Das Lächerliche und das Grandiose

Natürlich wirkt die Hingabe von Brot und Spielen nach wie vor, wie im Römischen Reich. Die Hochzeit von Taylor Swift mit tausend (1000) Gästen sticht den Abschluss der US 250-Jahrfeier aus, und leider sehe ich im Trumpjubiläum eher das Lächerliche, und bei Taylor Swift das Grandiose. Aber deas bin ja nur ich, und brauche Brot uns Spiele nicht, darf den Gauner Infantino mit seinem Trump-hörigen Betrug an der roten Karte so bezeichnen und mich den wichtigeren Ereignissen der Weltgeschichte zuwenden.

Ich gebe zu: das ist die Arroganz derer, die Brot und Spiele nicht brauchen und sie auch nur distanziert kommentieren können. Und sage nicht: na und? sondern schau mir die Weltnachrichten, global und lokal, genauer an. Da spielen bei de Ereignisse kaum eine Rolle. Trump spaltet sein Land weiter, und es wird nicht zusammenwachsen, weil die laufenden Weltkriege schon keine Einigkeit herstellen. Wenn man sich, zu Recht, von den iranischen Diktatoren wegwendet, dann kann man doch den amerikanisch-israelischen Angriff nicht gtutheissen, zumal ja die USA den Iran vor mehr als 70 (!) Jahren so mitbegründet hatten und Israel meint, nicht verhandeln zu brauchen, um das Kriegsmoment des Iran zu reduzieren. Ich erinnere mich an die Schah- und Soraya-Feiern der europäischen Kultur, die lächerlich und pathetisch zugleich waren (ungute Erinnerungen an die W§ahrnehmung innerhalb von Bekannten usw.), und unseren Widerstand anheizten, der sich nach dem Übergang spätestens bei Chomenei wieder aufbaute. Die Erdöl getränkten Konflikte der beteiligten Staaten sind eben auch beides, lächerlich und pathetisch. (Für mich sind sie auch Keimzellen des Dritten Weltkriegs, der wird nur „anders“ verlaufen als WK I und WK II, aber er zeichnet sich ab). Israel wird auch lange Zeit nicht mehr so sein wie vorher, und dieses Vorher wird ein kritischer Maßstab zu sein haben; naja, das ist nur der Vorhof zur Beachtung von Trumps Zerstörung von Demokratie und Kultur, gestern noch besänftigt durch Brot und Spiele, heute wieder totalitär und asozial. Demokratie UND Kultur, wie überall, nicht zu trennen, wenn es für die und mit den Menschen weiter gehen soll. Im Dreieck mit der Natur& Umwelt können nur Kultur und Soziales die Demokratie und die Wirtschaft gestalten, nicht umgekehrt (wie die deutsche Regierung täglich predigt). Der Kampf gegen die Kultur sieht lächerlich aus, ist nicht pathetisch, sondern innerhalb der kapitalistischen Begradigung „normal“ (Gestern Weidel und Konsorten, die sind ja medial „normal“ geworden, doch grandios, doch lächerlich, und brandgefährlich). Das alles hängt konkret zusammen, und dagegen wenden sich Brot&Spiel -Politiker. Für alle diese sind Brot&Spiele „normal“, und deshalb dürfen sie es für uns nicht sein. Was folgt daraus, wie soll der Widerstand gestaltet werden? Natürlich nicht auf der Bühne, sondern im Leben, im Alltag. Dann wird sich zeigen, dass der Widerstand gegen Brot und Spiele, sei er auch lächerlich, sei er…pathetisch, das müssen wir tragen, dass dieser Widerstand nicht einfach den Führern gilt, sondern auch ihren Wählerinnen und Wählern, und das heißt Vor Ort, lokal, alltäglich und selbst glaubwürdig. Also müssen wir gegen die Radikalen, auch gegen Faschisten und Mitläufer, die NORMALITÄT wieder für uns herstellen, und nicht aus der Ausnahmesituation den normalen Entwicklungen der Rechten machtlos zuschauen. Dazu rücken Unterschiede zwischen den Bündnispartnern ein wenig in den Hintergrund, das ist nicht lächerlich.

Lest noch einmal oben. Taylor Swift vs. Trump. Nicht dass, sondern WIE wir aufmerksam werden, darauf kommt es auch an.

Deutsches Türkeibündnis

Viele NATO Mitglieder kriechen den Diktatoren oder Demokratiefeinden in den Trump (oder bisweilen Putin), nur damit das Bündnis erhalten bleibt. Von den nichtdemokratischen NATO Mitgliedern ist die Türkei die stärkste Diktatur, aber natürlich gibt es kaum Kritik am Urlaubsland, denn die Türken verteidigen ja die Freiheit, der USA, Europas etc. Jetzt wird man sich dort treffen und seit Tagen demonstriert der türkische Diktator, wie man so ein Treffen zum Vernichten seiner innenpolitischen Gegner benutzen kann, auch heute news.ORF.at.

Das kann man jeden Tag nachlesen und seit mehreren Jahren hilft der Westen, die NATO und Teile der EU dem türkischen Diktator. Was man meistens nicht weiß oder verdrängt, Deutschland hat vor Jahrzehnten mit-verhindert, dass die Türkei Mitglied der EU wurde. Vgl. kursorisch Beitrittsverhandlungen der Türkei mit der Europäischen Union – Wikipedia, aber die Details sind natürlich wichtig.

Es gibt in der EU auch Faschisten. Aber es ist etwas besonderes, die wichtige militärische und politische Macht Türkei fast zur Gegnerschaft gedrängt zu haben und sich doch mit ihr zu verbinden. „Wir“ kämpfen ja nicht dort und so.

Nun kann ich viele ähnliche Beispiele, aber kein so großes und schwergewichtiges, nennen. Was mir zuwider ist, wie wenig die deutsche Außen- und Verteidigungpolitik unsere anfängliche Abneigungen gegen offiziellen Aufnahmepartner reflektiert und sich über den politischen und kulturellen Hintergrund ehrlich macht.

Sprich Gegen-Sätze

Ich könnte ausflippen. Die neoliberale, unternehmer-orientierte, asoziale Politik, vor allem der minderheitlichen neuen Faschisten in der CSU, obwohl manche von denen nur wirklich blöd sind, o,8, wie ich sage, geht es hier nicht um eine faschistische Regierung, vielmehr um die kaum mehr erwartete Normalitäterä einer konservativen Regierung mit einem unappetitlichen rechten Rand. Währenddessen ranzt sich Wagenknecht an die Weidel ran, was echte Faschisten nicht so gern akzeptieren, aber vielleicht wird sie, die Weidel, es brauchen. Nein, dass die CSU, die CDU überwiegend und die SPD Spitze, gegen die Faschisten von der AfD sind, ist taktisch, um Atem zu holen gegen den kaum mehr verhüllten Retrokapitalismus. Sagt nur niemand so. Und ich werde einmal versuchen, den Begriff Faschismus in den Hintergrund zu rücken, denn darüber zu räsonnieren, ist ja nicht unmittelbar politisch.

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Worüber soll man schreiben, wenn die Hitze gerade vorüber ist, die Fußballer abgemeiert zu Hause sind und die Regierung die schlechte Unendlichkeit der Selbstminimierung weiter betreibt? Es bleiben einem doch etliche Felder, Kultur, Wetter, Umwelt, aber vor allem die Anknüpfung an Dialog, an „Kommunikation„. Und über diese Felder gehe ich ganz gerne, anstatt Ihnen, werte LeserInnen, klar zu machen, wie Hormus und der Aktienkurs und der VW Abbau zusammenhängen.

Im Frühsommer schlittert unser Land in eine fatale Nähe der extrem normalisierten AfD. So konzentriert sind die Meinungen dazu, dass die Umwelt gar nicht mehr vorkommt, deren Handhabung ja von den Rechten und denn Wachstumsfetischisten und Ökonomieschwurblern gar nicht mehr ernst genommen wird. Obwohl Felsbrüche, Steinlawinen, Gletscherbrüche in den Alpen auch normal geworden sind. So einfach sind etliche Aufstiege nicht mehr zu bewältigen, was im Übrigen mich und uns auch belastet, einschließlich der Erfahrung, welchen Pfad man plötzlich nicht mehr steigen kann und darf. Das bedeutet natürlich für die Umweltfeinde, die sich als Politikprofis verkleiden, dass sie auch für eine andere Art der „Kultur“ stehen, eine, die scheinbar geschmackvoll die Massen anzieht, aber weder sättigt noch wirklich schmeckt. Das Verhältnis von Kultur und Umwelt ist ja komplex zerbrochen, weil es nie bruchlos zusammen war: das hat unsere Beziehung zu Kultur in der Natur und natürlicher Kultur ja geprägt, und da sperren sich die Konservativen und die rechten Retros dagegen, weil sie den Raum der Entwicklung von kritischer Kultur einengen (müssen), und wir ihn erweitern (wollen), damit auch neues und unerwartetes seine Plätze bekommt. Wir wollen ja auch überrascht und nicht nur bestätigt werden.

Das klingt ein wenig abstrakt, ich weiß. Aber wenn man die Auswirkungen der neoliberalen Ökodiktatur vorwegnimmt, ist das nicht so weit weg von der Wirklichkeit. Ein Beispiel, als Vergleich. In der Natur kennen die jungen Menschen bestimmte Tiere und Pflanzen und Erscheinungen nicht mehr, sie werden im Alltag nicht mehr erwähnt, und dass ihr Fehlen glyphosatisch ist, kann sie ja nicht beschreiben. In der Kultur ist das gewaltsame Ausblenden des unabgeschlossenen, produktiven und noch nicht festgelegten Rahmens so ähnlich, wenn wir nicht mehr die Freiheit haben, uns auch mit dem noch nicht gelungenen Experiment zu befassen, weil wir auf dem Sockel der festgezurrten Herrschaft stehen müssen. Sagt jemand: aber das muss ja nicht so kommen. Sage ich: aber wenn es kommt, ist es zu spät, und überall wird an der Kultur gekürzt, weil das 0, 8 Hirn gar nicht anders kann als die Kultur zu ignorieren, wenn sie ja kritisch sein kann. Täuscht euch nicht über die nicht nur rechtsradikalen, auch dogmatischen, religiösen, auch linken Eingriffe in die nach vornehin – zukünftig – offene Kultur. Täuscht euch nicht über die nicht nur rechtsradikalen, auch dogmatischen, religiösen, auch linken Eingriffe in die nach vornehin – zukünftig – offene Kultur.

Die neue

Erschöpfung, kreativ

Man schreibt immer immer über das Gleiche, sechs oder sieben Themen, die sich abwechseln, einmal in der Reihe, einmal durcheinander, und wer die Blogs regelmäßig liest, fragt sich, warum ich nicht mehr Variationen einbringe. Falsch. Es sind mehr Themen, viel mehr, aber sie laufen zusammen, das ist die Wirklichkeit, über die ich blogge…Aber wenn ich über Israel und Palästina und das Judentum schreibe, oder wenn ich Korruption und Fahrlässigkeit kritisiere, oder wenn es um Umwelt geht, dann ist auch für mich spannend, wie die kleinen und kleinsten Variationen der Interpretation sich darstellen, wenn die schlechte Unendlichkeit der dauernd, übermäßigen Wiederholung sich schon kaum mehr lesen lässt. Schlechte Unendlichkeit, das ist die Gegenwart der Menschen ohne Hoffnung, ohne Zukunft, manchmal der Faschisten, oft der oberflächlichen Dünnköpfe. Sich da heraus zu begeben, ist mühsam, und ehrlich: ich bin zunehmend erschöpft. Weil es nicht darum geht, dass mir zu Trump oder Putin oder zum Klima nicht noch etwas einfällt, sondern was es ist, das euch Leserinnen und Leser aufweckt, animiert oder bewegt.

Zu vielen dieser Statements gehört auch, dass ich, wenn sie das erste Mal als veröffentlichten Blog selbst lese, sofort weitere Gedanken, Veränderungen, auch Kritik und Verbesserungen andenke, und bisweilen auch eintrage, aber meist schon am nächsten Schritt, also Blog lande. Und da komme ich zu meiner Erschöpfung. Die langweilige dauernde wiederholte fast schon wiederholte Einsicht in weltpolitische oder lokale Wirklichkeiten, die ja immer mehr sind als Ereignisse, erschöpfen – und machen das Paradox der schöpferischen Weiterentwicklung. Einschließlich einmal längere Zeit über bestimmte Personen oder Ereignisse NICHTS zu schreiben, sollen sie noch so am Tagesablauf brennen: der Tagesablauf ist eben oft schlechte Unendlichkeit. Anders gesagt: was fällt mir zu Putin oder Trump oder Netanjahu oder zur Hamas noch ein? Dieses NOCH hält mich am Schreiben.

Ich habe das vor einiger Zeit in einem Buch versucht: – Flanieren im Mythos – Sexualität und Gewalt, edition splitter,  Wien 2023,  € 26,00 . Es verkauft sich nicht gut, weil man es nur beim Verlag und bei mir bekommt. Darum geht es jetzt nicht. Wichtiger ist, dass die Wahrnehmung der Wirklichkeit nicht journalistisch ist und nicht politisch, sondern intellektuell und persönlich reflektiert wird. Der Reflex führt zurück in die Kultur. (PS: Ihr könnt das Buch v.a. in Deutschland direkt bei mir bestellen, über die Buchhandlungen dauert es länger und ist teurer).

Ich denke, ihr könnt das jetzt im Sommer gut vertragen, dass ich erst in ein paar Tagen wieder zu den Ereignissen und Personen zurückkehre, denen ich durch meinen Blog ja Überleben sichere, ihre Vergänglichkeit etwas umbaue…

P.S. Nicht nur zur Politik: was soll ich heute zum herrlichen Sommerwetter, zum blauen Himmel, den Bienen auf meinem Balkon, der erträglichen Literatur noch schreiben? Mein Gewitter kommt schon wieder, keine Angst.

Der Herbst des Sommers

Langsam werden die Tage kürzer, die Abende und Nächte länger, langsam, noch sind die Abende hell, und es ist heiß. Selbst schlichte Gemüther sehen die Höchsttemperaturen als Ergebnis des Klimawandels – natürlich nicht die 0,8 Bundesregierung, die gerne aufwärmt, damit man gar keine Klimapolitik mehr braucht, aber ich rede von ernsten Menschen, und habe ohnedies heute ein anderes Thema. Übrigens: Merz schwitzt angeblich nicht. Also zurück zum Sommer. Ich erinnere mich an die kurzen Wanderungen von der Wohnung zur Bootshütte, aus der konnte ich hinausschwimmen, der See war sehr kühl, und draußen war es sehr heiß, und die Tage wurden oft endlos, wenn wir neben der Bootshütte langsam älter wurden und sich die Haut dunkelte. Dass irgendwann der Herbst doch käme, zeichnete sich nicht einmal im Bewusstsein ab, jeder heiße Tag, bis zum erhofften Gewitter kurz vor derm Abendessen, zog sich ereignisarm dahin, was aber bedeutete, dass man über alles mögliche nachdenken und reden konnte, wenn man nicht schwamm oder langsam älter wurde. Es mussten diesen Tagen schon Ereignisse in die Quere kommen, dass sie anders abliefen (aus dem Gedächtnis haben sich Regenstunden und -wochen völlig absentiert, gab es einfach nicht). Warum ich das heute erinnere? 30° war schon heiß, der See war im Juli noch kühl, ich war jung. Ich denke an die Jahrzehnte, in denen ich immer weniger den Fakten, den Berichten und den Mythen der Klimaänderung ausweichen konnte, später wollte, und wenn ich heute zurückdenke, bin ich – ernsthaft, nicht ironisch – enttäuscht. Selbst Sommerhardware ist anders, wenn schon die Software so abgestiegen ist: keine Insekten, geht ja noch, keine Schmetterlinge, geht nicht mehr, keine spürbare Gewalt gegen die Verfechter der Pflanzenvergiftung, nicht nur Bayer als Vorreiter, … es ist Unsinn zu sagen, dass „alles schlechter“ geworden sei, auch wenn alles schlechter geworden ist, weil ja wirklich spannend ist, woran ich mich erinnere, und was ich schon meinen Enkelinnen vieles nicht mehr zeigen, sondern nur beschreiben kann. „Alles“ ist so unsinnig wie der Vergleich „schlechter“ oder eben „besser“… Das gab es früher natürlich auch, nur nicht umfassend, und ohne die absonderliche Gewissheit einer nicht umkehrbaren Klimazukunft. Was andere Verhaltensweisen und Diskurse bewegte als heute. Darüber kann man nachdenken, dichten, analysieren; sich fragen, ob die künstliche Intelligenz uns eine Fristverlängerung oder eher einen schnelleren Absturz gewähren wird, und warum die Politik und das Volk von Umwelt gleichermaßen nicht wissen wollen. Das ist das Argument gegen das „Volk“. Nicht gegen die Menschen. Aber wenn selbst Demokraten die Ökonomie der Politik und Ökologie als Triebfeder vorziehen, wird es gattungsmäßig mehr als peinlich. Demokraten haben wenigstens eine Zukunft, Faschisten können keine haben, weil ihre Gegenwart sie so anziehend für das Volk hat, dem keine Zukunft mehr wirklich vorscheint.

Nach einem langen Spaziergang zurück zum Sommer vor dem Herbst. Erinnerung überdeckt die unangenehme Wahrnehmung der gegenwärtigen Wirklichkeit. Der Sommer begünstigt beides, den schönen Anblick und die Erinnerung. Das Gewitter kommt plötzlich, Starkregen /Der Keller schwimmt wieder/ und geht schnell vorbei, immerhin hat das Wasser genützt, heute Morgen wieder heiß und trocken. Die Nachrichten sind ärgerlich (Iran/USA) oder deprimierend (Venezuela) oder neben der Sache. Der Sommer zieht weiter, und uns mit.

Ingeborg Bachmann * hundert Jahre und ein Augenblick

Der hundertste Geburtstag von Ingeborg Bachmann gehört zu den wichtigsten Alternativen einer täglichen Detailverzweiflung an weltpolitischer und privater Beobachtung des Umfelds eines eigenen Lebens. Und mit entscheidend für mein Leben. Aber das später. Sie ist am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren, also in Kärnten, also in Österreich. Sie starb am 17. Oktober 1973 in Rom. Ich freue mich zunächst, dass die ZEIT im Feuilleton vier Artikel zum Geburtstag eingibt, und ein Bild auf der Titelseite. Iris Radisch nennt sie die Jahrhundert-Schriftstellerin. Ein guter Auftakt mit einem wichtigen biographischen Detail: “Sie ging nicht zum Bund Deutscher Mädel. Sie ging auch nicht in den Luftschutzkeller, als die Alliierten Klagenfurt im März 1945 in Schutt und Asche legten. Als Überlebende in ihrer Straße schob sie einen Sessel in den Garten. und las Rilke und Baudelaire, als die Bomben auf Klagenfurt fielen“. Damals war sie 19. Und hatten viel hinter sich. Sie war so alt wie meine Mutter. Es gab nach ihrem Tod eine Menge Literatur und verflochtene Kommentare, die zu sehr auf das Ende ihres Lebens und zu wenig auf die Verbindung von Leben und Werk eingingen. Damals schon der Kontrast von Biographien und segmentierten Kommentaren. Lest dazu Eva Menasse: „Für sie gab es keine Rolle“ (ZEIT #43, 23.22.2017) mit zwei Rezensionen. Ich habe noch mehr davon, aber sie sind wahrhaftig sekundäre, auch wenn sie angeblich viele biographische Details aufscheinen lassen. Jetzt verneigt sich Adam Soboczynski in der ZEIT vor ihr, „Frei und damit verloren“. Er verweist auf den Anfang, als der Gedichtband Die gestundete Zeit 1953 erschien. Neuere Biographien bespricht Jolinde Hüchtker „Wer war Ingeborg Bachmann?„, das gehört wie vieles zum Rahmen, nicht wirklich zu Leben und Werk. Und Volker Weidermann pointiert „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, die NS Vergangenheit, vor allem des Vaters, und lenkt ab, weil er die Geschichte von 1945 und danach nicht genauer beschreibt. Darauf verweise ich, das könnt ihr lesen, ich kann es auch weiter ausführen, auch Hans Weigel hätte man beim Namen nennen können, aber das ist sekundär, für mich und heute. Natürlich war ich 1953 zu jung für den Gedichtband, 1964 bekam ich Gedichte in die Hand (13 – 16. Tausend, Piper Verlag). Und auf Seite 27 steht das Gedicht, das für mich, konkret für mein Leben, wirklich Bedeutung hat, wichtig ist:

ALLE TAGE

Der Krieg wird nicht mehr erklärt,

sondern fortgesetzt. Das Unerhörte

ist alltäglich geworden. Der Held

bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache

ist in die Feuerzonen gerückt.

Die Uniform des Tages ist die Geduld,

die Auszeichnung der armselige Stern

der Hoffnung über dem Herzen.

Er wird verliehen,

wenn nichts mehr geschieht,

wenn das Trommelfeuer verstummt,

wenn der Feid unsichtbar geworden ist

und der Schatten ewiger Rüstung den Himmel bedeckt.

Er wird verliehen

für die Flucht vor den Fahnen,

für die Tapferkeit vor dem Freund,

für den Verrat unwürdiger Geheimnisse und die Nichtachtung

jeglichen Befehls.

Seltsam: ich bin dieses Gedicht mein Leben nicht losgeworden, und ich muss es immer lesen, nie auswendig vor mich hersagen. Ich habe es öfter vorgetragen zitiert, nie in den Pazifismus oder eine politische Sektion eingetragen. Es wurde zur Lebensbegleitung, ohne „“.

Ich habe viel von Bachmann gelesen, einiges über sie (ein Vergleich mit einem anderen Großen: Kafka, den muss man erst vielfach lesen, nicht voreilig über ihn). Auch haben mich ihre Beziehungen zwar getroffen, aber nicht betroffen gemacht. Weigel und Frisch waren mir aus vielen Gründen fern, Celan stand mir sehr nahe – aber deren Einwirkung auf die Lebens- und Werkgeschichte der Bachmann hat mich maßvoll interessiert, ich habe immer ihre Texte verstehen wollen, bevor ich sie bewertete, und wo Bachmann bei Celan aufscheint (für mich positiv), bei Frisch (dauerhaft negativ), ist das ein Rahmen. Das nachgelassene „Male Oscuro“ (2017) habe ich nicht gelesen. Bewusst.

Das Gedicht hat mich also viele Jahre, wie kaum ein anderer Text, begleitet, eine psychologische Assoziation: das jüdische Totengebet liest man auch und sagt es nicht auswendig).

Es geht weiter in die Psyche, nicht unbedingt Psychologie. Bachmann war so alt wie meine Mutter. Pubertär war ich nicht in sie, die Bachmann, verliebt, aber adoleszent war bemerkenswert, dass ich ihr Alter in keiner Weise auf meine Mutter produziert hatte. Die beiden waren in vieler Hinsicht grundverschieden. Aber sie haben, je für sich, erlebt, was unsereins ja nie erfahren hat. Und das spielte für mich bei der Erfahrung von Bachmanns Biographie schon eine Rolle, und das spielten sie natürlich auch mit, einerseits die Familie, andererseits die Planeten, Weigel, Henze, Celan, Frisch, Bernhard u.a. Es gibt zur Familie kaum Analogien und doch muss man sich der Zeit widmen, in der meine Mutter, in der Bachmann „erwachsen geworden“ ist. Und die intellektuellen Ausknospungen meiner Erinnerung, auch Erfahrung, zB. gegenüber Hans Weigel, zB. gegenüber Thomas Bernhard, haben schon Eindruck auf mein Bewusstsein hinterlassen. (Und eine Phantasie einer Alternative zu Frisch und dessen späten Abbau)

Und schon bin ich wieder bei ihren Gedichten, bei ihren Vakanzen mit Celan vor allem. Auch wie er zu Ende kam, und dann – wie sie zu Ende kam. Aber was wissen wir wirklich – lebte sie heute noch, hätte sie beides, liebens-würdige und lebens-würdiges Geschlecht über die Zeit weitergegeben in unsere Zeit des gefährdeten Standpunkts. So aber: Lest die Autorin über das Jahrhundert hinweg, immerhin: sie wird bleiben.

P.S. in arte gibt es eine neue Biographie, ambivalent und sehenswert  https://www.arte.tv/de/videos/127936-000-A/100-jahre-ingeborg-bachmann-dichten-fuer-die-wahrheit/

Sommerkrieg und Hitzefrieden

SCHEINBAR war der G 7 Gipfel ein Erfolg für alle, viele bezeichnen ihn auch jetzt so, da sie wissen, was alles in Trumps Strategie und Plänen verschönt wird, und was der Westen durch diesen Krieg verloren hat; der Westen, nicht nur die USA. Und alle sind sich einig, dass Deutschland zu den relativen Verlierern gehört, innerhalb der Entourage der Pundits unterhalb des US Führers. Die Krönung der Unterwerfung erfolgte heute Nacht in Versailles, das ließ sich Trump nicht nehmen. Und jetzt, am nächsten Tag, regieren wieder die Vance und Co. Fällt euch nicht auf, wie nachhaltig Lob und Unterwerfung sich gepaart hatten, eineb Woche lang, mit der Vermutung über den Vertrag, mit der Hoffnung, Trump würde nicht wild über Europa herfallen usw. Bis auf Netanjahu gibt es seit gestern keine wirklich konträren Trumposophen, und Russland zählt ohnedies nicht, wenn die USA ihren Schutz hier ausdünnen und zum Pazifik verlagern. Bitte, das ist nicht meine Meinung, aber die Zusammenfassung der Medien, die ich verfolge…

ANSCHEINEND sind wir ohnedies marginal oder, wie ich vermute, im kontinentalen Abstieg. Die Rechten, in ganz Europa, vertreiben ALLE Ausländer, und die eingesessene Bevölkerung nimmt ab…jahrelang haben die Zuwanderer die Bevölkerung wachsen lassen, jetzt ist auch das vorbei. Weniger Einwohner, noch weniger Einheimische Kinder als Kinder der Zugewanderten. Das braucht man mit den Rechtsradikalen gar nicht diskutieren, die werden schon alternd marginalisiert werden und irgendwann sozial aufgefangen. Aber noch sind sie nicht so alt, dass sie nicht Unheil anrichten können, etwa Wirtschaft und Tourismus vertreiben.

UND WEIL DAS SO IST; zerlegen sich die medialen Stellungnahmen seit gestern abend in der Zerlegung sowohl des IranUSA Memorandums als auch in Bezug auf den wahrscheinlichsten Positionsverlust Deutschlands, allerdings so oder so. Na gut, sag ich, wir sind Karthago vor dem letzten punischen Krieg…aber mein Widerstand klingt anders: ja, wir steigen ab, politisch, ökonomisch, sozial, aber wir müssen nicht kulturell in den Abgrund stürzen, wir müssen nicht politisch zu den Pundits werden, und dem Trump in den Putin, und dem Xi in den Trump usw. kriechen. Diese These wird gegenwärtig von wenigen geteilt, und sie wird mir post mortem nicht zur Nachehre gereichen. Egal. Mir ist wichtiger, was ich zu meinen Lebzeiten als korrigierbare Geschichtserfahrung für mich weiterbearbeiten und denken kann. Jetzt nicht lachen: eher SZ und ZEIT als FAZ lesen, wobei es um Assoziationen in die eigene Vergangenheit geht. Und sich Gedanken über die Zerstörung vor der Zerstörung machen: dass etwa das Klima vielleicht den Untergang Europas überholt? Und dass vor diesem Untergang die Europäer sehr viel mehr Menschen aufnehmen müssen als unerwünschte MigrantInnen abzuschieben (Lächerliche Rhetorik angesichts einer neuen Form des Weltkriegs, siehe oben…Scheinbar haben die 0,8 Regierung Merzens oder Frau von der Leyen noch nicht verstanden, dass Europa bene absteigend immer weniger zu sagen hat. Nur Selbstbewusstsein ist nicht politisch. Test für die LeserInnen: WEM zu sagen?).

Nein, keine pessimistische Prognose, kein Endzeit-Geheul. Duale Momente, rechts-links, optimistisch-pessimistisch, politisch-pragmatisch, moralisch-unterwürfig etc. – all diese Dualitäten legt beiseite. Versucht, einen Realismus für euch, auch persönlich zu entwickeln, der eure Geschichte und eure Zukunft durchaus auch aufruft. Gegen den gegenwärtigen Stand der künstlichen Intelligenz; ein wenig natürlich darf man schon sein.

Faschismus diffus, aber real

Der Titel sagt, was ich denke: dass Faschismus sich längst global verbreitet hat, weil er ja seit mehr als hundert Jahren nie verschwunden war und derzeit beste Rekonvaleszenz erfährt, je weniger sich Demokratie verteidigt oder gar in die Zukunft verfestigt.

In Deutschland ist das schwieriger als anderswo, weil Faschismus über die NS Realität 1933-45 verengt und „absolut“ definiert wird – und so ,paradox`, die Faschismen in der Gesellschaft eher minimiert als konkretisiert. Faschismus war eine Entwicklung, die einen von vielen Wegen aus dem Faschismus mit schrecklichen Folgen entwickelt hatte (lange vor 1933 begonnen), aber das macht die Faschismen (historisch am DEUTLICHSTEN um 1910 beginnend nicht harmlos oder auch nur ungrausam – aber immer undemokratisch9.

Widerstand kann und soll sich auch immer verständlich und verfolgbar äußern, in den demokratischen Diskursen, auch in den Medien. Ein Beispiel HEUTE. In meiner täglichen Tageszeitung SZ (Süddeutsche) zwei wichtige Artikel und ein starker Kommentar. Der erste Artikel versucht zu erklären, warum Michel Friedman aus Bayreuth wieder ausgeladen wurde – er wollte Wagners Antisemitismus darstellen. Moritz Baumstieger „Wer soll diese Begründung bitte glauben?“ SZ 17.6.2026. S.9. Der zweite kritisiert den Umgang mit dem Denkmal von Karl Lueger in Wien: Verena Mayer: „Antisemit in Schieflage“ SZ 17.6.2026 S.13. In beiden Fällen ist der Antisemitismus nur ein Rahmen, kein Topos, er zeigt wichtige nationale Diskursunterschiede, aber er ist präsent. Das macht ihn zu einem wesentlichen Element der Faschismen, aber leider auch mit einer Brücke in viele Demokratien hinein.

Zentral für Bayreuth und die Absage an Friedman: „Ein kleines Störfeuer der Reflexion zum Auftakt der Feierlichkeiten, kritische Selbstbetrachtung in Bayreuth: Zu dieser Entscheidung hätte man der Festspielleitung nur gratulieren können. Gerade weil sie auch unbequem war. Man kann sich sicher sein, dass ein Redner wie Michel Friedman den Organisatoren um Katharina Wagner und auch dem Publikum es nicht erspart hätte, ein paar deutliche Worte zur späteren Haltung zu diesen Themen zu sagen, die lange Zeit vor allem aus Schweigen und Verdrängen bestand“. Mir gefällt die Wahrheit als Störfeuer. Das stört ja nicht nur die Ideologen, auch das eigene unkritische Selbstbewusstsein, das bei guten Themen oder Aufführungen gerne die Aspekte des Rahmens oder Nebenimpulse ausspart. In Bayreuth so wichtig wie in Wien.

Dort wissen sie Menschen mit ihrem großen Bürgermeister der letzten Jahrhundertwende schon etwas anzufangen, der Vergleich mit Wagner ist gar nicht so schlecht. Wer nichts von ihm weiß Karl Lueger – Wikipedia, und dort im Eingang: „Karl Lueger  (* 24. Oktober 1844 in Wieden, heute Teil von Wien; † 10. März 1910 in Wien) war ein österreichischer Politiker, Gründer der Christlichsozialen Partei (CS) und von 1897 bis 1910 Wiener Bürgermeister. Als Bürgermeister war er bedeutend für die Entwicklung Wiens zu einer modernen Großstadt. Seine Rolle wurde allerdings durch den von ihm aufgebauten und geförderten Kult um seine Person überhöht. Lueger war bekennender Antisemit und trieb den politischen Antisemitismus entscheidend voran.“ Das Wort „allerdings“ ist genau die notwendige Brücke, ebenso wie zur Analogie des Wagnerschen Antisemitismus. Nun geht Wien anders mit dem Problem um als Bayreuth, das Denkmal wird schief erneuert, leider auch erneut imposant, und warum man es braucht ist umstritten. Die Erinnerung an die Geschichte verschwinden zu lassen ist so problematisch wie sie schlecht erklärt zu behalten. Das gilt seit jeher und heute umso mehr, als die verkürzte mediale Darstellung häufig die Erklärungen hinter den Fakten verdeckt oder weglässt. Stimmt das so: „Die zuständige sozialdemokratische Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler begründet ihre Entscheidung für die „Schieflage“ damit, dass es niemandem helfe, wenn man historische Tatsachen einfach ausblende: „Über Leerstellen kann man nicht sprechen.“ Die Statue in der jetzigen Form sei ein Mahnmal. Man solle „bei jedem Schritt“ daran erinnert werden, „was hier an Hass möglich war“.“ Oder hat der Innsbrucker Professor recht? „Der Historiker Dirk Rupnow, der an der Universität Innsbruck als Professor für Zeitgeschichte lehrt, schrieb 2023 in einem Aufsatz, dass die gekippte Statue 2010 sicherlich Avantgarde gewesen wäre. Jetzt aber reiche derartige Subtilität nicht mehr aus. Die Stadt Wien finde sich vielmehr in der Rolle des „Nachzüglers“ und „Bedenkenträgers“ wieder und sei in Sachen Erinnerungskultur nicht auf der Höhe des Diskurses. Denn warum, fragt sich Rupnow, soll ein Denkmal, das noch dazu an den von Lueger selbst praktizierten Personenkult anknüpfte, bis heute „unantastbar“ sein?“. Ich neige eher zur Wiener Erklärung, aber da ist schon etwas drin, was die Faschisten insgesamt ablehnen: Dialektik. Es geht nicht um rechthaben. Es geht darum, jenseits von Meinung sich Bewusstsein zu bilden. (Ich denke immer daran, dass meine jüdischen Vorfahren, wie viele, durchaus Richard Wagner Fans waren, siehe oben).

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Bernd Dörries nennt Israel auf S. 4 (Politik/Meinung) „Land ohne Frieden“. Um zu verstehen, was sich dort abspielt, muss man die Geschichte der letzten 140 Jahre, der letzten 100 Jahre, der letzten 60 Jahre, der letzten 4 Jahre, die Geschichte der letzten Monate herausarbeiten, damit sie nicht Geschichte bleibt, sondern Wirklichkeit für uns lebende Menschen wird. (Ich würde nicht, wie manche, 4000 Jahre zurückgehen, und ich würde bei den Palästinensern auch nur bis zur türkischen Herrschaft rückblenden). Das erfordert mehr als Nachdenken, man muss lernen, was man so einfach nicht wissen kann. Ich habe das an die beiden Faschismen oben angehängt, denn wir müssen uns, auch als Juden, kümmern: um die Ideologie und Haltung der israelischen Regierung und Teile des Volkes in Israel, jüdische und palästinensische). Und mehr als gedankliche Brücken bauen zwischen den Ereignissen, die keine Inseln sind.

Glück im Wegschauen?

Es lohnt immer, Kurt Kister zu lesen, und auch wenn man nicht in allem übereinstimmt. Ich teile seine Kritik an der Verächtlichmachung der Regierungskoalition Süddeutsche Zeitung , obwohl: mache ich das nicht auch mit meiner 0,8 These, also dass die Koalition noch nicht das Standardmaß 1,0 erreicht…? Nein, das ist keine Verachtung, es ist ein Maß an Verständigung. Ich kann diese Regierung nicht gegen eine bessere austauschen, und wollte ich es, wie soll das gehen? Aber das ist nicht Verachtung, denn aus der heraus kann man nicht, soll man nicht kritisieren. Bei einzelnen Personen habe ich da schon anders geurteilt. Aber politisch setzt diese Regierung fort, was seit der Wiedervereinigung ein großes, gesamtstaatliches Problem ist: dass die DDR einfach aufgekauft und als zweitrangig eingebaut wurde (ich erinnere an die Kritik von UK Preuß, damals). Und dass sich das in den rechtsextremen, bisweilen auch linksradikalen, Widerständen gegen die Demokratie der Bundesrepublik ausdrückt, was natürlich von den Faschisten und anderen ausgenützt wird. Dazu habe ich auch gestern und vorgestern zwei Deutungen veröffentlicht, und ich teile die Aussicht auf die mehrheitlich konservative gesellschaftliche Grundstruktur der deutschen Bevölkerung. Wie wehren sich Minderheiten? Nicht immer demokratisch, wirksam, nicht immer gut.

Dazu habe ich jetzt mehrfach mich geäußert, jetzt lasse ich das einmal sacken – ich konzentriere mich ohnedies auf den Widerstand gegen die 0,8 Politik, die immer mehr verspricht als sie halten will und kann – zum Widerstand gehört ENDLICH die Bildungsreform, die sozial noch immer ständestaatlich ist und die soziale Umformung des Beamtenstatus. (Dazu das heutige Interview mit dem früheren österreichischen Kanzler Wolfgang Schüssel – sicher kein Vorbild für mich, aber was die Integration von Beamten in das Sozialsystem vor Jahren betrifft, hat er einfach recht, gemeinsam mit den österreichischen Strukturen).

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Wie immer treibt mich die Unterwanderung von Kultur und der noch weiter erfolgreiche Widerstand der Kultur um. Natürlich wollen die Konservativen, nicht nur die Rechten, Kultur und Kommunikation zur Anleitung der Volksmehrheit sich gefügig machen, Geld, Angst, „Brot & Spiele“ etc., kennen wir. Aber der kulturelle Widerstand ist weiterhin aktiv und wichtiger. Übrigens sind es nicht nur die Rechten, auch viele sich links oder widerständig verstehende und formierende Kulturkritiker wehren sich gegen die Kultur, die immer, notwendig, den staatlichen und soziostrukturellen Vorgaben ausweichen, sie überschreiten muss. Nicht elitär, nicht populistisch, aber eben nicht konform. Das ist nicht revolutionär oder reformistisch, das ist einfach die Wahrnehmung, dass Kultur nicht einfach die Gesellschaftsstrukturen kopiert, sondern sie im Wortsinn „angreift“, also sich ihrer annimmt, nicht notwendig attackiert, aber doch kritisch und widerständig sein muss, um als Kultur sich weiter zu entwickeln. Darum ärgert mich Minister Weimer so, weil er Kultur abbiegt ins Universum der Medien und Kommunikation (Dort könnte man auch ansetzen…). Und paradox: das betrifft nicht nur mich, oder uns, das betrifft alle, und damit auch viele, die andere Vorstellungen vom kulturellen Alltag ihres Lebens haben. Ja, das gehört doch zum Leben dazu, oder? Dass sich die Rechten besonders gegen die Kulturdominanz der Elite wehren, kommt davon, dass sie die Elite definieren, als Gegner, und sie sich als Volk verkleiden. Sind sie aber nicht.

Vor vielen Jahren habe ich mich wissenschaftlich mit dem Unterschied von Elite und Avantgarde auseinandergesetzt, und das ist heute noch politisch und kulturell interessant. Aber hier kommt es darauf an, wer sich wie gegen die Eliten wendet, und warum sich die Rechtsextremen auf die Konstruktion eines Volkes konzentrieren (übrigens ist Trump mit der Kulturpolitik der alten, weißen Männer, unterstützt von jungen Rechtsradikalen beider Geschlechter, geradezu ein Modell für diese Art des Völkischen Anti-Elitismus – passt so gar nicht zum US Jubiläum).

Der Irrtum, dass der „Staat“ inhaltlich mitsprechen darf oder gar muss (Weimer et al.), wenn er finanziell oder gar rechtlich fördert, ist genau die Verengung des Problems, das die Rechtsradikalen ausnützen, nicht nur sie. Der Staat muss Kultur fördern, um sich der Kritik aus der Kultur, aber auch ihrer Qualität stellen zu können. (Das ist kein Freibrief für Kunst und Kultur, sondern auch eine sozialethische Verpflichtung, das spielt auch eine Rolle).

Wie ich gerade jetzt auf dieses Thema komme? Jetzt ist falsch, es begleitet mich immer. Aber ich musste es zusammenfassend bedenken, als ich vorgestern beim Potsdam Festival im Raffaelsaal der Orangerie, die gerade renoviert wird, ein herrliches Konzert gehört habe (Die Unsichtbaren Städte) und mir nicht nur in Pause, sondern auch in der Konstruktion der Aufführung klar wurde, wie sehr Gesellschaft, Staat und Individuum zusammenagieren müssen, nicht einfach „-spielen“, um so etwas zu ermöglichen, zu erhalten…Und, wie am Beispiel Trumps beschrieben wird, es schnell geht Kultur zu zerstören, und wie lange es dauert, sie aufzubauen und zu erhalten. Was heißt Trump, die jetzige Bundesregierung, ihr rechter Flügelschlag vor allem, gefährdet natürlich auch unsere Kultur. O, 8, wie ich sage.

Rechts in Deutschland (2)

Danke für eure erste Ansicht der Überlegungen über Deutschlands Rechtsradikale am 13.6., zu Martin Langebachs bpb Sammelwerk. Ich hatte ja gesagt: keine Rezension, wen das Thema interessiert, dem oder der kann man Lektüre, auch Zeitabschnitte oder Textherkunft nur zumuten und empfehlen.

Aber was mir weiter Gedanken macht: wie kann eine bestimmte Ideologie so popular-eingeprägt sein, dass sie Widerstand, Widerspruch und neue Entwicklungen unterwandert oder ignoriert. Ein scheinbar unpolitisches Beispiel: Deutschland ist das einzige Land ohne Tempobegrenzung auf den Autobahnen, und nicht nur die Autolobby setzt das seit Jahrzehnten durch, sondern eine politikmächtige Bevölkerungsminderheit. Minderheit. Darum geht es mir auch: man kann viele Dinge ändern, und den Widerstand der Minderheiten in Kauf nehmen. Das wäre Demokratie. Viele typisch „deutsche“ Aspekte kann man in der Süddeutschen lesen: Christian Zaschke: Deutschland, wer bist du? Süddeutsche Zeitung, zum Beispiel die Verbindung des Scheiterns im Sicherheitsrat und die kaputte Brücke über den Rhein in Bonn. Nicht trivial: fast alles hängt mit fast allem zusammen. Und was hat das mit der faschistischen Kontinuität zu tun? Leider viel, wobei es nicht einfach um Mehr- und Minderheiten geht.

Eine mir wichtige didaktische Korrektur. Viele, vor allem deutsche politische HistorikerInnen beschreiben Faschismus immer aus der Bewertung der Nationalsozialisten 1933-1945, – das ist problematisch. Faschismus beginnt doch vor der NS Zeit, übrigens die NS auch, begleitet diesen Sonderfall von Faschismus, bzw. rahmt ihn ein, und nach 1945 besteht weiterhin ein faschistisches Netz, das nicht deckungsgleich mit dem NS-Netz ist. Theoretisch lässt sich das gut belegen, noch besser an politischen und kulturellen Entscheidungen und Maßnahmen. Ganz klar: das entlastet Faschismus nicht. Aber wir wollen ja die sich revitalisierende Politik der Rechtsradikalen nicht nur erfahren, sondern auch verstehen. Wir müssen die rechtsradikalen Netze und Praktiken auch empirisch nachvollziehen, damit wir sie praktisch und nicht nur rhetorisch kritisieren und bekämpfen können. Beispiel: warum sind die Rechtsradikalen in der Rockmusik und bei vielen jüngeren Musikfans erfolgreich? Beispiel: warum sind die Rechtsradikalen bei der Durchdringung kleiner, vor allem aber nicht nur ländlicher, Gemeinschaften soviel erfolgreicher als traditionelle politische Parteien wie CDU, SPD und etwas anders Grüne und FDP. Man kann, selbst ich könnte, parteipolitische Einzelakte als Teilbegründung nennen, aber zusammengefasst: reicht das als Mittel zur Aktivierung von demokratischem Widerstand gegen die Neonazi-Szene? Eine sehr harte Frage, weil die Antwort jenseits des Nein sehr schwierige Kursänderungen verlangt. Die Mutlosigkeit vieler PolitikerInnen, die AfD und andere Faschisten nicht in die demokratischen Diskurse einzubeziehen, wirkt sich auf das Volk aus. Man kann die wirklich demokratischen Optionen der Nichteinbeziehung von Faschisten auch juristisch übernehmen, z.B. bei Friedhelm Hufen Friedhelm Hufen – Wikipedia . Demokratie heißt nicht, dass man gleich gerecht gegen alle Schwurbler und Antidemokraten agieren muss – allerdings, da gibt es wirklich selbstkritische Maßstäbe – man muss das schon belegen und begründen (und lange Zeit hat der Verfassungsschutz uns hier zu wenig und unrichtiges Material gegeben; aber es ist klar: wenn von dort Besseres kommen soll, muss man den Vf unterstützen und nicht verächtlich machen; ähnlich, für mich noch wichtiger, ist der Umgang mit der Polizei und ihrer ständig notwendigen Weiterbildung). Auch der Umgang, selbst von Wehrdienstverweigerern, mit der Bundeswehr steht hier zur Korrektur. Es geht ausdrücklich nicht um ja/nein oder Zustimmung bzw. Ablehnung. Es geht um begründbare Positionen, und die sind angstvoll – oder, Vorsicht, typisch deutsche Haltungen – etwas lahm gegenüber rechts, neofaschistischen, NS-nahen oder linksfaschistischen Entwicklungen. Das hat viel zu tun mit den Abwertungen des Erziehungswesens in der Hierarchie der Lebensqualitätsaktionen, aber auch mit den politischen Fehlentscheidungen: nichts zu korrigieren, um keinen Volkszorn zu erregen – das ist einer der Gründe für den Reformstau. Profitieren tun dabei vor allem die AfD und teilweise der rechtslastige Flügel der Regierungsparteien.

Mir geht es bei dieser Retroanalyse auch darum zu wissen, was und wie man etwas zur Dynamisierung und Aktivierung von Demokratie tun kann, und sei es durch Korrektur der Kommunikation, des Arbeits- und Freizeitverhaltens und der Selbstbildung, die ja nicht mit dem Erfolg aufhört, der angeblich das Land erfahren hatte – hatte, nicht hat. Wie können Arbeitgeber und Gewerkschaften beispielsweise ihre Ruhestandsideo-logien der Zeit vor 50 Jahren und länger korrigieren, als abwertend fortsetzen? Das ist nur ein Beispiel.

Solche Beispiele, im dauernden Konvolut, verändern nicht nur die Demokratie, sie stärken auch den Widerstand gegen die verschiedenen, vor allem rechtsradikalen Aktionen durch eigene Handlungen. Natürlich verlangt das auch eine Korrektur der eigenen Anschauungen und des Bewusstseins von gesellschaftlicher Wirklichkeit, – das ist nicht neu, aber es verlangt schon, dass man sich selbst einbringt.