CDCSU ohne Zukunft, Klima ohne CDSU

„Wir schützen nicht das Klima. Wir schützen unsere Kinder. Klimaschutz ist nichts anderes als Menschheitsschutz.“
– Ricarda Lang (Grüne LDK 26.11.2022)

Der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz hat die jüngste Aktion der der Klima-Protestgruppe „Letzte Generation“ auf dem Hauptstadtflughafen BER scharf verurteilt. „Das sind keine Klimaaktivisten, das sind kriminelle Straftäter“, sagte Merz auf einem Parteitag der Berliner CDU. „Das hat mit Demonstrationsrecht oder Meinungsfreiheit nichts mehr zu tun. Das ist der blanke Vandalismus“, meinte er. „Das sind schwerste Straftaten, die das Ziel, wofür sie da angeblich auf den Flughafen gehen, diskreditieren.“ (Aktion auf Flughafen BER: Merz nennt Klimaaktivisten „kriminell“ | tagesschau.de) 27.11.2022

Ja, sowas. „Kriminelle“, andere so genannte Christlichsoziale vergleichen die Aktivisten gar mit der RAF. Alles ausgerechnet aus einer Partei, deren Vergebungspolitik nach dem Krieg gegenüber den Nazis teilweise so standhaft war wie ihr Wegschauen bei Korruption und Misswirtschaft. Sie hätten ja anders kritisieren können, wie das der Klimapolitik kritisch gegenüberstehende Kommentatoren tun. Aber wenn sich Merz und Dobrindt dem Pöbel anbiedern wollen, dann muss der Stammtischton her.

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Mit juristischen Argumenten ist gegen das wichtigste Motiv der Aktivisten nicht anzugehen. Denn Merz und Dobrindt und andere Zukunftsleugner, leider auch ich und andere meiner Meinung, werden längst gestorben sein, wenn die letzte Generation das Klimadebakel erleben wird und vielleicht auch beenden wird. Und da zählt nicht, was 2022 wie angeklagt wurde, da zählt nur, was getan wurde, schon vorher, heute und in den nächsten Jahren. Dass sich junge Menschen von denen, die am Desaster mit schuld sind, nichts sagen lassen, haben wir schon bei anderen Protesten erlebt. Dass manche Aktionen schlecht sind, andere besser – geschenkt. Dass man sich an Bilderrahmen oder Fahrbahnen oder Flughäfen festklebt, ist nicht erfreulich, aber es schafft Bewusstsein, dass im Rechtsstaat etwas nicht stimmen kann, wenn es so weit gekommen ist. Die meisten PolitikerInnen, auch manche, die die Klebeaktionen nicht gut finden, wissen, dass das das Strafrecht in der demokratischen Gesellschaft eine stumpfe Waffe gegen Politik ist. Dass andere sich plötzlich für die Hochkultur interessieren, die angeblich durch die Aktionen gefährdet ist, spricht allerdings Bände. Denn wenn da etwas von gesellschaftlichem „Wert“ der meist am Rahmen angegriffenen Kunstwerke gesprochen wird, dann bitteschön sollten auch die Kosten, die Provenienz und der Zusammenhang zwischen den Eliten unserer Gesellschaft und dem Klimawandel erwähnt werden, am besten auch der Zusammenhang analysiert.

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Dobrindt und Merz sind Gallionsfiguren, Kulissenschieber der Klassen, denen der Klimawandel an der Zukunft ihrer Kinder und anderer Menschen vorbeigeht. Gut, dass sie diese Zukunft nicht erleben werden, schade, dass ich sie nicht erlebe und bis dahin vielleicht kann ich ja etwas dafür tun. Nicht ich allein, versteht sich.

Winter in Wien oder noch nicht

Anders als in den Bundesländern gibt es in Wien strenge Maskenpflicht, nicht nur im Verkehr. Und: die Leute halten sich dran. Beobachtung nach vielen Fahrten: alle halten sich dran, BIS AUF: Junge Männer nicht-österreichischer Abstammung, wohl aber mit der Staatsbürgerschaft; japanische und chinesische Touristen; alte Wiener Männer, die mit den Jungen die Lust an der Provokation teilen. Das zeigt die schlechte Kommunikation gegenüber bestimmten Randgruppen, keine ethnische Ausgrenzung. Die jungen Frauen aller Herkünfte tragen ausnahmslos Masken. Das Verhalten ist so stark verordnungskonform, dass nicht kontrolliert wird, die Verweigerer allerdings werden wie St Sebastian durch Blicke durchbohrt und fangen an zu husten. In der Straßenbahn der Linie 1, deren Strecke ich weitgehend von Favoriten aus fahre, erlebe ich so viele unterschiedliche Abstammungen, dass mir das Wien ohne Wiener vom Lied ins Bewusstsein springt. Favoriten übrigens, der 10. Bezirk, wäre mit 220.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Österreichs. Mittlerweile kenne ich diesen früheren Arbeiter-Bezirk ganz gut, und die hybriden Verbindungen lassen immer neue Verklumpungen künftiger Ethnoforschung zu, etwas fürs Weltmuseum. Das Handy eint alle.

Am Tag nach den Lesungen habe ich erst Birgit zum Zug gebracht, davor waren wir im 21er Haus.  <INFO>. Informativ über die letzten 80 Jahre und besonders die Ankäufe der letzten 10 interessieren mich. Natürlich sind viel mehr Frauen dabei. Wenige Bezüge zu dem, was „zu meiner Zeit“ 60e/70er en vogue war, der blutbeschmierte Mantel von Hermann Nitsch und ein wenig phantastischer Realismus, Fuchs, Hutter. Der junge Arnulf Rainer (lebt heute noch, berühmt für seine Übermalungen damals) hat eine besondere Fotostrecke bekommen – und ist heute, nach dem Olymp seiner Wirkung, Objekt von lüsternen Vermutungen, was er mit seinen zwei Modellen im retreat angestellt hat (>Ressler<). Die Einrichtung des Museumcafés  erinnerte mich stark an die Vorhangdesigns der 60er Jahre bei uns zu Haus, witzig. Und als Birgit abgefahren war, ging ich gestärkt an meine Projektarbeit.

Eine andere Wienreflexion am übernächsten Tag, ich treffe Kollegen in einem Gasthaus, ganz nahe der Innenstadt, das aussieht, innen wie außen, wie vor 50  Jahren, mit einem Menu zu 7.50, weil mein liebes Café Rathaus wegen Renovierung geschlossen ist –  keine gute Vorahnung. Aber dass sich der Blauensteiner hält, ist wunderbar bei zugelassener Nostalgie.

Der Szenenwechsel kann gefilmt werden. Im ehemaligen Allgemeinen Krankenhaus, 1780…, ist nicht nur ein heftiger Weihnachtsmarkt im größten Hof, und sind nicht nur viele Univeranstaltungen, Seminare und Sozialeinrichtungen bestens untergebracht, es gibt auch die Möglichkeit, ziemlich lange herumzuirren, bis ich mein Ziel gefunden habe. In der ehemaligen Spitalskapelle ist ein großer Hörsaal, wo die letzte Projektpublikation anknüpft zu Maßnahmen gegen den Klimawandel und ich als Zuhörer eingeladen war. Thematisch ganzinteressant und stärker als anderswo auf praktische Politik ausgerichtet. Aber ich schildere lieber das Publikum: Zur Hälfte, oder mehr, so alt wie ich und älter, zur anderen Hälfte unter 30. Fast nichts dazwischen. In der Diskussion prallten aufeinander die Sicht der Alten auf den nicht einholbaren Rückstand der Österreicher durch seine Politik und die Wahrnehmung beachtlichen Fortschritts durch eben diese Politik. Erwartbar, aber angereichert durch die Beschreibung eines Podiumsvertreters, wie die ÖBB Klimapolitik und Innovation, d.h. vor allem Investition, betreiben. Ich habe dier Veranstaltung genutzt, um eine Darstellung unseres Projekts zum intergenerationellem Wohnen mit der Klimapolitik als intervenierender Variable zu initiieren. Ich  hatte den Eindruck, dass viele, fast alle, sich entweder kannten oder ähnlich Absichten verfolgten, eine Veranstaltung im Meta. Am Weg zur Tram durch die Riesenbaustelle für die Erweiterung der U Bahn. Dabei fiel mir auf, dass die Renovierung der Votivkirche nie fertig wird und ich dem Uniquartier keine weitere Nostalgie zuwenden kann, es ist irgendwie real geblieben und gibt keinen Anlass, sich an bestimmte Momente und Ereignisse zu erinnern, für die man vor Ort die eigene Erinnerung korrigieren müsste. Gerade weil sich hier an jeder Ecke und in jedem Gebäude etwas abgespielt hatte, ist seine irgendwie gefrorene Anlage nicht geeignet, mehr als Fakten aufzurufen, die man auch erinnert, wenn man nicht hier ist. Das ist an anderen Ecken und Enden der Stadt nicht so. Ein großer Teil meines akademischen und beruflichen Lebens spielte sich im Umkreis von 500 Metern ab, das „wirkliche“ Leben war aber teilweise weit von hier entfernt, und wenn ich jetzt ab und an den Stellen dieser Wirklichkeit vorbeikomme, dann erfasse ich, wie anders diese Stadt wirklich ist im Vergleich zu den Orten, die ich kenne. Man könnte auch einen Katalog der Hässlichkeiten oder einen der absurden Schönheiten anlegen. Aber ich hatte ja in diesen Tagen kaum Zeit, solche Gedanken kamen mir auch im Dazwischen, was mich herumtrieb, lag hauptsächlich an der Achse der Tramlinie 1. (1 klingt wie an einer Strecke in einer Kleinstadt, wo es drei oder fünf Linien gibt. Es ist wert nachforschen woher die Wiener Tramnummern kommen, die Buchstaben, und leider ist es ein praktischer Fortschritt, dass seit ein paar Jahren die vielen Buslinien hinter den Ziffern ein A, manchmal ein B haben…vorher haben sich selbst Einheimische an der Haltestelle oft nicht ausgekannt). Und ich gehe also täglich zur 1, die hat noch drei oder vier Stationen ganz hinauf auf den Wienerberg, wo sich Wohnsiedlungen aus den Dreißiger Jahren und dem Nachkrieg, Naturschutzgebiete, Hundeauslauf und eine Hochhausklumpung neuerer Zeit verbinden. Meine Wehrdienstkaserne ist da auch um die Ecke. Bald wird die verlängerte neue Ubahnlinie noch näher am Haus meines Freundes vorbeiführen. Leider ist der ganze Wohnkomplex unter der schwarzen Regierung einem deutschen Konzern verkauft worden…naja, andere Sorgen habe ich nicht. Übrigens führt die 1 in den Prater. Der liegt auf der Insel zwischen Donau und Donaukanal, und der 2. Bezirk war eines der Zentren des Wiener Judentums und vermeidlich, wenn man dieses studieren will…aber in Wien ist das Verhältnis der jüdischen Lebenspunkte anders als zwischen Grunewald und Scheunenviertel in Berlin, aber ich schweife schon wieder ab. Ist aber wichtig für mich, auch die fortdauernde Dialektik von jüdischem Leben und Antisemitismus, auch dies wie ein eingefrorener Zustand mit geringen Variationen, je nach Erlebtem und je nach der Genauigkeit der Interessen. Für mich ist das nicht erledigt.

Aber neben dem 2. Bezirk liegt noch der 22. Auf der Insel, die Brigittenau, ein seltsamer Mischbezirk, nur woraus gemischt? Es gibt da unter anderem einen sehr großstädtischen Platz, benannt nach Gauß, durchquert von der Tram, der in seiner Anlage an Pariser Plätze erinnert. An einem Randstück ist ein Lokal, ein Club, ein was? Aktionsradius, gibt es schon lange, die laden wirklich wichtige und gute Leute ein, ich war am Mittwoch dort, um Marlene Streeruwitz zu hören und zu sehen. Das Publikum wieder geteilt: über 60 und unter 30. Mit geschlossenen Augen hätte ich sofort den Odeur der 68er und des nächsten Jahrzehnts eingeatmet, und dass die harten Diskussionen erst nach dem Podium stattfanden, als sich alles aufgelöst hatte, ist fast schon klar. Klasse, was sie sagte, mäßig, wie die Wirkung war, die ich leider ablenkend beobachtet hatte. Man muss die Frau wirklich genau lesen, und genau produziert erst das Dazwischen. Am gleichen Platz ein italienisches Restaurant der kulinarischen Oberklasse und auch nicht billig, so ausgestattet, als hätte Fellini einen Film hier drehen wollen. Und natürlich Stoffservietten, wie bei allen besseren Lokalen in Wien. Um die Ecke ein großes Grundstück, unzugänglich, große Ankündigung: die erste europäische Holzhaussiedlung, ich sage nur: Klimaschutz, s.o. Man geht zur Tram 1 etwa 20 Minuten und ist wieder in einer anderen Welt, am Ring, aber auch nicht weit von der Synagoge in der Seitenstettengasse, der Judengasse, dem Judenplatz. Das wäre die dritte Welt von Wien.

Warum ich das erzähle? Wenn man genügend Abstand und Zeit zwischen den arbeitsbedingten Aktivitäten und Anfahrten, Abfahrten, Zustiegen lässt, kann dieser Abstand klein sein, aber man erfährt die Umgebung der Landschaft, in der man tätig ist, und zwar meist so, dass man keine Zeit zum Flanieren hat. Ich schreibe „man“, wie les nicht nur für mich gilt, und mein neues Buch wird im Titel haben Flanieren im Labyrinth, und dabei wird es um den Mythos gehen, und erscheinen wird das Buch in einem Verlag ganz um die Ecke der dritten Welt von Wien, bei edition splitter. Jedesmal, wenn ich nach Wien komme, meist in Verbindung von Arbeit und Erinnerung, entdecke ich in meiner Stadt, etwas das ich weiß, das sich dennoch seit letztem Mal verändert hat, und deshalb auch meine Erinnerung verändert. Darum geht’s auch diesmal.

Nun interessiert euch ja nicht meine Erinnerung, sondern die Hinweise auf die sich ständig verändernde Großstadt, auch ein Motto: Man muss die Dinge ändern, damit sie die gleichen bleiben (Lampedusa). Und das ist eine Essenz der immer wiederkehrenden Wienberichte: ich ändere mich in Wien vom Augenblick der Ankunft. Darum bleibe ich derselbe.

P.S. Eigenwerbung, weil ich oben die Edition splitter in Wien erwähnt habe. Dort ist gerade ein Buch meiner Frau Birgit Seemann erschienen: Der traurige Mörder von Sanssouci, ISBN 3-9504404-9-6, großartig; und im Januar erscheint dort mein neues Buch: Flanieren im Mythos – Sexualität und Gewalt, ISBN 978-3-9504404-8-5, kann man jetzt schon bei der edition splitter oder bei mir bestellen. Danke für die Aufmerksamkeit im digitalen Lesehinweis.

Geisterbahn

Post-Pofalla, wohin fällt man, wenn man mit den DB große Strecken fahren muss?

Zu meinem regulären Geschimpfe, von dem ich die SchaffnerInnen ausdrücklich ausnehme, nun der romanesker Bericht über eine komplizierte Pflichtreise nach Wien. Das Ticket von Berlin über Prag habe ich vor Monaten gekauft, weil es billig und gut ist – perdu, verloren, denn:

Zwei Tage VOR der Fahrt musste ich nach Oldenburg. Dringend. Von Berlin nach Hannover kann man wegen Streckensperrung nicht fahren. Also über Hamburg. Geht gut bis Bergedorf, dort muss eine Reparatur gemacht werden. 20 Minuten. Im Hbf hat der Anschluss nach Bremen gottseidank auch 40 Minuten Verspätung, und der Zug in Bremen nach Oldenburg hatte 80 Minuten, dafür konnte ich mit dem RE dazwischen den Zeitverblust auf weitere 30 Minuten verkürzen.

Die DB App hatte mir 19 Meldungen geschickt, die alle Verspätungen ohne Alternativen in letzter Sekunde aufgezählt haben, wie ein Lehrgedicht. Heute wieder zwanzig Apps, „Fahrt fällt aus“. Keine Alternativen, weil die ja auch kaputt sind.

Nagut, der nächste Tag. Ich riskiere Zuzahlen und fahre pünktlich nach Hannover ab. Dort stehen wir angenagelt, die Ankupplung eines Zugteils funktioniert nicht. Außerdem 45 Minuten Verspätungsvorschau, ein Stellwerk bei Fulda ist kaputt. Das heißt, dass ich den Anschluss in Nürnberg nach Wien nicht bekomme und den nächsten wahrscheinlich auch nicht. Auf die Idee, die beiden Zugteile separat mit 10 Minuten Abstand fahren zu lassen, kommt niemand, es gibt ja kein Personal.

Natürlich interessiert es euch nicht. Ein einfaches Soforttickert aus Bremen hätte 2. Kl 300 € gekostet (ich habe die entsprechende Karte). Mehdorn lebt in einem FDP Minister weiter, der die soziale Bahn hasst. Wir sollten alle in Lindners Porsche fahren, aber die Autobahn ist Freitags ja auch verstopft. Nagut. Ich schreibe und arbeite und lese. Probeentkupplung und Reverkupplung, Bahnpuff nennt man das. Jetzt habe ich mich in die 1. Klasse gequetscht und hoffe, bis Nürnberg durchzuhalten. Die Bahnapp, die ich ja habe, funktioniert auch nicht, wohl überlastet. Die Passagiere sind überraschend solidarisch, aber ansonsten ein guter Film fürs Chaos.

Frohe Botschaft: eine Schaffnerin macht das mit meinen Tickets in Minuten klar, die kann ja nichts dafür.

Schulen, IT, Armut, Bahn. Germany last. Wieweit das mit den Bürokraten zusammenhängt, erforschen weitere Liebdiener. Das schafft Arbeitsplätze.

Ein Abend ohne Kritik

Wie oft in den letzten Jahren bin ich nicht aus dem Theater oder Oper gekommen, die kritische Rezension schon an der Garderobe im Kopf; und meistens habe ich den Abend, wenn er nicht herausragend war, schon frühdement vergessen, wo zu kritisieren, was man ohnedies nicht empfiehlt. Es kommt natürlich auf die Umstände an, unter denen man sich bemüht pünktlich einen Platz einzunehmen, im Foyer nur bekannte Bekannte zu grüßen, entspannt das Aufgehen des Vorhangs zu erwarten und überhaupt. Gestern waren gute Umstände, also:

Die diesjährige Potsdamer Winteroper fand am 11.11. (Premiere) im Schlosstheater des Neuen Palais statt, gottfern und gottseidank nicht in der Friedenskirche wie frühere Winteropern), man fährt 15 Minuten mit dem Rad durch den kalten, mondbeschienen Park und drängt sich auf die guten, teuren und renovierten Sitze weit vorne im insgesamt schön renovierten Haus. Nicht zu viele Menschen passen hier rein, aber hinreichend viele, damit es nichts familiäres oder privates hat.

Il matrimonio segreto, die heimliche Ehe, von Domenico Cimarosa, Regie Adriana Altaras (bekannt und bestens motiviert, die Frauen hervorzuheben aus den üblichen Geschichten), Dirigent Attilio Cremonesi (mir neu), Bühne Matthias Müller (bekannt und wunderbar) und natürlich die Kammerakademie Potsdam, die immer schon zur guten Seite der hiesigen Kultur gehört. Ja, und sechs hervorragende SängerInnen. Alle anderen beteiligten Personen lobe ich auch.

Aber da war ja eine Ausnahmesituation, weil alles passte und nichts dazwischen kam. Die Verantwortlichen bestätigten, was ich selbst gehört hatte, die Nähe zu Mozart im zweiten Akt (und der war natürlich besser), aber das war egal, denn hier gings um dramatisches Beziehungstheater mit wirklich außergewöhnlich guten Stimmen, ein erwartbares Finale ohne den Sieg der Oberschicht, richtige Paarung am Ende, Anspielungen, blendend geführt und gut gespielt. Also ein Vergnügen, das die Bekannten nach dem Schlussapplaus auch in einem guten Zustand hinterlassen hat.

Noch sechs Aufführungen: https://www.spsg.de/aktuelles/kalender-schlosstheater/

geht hin. ich heb mir die Kritik für etwas anderes auf

Rechts-Staat ante portas

Mit diesen Bemerkungen schließe ich vorläufig meine Kritik an den neuen alten Rechten. Jetzt meine ich die ALTEN, die sich gerne die ÄLTEREN, die Erfahrenen, die Politisch VERANTWORTLICH nennen.

(Zu eurer Information: Ich bin in einigen Projekten der Altenforschung engagiert und verwende ansonsten ein etwas anderes Vokabular. Wen es interessiert, ich berichte gerne).

WENN ZUR ZEIT DIE ÄLTERE GENERATION der Regierenden, der Meinungsmacher, und natürlich der juristischen Besserwisser gegen die LETZTE GENERATION argumentieren, dann verwenden sie Argumente des Rechtsstaats, wonach man – natürlich – einen Van Gogh nicht zerstören darf, wenn man Aufmerksamkeit auf sich ziehen will. Ob Straßenblockaden rechtlich anders bewertet werden, wenn sie von DemonstantInnen oder von dumpfen Stautraditionalisten gemacht werden, ist schon sensibler. Aber hart wird es, wenn die Klimaverursacher – und das sind nicht nur CDU/CSU, das ist die Mehrheit der politischen Parteien und der Wirtschaft und der Gewerkschaften und des sog. Volkes im Allgemeinen, wenn also diese gegen die letzte Generation, die noch Hoffnung auf freies Atmen hat, mit dem Rechtsstaat bedroht und die Proteste abfedern will. Die Generation Mewrz wird es nicht mehr erleben, wenn die 1,5° überschritten sind. Aber die „Letzte Generation“ wird es erleiden müssen. Und die Kinder Enkel der Rechten, nicht nur der Rechten, werden in ihre Familientrauer auch eine Anklage einbauen, die in den erwärmten Zonen der Atmosphäre verpufft.

Es gibt andere Gründe, warum man Monet nicht verschmutzen soll, gute Gründe, moralische, ästhetische. Aber der Rechtsstaat ist gegen Ende der lebbaren Zeiten der falsche Ort, den Klimawandel noch zu befördern.

Politik besteht gottseidank nicht nur aus Handeln im Rechtsstaat. Aber, Ihr braven Löser von Bahnsteigkarten zur Rettung der Menschheit, denkt doch daran, WAS IHR NICHT MEHR ERLEBEN WERDET. Die Jungen sind euch in dieser Hinsicht NICHT VERPFLICHTET

Eurofaschistische Bewegung – Moment oder Tendenz?

Dass Europa nach RECHTS rückt, ist nicht das Problem . Es gab ein vertanes sozialdemokratisches Jahrzehnt, da man auf LINKS gehofft hatte, mehr soziales Engagement, bessere, weil kritische und innovative Kultur etc., und dass es eine konservative Gegenbewegung gibt, war und ist nicht neu. Aber wenn KONSERVATIV zugleich REAKTIONÄR, FASCHISTOID oder schlicht nur DEPPERT ist, dann wird es gefährlich. Ich hoffe, die neue rechtsradikale Rhetorik von CDU/CSU – genauer: von den mit Hirn begabten Söder & Merz und ihren Sykophanten – ist eher das Letztere (schlimm, was man am 9. und 10.11. von den beiden gehört hat, aber nicht jeder Blödsinn ist schon deshalb faschistisch). Ihr wundert euch über meine Wortwahl? Der ich doch sonst meistens moderiere…Zunächst: für die sprachlichen Exzesse der christlichen Parteien bin ich so wenig zuständig wie für die AfD. Die beiden Planetensysteme nähern sich einander bedenklich an. Und dann: die Strategie von Merz&Co. macht Kritik schwieriger. zum Beispiel meine Kritik an Cancel Culture. So, wie die beiden CDU/CSU Granden darüber sprechen, von der anderen, der unkritisch systemischen Seite, klingen sie nicht zufällig wie amerikanische Evangelikale. Aber was solls. Das werden wir bald vergessen haben. Aber dass diese sogenannten Christen sich für Atomenergie stark machen, zeigt eine mögliche Verstrahlung ihrer Hirne und eine Blödblindheit für die nächsten Generationen (Strahlengefahr+Endlager), die ich für bedenklich halte. Ja, warum werden denn gerade in Bayern so wenig regenerative Energien umgesetzt? Warum wird dort der DB Ausbau gebremst? Aber solche Probleme gibt es in allen Bundesländern, und die Bundesregierung blockiert sich teilweise selbst, weiß ich auch. Nur: die 1,5° rücken näher, dann werden die Omas und Opas gegen die Vernunft schon nicht mehr mitbekommen, wie ihre Enkel ersticken, wenn sie denn welche haben.

Und solche Beobachtungen gelten für fast ganz Europa. Und die weniger faschistoiden, die weniger rechten Regierungen sind fast altersmilde gegenüber Meloni, gegenüber den Schweden, gegenüber Ungarn, gegenüber…Der europäische Faschismus und Protofaschismus ist wie ein Immungürtel gegen Russland und gegen die Entwicklungen in den eigenen Ländern und zunehmend in den USA, von wegen Partnern? Sie sind uns doch näher, sagt Ihr. Ja, näher schon, aber längst nicht mehr nahe. Und das ist das nächste Problem, dass wir uns über Geldbeträge, die ohnedies NIE zurückgezahlt werden, streiten, aber der EU nicht gestatten, sich weiter demokratisch zu entwickeln und zu entfalten.

Ja, haut mir nur eine rein wegen dierser groben und undifferenzierten Argumentation. Ich hätte noch ein paar feinere Klingen und Advocacies; aber wenn ich mir die oben geschilderten Repräsentanten des EuroC Flügels und vieler ihnen Verwandten anschaue und anhöre, vergeht mir die Lust, immer nur TVgerecht auf die Begriffsbremse zu treten.

Aber gut. Ich kann auch anders. Ihr könnt auch anders. Dazu lohnt es sich, die konservativen, faschistoiden, faschistischen Elemente und die Dummheiten aus Opportunismus zu sortieren, öffentlich, und nicht am Stammtisch oder beim Abendessen. Das geht mir ab, ein Klima, bei dem man sich nicht zurückzieht, wenn einem dauernd gesagt wird, wie kleinlich man die Worte unserer Gegner auf die Goldwaage legt. Die ist ein Instrument für Friedenszeiten.

Endlich Feinde: die Klimaaktivisten…das ist christlich und sozial

Krieg der Russen gegen die Ukraine und Europa – egal. Benzin und Diesel sind teuer wie seit 2012 nicht, sagt der ADAC – egal. Bayern München für einen Tag Tabellenführer – egal.

HAUPTSACHE wir gehen den Klima-Aktivisten an den Kragen. Wenn man Dobrindt und andere aus dem kristlichen Sammellager hört, denkt man an die Wiedereinführung des F-Wortes. Gefängnis, Vorbeugehaft, warum nicht gleich vorsorgliche Hinrichtung? „Union will radikale Proteste hart bestrafen: Dobrindt warnt vor „Entstehung einer Klima-RAF““ (Tagesspiegel)

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Wovon harte Hunde träumen

VON RONEN STEINKE

Während die Unionsfraktion im Bundestag fiebrig-autoritäre Träume davon träumt, wie man die friedlichen Klimademonstranten, die den Autoverkehr behindern, künftig ins Gefängnis werfen könnte – „Knast statt Geldstrafen“, fordert CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt –, sind die Sicherheitsbehörden in Bayern schon einen Schritt weiter. Sie leben diesen Traum. In München sind am Donnerstag zwölf Klimaaktivisten eingesperrt worden. Zehn von ihnen sitzen weiter hinter Gittern, nur weil sie den Verkehr am Stachus, einem zentralen Platz, für 90 Minuten behindert haben.

Aus dem Umstand, dass die zehn Klimaaktivisten bisher keine Rechtsmittel dagegen einlegen, sondern es lieber widerstandslos hinnehmen – Mobilisierung durch Märtyrerpose, das scheint die Strategie dahinter zu sein –, sollte niemand den falschen Schluss ziehen, dass diese Haft rechtmäßig ist.(SZ 7.11.2022)

Die tote Radfahrerin wurde von einem LKW Fahrer getötet und konnte nicht gerettet werden, weil Berlins Autobahnen verstopft sind, mit und ohne Demonstrationen. (Lest bitte SZ vom 5.11.: Eine gewagte Behauptung (S.6), und Notärztin entlastet Klimaaktivisten (ebenda)

Nein, ich finde das Zerstören von Kunstwerken falsch, auch wenn ich meine zu verstehen, warum dieses Mittel gewählt wird. Ja, ich finde Verkehrsblockaden richtig, die Rettungsgassen haben nichts mit den Demonstrationen zu tun.

Dass der jetzige Vorfall den Sprechern von KSU und KDU und aufgepeitscht durch die Bildzeitung dazu dient, sich beim Pöbel anzubiedern, hat nichts mit Rechtsstaat und Demokratie zu tun, sondern ist eine Ausrede, die nächste Generation ersticken zu lassen, nur damit man ohne Begrenzung über die deutschen Autobahnen rasen kann. F in Europa, auch in D.

Wieder ein Abschluss

Gestern, am 4.11.2022, habe ich meine Mitgliedschaft im Hochschulrat der Philipps-Universität Marburg (PMU) beendet, früher als meine Amtszeit gelaufen wäre, aber nach 10 Jahren und über 50 Sitzungen. Damit wird eine Erneuerung des Hochschulrates erleichtert und ich muss mich nicht in die Medizin des Uniklinikums einarbeiten, was Angelegenheit des ebenfalls zurückgetretenen Vorsitzenden war. Was mich – neben den wirklichen Abschiedsgefühlen – beschäftigt hat, war der Abschied von der Hochschulpolitik an der Uni, an der ich mich 1973 erstmals auf eine Professur beworben hatte (die Stelle wurde kurz nach meiner Anhörung gestrichen, ich wurde kurz darauf nach Osnabrück berufen). Der Kreis schließt sich, und vieles, das vor 50 Jahren aktuell war, ist heute hochschulpolitisch noch nicht viel weitergekommen – Deutschland insgesamt verliert im Bereich der wissenschaftlichen Bildung und Ausbildung, auch in vielen Bereichen der Forschung. Nun ist Marburg nicht nur 600 Jahre alt, sondern eine sehr angenehme, studierendenfreundliche, soziale und politisch gut platzierte Universität in einer guten Stadt, es ist auch ein Ort der wissenschaftlichen Freundschaften geworden (Kosovo, Konfliktforschung, Ethnologie) und ich konnte meine eigenen Erfahrungen mit Universitätsleitung und -Politik gut vergleichen mit der Entwicklung 20 Jahre danach. Also kein trauriger, sondern ein pragmatischer Abschied, der zugleich einen biographischen Kreis schließt, der noch mehr persönliche Bezüge aus der Vergangenheit enthält. Nun ist das von einem Tag auf den andern zu Ende, die Erinnerungskultur beginnt und wird vielleicht bei einem Kolloquium oder einem Sommerfest aufgerufen, aber das Kapitel ist geschlossen.

Das hat eine persönliche Seite, aber auch eine politische. Wissenschaftspolitik und Hochschulpolitik führen in Deutschland ein Schattendasein, trotz enorm verwendeter und verschwendeter Geldmittel. Allzulange hat man auf eine konstruierte und teilweise erfolgreiche Tradition gebaut, und als wir um 1968 eine echte Reform versucht haben, ist diese an vielen, widersprüchlichen Spezifika der deutschen politischen Kultur und des Staatsüberhangs gegenüber der Wissenschaft gescheitert (Vgl. Michael Daxner: Die Wiederherstellung der Hochschule, Köln 1993, Böll). Heute wäre meine These, dass hier auch die gesellschaftliche Indifferenz und nicht nur eine abwegige Staatsverwaltung eine echte Autonomie und vor allem Verantwortung gegenüber den Studierenden behindert hatte, auch dass der Föderalismus die Ausbildung behindert hatte und die außeruniversitäre Forschung durch Bundespolitik begünstigte. Egal…ich hatte mich schon lange aus der europäischen Hochschulpolitik zurückgezogen, jetzt auch aus der deutschen.

Finis, das ist auch biographisch eine Wende, denn ab jetzt kann ich erzählen, und ab jetzt hat die Erzählung wenig Einfluss auf meine Praxis.

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Am Ende bleibt ein doch erinnerungswertes Rundumgemälde meiner Präsenz im Hochschulrat: eingeleitet und nach einigen Stunden beendet durch eine Bahnverbindung, deren summierte Verspätungen ein Seminar über ein Semester ermöglicht hätten; oft musste ich übernachten und das war gut, weil es mir ermöglichte, vor den Sitzungen durch die morgendliche Stadt zu streifen oder einfach mich weiter vorzubereiten, und abends konnte man Freunde und Kollegen treffen, die man sonst lange nicht sieht. Manchmal nach Wiesbaden, ins Ministerium, unter der jetzigen Ministerin besonders angenehm, grün bleibt grün, und so war auch das eine gute Zeit.

Das schreibe ich, weil es etwas abschließt, das nicht mit meinem Alter und meiner Lebenskurve zu tun hat, sondern mit zehn Jahren des lebendigen Lebens.

P.S. Ich glaube, ich hatte nie jemandem erzählt, dass ich am Abend nach meiner ersten Anhörung im Wirtshaus um meine Brieftasche erleichtert wurde, weil ich stundenlang auf den späten Nachtzug warten musste. Das hat mit der Uni nichts zu tun, und eigentlich mit mir auch nicht.

Religion schadet? Global, lokal,…

Nicht alle Konservativen sind Faschisten. Nicht alle Faschisten sind Nazis. Nicht nur die Linken bestimmen, was rechts ist und wo der Faschismus beginnt, nicht nur die Rechten bestimmen, wo sie zum nicht-demokratischen Populismus legitimiert sind. Trivial?

Untersucht man nur die Sprache und die politischen Diskurse, fallen oft die flachen und unlogischen Strukturen auf; man sollte dabei auch auf sich zeigen, und die eigenen Urteile einer Identitätskritik unterziehen: denn der Blickwinkel ist ja nie objektiv, sondern müsste stärker kritisch untersucht werden.

Die Vorsicht, mit der mehr oder weniger wichtige PolitikerInnen mit diesen Totschlagbegriffen umgehen, ist auch außerhalb der Diplomatie häufiger peinlich als nichts sagend.

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Die Analogien von Putin zu Hitler, von beiden zu Stalin, die Unterschiede und Analogien zu China, und die oft unangebrachte Vorsicht, die Unterschiede zu den USA klar zu benennen, sind im globalen Diskurs schon ziemlich befestigt.

Auf der Weltebene ist das halt so übermächtig, da kann man eh nichts machen, raunzt der Wiener. Da schmiegt man sich eben an die kurzfristigen Apportierer von Dividenden an, ohne die geht’s den Uiguren, Kongolesen und anderen Unterdrückten auch nicht besser, und die Neoliberalen bestimmen auch dann das Feld, wenn sie diesen Titel von sich weisen oder nicht buchstabieren können.

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Wenns nicht global ist, sondern nur aus der Weltsicht betrachtet wird, dann mischt sich die praktische Lähmung auch noch mit Blindheit. Im Letzten Blog hab ich einige Fenster zum Thema in Südtirol geöffnet. Jetzt packt gerade der Hamburger Hampel seine Tasche für China, und hört nicht auf Annalena Baerbock oder Bütikofer, sondern nur auf die Alsterschmarotzer, jetzt muss man mit den Faschisten Erdögan als Vermittler für die Weizenschiffe schonen, jetzt sieht man, wie die jüdischen Menschen genauso blöd sind wie der Rest der Menschheit (Wahlergebnisse rechts von Netanjahu), jetzt sind die Palästinenser wieder Zeugen ihrer eigenen inhumanen Selbstsicht, JETZT…Schauen wir noch einmal auf Netanjahu:

„Denn diese Partner sind höchst problematisch, weil sie das Schwergewicht der Macht an die Ränder der Gesellschaft verschieben. Da sind zum einen die beiden ultraorthodoxen Parteien Schas und Vereinigtes Torah-Judentum, die Politik aus Prinzip allein für ihre fromme Klientel betreiben. Statt fürs Gemeinwohl kämpfen sie für die Befreiung ihrer Wählerschaft von der Wehrpflicht oder die staatliche Finanzierung ihrer religiösen Schulen.

Zum anderen – und noch bedrohlicher – gilt das für Netanjahus Bündnis mit den politischen Pyromanen, die als „Religiöse Zionisten“ nun zur drittstärksten Kraft im Land aufgestiegen sind. Diese Truppe von radikalen Siedlern, waffenschwingenden Araberhassern und Homophoben preist dies als göttliche Fügung. Doch in Wahrheit sind auch sie Geschöpfe Netanjahus, der sie aus Machtkalkül aus dem Dunkeln ins Licht holte.“ (SZ 3.11.2022). Und das muss man erklären, nicht hinnehmen.

Die besonders klugen (Profs, Studis) erklären mir jetzt, JETZT, wie alles mit allem zusammenhängt. Dies kann man, kann ich, widerlegen, aber es ist nicht einfach.

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Demokratien sind so gut und lebenswert, weil sie auch dann erfolgreich sind, wenn sie „schwach“ sind. Aber was heißt „schwach“? Sie haben, wir haben Feinde im Inneren, weil die Interessen die Einsicht übertönen, und im Äußeren, weil nur die Ökonomie global ist, und die Politik dahinter zurückbleibt. Man kann auch Marx und Hannah Arendt dazu lesen, aber noch näher läge die Frage, warum sich die menschliche Evolution der Einsicht in die Wirklichkeit verschließt. Mein Lieblingsthema: Wahrheit unterliegt der Wirklichkeit, nicht umgekehrt.

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Offenbar haben Aufklärung und Evolution eine Vielzahl – nicht die Mehrzahl? – von Menschen dazu gebracht, sich politisch eher rechts und gegen die Verantwortung des freien Willens zu engagieren. Hättet ihr das von Israel gedacht, oder von den nachkolonialen Gesellschaften im Nahen Osten und Asien, oder von Ungarn und Polen und vom sozialdemokratischen Vorbild Schweden? Oder von der österreichischen Volkspartei?

Die ÖVP erwähne ich, weil sie aus zwei Diktaturen, dem Austrofaschismus und den Nazis, ganz unterschiedliche Materialien zur Weiterexistenz gezogen hatte. Und weil ihre austrofaschistische Vergangenheit, wie bei vielen konservativen Parteien, eng mit Religion verbunden war. Dass alle Religionsgemeinschaften Faschismus-affin sind, kann man beweisen, es bedeutet nicht, dass jeder Glaube so ist. Aber die Kirchen, v.a. die monotheistischen sind das, immer im Kampf mit ihren vernünftigen, aufgeklärten Gegnern. Nicht nur die christlichen Kirchen, Islam und auch das Judentum (siehe nationalzionistische teilweise kriminelle Parteien in Israel). Wie ich im Kontext darauf komme:

Tim Parks beschreibt in seiner erschreckenden Rezension „The Pope’s Many Silences“ (NYRB20.10.2022) das Verhalten des Papstes Pius XII anhand zweier kontroverser Historiographien (vernichtend kritisch von David Kertzer, apologetisch von Michael Hesemann). Die letzten Archive sind ja jetzt offen, den europäischen Katholiken laufen die Gläubigen davon – und was hat das mit Pius XII zu tun? Der war in meiner Kindheit durchaus präsent, als antikommunistische und segensreiche politische Ikone, aber was hat er getan? Lest das im Detail nach. Ich spreche bewusst von der Faschismus-Affinität. (Dem steht die karitative Praxis nicht entgegen, das ist die Crux im Alltagsdiskurs).

Die Differenz zwischen Religion und Glauben ist politisch, sie ist die Differenz ums Ganze. An der Wirklichkeit muss man den Papst und die Kirche messen, nicht an der göttlichen Wahrheit.

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Und wenn die Kleingeister ihre Lokalität weltweit ausleben, bedarf es gar keiner polemischen Diskussion um Religion mehr. Oft genügt der Gebrauch der Vernunft. Nur spielen die Religionen nach wie vor in die politischen Diskussionen und Praktiken unzulässig hinein.

Und jetzt lest bitte den ersten Absatz noch einmal

Südtirol – eine gute Woche

Normalerweise schreibe ich keine Tagebücher in meinen Blog, Persönliches muss draußen bleiben. Diesmal war eine besondere Woche, auch politisch, auch anregend für meine Reflexion der eigenen Geschichte, also auch Erinnerungen vor Ort (6 Jahre Südtirol) und in der Nachbarschaft, aber darüber muss ich nicht schreiben.

Ich habe gerade ein sehr gute Woche mit Familie, Geburtstagsfeiern, Postcovid-Erholung und der immer erfreulichen Wiederbegegnung mit dem Ahrntal – Val Aurina – am Alpenhauptkamm hinter mir. Es lohnt durchaus, sich der Ausblicke auf die Gipfel und der Eindrücke von erstaunlich vielen Faltern, Raupen, Raben und Pilze noch längere Zeit zu erinnern, mehr als nur ein Rahmen zu den schönen persönlichen Erlebnissen. Es war sehr warm, 22°, der Schnee ist weiter zurückgegangen, und so war der Klimawandel ein Thema. Aber mein Zustand muss euch ja nicht interessieren. In den täglichen Nachrichten und in einigen zum Tal gehörenden Recherchen erhält dieser Rahmen noch einen weiteren. Nicht, dass wir nichts gewusst hätten über Südtirol im Faschismus, im Krieg, nach dem Krieg, nicht dass die jüdische Tauernquerung von 1946-7 nicht thematisiert wurde, die Geschichte des Alto Adige ist gar nicht zu verdrängen. Wird ja auch seltsam freimütig in den Geschichts- und Kulturbüchern z.B. der Hotelbibliotheken oder der Tageszeitung Dolomiten abgehandelt. Aber die Zeiten sind anders. Nun regieren die Faschisten auch in Rom. Auf den Namen Meloni kann man keine Witze machen. Seltsam unkritisch reagiert das demokratische Europa auf die Koalition von Rechtsradikalen, Nationalisten und Europafeinden; ähnlich schon nimmt man die faschistische Wende in Schweden hin, von der EU Hege der Orbans und Kaczynskis ganz zu schweigen. Aber bleiben wir bei Italien. (SZ 29.10.2022 „Der lange Schatten des Duce“ von Oliver Meiler, das denke ich auch. Und „Tausende Mussolini-Anhänger feiern 100 Jahre „Marsch auf Rom“: Tausende Anhänger des früheren italienischen Diktators Benito Mussolini sind am Sonntag an dessen Geburtsort aufmarschiert. Schätzungen der Polizei zufolge versammelten sich etwa 2000 Menschen in dem kleinen Bergdorf Predappio in Norditalien, wo der Faschistenführer begraben liegt. Dabei bekundeten einige Teilnehmer ihre Sympathie für die neue italienische Regierungschefin Giorgia Meloni. Tagesspiegel 31.10.2022). Aber: Das war ja nicht Meloni allein, die dieses Ergebnis politischen Absturzes herbeigeführt hatte, sie ist nur aufgesprungen. Seit Berlusconi erodiert das demokratische Italien, auch seine kulturelle und soziale Struktur. Analysen gibt es genug dazu, seit Jahren, und es gibt natürlich auch eine nicht faschistische demokratische Widerstandskultur, aber ich will darauf hinaus, dass dieser Antifaschismus nicht links ist, nicht liberal, sondern eher einer politisierten gebildeten Schicht zuzurechnen ist, die sich längst nicht mehr einer Klasse zuordnet, wenn sie sich gegen den Pöbel wehrt. Der von den Medien, dem Einzelhandel, den Erziehung im post-berlusconischen Raum, vor allem von den Medien, gegen Demokratie und Kritik immunisiert. Das muss man gar nicht durch switchen der x RAI Programme beweisen, man kann auch noch einmal nachlesen, was z.B. in Südtirol politisch sich verworfen, überworfen hat, an italienischen, tirolischen, österreichischen, deutschen Ideologien, die sich politisch niedergeschlagen haben im Überbau und in dessen Schattenseiten. Ich habe mir nun keine Geschichtsstunde verordnet, sondern nur die Luftwurzeln und die Erdhaftung von Tagespolitik anhand der Umgebung, der Erinnerungskultur, der geförderten und der marginalisierten Kunst angesehen, noch einmal Ezra Pound in Südtirol nachgelesen, und mit wem der befreundet war, Bildhauer, Architekten etc. Vieles ohne direkten Bezug zum Faschismus (ah, doch ein Bischof), zu den Nazis (viele der ins Reich gezogenen Südtiroler sind nicht heimgekehrt), die nicht enden wollende Autonomiedebatte, mit der Meloni die Politköpfe ködert….

Wenn ihr da Urlaub macht, merkt ihr von all dem wenig, obwohl man dauernd darüber stolpert.

Damit wir zu diesem Man werden, können, wenn wir es denn wollen, lohnt nicht nur ein Blick in die politische Geschichte: die Wirtschaftsgeschichte, die Kirchenregime, die Abgeschlossenheit und der ungleich verteilte Reichtum, veramente Reichtum!, der Bergwerksregion – all das erklärt neben den herrlichen Anblicken, neben der bemerkenswerten Kohabitation von Landwirtschaft, Tourismus, einer Menge Industrie, – es erklärt, wie besonderen Strukturen entstanden sind, die heute den Wohlstand gefördert und vermehrt bekommen, obwohl es so viele nette, freundliche, arbeitssame, bodenständige Bauern und Zimmervermieter gibt. Natürlich trifft unsereins nicht auf jemanden, der oder die jemals die Faschisten gewählt hätte. Darin unterscheiden sich die Leute nicht von den deutschen AfD Wählern. Aber die Geschichte der SVP Südtiroler Volkspartei ist dann anders als die deutscher Parteien, die Beziehung zum keineswegs vorbildlich demokratischen österreichischen Tirol ist eben auch speziell, – und, sehr subjektiv, ich habe hier doch eine Menge regierungskritischer, demokratischer Gesprächspartner getroffen, die vielfach befreiend wirken, ökologisch, gebildet, aber eben nicht links oder liberal in den abgegriffenen Schablonen dieser Begriffe. Womit ich wieder oben bin. Die Samthandschuhe, mit denen die Faschisten nicht nur in Italien von denen gestreichelt werden, die auch ihre eigene verlogene Fragmentdemokratie glauben, ist ärgerlich, weil das schon so wahrgenommen wird in der politischen Oberklasse.

Das also liest sich zwischen den Wanderungen, den Mahlzeiten, den Ausblicken und den wichtigen persönlichen Gesprächen.  Dafür schaut man nicht ins TV, auch nicht ins deutsche, und führt wenige abstrakte politische Gespräche. Wie gesagt, man stolpert über die Geschichte.

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Im zweiten Teil werde ich etwas über die Berge und Almen schreiben. Die Diskussionen darüber, ob man mitten in vielfältigen Krisen und unter Wahrnehmung von globalen und lokalen Katastrophen einen Urlaub genießen, sich der Natur und der Geschichte zuwenden, Kunst und Kultur aufnehmen, Kritik üben kann und vor dem Einschlafen auch noch diskutiert oder ein Buch liest – diese Diskussion ist kindisch und zugleich gefährlich. Erstens: man kann, wir können. Zweitens: gerade das richtige Leben im Falschen, die friedlichen Tage im Krieg, die Freude am guten Leben lassen ja das Übel nicht verschwinden, es ist ja präsent, man kann es nicht verdrängen und soll es auch nicht. Aber es hat keinen Sinn so zu tun, als könnte man Lösungen ausdiskutieren, anstatt seine Umgebung wahrzunehmen. Also: man macht sich nicht dadurch schuldig, dass man sich in den guten Abschnitten des richtigen Lebens nicht jede Bewegung den Schrecken seines Lebensrahmens unterwirft.

So gehe ich, oft langsamer als die anderen, weil noch etwas geschwächt, und kann mich nicht sattsehen. Herbstfarben sind anders als Sommerfarben, überraschend viele Schmetterlinge, und Einblicke in die langsame Heilung der grauenvollen Schäden des Sturms Vaia 2019. Wir haben die kaputten Berghänge damals gesehen, jetzt, vier Jahre später, beginnen die Aufräumarbeiten erste Erfolge zu zeigen, es wächst wieder etwas, anderes als die Nadelbäume, und vielleicht wird man in ein paar Jahren neue Mischwälder sehen. Aber die Narben bleiben. Manche Wege sind erst jetzt wieder begehbar. Eine lange Fußwanderung durchs Tal von Luttach nach Steinhaus, 10 km an den Bauernhäusern und den Siedlungen der Talindustrie vorbei (Holz, Keramik, Möbel), da entkommt man der Geschichte gar nicht, aber der Anblick der Gegenwart ist auch wichtig: viel gute Architektur, Solardächer und Bioelektrik, und man sieht es im Detail. Als wir auf die Tauernalm stiegen, konnte man sich auf dem Plattenweg nicht nur die Fluchtroute vorstellen, sondern auch die bis heute funktionierende Herdenwanderung jenseits aller Staatsgrenzen, und auch daraus Themen machen, die die Ausblicke recht eindrücklich machen. Genauso beeindruckt war ich als ich mit zwei Enkelinnen in der Kletterhalle von Bruneck den Künsten an den Kletterwänden zuschaute, nicht nur beeindruckend, was die beiden (11 und 16) schon können, sondern welche gewaltige Ausdehnung und Anlage hier eingerichtet wurde. Nachgebildete Natur, 20 m hoch und mit unendlich vielen Variationen, einschließlich raffinierter Sicherungen für alle Qualifikationen (Stolz ist hier durchaus angebracht und die Gewissheit, dass die beiden in den echten Felsen auch ihre Freude haben (werden)).

Bilder werden erst zusammengefasst und verdichtet. Bei der Abfahrt sieht man noch einmal die Ziele an einem vorbeigleiten, die man nächstes Jahr angehen wird. Nicht die Politik holt einen spätestens im Schnellzug nach Norden ein, sondern die Nachwirkungen dieser Woche befreien den Kopf auch für weitere Politik und Arbeit. So kann man der Familie und der Natur dankbar sein.

Literatur: Kulturmeile Tauferer Ahrntal. Lana Tappeiner 2004 (antiquarisch)

https://www.faz.net/aktuell/reise/ezra-pounds-letzte-jahre-in-der-brunnenburg-in-suedtirol-17614229.html

https://www.sueddeutsche.de/kultur/ezra-pound-ausstellung-meran-1.5681605?reduced=true

https://www.zeit.de/1989/10/so-kam-es-zur-option

Das Gespenst ist wieder da. Durs Grünbein, SZ 27.9., derselbe: Von der Machtübernahme ebda.