier keinen Ausschnitt aus Essensmemorie geben, sondern Peter Altenberg persiflieren: Der letzte Gang war der beste…

Die andere Hälfte ist so politisch, ausgeklinkt unsystematisch, dass die anderen Themen auch noch zu ihrem Recht kommen, aber solange RI da sind, ist Afghanistan natürlich stärker belegt, und ich erstaune mich, wieviel ich weiß und nicht weiß, wen ich kenne und nicht kenne, und wie vergleichbar wir unsere Interpretationen ausbreiten. Spannend, wo das einmal nicht geschieht. Auch wenn wir täglich auf dem Laufenden gehalten werden, moma und Zeitungen und Spätnachrichten, die unglücklich zerspaltene Welt erscheint irreal und nur unsere hier „wirklich wirklich“, was aber natürlich auch an der gestundeten Zeit liegt, die morgen wieder zu Ende geht. Politisieren und seine Bildung, seine Privatkultur teilen und ausbreiten, das ist natürlich genau die Haltung der Elite, gegen die der Pöbel wettert und sie lieber zerstören möchte als ein Äquivalent zu bilden. Andererseits ist man hier so unbefangen wie zuhause nicht: das hat mit Elite nichts zu tun, sondern mit Distanz, zeitweise glücklicher.

An 11 Tagen nacheinander in Sauna gehen, ist natürlich auch ein Luxus.  Wenn man vor dem Panoramafenster schwitzt, kann man die Bienen zählen, die sich an den lila Blüten der Blumenrabatte vor dem Fenster tummeln, dieses Jahr ungleich mehr als letztes. Das macht eine seltsame Form von Hoffnung. Ansonsten gibt es mehr Fliegen als Wespen, anders als letztes Jahr. Und eben zwei Hunde und nicht mehr nur einen. Ich bereue es keinen Augenblick, dass wir Fia mitgenommen haben, aber sie bestimmt ganz maßgeblich Ablauf und Art unserer Wanderungen. Es gibt eine Menge Hunde im Hotel, das hat den Vorteil, dass wir nicht im Speisesaal, sondern in der Gaststube am Eingang sitzen können, den Nachteil: dass alle eintretenden und weggehenden Hunde sofort gemustert werden. Während ich das schreibe, fängt Fia zu meinen Füßen Fliegen, sie erwischt sogar manches mal eine…

Was die Hunde bewirken, ist eine Verlangsamung der eigenen Körperbewegung, was wiederum ermöglicht, sehr viele Dinge genauer anzuschauen und zu bedenken. Ein kleiner Bach kommt von der Hollenzalm: kurz vor dem Tal stehen drei kleine Mühlen von 1840, mit intakten Einblicken in die Mechanismen, sozusagen noch betriebsbereit…Man kann sich erinnern, was Mühlen bedeuten. Carlo Ginzburg kommt einem in den Sinn (Der Käse und die Würmer, zuletzt Wagenbach 2011), und was es bedeutete Müller zu sein, oder auch die Schöne Müllerin, die das Gewerbe von den andern Handwerken so deutlich unterschied… So kann man nur assoziieren, wenn man nicht einfach schön sagt und vorbeizieht; wenn man sich mehr Zeit gibt. Oder man läuft lange genug durch die großen Wälder, um die Lärchenböden mit ihrer Vegetation zu würdigen und die Fichten noch weniger zu schätzen. Was einen zum großen Windwurf vor zwei Jahren („Vaia“) bringt, den man unter anderem durchqueren muss, wenn man oberhalb Steinhaus in die Täler einbiegen möchte (letztes Jahr konnte man noch gar nicht durch).  Jetzt sieht man die Flachwurzeln herumliegen im steilen Hang, das Bruchholz ist weg, nur ein paar ganz lange Markierungsbäume stehen herum. Die Pionierpflanzen haben das Regime ergriffen, ganz Wälder von abgeblühten Königskerzen schauen aus wie Science Fiction Deckblätter.

Die Abschiedssymphonie wird durch Regenstürme und Gewitter unterbrochen, da möchte man nicht draußen sein.

Dass das Tal so besonders schön ist, für mich, wohlgemerkt, für einige andere, wirft eine drängende Frage auf, nach dem Grund dafür, jenseits aller Prospekte, Erzählungen, Clichés es gerade hier besonders zu empfinden, und nicht gleich Theorien zur Landschaftsästhetik und Vergleiche heranzuziehen. Was haben wir Ende der 70er Jahre, im „Arbeitskreis Natur“ uns nur am Rand der Antwort bewegt, meist die Naturwissenschaften aus den Angeln gehoben und Ernst Bloch als Fährmann engagiert. Nur Brigitte Wormbs hatte schon damals die Antwort gesucht, wir fanden Gefallen an ihrer Erzählung, verstanden aber nicht eigentlich die Frage (Vgl. „Andere Ansichten der Natur“ SDZ, 1978). Das ist jetzt weit weg, aber sicher sind die Verbindungen zur Gegenwart und die Überlegung der Haltbarkeit dieser Schönheit wichtiger als die widerstandsfähige Beharrlichkeit zu wissen, was schön, was nicht. Es gibt zwischen den Häusern, die meist engzusammenstehen, noch viel Grün. Für mich ärgerlich mir vorzustellen, wie in zehn, fünfzehn Jahren der Talgrund durchgängig bebaut sein wird, jetzigen Boom folgend. Aber vielleicht ist das normal, und mein Talgrundgrün ist kitschig auf dem Privileg bestehend, meine Anordnung der Zivilisation zu bewahren, so wie die hochgelegenen Bauernhäuser am Hang, die sich nicht vermehren und deren Erschließung durch gut befestigte asphaltierte Straßen man jederzeit verteidigt. Auch freuen mich die hohen und oft sehr steilen Wälder, in denen sich oft Felsen verstecken, und die weniger steilen Übergänge der Almen, bevor die massiven steinernen Kämme und Scharten und Spitzen beginnen, also die Anmutung an eine idealisierte (nicht ideale) Landschaft, die sich aus vielen Erfahrungen, Begehungen, Ansichten zusammensetzt, z.B. könnte, wollte ich da hinauf. Auch bei negativer Antwort bestimmt der Wunsch oft das Urteil über die Schönheit eines Bergs, einer Spitze. Und natürlich die Farben, die Nebelspiele, die wohl jahrhundertealte Verbindung zu einer Kultur, die viel hinterlassen hat. Direkt unter dem Bühel, nah der Straße ist ein größeres Agraranwesen, dessen altes Haupthaus, 1750 ca., durch einen Holz-Glas-Kasten bewundernswert umbaut ist, und das alte Haus bewohnt und integriert auch sehen lässt: sagt die sehr alte Bäuerin, die wohl daneben wohnt, auf die Frage, wie es ihr gefiele, nur Böses. „Es passt nicht ins Tal“. Aha. Das Argument kennen wir aus den historisierenden Diskussionen um die Potsdamer Innenstadt und Garnisonkirche. Was passt wozu? Bei uns, beim Bühelwirt, haben die Architekten Pedevilla vor fünf Jahren ein Anbau mit 20 Betten gebaut, der ähnlich umstritten war. Nicht im Stil der älteren Häuser rundherum, sondern abgesetzt: neu ist neu, und gut und heute nicht mehr wegzudenken, auch wenn man in diesem neuen Trakt wohnt, voll mit Tal&Berg im Blick vor den großen Fenstern. Wir wohnen im alten Hausteil, auch gut und unverändert zuhaus, Hunde sollen nur hier wohnen.  Das führt von selbst zur Selbstbefragung, was mir passt und er öffnet eine recht eingeschränkte subjektive Perspektive, die man nicht der Theorie künftiger ländlicher Ästhetik opfern muss. Aber umgekehrt ist ja der Wert alter und auch ganz neuer Architektur in einer bestimmten Umgebung nicht nur eine Frage des subjektiven Urteils, auch nicht nur eine der Funktionalität, auch nicht allein Erwartung unterworfen, dass möglichst viele Auswärtige (Touristen…Zweitwohnsitzler…) bestimmte Ambiente besonders schätzen werden…Lacht nicht: auch ist die Landschaft schön, weil das Essen beim Bühelwirt so gut ist…und die vielen Auchs machen einen Rahmen, in dem es zum Beispiel wichtig ist, dass man sich gut erholt.

*

Den Zug der tausenden Jüdinnen und Juden über den Tauernpass habe ich erwähnt, die diesen Übergang ins Zillertal anders sehen lassen als die andern Jöchels, die wir auch bestiegen haben (https://www.sn.at/wiki/Krimmler_Judenflucht). Den Gletscher an der Lenkjochhütte, der  jährlich sich verkürzt, habe ich auch schon beschrieben. Dazu kommen noch mehr „gesellschaftliche“ Interventionen, die unser Bild von der Landschaft rahmen. In einem Stollen des Bergwerkshangs hinauf zur Rötalm müssen drei Generationen (!) von Knappen gegraben haben, bevor man überhaupt Erz fand. Überhaupt erscheint die Bergwerksgeschichte im hinteren Tal wie eine Einführung in den vorkapitalistischen Klassenkampf. Auch die lehnsabhängigen und fronarbeitenden Bauern erlauben keinerlei Romantisierung von Epochen, in denen „der Bauer“ eben auch ein beschränkter Herr war, und oft bis heute (ist es nicht fast obszön, empathisch beim Handmähen steilster Wiesen, großer wohlgemerkt, zuzuschauen, wenn anderswo der Roboter den flachen Zierrasen rund ums Haus beteppicht? Natürlich nicht, aber bedenken sollte man es).

Jetzt, beim ersten Schnee, freut es schon, dass die meisten Wiesen rechtzeitig gemäht und das Heu eingebracht worden ist, gutmechanisiert, auch hier der EU sei Dank, wie bei so vielen Details, wie der Milch, den Radwegen, dem Wasser- und Lawinenverbau. Beim letzteren ist eine Beobachtung wichtig: die vielen Reihen mächtiger Stahlbarrieren und Gitte an den Südhängen lassen sofort wieder die ästhetische Frage stellen, sie sind selbst nicht schön, sie stören bestimmte Ausschnitte jener Landschaft,  die sie in Gänze erhalten. Wo das nicht geschieht, kann man die Geschichte des Wollbachtals mit seinen Erdrutschen studieren oder die Folgen des Sturms Vaia 2018…unter keinen Umständen „schön“.

Nicht nur der EU sei Dank, auch dem Autonomiestatut, das Bruno Kreisky mit den Italienern und der UN für Südtirol ausgehandelt hatte (http://www.provinz.bz.it/politik-recht-aussenbeziehungen/autonomie/autonomiestatut.asp). Die Nachwirkungen der Auseinandersetzungen von 1915  bis zur Befriedung des Konflikts (https://www.mediathek.at/akustische-chronik/1956-1969/suedtirolkonflikt/; https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Suedtirols) kann man heute noch nachlesen (In der einzigen deutschsprachigen Tageszeitung „Dolomiten“ war dieser Tage noch immer ein Inserat der „Heimattreuen“ zu finden, die Frieden von St. Germain schmähen und auf einer fiktiven Staatlichkeit/Volksthumbssouveräntität bestehen, die sie selbst nicht erklären können. Ich erinnere aber auch noch die Aufregung um die Bombenattentate davor, an Georg Klotz (Einigermaßen objektiv: https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Klotz, nicht ganz so: https://suedtiroler-freiheit.com/team/georg-klotz/), die durchaus am Familientisch besprochen wurden.  Das ist jetzt gerade  zwei Generationen her…wie vorgestern. Ich denke allerdings, der unerhörte Wohlstand der Region und das Ansehen (im doppelten Sinn) haben die Souveränitätsfrage in eine fiktive Welt gesetzt. Obwohl es in Österreich politische Idioten, natürlich überwiegend bei der faschistischen Rechten, aber nicht nur, gibt,  die den deutschsprachigen bzw. -stämmigen Südtirolern die österreichische Staatsbürgerschaft als zweite geben wollen (Schon 2017: Wählerimport aus Südtirol: Der Standard 23.12.2017, S. 13; aber: https://www.derstandard.de/story/2000110222050/suedtiroler-wollen-keine-oesterreicher-werden; https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/warum-der-doppelpass-fuer-suedtiroler-vorerst-geschichte-ist-16585615.html)… Die Verbindung von Tirol mit Österreich, bis hin zur Frühgeschichte der Margarete Maultasch mit ihren „gewulsteten Lippen“ (Feuchtwanger) ist aber auch deshalb interessant, weil die Reaktionäre in Österreich mehrheitlich weit hinter den Konservativen, also auch Liberalen, in Südtirol herhinken.

Epilog

Drei Gruppen EU feindlicher Polizisten kontrollieren uns heute am Brenner und hinter Kufstein, die deutschen am genauesten, ganz ist der Schoß, aus dem das kroch, noch nicht ausgetrocknet. Ansonsten aber funktioniert die Autonomie ganz gut, und die gerade abgehaltenen Gemeindewahlen zeigen die systemische Wichtigkeit der kleinteiligen Politik…verglichen mit anderen europäischen Regionen eher nur Gutes zu vermelden.

Seit 15 Jahren fahre ich nicht mehr Ski. Davor war ich oft in Südtirol und habe bisweilen im Sommer die Zerstörungen an Natur und Lebenswelten durch diesen Sport sozusagen hinnehmend festgestellt. Speikboden und Klausberg wären die Studienobjekte im Ahrntal, an denen sich Meinungen dazu differenziert bilden ließen; aber ich verteidige zäh die „kleinen Idiotenlifte“, die wohl den Kindern noch Freude bringen, wenn der Klimawandel die FIS-Abfahrten endlich beseitigt haben wird.  (Kürzlich habe ich am Semmering in Österreich, ca. 1000 m Seehöhe, ganze 48 Schneekanonen für eine Abfahrt gezählt, die mich früher 2 Minuten gekostet hatte. Die Quell- und Naturzerstörung ist natürlich hier genauso schlimm, es tut mir nur hier noch mehr leid).

*

Würde ich einen traditionellen Touren- und Wanderbericht schreiben, müsste ich mit den vielen, teils besseren, teils fahrlässigen Wanderführern und Prospekten wetteifern.  Ich will das nicht, aber den LeserInnen meines Blogs mitteilen, wie ich mir ohne zeitlichen Abstand, heute kehren wir nach Potsdam zurück, den Begriff der Erholung auch konstruieren kann, ohne Gesundheits- und Physioesoterik. Zu der schönen Landschaft gehört – neben dem angenehmen Leben beim Bühelwirt, neben Kulinarik und Oinophilie – die Muße und Ruhe, sich von dem Irrtum von der unberührten, ursprünglichen Natur zu verabschieden; stattdessen kann man weit in die Vergangenheit hinein seine Umgebung lernen und sich dennoch an den Schmetterlingen freuen (das ist noch politisch korrekt).

*

Also ich, wir haben uns wirklich erholt in diesen 14 Tagen, und die Frage: wovon? ist so wichtig wie die Geschichte des Tals für seine Reflexion, auch die Frage wofür? gehört dazu. Man kann immer, auch im schönsten Urlaub, alle seine kritischen Überlegungen in die Umgebung und sein eigenes Befinden einbringen, aber manchmal ist es besser und richtiger, mit dem Philosophen Ernst Bloch das „Gut Gelungene“ festzustellen und es dankbar dabei zu belassen:

Im nächsten Jahr sind wir wieder am Bühel im Ahrntal und freuen uns am Wiedererkennen des schönen Tals mit seinen Bergen.

General Verdacht und Oberst von Hinnehmen

Wie von mir erwartet… Immer wieder Polizei, rechte Politik von Seehofer und dem BMI, auch die Wahrheit nützt sich ab, wenn der immer Gleiche immer dasselbe wiederholt. Denkt ihr, vielleicht zu Recht. Aber ich bin kein Masochist, der sich durch diese Endlosschleife auch noch in Depression stürzt. Man kann das selbe Ereignis auch in anderen Kontext bringen. Aber fangen wir traditionell an. „Ein heute 32-Jähriger, der am Steuer eines BMW vor fünf Jahren laut Gutachten mit mindestens Tempo 94 über eine rote Ampel an der Kreuzung Oberbaumbrücke/ Warschauer Straße raste und einen Fußgänger totfuhr, ist gestern vom Amtsgericht Tiergarten zu 120 Tagessätzen Geldstrafe verurteilt worden. Dasselbe Gericht verurteilte gestern laut RBB auch einen Studenten, der sich bei einer Demo von „Extinction Rebellion“ auf der Marschallbrücke angekettet hatte, wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte zu 90 Tagessätzen. Finde den Fehler“. (Tagesspiegel online 30.9.2020) Kann man den Richter vielleicht an der Warschauer Straße anketten und mit Extinction bedrohen? Ein solcher Richter ist zwar kein Vollstreckungsbeamter, aber dieser hier spielt sich gern als solcher auf.
*
Am Bahnsteig eines größeren Bahnhofs in der Nähe Berlin warten vier bewaffnete und gepanzerte PolizistInnen auf einen offenkundigen Schwarzfahrer, der kaum versuchte zu fliehen, da war er schon umzingelt und wurde nach längeren Debatten abgeführt, während der Schaffner hektisch in seinen Handcomputer hackte und mit einigen Minuten Verspätung wieder abfuhr. Ich habs nicht fotografiert, weil ich dann von unserer Polizei sicher auch belangt worden wäre. Ein paar Meter davon in einem öffentlichen Park eine evidente Coronaparty von mindestens 8 jüngeren Menschen. Da traut sich die Polizei nicht hin? Gestern nicht, heute nicht…
*

                              Ganz anders

geht es weiter. Ihr könnt meinen Auftakt ja selbst fortsetzen. Ich will auf etwas anderes hinaus. Polizei, Justiz und andere sicherheitsrelevante Institutionen stehen ja nicht erst seit 1968 unter einem Generalverdacht. Dieser Begriff, der jetzt vor allem von denen abgelehnt wird, die ihn mit Verve verwenden, ist in Mode gekommen, mit brisanten Folgerungen. Der GV hat seine Wurzeln in einem falschen Singular (…DER Mensch ist gut/schlecht/dumm/klug etc.) oder in einem falschen Plural (…ALLE Menschen sind gut, alle Polizisten sind rechts, alle Frauen haben Recht, alle Männer haben Unrecht etc.). Die Falschheit kann fatale Folgen haben, oder sie reißt kritisch auf, was sich anders nicht provozieren lässt. Wohlgemerkt: GV ist nicht gleich Verallgemeinerung. Denn wer einen Verdacht hegt, also eine nicht zum Ende gebrachte Vermutung, hat zu wenig Empirie für eine legitime Verallgemeinerung. Das ist ja Seehofers Hauptargument zum Schutz der Polizei, obwohl die Empirie ihm nicht Recht gibt. Aber wirklich kompliziert wird es, wenn es nicht um Sicherheitsorgane, sondern um Sprache, Kunst, Geschichte geht, und die Vergangenheit eine andere Form von GV produziert als die Analyse der Gegenwart. Rassismus und Kolonialismus sind die wichtigsten und weitest verbreiteten Beispiele dafür.

Am Beispiel von Rassismus argumentiert Jen Jessen in der ZEIT (#26, 18.6.2020) zurecht, dass man sich nicht auf den strukturellen Aspekt rausreden darf, der es z.B. weißen Menschen nicht gestattet, sich vorbehaltlos auf die Seite von nicht-weißen Politiken zu stellen, wenn das „als illegitime Anmaßung“ bezeichnet wird. Jessen weist auf ein Problem hin, das oft verkleinert oder nicht wahrgenommen wird: wie sehr die „kritische Durchmusterung unseliger Denktradition (ich sage auch Sprach- und Handlungstradition, MD) gewiss sinnvoll und notwendig (ist) – sie muss sich aber ihres weitgehend universitären (ich sage: gebildeten, MD) Publikums bewusst sein“. Da ist so viel dran, dass man mit dieser Reflexion der AfD und den Rassisten nicht beikommen kann –  Jessen plädiert für robuste Politik, Polizeiarbeit – und eine verstehbare gesellschaftliche Ächtung. Ich pflichte ihm bei-, weil und wenn es sich dabei um legitime Gewaltanwendung handelt. Und darüber muss man auch sprechen, offen. 

In einer bemerkenswerten Erklärung haben viele sonst recht unterschiedliche Intellektuelle sich gegen das Ausspielen von Gerechtigkeit gegen Freiheit gewandt, von Martin Amis bis Michael Walzer, – wenn nämlich erstere an einem „ausgewählten“ Kriterium – Rassismus, Sexualisierung, Kolonialismus, etc… – festgemacht wird und alle anderen Argumente unterordnet. (ZEIT #29, 9.7.2020), weil nämlich diese Auswahl selbst politisch ist (weshalb der Kontext ja verlangt zu sagen „Black lives matter“ und nicht „all lives matter“, während die ethische Grundlage natürlich alle Menschen einschließt).

Ich kann dem allem seit langem folgen, bin vor allem von der Bewegung der Cancel Culture immer negativ gegenüber gestanden – und entdecke doch in vielen Debatten eine – auch in eigenen Beiträgen – eine Angst, besser: eine vorwegnehmende Furcht vor Zensur („Unter Generalverdacht“ SPIEGEL #29/11.7.2020). Da haben wir den GV  wieder, und im Nachgang zu diesem Artikel auch Daniel Kehlmann zu der obigen Erklärung. Also, wir sind nicht wehrlos, aber wir müssen schon bedenken, dass wir für Pluralität und Widerspruch leichter aus unserer „privilegierten“ Position eintreten können wie die Opfer der schwer akzeptablen Wirklichkeit, dass nicht nur Schwule Schwule spielen können, dass nicht nur Schwarze sich zu Rassismus sich äußern können usw. Kurz: wo eine, betont: eine, Identität ins Spiel kommt, ist es schon verloren.

Und davor sind wir nicht gefeit, keine(r/s)  von uns.

  • Darum ist aber der GV so wichtig: er darf nur Bestand haben, solange die Empirie im Kontext schwach ist. Wenn wir die rechten Netzwerke bei Polizei und Justiz wissen, ist GV sittenwidrig. Bis dahin ist er ein Trigger, der die Verhältnisse vielleicht zum Tanzen bringt.
Allein am 30.9./1.10. überschlagen sich die Meldungen, zB. „Polizei-Skandal : Rechtsextreme auch beim NRW-Verfassungsschutz tätig (RP)“, https://www.tagesschau.de/investigativ/monitor/polizei-chat-rassismus-101.html; https://www.tagesschau.de/regional/nordrheinwestfalen/nrw-rechtextreme-polizei-netzwerk-101.html
  • Der General VERDACHT ist noch immer Vorgesetzter des Obersten von HINNEHMEN. Toleranz können sich immer nur die Mächtigen leisten, und das haben die Rechten in Deutschland stets unterlaufen.
  • Aber man, ich, wir – müssen aufpassen, dass wir nicht mit der Kippfigur arbeiten und die unter GV nehmen, wo wir es besser wissen können: auch das bedeutet: Zensur nicht zu fürchten.
  • Von der sind wir umgeben. Und dass die sozialen Netzwerke nicht dauerhasft zur Demokratie beitragen, war nicht vorgeesehen, aber zu erwarten gewesen.

Seehofer schützt die Rchtsradikalen in der Polizei

 Mit diesem Blog habe ich mir ein Paar Tage Zeit gelassen, um die Reaktionen der Politik auf Seehofers erneuten Amstmissbrauch abzuwarten.
Es gibt in der Tat Kritik, aber anscheinend traut sich niemand, diesen Deutschen Rechtenund sein „Ministerium“ aus dem Amt und der Verantwortung zu entfernen.
Wer sich Seehofers Meinung anschließt, verwechselt „Haltung“ mit Realität.

Die Originalnachricht: (Übrigens von Seehofers Pressesprecher 1m 22.9. im ZDF wiederholt):
20200918 tagesspiegel online   Nach rechtsextremen Chats bei der Polizei: Seehofer ist weiterhin gegen Rassismus-Studie: Innenminister Horst Seehofer lehnt eine Studie zum Rassismus in der Polizei weiterhin ab. Er sei davon überzeugt, „dass die überwältigende Mehrheit unserer Polizistinnen und Polizisten solche Machenschaften ablehnen“ und die Mehrheit sich zur „freiheitlich demokratischen Grundordnung“ bekennen. Nach dem Bekanntwerden rechtsextremer Chatgruppen in Nordrhein-Westfalen, bei denen 29 Polizisten strafrechtlich relevante Inhalte verschickt oder empfangen haben, wurde die Forderung nach einer neuen Studie laut. Seehofer verweist stattdessen auf einen Lagebericht des Verfassungsschutzes zu Rechtsextremismus im öffentlichen Dienst. Dieser würde Ende September vorgestellt werden und sei unabhängig der jüngsten Entwicklungen beauftragt worden. Der Koalitionspartner SPD fordert genaueres Hinschauen. Innenpolitiker Lars Castellucci betont zwar auch, dass die Mehrheit der Polizisten verfassungstreu handle, eine intensive Forschung jedoch notwendig wäre.
sueddeutsche.de, n-tv.de

Der deutsche Innenminister Seehofer verweigert erneut eine wissenschaftliche Untersuchung der rechtsradikalen Strukturen bei der Polizei. Dass es mehr als Einzelfälle sind, dass es Cluster und Netzwerke gibt, in denen sich Nazi-, AfD- und identitäre Propaganda ungehindert im Sicherheitsapparat verbreiten, wissen wir. Dass nicht alle Polizeidienststellen gleichermaßen von rechtsradikalen Ideen, Vorstellungen und Praktiken erfasst sind, ist ebenso klar. Wieweit aber das Gesamtsystem, abwärts von Seehofer und den Schreibtischtätern im Innenministerium, im Verbund mit ähnlichen Strukturen bei BND und Verfassungsschutz und Justiz, rechtsradikal anfällig bzw. bereits bestimmt ist, wissen wir nicht. Wenn der Verfassungsschutz einen Lagebericht zum Rechtsextremismus vorbereitet, dann können wir nur weitere Rückendeckung für die Rechten erwarten.

Warum lassen Merkel und Söder das zu? (abgesehen von den meist dazu sprechunfähigen Abgeordneten der Großen Koalition gibt es erstaunlich wenig Aufhebens auch bei denen, die immer und erfolgreich gegen die wieder erstarkenden rechtsradikale Politikstruktur in Deutschland aufbegehren. Merkel kann zusehen, wie Seehofer nicht nur sich, sondern die ganze alte CSU dauerhaft in Misskredit beringt. Abgesehen davon, dass der fremde Blindgänger Seehofer ohnedies erkennbar in eine Demenz ein- und absteigt. Söder kann durch Kontrast zeigen, dass er in der Tat „ganz anders“ ist.

Wenn es nur um den Geisteszustand der CSU-Politiker in Berlin ginge, also Seehofer, Scheuer, Dobrindt, Schuster – Müller nehme ich ausdrücklich aus -, dann wäre die Sache schnell abgetan: wenig intelligent, ziemlich korrupt und von einem rückständigen Demokratieverständnis. Aber die Bleiche Mutter ist aufgewacht, nicht erst bei der NRW-Polizei, auch schon in Hessen und anderswo, auch schon bei Maassen, Wendt und vielen anderen…

*

Ich bringe Seehofer und die politischen Abteilungen des BMI mit den Rechtsextremen und den Nazis in Kontext. Der Kontext weist unterschiedliche Nähe zum Gedankengut und bestimmte Analogien aus der deutschen Geschichte der Jahre VOR 1933 auf. Er sagt nicht, ich sage nicht, Seehofer sei ein Nazi. Oder alle Polizisten, die sich rechtsradikal, identitär oder bei der AfD tummeln, ebenso wenig wie das die Richter und Staatsanwälte im Schatten dieser Partei sind.

Komplizierter als diese Klarstellung ist etwas anders: wer kann, darf, soll, muss jemanden oder etwas als Nationalsozialistisch bezeichnen? Das geht nicht ohne die historische Analogie, abermals: den Kontext, und es geht die gesellschaftliche Macht und Funktion des Begriffs[1]. Aber wenn Seehofer ausdrücklich die wissenschaftliche Untersuchung ablehnt, weil die Polizei dem Generalverdacht aussetze, verdächtigt er selbst alle Polizisten und alle anderen Subjekte solcher Untersuchungen, weil kein Angehöriger der Sicherheitsdienste von den Möglichkeit rechtsradikaler Mittäterschaft entlastet werden kann. Mit Seehofers Logik schafft die unterbliebene Untersuchung staatlich dokumentierte Unschuld.

Leichtfertig jemanden einen Nazi zu heißen, ist Unfug,  weil es den Begriff und seine Bedeutungen abschleift und glättet. Bewusst jemanden in den Kontext mit den Nazis zu bringen ist eine politische Herausforderung, Personen und Personengruppen aus dem Ätherbausch staatlich verordneten Beschweigens herauszubrechen, den Kaiser ohne Kleider zu entblößen, sie vielleicht zu beleidigen, aber sie sicher zu einer Selbstgestaltung zu drängen. (Sieh da, sieh da, Timotheus /die Kranische des Ibykus). Nur in einer solchen Konfrontation kann „man“,  d.h. die Wissenschaft, die Stimmigkeit oder Vagheit des Kontexts beweisen. Um diesen Beweis geht es, und ob und wie man historische Analogien zur Überhöhung oder Verkleinerung des Vergleichsmaßstabs benutzt, hängt mehr vom Wissen, von den Tatsachen und dem Kontext als von der Intention ab. (Glaubt ihr, mir macht es Spaß, dauernd auf Seehofer herumzuhacken? Aber er provoziert das, nicht ich).

*

Allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass auch Einzelfälle, die kein erkennbares Netzwerk bilden, ein solches möglich, denkbar erscheinen lassen (NRW Minister Reul). Die Forderung nach der Untersuchung bleibt auf dem Tisch, und solange sie vom BMI verweigert wird, auch der Generalverdacht. Seehofer  mag vermindert schuldfähig zu sein, seine Heerscharen von Staatssekretären und politischen Beamten im Sicherheitsbereich sind es nicht.

*

Es gibt kein politisches System auf der Welt, in dem Generalverdachte nicht gedeihen. Manche sind verschwörungsideologisch unterfüttert, manche gehören zur Satire, die der Zensor versteht (und gehören deshalb, nach Karl Kraus, zu Recht verboten), manche sind berechtigt. Um die drei Gruppen auseinanderzuhalten, bedarf es nicht nur des gesunden Menschenverstandes, sondern der Wissenschaft (NICHT DER POLITISCHEN MEINUNG vorrangig). Hier haben Ehre, Kameradschaft, und die kontextfreie Annahme, Menschen könnten sich Unrecht beleidigt fühlen, ihre Legitimität verloren.


[1] Ich hatte schon mehrfach auf Adornos Bestimmung von Begriffen hingewiesen, die nicht einfach neutrale Bezeichnungen von etwas sind, das alle in etwa gleich kennen und verstehen. Das ist ein weites Feld, man findet sich am besten in der „Negativen Dialektik“ (1966) oder in der „Einleitung zur Soziologie“ (1968) zurecht. Man muss sich daran nicht abarbeiten, aber in unserem Zusammenhang ist klar: Nazi oder Faschismus sind nicht einfach Beschiumpfungen aus einer bestimmten Ecke „gegen Rechts“, sondern sie attackieren die geglättete Oberfläche, in der es zur politischen Korrektheit gehört, alle faktischen und konstruierten Analogien zum Nationalsozialismus als dessen „Verkleinerung“ abzulehnen. Es geht um mehr als um eine „Bezeichnung“, aber es geht nicht gleich um ein so überhöhtes Absolutes, dass damit niemand mehr etwas anfangen kann.

Elend und Überfluss

Wo immer man hinschaut, wenn man selbst im Überfluss ist, sieht man das Elend nicht, auch wenn man es weiß. Wer nur den Klassenkampf im Sinn hat, kann den Bruch zwischen Gewinnern und Verlierern meist mit einfachsten Erklärungen des Kapitalismus beschreiben und vergleichsweise einfache Rezepte zur Herstellung von Gleichheit ausgeben. Die haben selten und nicht nachhaltig gewirkt. Wer den Klassenkampf gar nicht mehr im Sinn hat und sozusagen postmodern die Auseinandersetzungen zwischen Arm und Reich auf eine naturgesetzliche oder sozialdarwinistische Ebene hebt, zerstört politische Möglichkeiten, ohne Ersatz anzubieten.

(Nichts mehr davon, lest Zizek, Piketty, oder gleich Marx und Redliche unter seinen Nachfolgern).

Mir geht’s um weniger Fundamentales.

*

Der österreichische Bundespräsident Alexander van der Bellen regt sich zu Recht darüber auf, wer ohne zu arbeiten welche Reichtümer einstreicht: Er liest, „dass…Quandt und Klatten…815 Millionen Euro allein aus ihrem Anteil am Automobilbauer BMW erhalten – für ein einziges Geschäftsjahr, wohlgemerkt“. (Van der Bellen: Die Kunst der Freiheit, Wien 2015, S.11). Das wundert uns nicht, hat aber unsere Gewöhnung längst gefunden. vdB kritisiert vor allem, dass die Lücke zwischen denen, die mit Null oder weniger anfangen und  denen, die leistungsloses Einkommen bekommen, nicht geschlossen werden kann. Das ist „eigentlich“ nicht neu. Leistungslos ist etwas anderes als Arbeitslos.

vdB geht in eine Richtung, die es heute schwerer hat als noch vor ein paar Jahren: der Puritanismus, der sich als Prüderie auswirkt, ist ja keine „zugelassene“ Form der Meinungsfreiheit, sondern eine zutiefst einschränkende und spaltende Haltung (62-67). Man mag vdBs Aussagen zu den Rauchverboten noch egoistisch nennen, aber wenn er fortschreitet über andere Suchtmerkmale zum Bodymaß für Models und Zensur von missbilligten Texten, dann sieht man eine weitere Dimension des Elends: es wird vor allem von denen etwas verboten, was die um ihrer Dogmatik selbst nicht (oder nur im Geheimen) dürfen – oft religiös verbrämt, oder – heute, 2020 – durch die Okkupation der Freiheitsrechte durch die neuen Nazis.

Wenn nun, das ist meine erste Behauptung, das „Laster“ (Verallgemeinert als das zu Recht Verbotene) den Armen zugerechnet wird, dann geschieht genau das, was zur Zeit zu befürchten ist: dass sich die indifferente Mittelschicht – scheinbar abwägend – der puritanischen Politik wenn auch mulmig doch eher unterwirft als den Freiheiten, die sie nur nicht zu gebrauchen weiß. (Einwand von Populisten: du arroganter Hund, du willst ja nur die Elite deine Freiheiten definieren lassen). Ja, ich bin arrogant in der Hinsicht, dass ich nicht-aufgeklärten Oppositionellen gegen die Grundlagen der fragilen, freien Demokratie bestimmte Auswirkungen und Handlungen ihrer Retro-Archie (hab ich grad erfunden, den Begriff gibt’s noch nicht, früher war alles besser…) oder ihrer postmodernen Prüderie (weil sie nicht X können, solls niemand dürfen).

X ist ein Begriff für alle Handlungen, die etablierte Normen überschreiten, da könnte jetzt Moralphilosophie oder einfache Systemtheorie  einspringen:  in den verschiedenen Systemen sind die gleichen Normen eben nicht dasselbe…ich lass das, machs mir einfacher.

Die Nazis & Verschwörer okkupieren erst Begriffe, dann schränken sie uns ein, und dann…lieber nicht, wir sollten gewarnt sein. Es geht beim Demonstrationsrecht eben nicht um eine Grundfreiheit. Sondern um eine Freiheit, die zum Grundrecht wird für die, die es sich leisten können…habt ihr schon Obdachlosendemonstrationen gesehen, Alkoholiker und Drogensüchtige aufbegehren; auch Flüchtlinge nehmen sich eher gewaltsame Maßnahmen als Grundrechte, wenn ihre Lage zu aussichtslos wird, und dann haben die Puritaner wieder Recht, wenn auch mit mulmigen Gefühl.

Und das hat mit den Klattens und Quandts zu tun, und allen leistungslosen Profiteuren eines Systems. Was zur „reinen“ Klassenlage dazukommt oder was den – verallgemeinert – Armen fehlt, schafft erst den gesellschaftlichen Kontext. Auch die Differenz zur selbstgewählten Bedürfnislosigkeit und Askese, die oft nur ein Ausdruck von abgelebtem Überfluss ist. Zu diesem „Dazu“ gehören Hautfarbe, oft Geschlecht, auch Ästhetik, Erziehung, Geschmack etc., und alles, was die Grundbedürfnisse übersteigt, wenn sie nicht befriedigt werden können. Und das ist der Knackpunkt: dass diese Grundbedürfnisse von denen bestimmt werden, die die Dividenden und die Lebensqualität bestimmen. (In der klassenanalytischen Sprache kommt der Pöbel, white trash, etc. nicht vor, weil seine Grundlagen nicht einfach aus Produktionsmitteln und-verhältnissen ableitbar sind, z.B. Trumpwähler im Rust-Belt oder FPÖ Hetzer vor der Karlskirche).

*

vdB in seinem obigen Kapitel zitiert den lustigen Konservativen Harald Martenstein, der eine Kreuzberger Zensurkommission aufs Korn nimmt, zu Recht 64f.). In deren Angriff auf das „anlasslose Lächeln“ sieht er Vorboten von 1984. Und van der Bellen hofft, dass sich die Intellektuellen davon nicht opportunistisch einfangen lassen.

Ich wollte immer eine Streitschrift gegen die Gefahren des Flirtverbots verfassen. Ich hoffe, ich komme noch dazu (nicht zum Flirten, sondern zur Streitschrift). Der Puritanismus nämlich beruft sich auf die leistungslose Moral derer, die sich ohnedies alles leisten können, jenseits der Reichtumsgüter.

*

vdB nimmt vorweg, was die großartige Lepore in ihrer US-Geschichte vor allem für die letzten 40 Jahre belegt (dass dieser Puritanismus WIEDER erscheint, nachdem er in den 60er und 70er Jahren wenigstens teilweise zurückgedrängt worden war; und was die Medien, Networks und die Zerstörung von Wahrheit damit zu tun haben). „Ein erfolgreicher amerikanischer Exportartikel“, sagt er. Dazu gehört auch der „Pussy Grab“ des Präsidenten, vom Pöbel als Zeichen der Freiheit und des Losgelassenwerdens akzeptiert und – stehen wir dem nicht hilflos gegenüber?

Trumps WESTENtasche

Die Konfrontation mit den Diktaturen ist unvermeidlich, vor allem mit Russland (auch mit China). Das muss weder in Krieg noch in Chaos münden, es kann,  aber auch Neuordnung und neue Ungleichgewichte sind möglich. Ich plädiere im Zweifel für die Konfrontation, weil sie den Blick in die Ursachen von Konflikten ermöglichen – und es gilt, wie anderswo auch, „In Gefahr und höchster Not / Bringt der Mittelweg den Tod“ (Alexander Kluge). Das geht nicht gegen Kompromisse, sondern gegen die Balance der Kräfte, die nur sich mühsam auf dem Hochseil stützen, damit nicht einer abstürzt und alle anderen mitreißt.

Natürlich gibt es auch die Konfrontationen der relativ Stärkeren, Gewichtigeren, wie Deutschland, gegen die Türkei, gegen Belarus, gegen Ungarn, …, und auch indirekt gegen Indien oder Brasilien. Das ist gar nicht so schlecht wie es im Einzelfall aussieht.

Mein Problem ist das fadenscheinige Kostüm des Westens, oft identifiziert mit der Dreifaltigkeit von Aufklärung + Demokratie + Multilateralismus. Das  ist rhetorisch wirksam („Wertegemeinschaft“), Wirtschaft und Militär legitimierend („Sicherheitsgemeinschaft“), und enorm selbstbezogen (Es gibt ja keinen eindeutigen Feind wie im Kalten Krieg). Betonung auf fadenscheinig. Wer definiert eigentlich die Tragbalken unseres fortschrittlichen Gebäudes, und in welcher Absicht?

Außenpolitik ist das eine; das können viele gut und hinreichend überzeugend, damit man darüber streiten oder sich einigen kann. Aber was geschieht in dieser Situation mit uns? Was bedeutet eine bestimmte Linie von Handlungen eines einzelnen Menschen für das „Welt-BILD“ von vielen, die politisch und ökonomisch stark von ihm abhängig sind?

Trump kündigt

  • Pariser Abkommen zum Klimaschutz
  • Antirassismus Aufklärung im eigenen Land
  • Mitgliedschaft an der WHO
  • Atomabkommen mit dem Iran

Trump legt unserem Land diskutierbare, aber untragbare Bürden auf; er verletzt offen die Balance, von der ich oben gesprochen habe. Er lügt und verfolgt Menschen. Er ist ein Sexist, Rassist und er untergräbt die demokratischen Institutionen, die die USA so stark und auch vorbildhaft (in Teilen nur) gemacht haben.

Werte Blog-Leser*innen: was macht das mit UNS? Nicht einfach: was bedeutet das für die globale Situation. Dass ein Verbrecher regiert, kommt vor. Dass er wichtigste politische Handlungsfelder versaut (Klima, Corona), kommt vor. Dass man drunter wegtauchen kann, wenn ein Ausblick auf ein Ende (Revolution oder Abwahl) besteht, kommt vor. Aber es gibt keinen Ausblick.

Das ist kein Pessimismus, und kein Absacken in Resignation.  Ein Vorschlag: definieren WIR einmal persönlich, was unseren WESTEN  ausmacht. Nur für uns, nicht für den großen öffentlichen Diskurs. Der Zweck ist unter anderem zu zeigen, wie stark unsere individuelle Kultur sehr viel mehr weiß über die westliche Rahmung („Framing“ im Fachjargon) und das, was mit „Westen“ gar nichts zu tun hat.

*

In einem Land, wo 25% der Menschen Migrationshintergrund haben (was nicht Seehofer, sondern die Herkunft bestimmt); in einem Land, dessen „Westbindung“ in den Nachkriegsjahren mit der jetzigen globalen Situation kaum mehr vereinbar ist; in einem Lad, das erfolgreicher als viele, aber nicht alle, multikulturelle Elemente verinnerlicht hat – und entsprechende Konfrontationen (noch) aushält; in so einem Land findet der West-Diskurs eben nicht nur am Stammtisch statt. Er dringt in unsere Lebensführung, in unseren Geschmack, in unsere kurzfristigen Ziele ein, welch letztere ja auf das Überleben im Klimakonflikt ausgerichtet sind und nicht auf Hegemonie über andere Gesellschaften.

Erste Beobachtung: wenn wir schon der Westen sind, wer sind dann die anderen: der „Osten“ ist es nicht, und Huntingtons „Clash of Civilizations“ gibt ja eine prä-Trumpistische Antwort. (Bei Trump ist wie bei Hitler: wir oder sie. Nur weiß er nicht, wer sie sind). Eine triviale, aber m.E. nicht banale Empfehlung: man kann die Beobachtung am besten durch Bildung, durch die Gewalt- und Kulturgeschichte der Eroberung der Welt erklären, und da ist der Westen entstanden, nicht aus ihm die Politik abgeleitet worden…

Zweite Beobachtung: was da, zum besten Zeitpunkt, 1776, in den USA entstanden ist, kommt von daher, und entwickelt sich von Anfang an anders als in Europa. Nicht schlimm, nur eben nicht weitgehend analog oder gar gemeinschaftlich.  Das scheint mir wichtig: dass die oft gute und wichtige Kooperation, aber auch gewaltige Konfrontation, in den Weltkriegen und nicht nur da, auf Interessen und nicht auf einem primordialen Wertekonzept beruhen, das wir anders als die Amerikaner „Westen“ nennen. Das ist die Politik-Didaktik des Durchbrechens der eigenen Tabus.

Dritte Beobachtung: „Unser“ Westen war durch Jahrhunderte auch so erfolgreich, weil er (fast) immer auch eine Komponente der ethischen Vergangenheitsbewältigung hat, bevor es an die gegenwärtigen Reformen ging. Das war in den USA anders, fast immer mehr Gegenwartsbewältigung (v.a. in 1960er Jahren). Damit waren künftige Entwicklungen leichter einzupreisen. Diese Differenz ist m.E. wichtiger als vieles andere, u.a.  die amerikanischen Modernisierungen behaupten können, sich jenseits der Geschichte zu bewegen. Und wir konnten eine Menge davon übernehmen, weil diese Modernisierungen weitgehend ohne den Ballast ihrer Geschichte bei uns ankamen.

Vierte Beobachtung: der amerikanische „Westen“ hat sich u.a. am Konflikt zwischen Freiheitsrechten und Demokratie entlang entwickelt bzw. selbst behindert. Unser „Westen“ war (und ist vielfach) der ständige Bemühen, unsere eigene Errungenschaft, den Nationalstaat, durch ein übergreifendes Konzept zu überwinden. Das kann man ganz unmittelbar in der EU am Verhältnis etwa zu Ungarn oder Polen sehen, und in vielen Fragen reicht es bis weit in den geographischen Mittelraum (Österreich!), v.a. im Kontext mit Flüchtlingen.

*

Wir haben nicht die Macht, eine Feinderklärung gegen Trump mit Gewalt auszuleben. Auf die Provokation können wir nicht verzichten.

*

Geneigte Leser*innen werden jetzt fragen, was das alles mit dem Westen zu tun hat. Meine Antwort ist: zu den vier Beobachtungen gibt es derart viel Material, Literatur und Darstellungen, dass ihr mich dazu nicht braucht.  Aber mich nervt, dass man, wenn man nicht mehr weiter weiß, immer auf das Residuum der westlichen Werte verweist, die uns immer noch mit NATO und den USA verbinden. Zum Westen, zur Aufklärung, gehört, dass man – wir – dass man von überall etwas aufnehmen oder es abwehren kann und manchmal muss. Die Abwehr ist so wichtig wie die Aufnahme. Mein Beispiel seit gestern ist Charlie Hebdo. Die Religion freigeben, die Blasphemie schützen. Das ist auch der Westen.

P.S. Doald Trump bettelt geradezu um Gewalt (Timothy Snyder). Ich geb nicht jedem Bettler was in oder auf den Hut.

Ball weg! Eigentor

VOR VIER TAGEN 30.8.2020 HABE ICH DIESEN TEXT BEGONNEN, HEUTE 2.9.2020 SETZE ICH IHN FORT

An Intelligenz und politischem Verständnis ist Kanzlerin Merkel ihrer Regierung und vielen anderen Politiker*innen weit voraus. Das kann man gerade dann sagen, wenn man von der CDU/CSU Dominanz und ihrer Umsetzung wenig hält. Und es hilft auch nicht, die Charts der Dummköpfe immer nach den letzten Ausfällen (Haseloffs Maskenverzicht im unnötigen Land Sachsen-Anhalt) neu anordnet: nach unten ist keine Grenze gesetzt.

Selbst hartnäckigen Konservativen wird klar, wie bedeutsam der institutionelle Widerstand gegen personalisierte Dummheit ist. Das wird an vielen Gerichten und Behördenentscheidungen in den USA deutlicher als bei uns, gilt aber hier auch. Umgekehrt ist die Macht der Körperkulisse durch die sozialen Medien und die digitale Entwertung von Nachrichten aus der Wirklichkeit gewachsen.

Wann immer die Grundrechte missbraucht werden, um sie einzuschränken und letztlich abzuschaffen, wird auf die grandiose Schwäche der Demokratie verwiesen, die eben dies zuließe, weil sie a) dem Volkswillen eine Grundlage gäbe und b) die, diese Freiheiten (schon, jetzt schon) leben, die Grenzen ihrer Lebenswelt aufzeigen.

Oder anders: wenn angeklagt wird, dass es die Eliten sind, die die Freiheiten vehement verteidigen, dann oft mit dem Argument, dass es nur „ihre“ Freiheiten seien, und das Volk ja ganz andere in Anspruch zu nehmen wünsche. Dass also das Recht, Rechte zu haben (Hannah Arendt), in Anspruch genommen werden kann ohne Ansehen der Resilienz eben dieses Rechts.

Es geht hier nur scheinbar um die heutige oder morgige Demonstration (also am Wochenende 30./31.8.) von Impfgegnern-Nazis-Coronaleugnern in Berlin. Zu der äußere ich mich nicht,  weil die Konfliktlinie zwischen Freiheitsrechten und Lebensschutz nicht auf der Ebene von dogmatischer Abwägung diskutiert werden sollte. Es geht um sehr viel mehr, und der kurzfristige Triumph der Verwaltungsgerichtentscheidungen ist nur ein Brandbeschleuniger einer ganz anderen Konfliktkonstellation.

Wie hier schon mehrfach angesprochen, ist in einer Republik, die demokratisch begründet wird, der Widerspruch von Freiheit und Demokratie fast strukturell angelegt („fast“ im Sinne von alternativlos). Freiheit wird gesetzt wo und indem man verhindern will, dass der Volkswille sie außer Kraft setzt.

(Vergessen wir nicht, nicht nur Hitler wurde gewählt, mehr als einmal, auch andere Diktatoren nutzen das Ergebnis von umgesetzten Freiheiten zu ihrer Abschaffung, Modi, Erdögan, Trump… Es sind Diktatoren,  die ihre Länder in Diktaturen umwandeln. Deshalb müssen wir Russland oder China mit anderen Maßstäben messen, dort werden Freiheiten nicht mehr kontrafaktisch eingesetzt).

Die USA sind ein gutes, weil lang haftendes und andauerndes Beispiel, dass die Freiheit derer, „die im Licht sind“ (Brecht), oft und zu Recht ein Vorbild für den Rest der Welt  war und ist, während die Demokratie die gleichen Freiheiten si missbraucht hat, dass Rassismus noch 160 Jahre nach der Sklaverei nicht nur Schwarze, auch andere Nicht-Weiße UND arme Weiße ständig und stark akklamiert missbraucht (ich sage bewusst Schwarze, weil sich die minoritäre Differenzierung nur zur Abschwächung des Grundtatbestandes der Diskriminierung missbrauchen lässt. In diesem Fall). Eine der heute heftigst diskutierten Konsequenzen ist der wissenschaftliche, philosophische, alltagsverständliche Zweifel an den Formen der Demokratie, die bei uns dominieren.

„Demokratie herrscht nicht“, hatte mein Freund Erich Fried formuliert. Ich glaube heute, dass er das damit meinte.

Bei allen diskutierten Krisen und Ausnahmezuständen besteht ein selten ausgesprochenes, aber latent nachweisbares Bedürfnis nach autoritären und effektiven Konfliktlösungen. (Gerade bei denen, die die Freiheiten nicht Einzelfall-bezogen hochhalten). Wer sich dem entgegenstellt, ist schon im Lager der Populisten, bevor er oder sie noch populistische Positionen beziehen, aber das kommt als Folge ihrer Zuordnung nicht selten als nächster Schritt).

Der Ausweg ist paradox. Zum einen muss – nicht soll oder kann – man die Feinde der Demokratie nur damit zur Konfrontation bringen, dass man sie an den „Runden Tisch“ setzt, wo die heilige formale Gleichheit ihnen Gelegenheit gibt, sich der Freiheit zu unterwerfen oder sich auszugrenzen. Das hat nicht nur 1989 erfolgreich geholfen, auch eine Zeitlang gehalten. Zum andern aber muss man die „im Dunkeln“ (Vorsicht: oft nennt man die Falschen dann Pöbel oder White Trash) ans Licht holen, d.h. den Regeln der Demokratie, die noch nicht Ende ist, unterwerfen. Oder, Fried weiterentwickelnd, sie zur Demokratie anherrschen… Es geht dabei nicht um die Nazis von der AfD und die Verschwörungstheoretiker und die Stammtischdiktatoren der abgehängten Provinz. Es geht um die Armen und kulturell Deklassierten, die auch bei Nazis, Verschwörung und Stammtisch Zuflucht suchen, weil sie ausgegrenzt werden.

(Das ist nicht abstrakt. Wer hat die Dörfer Brandenburgs ihrer Einkaufsläden, Kinos, Kirchen und Gaststätten beraubt, wer hat die Sklavenarbeit in der Landwirtschaft staatlich begünstigt, wer hat den Artikel 14 des Grundgesetzes zur Lachnummer degradiert…? Nicht zuletzt die, die sich auf ihre Regeln der Demokratie berufen. Minimundus legale). Es sind die unzureichenden Sozialsysteme, die die Abgehängten in die Arme der Extremisten oder Idioten treiben, und es ist nicht Religion oder Weltanschauung.  Dumm wird man durch ein schlechtes Bildungssystem – das Deutschland auszeichnet, aber radikal wird man durch mangelnde Solidarität – hier findet eine Konfrontation statt, in der noch die Solidarischen die Mehrheit haben, deren Demokratie aber gefährdet ist.

Ich will nicht vom stillen Schreibtisch zum Widerstand aufrufen. Aber der beginnt mit der Demokratie, die wir haben – und da kann jede/r praktisch werden.

P.S. die Freude bei der AfD ist verständlich. Die Nazis haben das Ganze schon gekapert, bevor die Verschwörungsgläubigen das Wort „Grundrechte“ auch nur buchstabieren konnten.

2. September 2020 – die Kriegsgedenktage sind vorbei, der Reichstag ist wieder ohne schwarzweissrote und amerikanische Flaggen gut sichtbar:

»Ein Faschist, der nichts ist als ein Faschist, ist ein Faschist. Ein Antifaschist, der nichts ist als ein Antifaschist, ist kein Antifaschist.« Das sagt Erich Fried, kein Gedicht, ein hinkender Aphorismus, so wie alles, was in diesem Kontext heute hinkt.

Michael Ballweg, Sprecher von Q711, bislang Zentrum Stuttgart, Organisator und Hauptinterpret der Corona-Demos, gibt heute ein großes Interview im DLF (7.10-7.30). Ausführlich beschwichtigt er jeden Verdacht einer inneren und funktionalen Verbindung zu den Nazis, Reichskriegsflaggen, Verschwörungsagenten usw., – nein, dem sanften Rhetoriker geht es nur um eine Reform des an Corona versagenden Gesundheitswesens. Ballweg ist kein Nazi. Eigentlich ist kein Nazi. Vor 1933 ist es schwierig, eigentliche Nazis zu identifizieren außerhalb der Parteigliederungen und Schlägertrupps. Dadurch wird aus Ballweg auch kein Nazi. Eher einer, der sich durch Dabeisein, nicht durch Dazugehören, schuldig macht, wie Steinmeier, der Bundespräsident, argumentiert. Eigentlich lässt er nur zu, dass mögliche (oder richtige oder kritische) Argumente gegen die CoVid Politik der Regierung, der Medien, der 85% zustimmenden Bevölkerungen nicht mehr ohne den Basso continuo der Nazis  und Identitären so einfach gebraucht werden können.

Nimmt man Duktus und Form dieses Interviews ernst, ist das Sprachspiel „Ball weg!“ angebracht. Ballweg schießt ein Eigentor, weil er mit dieser Form der Distanzierung von rechts  nichts bewirkt als ein Aufmarschgebiet der Rechten von „Gemäßigten“ zu säubern, und sozusagen ein Glacis zu schaffen, von dem aus man dann Seit and Seit angeblich für die Grundrechte und gegen die staatlichen Diktate eintreten kann. Hier tritt der „Jargon der Eigentlichkeit“ in seine Domäne (T.W. Adorno, Ffm. 1964).

Wenn der Ballweg „Grundrechte“ sagt, oder tags zuvor in den Nachrichten die Frau von Storch, dann wird der Begriff ausgehebelt, er tritt in seiner Auslegung nicht mehr gegen seine Bedeutung (weil kein Mensch jemals den Zusammenhang zwischen Mundschutz und Freiheit in Zeiten des Virus hat auch nur abstrakt, geschweige denn praktisch herstellen können).

*

Schon hat Trump halb gesiegt: das Virus tötet – natürlich, das IST die Natur nicht nur der USA – mehr Arme, Schwarze, Abgehängte und Demokraten als den weiße Gewaltpöbel des Präsidenten. Nicht viel anders in Brasilien. Und es wird, bei Fortbestehen der Gefahr und Zweitinfektionen bei geöffneten Schulen und Werkhallen, analog so bei uns sein. Die medizinischen und die sozialhistorischen Seuchenanalysen lassen diesen Schluß ohne weiteres zu.

*

Um uns dem Jargon der Eigentlichkeit zu entziehen, müssen wir auch selbstkritisch und kritisch mit unserem Vokabular und dem Pathos gegen rechts umgehen. Das heißt zum einen, deutlich zu werden, wenn es um Sterben und Langzeitfolgen der Infektion geht, nicht um den Tod, den wir besser im Griff haben als unsere Nachbarn und Konkurrenten. Der Tod ist heroisch, pathetisch, statistisch. Das Sterben im Koma, mit dem Schlauch im Bauch, ist scheusslich, für alle. Das heißt zum andern, nicht herumzureden: Nazis sind Nazis, nicht ein paar verirrte Rechtsnationale oder verirrte Spinner.

Seit‘ and Seit‘ mit den Nazis spielt den Ball weg ins Spielfeld des Feindes. Die Feinderklärung ist objektiv, nicht nur von den paar Hundert auf den Reichstagsstufen. Es gibt aber kein Grundrecht auf Feindschaft.

Damit will ich sagen, dass das dauernde Beschwören des Rechts auf Meinungsäußerung mit dem Hinweis, ABER NICHT SO, die falsche Figur ist. Es bietet den Gegnern der Demokratie und den Verrückten gleichermaßen die unschlagbare Waffe des Grundrechtsbesitzes, während wir sie in jedem Fall immer neu herstellen müssen, die Grund- und Menschenrechte.

Nachkrieg ist Vorkrieg

Die Igel und die Bäume sterben an der Trockenheit – bei uns. Wascht wenigstens eure Autos. Man hat die Hiobsbotschaften und Szenarien des Untergangs satt. Alle gehen wieder arbeiten, die Monatslöhne werden wieder überwiesen und das Kurzarbeitergeld aufgestockt, die Kondensstreifen nehmen wieder und am diktatorischen Strand von Antalya wie am Ballermann entlädt sich die Volksseele.

Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist. (Die Fledermaus)

Die coronare Sterberate ist doch mit der Pest des Mittelalters so wenig zu vergleichen wie mit dem HIV Ausbruch Ende der 70er, und überhaupt, es muss doch weitergehen. Das Volk will seine Seele zurück, wer am Straßenrand zurückbleibt, hat es entweder nicht besser verdient oder ist selber Schuld. Währenddessen widmet sich die Politik ihren  Hausaufgaben (z.B. Wahlrechtsreform, äh, wisst ihr, worum es da geht: dass die Zahl der unbeschäftigten Bundestagsmitglieder reduziert wird, dass also weniger, dafür aktivere übrigbleiben), oder dem Dilemma im Umgang mit Russland (man möchte ja Nordstream, aber nicht Nawalny), oder endlich einmal Außenpolitik machen, mit wem auch immer.

Eigentlich ist doch alles nicht so schlimm.

Wenn doch die Diktatoren und ihre Aftermieter auch zu dieser Einsicht kämmen, schlaraffig setzt sich das Immergleich fort bis in eine Unendlichkeit, wo man sich wieder des kühlen Klimas abgeschmolzener Gletscher erfreuen kann, sollen doch die nächsten Generationen Ananas an den Polkappen bauen. 

Die Verblödung der Spezies wird wahlweise den sozialen Medien, der Überbevölkerung, dem zu vielen Fressen und Saufen oder der mangelnden Bildung derer zugeschrieben, die über die Zeitläufte nachzudenken die Zeit und die Muße haben. Und so klug in Einzelgesprächen und Kultursendungen eine Erklärung gegeben wird – philosophisch, psychologisch, zeitdiagnostisch – so wenig nähert sich solche Einsicht dem wirklichen Eindringen in eine Endzeitkulisse, in der „es sich halt so weiter lebt“.

Aber es lebt sich nicht.

************************************************************************

Ich lebe, andere leben. Noch – das ist nicht trivial. Lest „finis terrae“ immer einmal nach. Noch leben wir, und es geht nicht darum, unseren Mitmenschen eine schlechte Unendlichkeit zu vermitteln, sondern unsere sehr begrenzte Zeit auszudehnen, für unsere Kinder, Enkel, oder „nur so“,wäre ja schön, wenn dieser Erde länger so bliebe; verglichen mit den Staubsternen ist sie doch ganz gut, auch ohne uns.

Leider geht das nicht einfach mit gutem Willen und Herzenswärme. Ein wenig nachdenken muss man schon, und dann wird es Politik, nicht Meinung. Und da wird es düster, jetzt 2020…

Wer glaubt, hier setzt sich eine Fastenpredigt fort, irrt.

Die Gesellschaft, unsere deutsche Gesellschaft, verhält sich wie im Taumel des WIEDERAUFBAUS nach der Zerstörung durch den Krieg, es wird eine Zukunft um den Preis der kollektiven Verdrängung von (jüngster und weiter zurückreichender) Vergangenheit anvisiert.

Ich zitiere eine längere Passage des wohl besten deutschen Nachkriegsautors, W.G.Sebald:

(Ein bestimmtes Bewusstsein) „…erweist sich bei näherer Betrachtung als ein auf die individuelle und kollektive Amnesie bereits eingestimmtes, wahrscheinlich von vor bewussten Prozessen der Selbstzensur gesteuertes Instrument zur Verschleierung einer auf keinen Begriff mehr zu bringenden Welt“ (W.G.Sebald: Luftkrieg und Literatur, München 1999, S. 18).

Ja, ich vergleiche die Coronazeit mit dem Nachkrieg. Alles redet, manches handelt von der „Rückkehr zur Normalität“, der Wiederankurbelung der Wirtschaft, dem Einfinden des individuellen Ich in eine Gemeinschaft, die vor allem durch ein Tabu gegenüber der jüngsten Vergangenheit gekennzeichnet ist. (Wenn eintritt, was man erhofft, wird man stolz auf die Leistungen verweisen, die das Leben nach der Pandemie so viel schöner darstellen als es vorher gewesen war). Nur, wie war das Leben vor der Pandemie?

In dieser geschichtslos herbei zu regierenden Zukunft sind sich alle einig, während sie sonst vor den Diktatoren und alternativlosen Strukturen kuschen und kriechen. Wird der Klimawandel wirklich bei sinkenden Infektionszahlen politisch ernst genommen? Verweigern wir uns den Sanktionen i-m Innern und Äußeren nur deshalb, weil wir zu schwach und zu konfliktscheu uns selbst gegenüber sind? Klar, wenn wir uns darauf einlassen, jetzt zu handeln, kann das nicht in der Zukunft beginnen, wenn das BIP wieder den Stand von 2019 erreicht hat.

Wir können uns nicht damit zu begnügen zu erkunden, woher das Virus diesmal kommt und wer anfangs an seiner Verbreitung „schuld“ war. Das ist auch typisch Nachkrieg. Es wäre angezeigt zu bedenken, was es mit uns und wir mit der Situation gemacht haben, nachdem wir das immer nur zwischenzeitliche Ergebnis wahrgenommen haben.

Das Decamerone des Boccaccio (ca. 1340) zeigt, wie man die Zeitläufte kritisch reflektiert, gerade wenn man sich gegen die Regeln des Zusammenlebens vor der Seuche wendet; die Erzählungen sind ja Zeitdiagnose und -kritik, nicht Zukunftsvision. 1945 und danach war so eine privilegierte Flucht ins befreite Refugium der Reflexion und der Lust am Leben nicht mehr so einfach. Da verdrängte der Drang zur Wiederherstellung die Herstellung einer besseren Welt.

Auch die Aussage, nach Corona wird es nie mehr so wie vorher, ist unsinnig, weil es ein „nach Corona“ so wenig geben wird wie ein „nach der Pest, nach HIV, nach Fukushioma, etc…“. Ja, nach dem Erdbeben kann ich aufräumen, wieder und besser aufbauen. Da muss es sich aber reflektieren lassen, das Erdbeben, ich baue gegen die Geschichte auf, darum muss ich sie kennen, und dazu auch mich.

Finis terrae XXXVIII

Prag vor 52 Jahren, vor einem Lebensalter.  Hans Meissner, mein Lehrer und Mentor, später Freund,  hat immerhin noch 40 Jahre weiter erlebt. Er war mit mir in Prag, wir haben die Rückkehr der Regierung aus der Zukunft in die stalinistische Vergangenheit drei Tage vor dem sowjetischen Einmarsch erlebt.

Nichts geht mehr, es ist nicht die Wiederkehr des Gleichen, sondern die Beständigkeit eines sich ständig verändernden Reagenzglases, das seine Form mit dem Chaos im Inneren leicht mit verändert, aber weder zerbricht, noch grössere Risse zeigt. Die Wiederkehr der Sklaverei ist keine, sie war nie weg; die Wiederkehr der „unmittelbaren Herrschaft“ ist keine, der Pöbel war immer da, wie ein schlafender, oder manchmal blinzelnder Drache; nur der Fortschritt der Kritik ist wahrscheinlich in dem Maß deutbar, in dem das Reagenzglas des Erdplaneten Alterserscheinungen zeigt. Ich ertrage nicht, wenn man diesem eine optimistischere Deutung abverlangt, weil es darum gar nicht geht. (Sie kommt aus der –> Hysteresis, einer Zeit, in der wir noch an einen bestimmten Fortschritt gegen die irrationale Reaktion zu glauben vermochten; jetzt ist es der Welt, dem Klima, schon ziemlich egal, ob wir unsern Habitus ändern wollen, weil es immer schwieriger wird, es zu tun.  Vor allem muss man infrage stellen, ob das WIR die Gleichung = Menschheit erträgt, oder ob wir wie die Splitter der Schneekönigin einzeln vergehen, weil das Kollektiv nicht reparierbar ist.

Das ist kein Widerruf der Politik und Handlungsanleitung zur Hoffnung, aber eine grausame Bestätigung, dass Hoffnung nicht Zuversicht sei und sein könne, und statistisch, ‚positiv‘, haben wir schon verloren. Und wir haben die Möglichkeit, Macht auszuüben und gute Politik zu machen, an die abgegeben, die immer mit Gewalt die Unwahrheit durchsetzen wollen, nicht einfach über fake news, sondern mit dem unsinnigen Glauben, einen so genannten Gott auf ihrer Seite zu haben, der in ihre irdische Gewalt nicht eingreift, aber vorauseilend schon die Richtigen bestrafen lässt….ob evangelikal oder nationalistisch, ob unaufgeklärt-libertär oder mit dem Kadavergehorsam, denen Denkverbote noch die bessere Alternative erscheinen – egal. Wenigstens zum guten Teil haben wir diese Macht abgegeben.

Warum das so ist zu erklären, ist meine Sache nicht (dazu habe ich weder Lebenszeit noch richtig Lust, etliche philosophische und andere aufgeweckte Geister können hier Lorbeer erwerben).

Wozu noch weiter Politik machen und Widerstand leisten?, schon eher. Das Gedankenexperiment fragt, ob Resignation ein Instrument zur Unterwerfung der Menschen unter die angewendete Gewalt sein kann; also ob das Wegducken die Leidenszeit unter den Schlägen des Regimes bzw. der Systemkomponenten verkürzt. Ob wir wollen oder nicht, wir landen immer beim Camus’schen Sisyphos, mit der Ausnahme, dass wir uns nicht als glückliche Menschen selbst vorzustellen brauchen oder vermögen. Wir wollen nicht, klar. 

Jeden Morgen, beim Einschalten meines PC Netzwerks, sehe ich ca. 20 Nachrichtenblöcke, die fast ausnahmslos in diese Richtung gehen: da, hier, dort muss etwas geschehen, wir wissen in welche Richtung, wir wissen, was man dazu braucht…dass etwas geschehen muss, ist eine Art Abwälzen auf ein unbestimmtes „Man“, das handeln soll. Wenn es uns einbezieht, wird es politisch,  risikoreich, prekär. Die Wiener Dialektik steht gegen Hegel: Es muss etwas geschehen – da kannst eh nichts machen.

Wir können und sollen keine Attentate auf alle die machen, die „weg müssen“; diese Erkenntnis ist einfach (sie trennt Leidenschaften von Interessen, wie Hirschman gesagt hätte). Die Personalisierung von schlechten Systemen ist zwar oft eskalierend, aber sie ändert am System nichts grundsätzliches. Und der Freund, der mich am Vergleich von Seehofer mit  Globke gehindert hat, verstärkt das mit dem Hinweis, dass und wie Institutionen jenseits der Person ein System stützen oder stürzen können, das Oberste Gericht in Polen oder die Post in den USA). Wie man die Driver wegbekommt, ist eine Frage der Politik und des Zusammenwirkens, nicht des Helden.

Wir können und sollen nicht alles verbieten, wovon wir wissen, dass es uns schadet, von lauten Motorrädern bis zu Sojaimporten aus dem Amazonasbecken. Aber welche Verbote wir erzwingen müssen, ist Teil der Politik, die nur durch öffentliche Auseinandersetzung Profil gewinnen kann. Meinungen sind nur ein kleiner Teil der Freiheit (an die leugnenden Shoah-, Corona- und Impftrottel gewandt)

So wichtig es ist, Verantwortliche für Teile der jetzigen Situation ausfindig zu machen, sozusagen diejenigen, die die Eissplitter der Schneekönigin verbreiten oder weiter abkühlen, so unsinnig ist es, eine Hierarchie der Schuldigen zum Maßstab allen Handelns zu machen. Wer ist schlimmer, Trump oder Xi oder Putin, oder…wen bekämpft man zuerst, Orban oder Erdögan oder Kaczynski oder den NSU-lastigen Verfassungsschutz….? Das ist falsch gedacht, denn diese Aushängeschilder der Fehlentwicklung, widerlich allesamt, sind meist nur die Charaktermasken, die getragen werden von dem, was bisweilen als Pöbel, als white trash, als dumpfe Volksmasse, als IS, … erscheint, aber im konkreten Fall immer von dem mit bestimmt ist, wo sich Einzelne im obigen Reagenzglas gerade befinden. Nur sind die gewalttätigen Herrscher bisweilen so über-mächtig, dass ihnen die Zuckungen der Plebs egal sein können und sie immer neue Nahrung in ihrer Rhetorik gegen die Eliten finden; jener Eliten, die nicht selten Aufklärung und Vernunft gegen formale Demokratie setzen.

(Das ist ein Widerspruch, den es in den USA nach 1776 50 Jahre lang gegeben hat, bevor diese Gegnerschaft umgekippt war; es gibt ihn in allen demokratischen Republiken bis heute, was ja einige zu Populismus von links=demokratischer Seite rufen lässt). Demokratie gegen Vernunft hat schon einige seltsame „Repräsentanten“ wählen lassen.

Was also tun? Denkt an Sisyphos. Man muss nicht glücklich sein, um das Richtige auch konsequent zu tun.

*

Warum mich das umtreibt? Viele Bücher und Stellungnahmen namhafter Wissenschaftler*innen geben oft überzeugende idealtypische Lösungen vor, von denen man begeistert sein kann, bis ihnen vergleichbare Lösungen für Probleme in anderen Systemen in die Quere kommen. Beispiel: vegane Küche im großen Stil, mit Soja aus kolonial angebauten Sklavenbetrieben als Kompensation für unterlassenes Fleisch; Beispiel: Home Office in all seinen widersprüchlichen Komponenten; Beispiel: die unaufschiebbare Klimapolitik, die immer wieder unterbrochen wird durch den Terror der Aktualität (Améry) unmittelbarer Probleme (Corona, aber auch Wirtschaftskrisen). Beispiel: der oben genannte Verfassungsschutz, der den Rechten Vorschub keistet, uns rund um die Uhr überwacht, und auch fremde Hacker von unseren Iphones fernhält. Und ich versuche, diese Ratgeber auf hohem Niveau zu vereinbaren, zu verdauen, und erzeuge doch nur Paraphrasen ihrer Konzepte.

Die Alternative ist die geheuchelte verständnisvolle Analyse, die nie zur Praxis kommt, und deshalb immer alles „ganzheitlich“ auffassen kann, wobei ganzheitlich das Gegenteil eines idealtypischen Konzepts ist, weil es alle Gegensätze und Widersprüche mit einer Vorstellung zuklebt, die ungefähr so realistisch wie die ursprünglichen Schöpfungsmythen ist. (Dann greift man zur Religion, die Ganzheitlichkeit simuliert, indem sie die Dogmen auf den Ganzen Gott projiziert, den wir eben nie ganz begreifen werden, und uns deshalb dem Glaubensdogmatismus unterwerfen).

Ein wenig war das die Diskussion um und in Prag im August 1968 und danach bei uns. In Prag haben die Demokraten und die  Aufklärer gehandelt, haben ihre Differenzen im politischen Handeln aufgehoben, – und sind von den dummen Kommunisten entsetzlich verprügelt worden, mit Narben bis heute. Die meisten von denen, die ich damals kannte, vor allem im Neuen Forum Wien, leben nicht mehr. Der Kampf gegen die Erinnerung ist in allen Gesellschaften nicht einfach ein Geschäft der Postmoderne, sondern eine fatale Politik, mit dem „Here and Now“ nicht nur Vergangenheit, sondern auch Zukunft auszublenden (Klimawandel, Leben der nächsten Generationen“. Now here = nowhere, ein alter Kalauer mit größerer Wirkung (William Morris 1890; Brigitte Wormbs 1977).

Die duckmäuserische Unmoral der deutschen Sucht nach Unterwerfung, wenn man nicht gerade diktiert, ist in diesen Tagen ein Zeichen für diese Zukunftslosigkeit der eigenen Weltbetrachtung. Wenn ich dem die Erinnerung, zum Beispiel an Prag 1968, entgegenstelle, dann fordere ich zum handeln auf, was auch darin besteht, andere vom Handeln zu überzeugen.

(Nur keine Rezepte, denn die gibt es ja schon; sie zu begründen, sozusagen auszuprobieren, ist die Küche des politischen Widerstands).